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Erdenfülle

ErdenfülleFast täglich gibt es neue Zeichen
für den ernüchternden Befund:
Die Erde ist nicht ohnegleichen
im grenzenlosen Sternenrund.

Nicht nur, dass massenhaft Trabanten
entfernter Sonnen schon entdeckt
im Rundflug um die Glutgiganten
auf Bahnen, die fest abgesteckt.

Nein, solche auch, die von der Masse
und der Distanz zum großen Licht
gehören in die gleiche Klasse,
wie unserm Globus sie entspricht.

Das sind, gepeilt so übern Daumen
der weitsicht’gen Astronomie,
die Zahl zergeht dir auf dem Gaumen:
Milliarden schon pro Galaxie!

Dies Stäubchen, das in öden Kreisen
nur in gelieh’nem Glanz erglimmt,
es wollte stets sich selbst beweisen,
dass es zu Höherem bestimmt.

Doch die Erkenntnis ist nicht ohne –
im Geiste wird jetzt aufgeräumt.
Der Mensch sei dieser Schöpfung Krone:
Ein Traum, der endlich ausgeträumt.

Und falls auch andere Planeten
so’n Alphatier hervorgebracht,
dann wird’s zu seinem Gotte beten,
der es nach seinem Bild gemacht!

Nachwehen

NachwehenNennt Bauchweh es und –schmerzen, -grimmen,
was immer es für Wörter sei’n,
im Endeffekt sie alle stimmen
im Schmerzempfinden überein.

Als rein lokale Variante
sagt’s einer so und einer so,
die Qual indes ist ‘ne Konstante
und frei von jedem Sprachniveau.

Wer wird sich auch in Namen üben,
sein Leiden schön zu definiern,
wenn rhythmisch sich in kurzen Schüben
die Muskeln krampfhaft kontrahiern?

Und überhaupt wird wenig scheren
den Schmerzensmann die schnöde Welt,
weil seiner Eingeweide Gären
ihn pausenlos in Atem hält.

Ähnlich den Mystikern vorzeiten,
dern Blick tief in ihr Selbst gelenkt,
lässt diesen er ins Innre gleiten
und sich in seinen Bauch versenkt.

Wo allerdings den Gottesfunken
mit Sicherheit er nicht entdeckt,
nur Höllenpein, die siegestrunken
die Eisenfaust zum Magen reckt.

Und trotz des oben grad Gesagten
der Dichter hier an Worten feilt?
Erseht daraus, dass den Geplagten
das Übel neulich schon ereilt.

 

Kleiner Abstrich

Kleiner AbstrichAuch heute fand ich unverändert
den großen Pool gleich hinterm Haus –
mit Schaumbordüren fein berändert
und hübsch gefältelt achteraus.

Der ließ sich auf die Plautze scheinen
das, was die Sonne heiß verhaucht,
die diesen Tag von Kindesbeinen
in Wärme mütterlich getaucht.

Versteht sich, dass die Himmelsfärber
auch heute wieder Blau gemacht,
damit sie nicht als Spielverderber
in einen schlechten Ruf gebracht.

Das gilt genauso von den Winden,
die schnupperten so vor sich hin
wie’n Hund, zum Knabbern was zu finden
mit hechelnd-hoffnungsvollem Sinn.

Und seht die Uferpromenade:
‘ne Schneise durch den Palmenwald.
Die ruhn mit Elefantenwade
fest auf den Untergrund geballt.

Die stete Milde muss frappieren
von Himmel, Sonne, Wellenschlag,
dass dies Gebiet zertifizieren
zu Recht als „Paradies“ man mag.

Ein Schönheitsfehler – der indessen
am „Faktor Mensch“ alleine liegt:
Hat etwas Falsches man gegessen,
auch hier man höllisch Bauchweh kriegt!

Erste Hilfe

Erste HilfeDa hat wer einen bösen Husten,
ich höre dumpf es durch die Wand;
ging gerne rüber, um zu pusten,
ein Tropfenfläschchen in der Hand.

Doch hab ich keinerlei Arzneien
auf Vorrat irgendwo im Schrank,
zumal an äskulap’schen Weihen
ich schmerzlos schon von jeher krank.

