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Echtes Kontrastprogramm

Echtes Kontrastprogramm.jpg2Des Südens blaue Wintertage,
so wie am Schnürchen sie sich reihn;
stabil schon lang die Wetterlage,
kein Wind und reichlich Sonnenschein.

Was Pelziges ist nicht vonnöten,
Pullover, Jacke reichen schon,
den Biss der Kälte abzutöten,
die ohne Kraft und Aggression.

Wer will, kann noch am Strande sitzen,
tief in der Wellen Tanz versenkt,
dern feuchte Augen schelmisch blitzen,
wenn neckisch sie ein Strahl umfängt.

Weit draußen ziehn auf ihren Reisen
die Kutter spielzeughaft dahin,
und Möwen stürmisch sie umkreisen,
ein laues Lüftchen unterm Kinn.

Die Sträucher, die am Ufer ragen,
sind nicht erstarrt und kahlgeschorn.
Das schönste Haupt von Grün sie tragen
und sogar Blüten hintern Ohrn.

Da fährt ein Blitz dir in die Träume
vom schnee- und eisfrei’n Paradies –
denn abseits sanfter Ufersäume
ein andrer Wind schon immer blies.

Hoch auf den Gipfeln und den Graten
in dieser Buchten Hinterland
die Götter zum Bankette baten:
ein weißes Tischtuch ausgespannt!

Na, wohl bekomm es euch da oben,
ich neide euch den Braten nicht.
Solln gern da Winterwetter toben –
der Küste fern. Bei bester Sicht!

Am Rentenkai

Am RentenkaiDu liegst an Land. Mit fester Bleibe
auf einer Basis, die besteht.
Nichts, dass es dich vom Ufer treibe,
nichts, was dir an den Zampel geht.

Die Heuer wird dir nachgeschmissen.
Du machst nicht einen Finger krumm.
Du bohrst dich in dein Ruhekissen,
bis fast der halbe Morgen rum.

Nur häuslich sind noch deine Pflichten,
die leicht und locker zu erfülln:
Das Rohr mal auf den Teppich richten,
den Kücheneimer mal entmülln.

Dazwischen reichlich Intervalle
für eine schöne Seemanns-Mug.
„Auch Dr. Dralle wurde alle“?
Nein, Kaffee – doch kein Muckefuck.

Jetzt kannst das Leben du genießen
von Szylla und Charybdis frei,
und träge deine Tage fließen
an Klippe und an Kliff vorbei.

Der alte Fahrensmann in Rente.
Mit unbegrenzter Liegezeit.
Im Schapp nun rosten die Patente,
vermottet das Matrosenkleid.

Sein „Rolling home“ ist längst verklungen,
und friedlich dümpelt er am Kai.
Und lauscht doch, wenn aus vollen Lungen
die Möwe schmettert ihren Schrei.

Nicht weit vom Schuss

Nicht weit vom SchussEin Stückchen weiter an der Küste,
an einen Hügelhang geschmiegt
und ideal für Schaugelüste
eins meiner Ausflugsziele liegt.

Da hockt man auf geräum’gem Platze,
der was von ‘ner Terrasse hat,
und glotzt mit ausdrucksloser Fratze
die Klüsen sich am Busen platt.

Ein Panorama ohnegleichen,
in das sich oft ‘ne Stille mischt,
dass Winde selbst auf Puschen schleichen,
die sonst hier fröhlich durchgewischt.

Vom Kirchturm her die Glocken schlagen
und zeigen, wie die Zeit verrinnt,
doch so sich mit der Ruh vertragen,
dass diese noch an Kraft gewinnt.

Das Einzige, was anders heute
und unversehns ins Auge fiel,
war, neben Kirche und Geläute,
ein weißes Zelt im Partystil.

Warum? Das mag der Himmel wissen –
für Sterbliche ‘ne harte Nuss.
So grübelten wir noch beflissen,
da knallte um uns jäh – ein Schuss!

Um auf den Pelz uns eins zu brennen –
so dachten wir im ersten Schreck.
Ein Wölkchen Rauchs war zu erkennen;
wir aber wollten nichts wie weg!

Doch hat das gar nicht uns gegolten.
Es war nur Jux und Tollerei.
Dem heil’gen Anton, unbescholten,
gab damit man die Feier frei.

Das schert‘ uns aber nicht die Bohne.
Wir flüchteten vor einem Fest,
das man mit einer „Schutzpatrone“
so markerschütternd starten lässt!

 

 

Jesus an der Ladenkasse

Jesus an der LadenkasseDas, was von Jesus wir so wissen,
ist leider dürftig nur genug.
Nur dass aus Stroh sein erstes Kissen
und ihn ein Stall ins Leben trug.

Worin ihn Joseph unterwiesen,
der Nazarener Zimmermann,
ist unbekannt – falls er nicht diesen
Beruf auch seinerseits begann.

Historisch eher ausgeschlossen
ist eine andre Tätigkeit:
Nie hat als Krämer er genossen
‘ne feste Ladenöffnungszeit.

