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Frühlingsgäste

FrühlingsgästeDie Sonne schiebt schon Überstunden,
das wurde jetzt ans Licht gebracht –
leckt sie doch ihres Tages Wunden
inzwischen erst so um halb acht.

Und das, obwohl in die Pedale
seit Längrem sie schon stärker tritt
und ihre Mittagsvertikale
mit 20 Grad erglüht im Schnitt.

Was haben da nicht ihre Strahlen
bewässert schon an dürrer Flur,
dass aus den Ästen, toten, kahlen,
schon hier und da ein Blümchen fuhr!

Mit goldnen Bommeln übergossen
jetzt grade die Akazie steht,
ihr ganzer Schopf ins Kraut geschossen,
wie Hirtenhunde er umweht.

Und wo ums Brachfeld da gezogen,
ums blühende, ein Maschenzaun,
kam heut der Sittich angeflogen
und holte Gras, sein Nest zu baun.

Am Abend selbst die Lüfte strichen
so lind noch wie im Sommer fast –
da hat sich bei mir eingeschlichen
ein Mückentier als Frühlingsgast.

Gern hätt ich wieder rausgeschmissen
den ewig plärrnden Störenfried –
doch raubte lange in den Kissen
den Schlaf mir noch sein Wiegenlied.

Historisches Ausflugsziel

Historisches AusflugszielJetzt bin ich da, wo der Wandale
vorzeiten auch sein Glück gesucht
und statt Hotel- und Flugpauschale
nur Kampf und Feuersbrunst gebucht.

Doch solche ungeschlachten Brüder
man schon nach kurzer Zeit vertrieb,
worauf sich allerdings noch rüder
ins Gästebuch der Gote schrieb.

Der schlug hier ein die gier’gen Krallen
und wollte gar nicht wieder weg.
Doch über diesen herzufallen,
kam bald ein Trupp mit Marschgepäck.

‘ne Meute echter Wüstensöhne,
die mutig sich ins Meer gestürzt,
dass ihre schnöde Raublust kröne
ein Boden, der nicht sandgewürzt.

Die wollten lange Zeit nicht weichen
und hielten an der Bleibe fest,
so dass die Spur von ihren Streichen
sich heute noch erkennen lässt.

Dann ballten sich in span’schen Händen
die Lande wieder nah und fern.
Seitdem sah ihren Glanz man spenden
die Sonne keinem fremden Herrn.

Die Erben jener Finsterlinge
sind heute friedlich hier zu Gast:
Touristen ohne Axt und Klinge –
nach all dem Blut ein Wunder fast!

Mummenschanz

Bunte VögelWas Menschen so Geschichte nennen,
das ist ein ew’ges Kappenfest.
Mit Kopfputz und Geklingel rennen
die Brüder, die man herrschen lässt.

Da wird in feierlicher Runde
‘ne Krone wem aufs Haupt gedrückt,
und schon ist er in aller Munde
zum Kreis der Götter aufgerückt.

Da tritt sein väterliches Erbe
ein Knabe an aus Fürstenstand
und fördert gleich das Pelzgewerbe,
das ihn mit Hermelin umwand.

Der Papst, sich Majestät zu geben,
trägt zwar Kothurnen nicht zur Tracht,
doch lässt er überm Scheitel schweben
‘ne Mütze, die ihn größer macht.

An Herz und Geist gerad die Kleinen,
die hochgespült der Zufall blind,
sie wollen mehr nach außen scheinen,
als von Natur sie wirklich sind.

Was könnte da wohl besser passen
als Putz und Flitter aller Art,
mit denen man die dumpfen Massen
auch optisch ausgezeichnet narrt?

Der rote Faden, der die Zeiten
durchzieht in eher dunklem Grau,
das ist der Potentaten Schreiten
in ihrer blut’gen Modenschau.

Spätes Fundstück

Spätes FundstückHeut dacht ich, dass ich mal erkunde
‘ne Gegend, die mir unbekannt,
und drehte also meine Runde
gezielt in Richtung Stadtteilrand.

Den Friedhof wollt ich nämlich suchen,
der jener Reisenden Quartier,
die ihre letzte Kreuzfahrt buchen
im Kirchlein gegenüber hier.