Ach, deshalb Sorgen sich zu machen,
wär übertrieben sicherlich.
Die haben ihre eignen Sachen
und vielleicht bessre unterm Strich.

Was hülf es auch, sich einzumischen
in Sphären der intimen Art?
Da will man sich die Nase wischen
so, dass kein Gaffer es gewahrt.

Und dann müsst ich noch kauderwelschen
mit einem fremden Zungenschlag,
was meine Botschaft gar verfälschen,
die Absicht gar verdunkeln mag.

Womöglich wird der Nachbar denken,
mich nerve der orale Laut,
ich hätt, den Zaunpfahl nur zu schwenken,
so kummervoll hereingeschaut.

Dann träte zu dem Sprachprobleme
ein weiteres noch mit Verlass:
Wenn’s auch nicht aus dem Rachen käme –
man hustete mir öfter was!

Über Kreuz

Über KreuzVerzeiht, wenn ich’s so nüchtern sage:
Die Krone trägt es nicht zu Recht,
dies blutversessne, sarkophage,
sich durchvernünftelnde Geschlecht!

Und hätt ein Gott sie ihm verliehen,
hätt unfehlbar er sich geirrt,
weil nie zu Gutem noch gediehen,
was dieser trieb, der Schöpfung Hirt.

Ja, grad in dieses Gottes Namen,
des Milde stets im Mund geführt,
Millionen um ihr Leben kamen,
von heil’gen Häschern aufgespürt.

Die ganze Skala der Torturen
erprobten jene Brüder grad,
die sich als sanfteste Naturen
berühmten, auf der Liebe Pfad.

Mit Folter, Mord und Scheiterhaufen
erwarben sie sich Kirchenruhm,
gewappnet für ihr Amoklaufen
mit Bibel und mit Christentum.

Und was sie zynisch deklarierten
als Sorge für des Opfers Wohl,
war nur die Sorge des versierten
Halunken für sein Monopol.

Die Worte auf den Kopf gestellt.
Verhöhnt die Kranken und die Lahmen.
Aus allen Wolken Jesus fällt,
seit Pfaffen ihn erheben. Amen.

 

Bodensatz

BodensatzDie erste meiner Tätigkeiten,
wenn morgens aus dem Bett ich kroch,
sie heißt zum kleinen Besen schreiten
samt Schäufelchen mit Hängeloch.

Dann feg ich von den Bodenfliesen,
was mir die Nacht hereingekarrt
an Flocken Staubes, dicken, fiesen,
und auch an Mehl der feinsten Art.

Das muss ich mehrfach wiederholen,
indem ich mit den Borsten fork,
zumal ich selbst mit meinen Sohlen
für ständige Verbreitung sorg.

Woher der dröge Nieselregen,
der lautlos Dach und Wand durchdringt
mit unsichtbaren Niederschlägen
und Hausfraun in die Knie zwingt?

Nun, hinter meiner Urlaubsbleibe
dehnt sich der Strand in voller Pracht,
dass ich dem Wind aufs Konto schreibe
den Wirbel, den der Staub hier macht.

Das ist ein Fass halt ohne Boden,
dem ich mich stoisch stellen muss –
so wie in Mythen und in Oden
der vielbeklagte Sisyphus.

Soll mich der Besenzauber lehren,
dies sei nicht mein gelobtes Land?
Nein, immer werd ich wieder kehren
an Sonne und an See und Sand!

Pausenzeichen

PausenzeichenIst’s denn schon Zeit, um Schluss zu machen,
dass man den Stift beiseitelegt
und auch die andern Siebensachen
an Ort und Stelle wieder trägt?

Die Flasche: Noch nicht leergetrunken.
Ein Säulenstumpf noch überm Grund,
in dem sich tummeln Licht und Funken,
als wär’s des Weines Geisterstund.

Die Kerze: Noch nicht ausgeflackert
ihr Flämmchen auf dem weichen Rumpf.
Noch zappelt es und schwitzt und ackert
verbissen gegen Stiel und Stumpf.

Der Bogen: Noch nicht vollgeschrieben
mit allen Versen, die er fasst,
wie’n Esel, der davongetrieben
nur mit der Säcke halber Last.

Das Umfeld also noch vorhanden,
wie es der Poesie gefällt,
um einen Musencoup zu landen,
der alles in den Schatten stellt.