Das Hökern war nicht seine Sache,
nur geistiger Gewinn ihm lieb:
Man weiß ja, wie er die vom Fache
aus dem entweihten Tempel trieb.

Die heutzutag mit seinem Namen
als Säugling ungefragt benannt,
sind, da sie nicht aus Davids Samen,
geschäftsbefugt „zur linken Hand“.

Da stand mir einer an der Kasse
des Supermarktes gestern grad
und scannte meine Warenmasse
in des Computers Pilgerpfad.

Beim Zahlen hatt ich aus Versehen
ihm doppelt hingereicht ‘nen Schein –
dank Jesus war im Handumdrehen
der andre aber wieder mein!

War also denn auch sein Gewerbe
nicht in des Galiläers Sinn –
er doch ein würd’ger Namenserbe,
dem Ehrlichkeit ging vor Gewinn.

Nachbar Heimwerker

Nachbar HeimwerkerIst’s, dass der Umbau nun zu Ende,
ist’s, dass er nicht mehr schuften mag –
die Stille jenseits meiner Wände,
sie trifft mich wie ein Hammerschlag.

Mein Nachbar, dessen Lebenszeichen
sich auf Geräusche reduziern,
er scheint auf Socken jetzt zu schleichen,
um seinen Leumund zu poliern.

Doch die Motive mal beiseite,
dass er vom Hammer sich getrennt –
ich lausche in des Hauses Weite,
ob seine Lust nicht neu entbrennt.

Gebranntes Kind…na, und so weiter.
Ich trau dem Frieden nicht so recht.
Vielleicht holt er schon seine Leiter
und rattert los gleich wie ein Specht.

Er schafft‘ es ja ununterbrochen
(von Feiertagen abgesehn)
bis heute immerhin zehn Wochen,
mir täglich auf den Keks zu gehn.

Wobei ich rätsel auch und rate,
wie’s möglich ist beim Selberbaun,
im Heim von kleinerem Formate
so lange auf den Putz zu haun.

Doch wünsch ich mir von ganzem Herzen,
dass er sein Oeuvre nun vollbracht
und mit des Hammers rüden Terzen
mir keinen Katzenjammer macht.

Solange dieses ich geschrieben,
fiel keine Nadel in die Ruh.
Mucksmäuschenstill ist es geblieben –
ja, unheimlich geradezu.

 

Erst einmal raus

Erst einmal rausMal runter von der Ottomane
und raus aus deinem Winterbau!
Der Himmel schwenkt die blaue Fahne
und bläht sich vor der Sonnenfrau!

Als hätte er schon Lenzgefühle,
bevor die Zeit dafür noch reif,
und würb um seine heiße Kühle,
dass sie nicht jäh die Flucht ergreif.

Den Eifer sollte man doch nutzen
und sich in seiner Glut ergehn,
zu Hause fix die Platte putzen
und ‘ne gepflegte Runde drehn.

Der Möglichkeiten sind ja viele.
Liegt vor der Tür nicht gleich das Meer?
Wie heiter geht beim Wellenspiele
es sich am Strande doch daher!

Dazu muss man im Sand nicht waten,
durch den der Fuß sich knirschend hinkt,
denn auch entlang der Fischerkaten
ein ufernahes Pflaster winkt.

Und trägt dich rüstig deine Sohle
noch weiter an der schönen See,
empfiehlt sich hier die Hafenmole
und da die Dattelpalmallee.

Der Angesprochene indessen,
dem solcherart Empfehlung gilt,
ist aufs Gebirge so versessen,
dass ihm nur dies die Sehnsucht stillt.

Dabei dient ihm zum Wanderstabe
ein Fahrzeug, das mit Motorkraft
in schüttelfreiem Zuckeltrabe
ihn in bescheidne Höhen schafft.

Und statt in Schrunden und in Klüften
zu stolpern über Stock und Stein,
schlägt schnurstracks er zu Küchendüften
den Pfad der Gaumenfreuden ein.

Bewegung und Spazierengehen
warn da nicht wirklich angesagt.
Der Gute schien auf Fisch zu stehen
und hat sich durchs Skelett genagt.

Doch wolln wir nicht zu kleinlich denken;
er tat ja, was man ihm empfahl:
Der Sonne diesen Tag zu schenken.
Saß er nicht draußen vorm Lokal?

Ortsfeiertag

OrtsfeiertagMein Supermarkt hat bald geschlossen,
und mitten an ‘nem Wochentag.
Da fragt der Kunde sich verdrossen,
was dieser Coup bedeuten mag.

(Der Kunde nicht im Allgemeinen –
nur der, der zugeflogen ist
und hier auf dürren Storchenbeinen
die Kröten seiner Rente frisst.)

Und, heureka, hab’s rausgefunden!
Ein Mensch, der lang hier residiert,
hat’s auf die Nase mir gebunden:
Ein Feiertag, lokalisiert.

Ein Novum für den Nordtouristen,
dass festlich man ‘nen Tag begeht,
der in den alten Kirchenlisten
fürn heiligen Sebastian steht.

Doch eben auch nur in dem Flecken,
der ihn zum Schutze sich erkor,
auf dass mit seinem „Stab und Stecken“
den Teufel schlag er übers Ohr.

