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Alte Hasen

Alte HasenMehr ist nicht möglich: Sonnenwetter,
kaum etwas Wolliges im Blau,
und selbst der Wind, der stürm’sche Vetter,
verbeißt sich seine Pusteschau.

Wo es sich da wohl besser säße
im bunten Festsaal der Natur
als wo man rundherum vergäße
des Alltags ausgetretne Spur.

Drum also rauf auf die Terrasse,
dass man nur einfach döst und schaut
auf diese träge Meeresmasse,
die blitzend an den Nägeln kaut.

Ein Kaffee und ein Brunnenwasser
begleiten unsre Stühlekur
nebst ein paar Käseecken. Prasser
sind wir am Panorama nur.

Kulisse: Endlos-Kräuseldecke
über Gekrümel: Seegetier.
Großmutterreinlich wie Bestecke
aus Silber, Omas Küchenzier.

Kulisse: Schön flankiert von Brocken,
durch die sie Zugang sich verschafft,
die kleine Bucht. Am Ufer hocken
zwei Menschenpunkte käferhaft.

Indessen kenn ich schon mit Namen
den kant’gen Kerl im Pflanzenpelz,
der östlich schließt den steilen Rahmen
als Wellenbrecher: „Dicker Fels“.

Unter uns gesagt

Offen gesagtSo frei weg von der Leber sprechen,
nach Lust und Laune so parliern,
für Hinz und Kunz ‘ne Lanze brechen
und unbedacht sein Wort verliern –

Das zwar von vielen aufgelesen,
doch nicht geahndet mit Gewalt,
weil heutzutag mit weichrem Besen
die Büttel unsres Staats bestallt –

Das ist ‘ne wunderbare Gnade,
die Chronos uns gewiss gewährt,
der blinde Gott verschlungner Pfade,
der uns Geduld und Spucke lehrt.

Drum muss ich hinterm Berg nicht halten
mit Meinungen, die offenbar,
nicht lammfromm nur die Hände falten
vorm allgemeinen Denkaltar.

Vorn Kadi wird man mich nicht zerren
für Sprüche, die zu scharf gewürzt,
mich foltern nicht, in Kerker sperren
als einen, der den Himmel stürzt.

Und niemand wird mich Volksfeind nennen,
nach dessen Blut die Menge schreit,
und meine dürren Zeiln verbrennen
zur Fördrung ihrer Lesbarkeit.

Wieso auch? Meine Freiheitsgrade
sind sicherlich so weit gespannt,
weil ich nicht mal ‘ner Fliege schade –
bin harmlos. Mehr noch: unbekannt.

Ausflugssouvenir

AusflugssouvenirDrei Stunden sind wohl so verflossen,
in denen unterwärts bestuhlt
und oben strahlenübergossen
wir in der Muße uns gesuhlt.

Die Palmen boten keinen Schatten,
so spärlich waren sie gesät –
gleich einem Zaun, der mangels Latten
dem Fuchs und Hasen offensteht.

Ein Sodawasser uns ersetzte
die Frische, die uns sonst versagt,
und prickelnd eine Lippe netzte,
die halb von Dürre schon zernagt.

Das Meer lag auf der einen Seite
unendlich bis zum Erdenrand,
wo erst im trüben Dunst der Weite
sein funkelnd Blau ein Ende fand.

Doch auf der andern es die Küste
mit Bucht und Berg in Schranken wies,
so dass ausufernde Gelüste
es gar nicht erst entstehen ließ.

In diesem malerischen Rahmen
von schönster Ansichtskartenart
genossen wir die Panoramen,
die beide nicht an Reiz gespart.

Kein Wunder, dass die Landschaftsfrommen
sich gern erinnern der Natur.
Ich hab mir auch was mitgenommen –
‘nen Sonnenbrand auf der Tonsur.

Zum Monatswechsel

Zum MonatswechselIn den April hineingeraten!
Ich fühl mich wie ein Delinquent,
den man bestraft für Missetaten,
die er nicht mal vom Namen kennt.

Was tat ich jemand denn zuleide,
dass mich die Zeit so furchtbar schlägt
und mich von der Mimosenweide
in den Holunder jäh verlegt?

Hab ich denn etwa drum gebeten,
hab ich gerufen: März, halt ein,
es braucht ‘nen Wechsel der Tapeten,
Gelb raus und dafür Lila rein?