Doch dann die übliche Geschichte,
wenn man ‘ne Örtlichkeit nicht kennt:
Man kriegt ein Schildchen zu Gesichte
und dennoch in die Irre rennt.

Zur Auswahl viele Wege standen,
doch ging ich stets dem falschen nach,
den Hügel hoch, die Kräfte schwanden,
bis mir das Chassis schier zerbrach.

Nicht eine Spur von Gottesacker.
Ich wieder runter und zurück.
Es dämmerte und Sterngeflacker
bezog den Himmel Stück für Stück.

Indes von oben aus betrachtet
dem Auge nichts so leicht entrinnt:
Da lag er, nach dem ich geschmachtet,
fast da gleich, wo der Weg beginnt!

Und dennoch erst erreicht am Ende
‘ner mühevollen Wanderschaft.
Wär ich Poet, wenn ich’s nicht fände
in höchstem Grade sinnbildhaft?

Irdische Größe

Irdische GrößeDas unter einen Hut zu bringen –
ein Ding wohl der Unmöglichkeit:
Die Sphären, die im Raume klingen;
der Mensch, der lautlos sich verschreit.

In einem Räderwerk von Sternen
vollzieht sich unser flücht’ges Sein,
aus dem die Jahre uns entfernen
wie Flecken oder Wasserstein.

Doch da wir Flöhe sind auf Erden
und winzig unser Horizont,
hat alles leicht galaktisch werden
dem eitlen Spatzenhirn gekonnt.

Da kränzten manche sich mit Kronen
der Marke „Gottesgnadentum“
und ließen sich mit Leichen lohnen
den allerhöchsten Schlachtenruhm.

Und andre finstre Majestäten
erlogen gleich von A bis Z,
sie würden Gott höchstselbst vertreten
und wurden damit reich und fett.

Ach, über diese Psychopathen
könnt eigentlich man lachen nur,
wär nicht das Unheil ihrer Taten
und ihres Dünkels blut’ge Spur.

Doch Volksverächter und Schamanen
sind nicht allein von gestern bloß.
Sie ziehn noch immer ihre Bahnen –
geblähte Nullen, gernegroß.

Tröstlich zu wissen

Tröstlich zu wissenWas andres als ein Wolkenschatten,
der Lerche kurzes Tirili,
ein Knacken in den Schuppenlatten
ist diese flücht’ge Poesie?

Der, der sie seinem Hirn entwindet
in angestrengter Grübelei,
zum Lohn noch manche Perle findet
in diesem grauen Brägenbrei.

Doch Leute, die sie deklamieren
und lüstern an den Versen kaun,
sich oft nur deshalb damit zieren,
dass ihren Feinsinn man bestaun.

Die diese Kunst von Herzen wählen,
erliegend ihrem süßen Charme,
sind, mit Verlaub, wohl abzuzählen
alleine am Zwölffingerdarm.

Man mag sie daher brotlos nennen,
obwohl sie selbst nach Brot nicht geht
und bei dem großen Reibachrennen
bescheiden lieber abseits steht.

Der Dichter blickt von höhrer Warte
auf diesen ew’gen Stress und Streit
und sieht, dass auch die dickste Schwarte
verdirbt und fault im Fluss der Zeit.

Die Worte aber, ungelesen
in diesem winz’gen Jetzt und Hier,
sie werden lange nicht verwesen –
so schön gewickelt in Papier.

 

Meeresfrüchte

MeeresfrüchteDes Meeres unbebaute Fläche,
zerfurcht, doch nicht vom Pflug zerteilt,
dass Korn ihm aus den Wellen breche
als Same, der zur Sonne eilt –

Nur eine ungeheure Brache,
in die man keine Hacke schlägt,
weil diese salzgetränkte Lache
niemals des Feldes Früchte trägt.

So sind die üblichen Verfahren,
wie man zum Ackerbau sie wählt,
um Misserfolg sich zu ersparen,
beim Ozean durchaus verfehlt.

Das hatt‘ schon früh man auf der Pfanne
und auch, dass wenn man tiefer bohrt
in diese bodenlose Wanne,
da mancher Leckerbissen schmort.

So wurd die Fischerei erfunden.
Das ist jetzt ein paar Jahre her,
doch immer noch drehn ihre Runden
die Dampfer mit dem Netzgewehr.