Ich will nun weiter nicht entschleiern,
ob seine Wunder sich da balln –
man soll die Feste ja so feiern,
wie nach des Volkes Mund sie falln.

Am Dienstag also Fastenspeise
in des Propheten Orte X.
Dispens davon auf Christenweise:
Im nächsten kauf: Da gilt er nix.

 

Stück für Stück

Stück für StückDa hockt ihr wie ‘ne Froschgirlande
gefräßig um den Musenteich
als faule Abonnentenbande
mit Anspruch auf ‘nen Meisterstreich.

Ja, glaubt ihr euch denn gut beraten,
wenn ihr dem Dichter unterstellt,
ein Esel scheiße ihm Dukaten,
dass er’s Papier nur drunterhält?

All seiner Worte Kostbarkeiten
bis hin zum Komma und zum Punkt
muss mit der Feder er erstreiten,
die tief er in sein Herzblut tunkt!

Die aber sperrt sich seinem Drängen
wie alles, was verschnaufen will,
um nach zwei Versen durchzuhängen
wie nach ‘ner Sause mit Promill.

Krieg so was wieder auf die Beine!
Geduld und Spucke, sag ich bloß.
Und hängt der nächste an der Leine,
geht dieses Spiel von vorne los.

Mühsam wie jener rote Racker,
der Nüsslein schleppt ins Eichenhaus:
So streif ich übern Musenacker
und schau nach Geistesfrüchten aus.

Dies aus der Schule mal geplaudert.
Was vielfach da so locker klingt,
ist oft gezittert und gezaudert,
bis lauthals es der Barde singt.

Doch geht’s nicht so mit vielen Sachen,
ja, gar mit unsrer Lebenszeit,
dass ähnlich wie beim Filmemachen
sich Szenisches zum Ganzen reiht?

Drum langsam mit die jungen Pferde!
Ein Fels, den die Natur gebar,
wie lange brauchte wohl die Erde,
bis der perfekt im Kasten war?

Gemischter Sonntagsausflug

Gemischter SonntagsausflugDer Himmel war heut frisch gestrichen
in ganzer Breite seidenmatt –
Ei-Blau, in das sich eingeschlichen
der Dotter nur der Sonne hatt‘.

Da kam ein Freund, mich einzuladen,
ihm beizufahrn im Pkw,
um irgendwo das Haupt zu baden
in dem solaren Strahlensee.

Was gab es groß da zu bedenken?
Ich warf mich in die Sommerkluft,
um ein paar Stunden mir zu schenken
im heißen Hauch von Licht und Luft.

Das Reiseziel? Tut nichts zur Sache.
Terrasse, sonnig, jedenfalls.
‘ne offne Pergola zum Dache
und Meerblick bei gerecktem Hals.

War auch gemütlich für ‘ne Weile –
man saß und nippte am Café,
die Sonne schob sich ohne Eile
zu ihrem rosa Negligé.

Doch plötzlich blähte seine Backen
der Wind noch mal gewaltig auf
und blies mir Kälte in den Nacken
und Gänsehaut die Beine rauf.

Hätt ich beinahe doch vergessen,
dass wir im tiefsten Winter warn
und so am Juli-Wert gemessen
die Glut ganz schön zurückgefahrn.

Nur weg, mein einziger Gedanke!
Der Freund fand darin keinen Charme.
Besülzt‘ mich hitzig von der Flanke –
und quasselte sich richtig warm.

Geschickter Fischzug

Geschickter FischzugSie gehen spät erst auf die Reise,
die ihnen Lohn und Brot verspricht,
und stoßen heimlich, still und leise
vom Liegeplatz bei Dämmerlicht.

Wohin des Weges, Fischersleute? –
Wer kann das sagen auf der See?
Der Nase nach auf fette Beute.
Da fragt man nicht nach Luv und Lee.

Wenn sie uns in die Netze gingen
in Wassern, fern und unbetonnt,
wir schipperten, sie auszubringen,
zur Not auch hintern Horizont.

Und rückten sie uns auf die Pelle
schon deutlich unterhalb der Kimm –
na, besser noch an dieser Stelle,
die Anfahrt wäre halb so schlimm! –

Demnach, ihr Fischersleut, ich wette,
zogt heute ihr das große Los,
denn grad sah eure Lichterkette
drei Möwenschreie weg ich bloß.

Auf einer Linie mit dem Strande
lag diesem Busen sie am Hals
wie eine leuchtende Girlande,
will sagen: hautnah jedenfalls.

Man kann sich weite Wege schenken,
steht die Sardine vor der Tür,
und damit auch die Kosten senken,
die weiter draußen man verführ.

Ach, was für kleinliche Gedanken!
Gleicht eh sich alles aus im Schnitt.
Der Zufall tanzt auf Fischers Planken
und wirbelt ihn im Kreise mit.

Geläufig ist ihm diese Reihe,
in der er sich zum Fang formiert.
Ein Touri nur wie ich, ein Laie
bestaunt das Meer, illuminiert!