Ein Weilchen hätt ich gern genossen
noch dieser Wipfel grünen Schopf,
betupft mit blonden Sommersprossen
und kugelrund wie’n Bubikopf.

Na, Pustekuchen, Schnee von gestern!
Das Stirb und Werde der Natur.
Schon plustern sich die lila Schwestern
vom Fliederbusch. Wie lange nur?

Am Boden die Akazienblüten,
ihr Pollengold in Dreck und Sand,
nur Müll noch unter Plastiktüten
und Dosen wo am Straßenrand.

April – wie wird’s mit dem uns gehen?
Der liefert, hopp, sein Sortiment
und lässt uns dann im Regen stehen –
na, dann schon besser, wenn er rennt!

Nicht zu übersehen

Nicht zu übersehenDie Weite macht’s, die pure Weite,
dass gern man ihm sein Auge leiht,
weil es in Länge und in Breite
unendlichmal Unendlichkeit.

Und schwappt in namenlosen Wogen,
die so wie Eier gleichgebaut,
als wär sein Buckel überzogen
mit einer flüss’gen Gänsehaut.

Die oft indes auch stärker wallen,
wenn Sturm sie beim Schlafittchen fasst,
sich gar zu Monsterbrechern ballen,
die höher als der höchste Mast.

Und dennoch sich vom Grau nicht lösen,
dem zwillingshaften Einerlei –
ob sie nun toben oder dösen,
behalten sie ihr Konterfei.

Zudem kann man es überschauen,
hat freie Sicht auf ganzer Front.
Kein Grund, um drauf was zu verbauen,
nur Brache bis zum Horizont.

Doch wer wird mehr als Blicke wagen
auf dieses schwankende Parkett?
Nur Möwen ihre Schnäbel schlagen
ins küstennahe Fischbankett.

Und hier vom Hafen um die Ecke
die Dampfer gehen da auf Schicht –
doch immer nur ‘ne kurze Strecke,
das Ufer immer schön in Sicht!

 

Duftmarken

DuftmarkenDie Masse lässt sich variieren,
Wachs ist nicht Wachs nur einfach so,
es duftet, schmilzt und kann gelieren
und brennt natürlich lichterloh.

Es ist für Auge was und Nase
und für die Wärme auf der Haut;
‘ne Feuerblume in der Vase
des Gläschens, dem es anvertraut.

Ich freu mich meiner neuen Kerze,
weil frischen Wind ins Haus sie trägt
und anders als im Mandelmärze
nach Honig nun zu riechen pflegt.

Doch welchen Einfluss auf die Sinne
hat wohl so’n leuchtendes Objekt,
dass Schaffenskraft man draus gewinne
mit schönen Versen als Effekt?

Da ist des Flämmchens Feuerzeichen,
das traulich aus dem Dämmer blinkt,
die rettend helle Hand zu reichen
dem Hirn, das nach Konturen ringt.

Und das, mit diesem Hauch im Bunde,
der lieblich seinen Leib umweht,
in so ‘ner dunklen Abendstunde
gleich doppelt Sicherheit verrät.

Doch was ist mit der Duftvariante –
findet im Vers sie Widerhall?
Riecht nach der Kerze er, die brannte?
Nach Dichterschweiß im besten Fall.

Wetterwarnung

Wetterwarnung‘nem Regentag schreib ich entgegen,
so einem von der seltnen Art,
die sich mit Wind und Niederschlägen
den Geist des Widerspruchs bewahrt.

Doch sollten wir ihn darum schelten,
dass er uns nassforsch überfällt
und unsern blaugeblümten Welten
sein Zerrbild vor die Nase hält?

Das Land erzittert untern Hieben,
die er ihm kübelweis versetzt,
und kann nicht anders als zu lieben,
was seinen dürren Schoß benetzt.

Na ja, die Blumen brauchen Wasser,
der Acker und das Gartenland,
und je verdorrter, desto nasser
bis Unterlippe Oberkant‘.

So mag er sich denn morgen zeigen,
orakelt schön und prophezeit,
den Leuten hier aufs Dach zu steigen
als Wetterhahn, der kampfbereit.

Ich werd zu Hause mich verkriechen,
bis die Bewässerung vorbei,
um in mein E-Book reinzuriechen,
das holz-, ach, und aromafrei.