Frühmorgens wenn die Hähne krähen,
begeben sie auf Pirsch sich schon.
Die Segel sie im Dämmer blähen
fürn flotten Ritt zur Fischauktion.

O wie’s da in den Kisten wimmelt
von meergeborenem Getier –
tagtäglich wenn zur Vesper bimmelt
das Kirchlein gegenüber hier!

Durststrecke

DurststreckeDie Hoffnung hat sich nun zerschlagen,
dies Wasserbett gefüllt zu sehn,
wo ich an manchen Bummeltagen
mich auf das Holz der Brücke lehn.

Nur da, wo diese dürre Trasse
direkt den Saum des Meers erreicht,
liegt, Fußbad einer Untertasse,
‘ne Pfütze, die den Grund erweicht.

Flussaufwärts schon nur ein paar Schritte,
dem Berge zu, dem es entwich,
rinnt träge in des Troges Mitte
ein Bächlein wie ein Federstrich.

Noch weiter oben: knochentrocken,
nicht mal ein Fingerhut von Nass.
Nur Schotter, Sand und größre Brocken –
und alles grau und bräunlich-blass.

Man wundert sich, wie breit das Ganze.
Es reicht fürn dicksten Wasserstrahl,
wenn von des Gipfels hoher Schanze
er als Lawine stürzt zu Tal!

Doch wer soll ihn ins Rollen bringen,
wenn Regen nicht und Schnee, der taut?
Da braucht es ja vor allen Dingen
‘nen Winter, der gut vorgebaut!

Ich will mich aber nicht beschweren.
Vielleicht, dass mir der Berg beweist
im nächsten Lenz: Er kann gebären
nicht nur ein Mäuschen, wenn er kreißt.

Paarbildung

PaarbildungSich in ‘nen Menschen zu verlieben,
ist keine Kunst, das kann ich auch.
Hat mit Natur zu tun und Trieben
und mit Gefühl der Marke Bauch.

Doch hat da ja gewisse Schranken
die Erstgenannte auch gesetzt,
dass man im Wunschflug der Gedanken
nicht nach der falschen Beute hetzt.

So soll man auf dem Teppich bleiben
und nicht nach frischen Früchten schieln,
mit welken Gliedern zu umleiben
die, die noch nicht in Fäule fieln.

Indes mit ihren Theorien
sie selbst sich oft auch widerspricht –
man kann den Ketten ja entfliehen,
wenn beiderseits man sie zerbricht.

So sieht man manchmal Liebesleute
von sehr verschiednem Reifegrad,
wo keines vor der Kluft sich scheute
und mutig in die Ehe trat.

Ein seltner Fall ganz ohne Frage,
doch auch real und nicht plemplem –
und Strohhalm für die alten Tage
von Olim und Methusalem.

Meist aber Grillen nur, verwegne.
Man tritt sich nur die Füße krumm.
Wenn ich ‘ner Schönen mal begegne,
dreh ich mich auf der Stelle um.

 

Das blaue Band

Das blaue BandEs ist die Zeit jetzt der Mimosen,
die gelb in voller Blüte stehn,
doch solche, die sich beim Liebkosen
nicht gleich verschämt zur Seite drehn.

In dichten Büschen wo auch immer,
am Uferweg, am Straßenrand,
verbreiten sie den goldnen Schimmer
von Sommersprossen übers Land.

Ein schönes Zeichen zu beteuern,
nachdem die Mandel nun verblüht,
dass Richtung Lenz wir wieder steuern,
der sichtlich schon vor Eifer glüht.

Die Sonne läuft auf vollen Touren
und schiebt die Sache mächtig an,
dass er schon bald mit frischen Fuhren
von Sträußen uns erfreuen kann.

Auch aus den ausgedörrten Zweigen
der Sträucher überall beginnt
die junge Brut des Grüns zu steigen,
weil wieder Saft in ihnen rinnt.

Der Korso mit den tausend Wagen
rollt wieder an auf seiner Spur,
um unsre Sinne sanft zu tragen
durchs bunte Schauspiel der Natur.

Das Meer, das ich so oft besungen,
wird dadurch ja nicht abgehakt.
Doch füllt statt Salz der Lenz die Lungen,
na, dann ist Landgang angesagt!