Wo sind die Haken und die Ösen,
dass man die Arbeit unterbricht,
um lieber sich vom Blatt zu lösen,
das doch so vieles noch verspricht?

Den Hauptgrund will ich schnell noch nennen,
dann aber nichts wie weg zur Ruh:
Man sitzt und sinnt, die Stunden rennen –
und plötzlich falln die Augen zu!

 

Bitte recht freundlich

Bitte recht freundlichDer blaue Baldachin da oben
war wieder völlig aufgespannt,
von Wolken wollig nicht durchwoben,
nur von der Sonne eingebrannt.

‘ner Kuppel gleich er überdeckte
das Meer in seinem Mammuttrog,
das sich die feuchten Lippen leckte
und gurgelnd seinen Atem zog.

Doch auch die Berge, deren Kämme
wie Wellen, die zu Stein erstarrt,
erfasste die azurne Schwemme
als des Gekräusels Widerpart.

Nun, um es einfach auszudrücken:
Des Tages schönes Bild verfing,
und um ihm auf den Leib zu rücken,
wohlweislich ich spazieren ging.

Was erst mal zu ‘nem Dämpfer führte,
denn wohl ein Tausend tat’s wie ich,
das auf der Promenade spürte
nach einem süßen Sonnenstich.

Doch immerhin hab ich erfahren,
dass die Kulisse man auch nutzt,
sie im Gedächtnis zu bewahren
auf Fotos, die herausgeputzt.

Ein Püppchen auf der Ufermauer
im weißen Brautkleid Pose stand.
Familie rings. Ein Blitzlichtschauer.
Die Kleine lächelt unverwandt.

Turmbau

TurmbauDa sitz ich wieder weltvergessen
und brüte meine Verse aus,
um sie in Strophen einzupressen
als Ziegel für ein Musenhaus.

Der Bau ist schon sehr weit gediehen
was weiß ich bis zu welchem Stock,
weil täglich in die Arbeit knien
mein Stift sich und mein Skizzenblock.

Und das seit soundso viel Jahren,
seitdem den Grundstein ich gelegt,
um ein Gebäude hochzufahren,
das deutlich meine Handschrift trägt.

Doch ging’s mir nicht um Sensationen,
Rekorde, Monumente gar –
vom Spaß allein ließ ich mir lohnen
den Schaffensdrang, der es gebar.

Solange der noch ungebrochen
sein Herzblut in die Zeilen steckt,
ist nicht das letzte Wort gesprochen,
nicht abgeschlossen das Projekt.

So liegt wohl noch in weiter Ferne
das Richtfest vor dem Zapfenstreich,
geht‘s doch vielleicht bis an die Sterne,
dem alten Turm zu Babel gleich.

Zu welchen Hirngespinsten, irren,
sich da die Eitelkeit versteigt!
Wie leicht die Wörter sich verwirren,
hat jener Bau doch grad gezeigt!

 

Sprachlos

SprachlosWie sehr ich sie darum beneide!
Sie zucken mit der Wimper nicht
und plappern schon im Kindeskleide,
wie alle Welt hier eben spricht.

Dagegen geht mir von der Lippe
mit Mühe nur der fremde Laut,
so dass im besten Fall ich nippe
an des Thesaurus Außenhaut.

Und sollt mir dennoch mal gelingen
ein Satz in schönem Redefluss,
mir Worte prompt entgegenklingen,
bei denen ich schlicht passen muss.

Denn Übung macht auch hier den Meister,
und grade auf dem Sprachgebiet,
wo aus des Buchs Papier und Kleister
nur mäßig man Vokabeln zieht.

Gut lutherisch aufs Maul zu schauen
dem Volk, empfiehlt es sich auch hier,
und aus Gesprächen aufzubauen
sein täglich wachsendes Brevier.

Im Laden, wo ich Haushaltswaren
„quería“ öfter, „gerne hätt“,
hat sich bewährt schon dies Verfahren
vom „Eimer“ bis zum „Bügelbrett“.

Doch heut, als ich in erster Güte
mit ‘ner Kassiererin parliert,
fragt deutsch sie plötzlich: „Eine Tüte?“ –
da sieht man doch: Wer wagt, verliert.