Soll es aus allen Wolken schießen,
aus Schläuchen gleichsam volles Rohr
sich hier ins Atrium ergießen –
da meine Tür: mein Schleusentor!

Gleich um die Ecke

Gleich um die EckeWenn aus der Hintertür ich schreite
nach links bis zum Laternenpfahl,
liegt drüben auf der andern Seite
ein kleines Haus mit Esslokal.

Die eine Wand stößt an die Straße,
die andre bohrt sich in den Sand,
und alles in bescheidnem Maße –
das Grün, die Kate und der Strand.

Als Speiseraum dient ‘ne Terrasse,
die offen ist und überdacht,
davor aus Sand und Kies ‘ne Masse,
die man zum Parken aufgebracht.

Zum Meer ist alles ausgerichtet
und zwar, genauer, nach Südwest,
so dass man zwischen Büschen sichtet
auch noch der Hügelkette Rest.

Doch was bei freier Sicht gefunden
man mal’risch hätt und grandios,
wirkt hier in späten Sonnenstunden
beschaulich und besinnlich bloß.

Doch was heißt „bloß“? Die Perspektive,
die nur ‘nen kleinen Ausschnitt wählt,
bewahrt ‘ne schlichte und naive
Intimität, die doppelt zählt.

Im Übrigen: Die schöne Lage
ist keineswegs das einz’ge Plus.
Seehecht und Co. leg auf die Waage –
sie neigt sich bis zum Hochgenuss.

Nolens volens

Nolens volensSchon Richtung eins der Zeiger kriecht
und nähert sich der Schlafenszeit.
Nach Mandeln meine Kerze riecht,
nach Frühling und Vergänglichkeit.

Im Haus ist Stille eingekehrt.
Die Nachbarn schlummern sicher schon
mehr oder minder unbeschwert
in ihrer Lieblingsposition.

Von draußen strahlt Laternenlicht
durch die Balkontür mir herein,
ein großes, gelbes Angesicht
und glänzend glatt wie Elfenbein.

Indes, gefältelt und gewellt,
dämpft die Gardine seine Glut,
dass in die Stube mir nur fällt
der Schimmer einer Silberflut.

Noch summt der Heizer unentwegt
sein herzerwärmend Abendlied,
das süß sich auf die Seele legt
und an den Musensaiten zieht.

Auch ist der Saft noch nicht erschöpft,
der diesem Spiel das Feuer leiht,
die eine Kruke, die geköpft,
gefüllt noch zwei, drei Fingerbreit.

„Verweile…“ wär das rechte Wort,
dem Faust so tragisch widerstand.
Doch reißt es blind zum Pfühl mich fort,
die Augen, ach, schon voller Sand!

 

Verborgene Konkurrenz

Verborgene KonkurrenzAus des Weltraums tiefsten Tiefen,
wo sie lang verborgen schliefen,
tauchen mählich sie ans Licht.
Treten aus den Sternenschatten,
die sie stets verdunkelt hatten,
vor des Menschen Angesicht.

Und befreit von diesen Zwängen
zeigen sie in rauen Mengen
ihre ferne Gegenwart –
wie sie um die Sterne kreisen
auf den unsichtbaren Gleisen
ihrer schwerelosen Fahrt.

Dass die andern Sonnen brannten
auch im Auge von Trabanten,
glaubte man seit Langem schon.
Doch der Nachweis von Planeten
ist erst heute mit Geräten
mancher Himmelstürmer Lohn.

Tausende besagter Gruppe
sind aus trüber Sternchensuppe
glücklich schon herausgefischt.
Und Milliarden Exemplare,
wahrlich keine Mangelware,
erst der Angel noch entwischt.

Wenn wir jetzt noch einmal zählen
und nur die Probanden wählen,
wo wohl Leben auch gedieh‘,
sind’s Milliarden, grob gerastert,
in die Milchstraße gepflastert
und in jede Galaxie.

Sollte man verrückt nicht werden?
Unvorstellbar viele Erden
schippern einsam durch den Raum.
Und nur hier um unsre Planken
solln sich Wein und Rosen ranken,
einz’ges Blatt am Weltenbaum? –

Müssten schier im Grund versinken,
uns den Dünkel abzuschminken,
Gott hätt uns sein Bild verehrt!
Ungezählte Schöpfungskronen
weit verstreut im Kosmos wohnen –
mehr vielleicht der Schöpfung wert!