Archiv der Kategorie: Mensch

Hand aufgehalten

Hand aufgehaltenVor jedem Supermarkt sie hocken,
den Klingelbecher vor der Brust,
dir rasch ein Scherflein abzulocken
von deiner Leib- und Magenlust.

Die einen regungslos nur sitzen
in Demut und Bescheidenheit,
da andre Münzen dir stibitzen
mit frommen Sprüchen auf ihr Leid.

Doch immer auf dem gleichen Gleise,
das zahm und ziellos man befährt,
und das auch noch auf eine Weise,
die ergonomisch wenig wert.

Mag Sonne glühen, Regen schauern,
mag Sturmwind brausen, Kälte zehrn –
in ihrer Ecke da sie kauern,
als ob sie fest verwurzelt wärn.

Tagaus, tagein für viele Stunden
am Eingangstor zum Paradies,
wie’s ihren gaumengläub’gen Kunden
die Wirtschaft immer schon verhieß.

Die schreiten meistens durch die Pforte,
zufrieden, dass sie auserwählt,
und schenken weder Blick noch Worte
dem armen Bruder, der nicht zählt.

Die Hand, die halten sie verschlossen,
Verachtung spiegelt ihr Gesicht.
Sie schnallen nicht: Die in den Gossen,
wenn jeder gäbe, gäb es nicht.

Schmucksachen

SchmucksachenMuss man denn gleich von Nippes sprechen?
Mir macht er Freude nun einmal,
auch wenn sich Welln an ihm nicht brechen,
der Leuchtturm da auf dem Regal.

Der Schaft ist weiß mit blauen Streifen,
um den sich eine Leiter schwingt,
um bis zur Kuppel auszugreifen,
wo nächtlich die Laterne blinkt.

Na ja, bei diesem Schlichtmodelle
das Feuer keine Pause kennt.
Ein Kerzenlicht verbreitet Helle
von Kopf bis Fuß – Advent, Advent!

Doch nicht zum Spaße nur, von wegen!
Er steht da nicht von ungefähr.
Es kommt ein Kahn ihm ja entgegen.
Aus Holz. Und auch so blau wie er.

Und diesen will er sicher leiten
bis in den angepeilten Port –
wenn auch für Klippen und Gezeiten
mein Schrank kein ausgemachter Ort.

Ein Stühlchen auch, auf dessen Lehne
‘ne Möwe hockt, die fein geschnitzt,
dient mir als Sinnbild für die Szene,
wenn Fahrensmann zur Ruhe sitzt.

Nennt’s maritime Kultobjekte,
gebt es als Kitsch zu Protokoll –
ich widme gern sie dem Respekte,
den meinem Hafen ich hier zoll.

 

In der stillen Stunde

In der stillen StundeMein Flämmchen flackert um sein Leben
so ungestüm, verzweifelt, wild,
um fort von diesem Schwall zu streben,
der mächtig aus dem Heizer quillt.

Daneben ungerührt die Flasche,
den Glasleib noch von Wein beschwert,
aus der von Zeit zu Zeit ich nasche,
dass sie im Hirn mir weitergärt.

Allmählich ist die letzte Ecke
des Raums mit warmer Luft getränkt,
was meinem dichterischen Zwecke
ein wohliges Ambiente schenkt.

Gesteigert noch von jenem Lichte,
das trübe aus der Küche glimmt
und in dem edlen Leuchtverzichte
nur wenig mir vom Dunkel nimmt.

Auch draußen Stille unterm Himmel.
Kein Laut, der aus dem Rahmen fällt.
Das Kirchlein drüben hat’s Gebimmel
für heute gnädig eingestellt.

Die Brandungswellen hinterm Hause
falln tosend mir nicht mehr ins Ohr
tinnitisch gleichsam, machen Pause
so wie ihr Chef, der Wind, zuvor.

Ja, um das Glück zu komplettieren
an diesem musenträcht’gen Flair,
gehn jetzt sogar auf allen vieren
die Nachbarn mäuschenstill umher.

Wettlauf mit der Zeit

Gegen die ZeitSo wild entschlossen zu genießen,
was schwindend noch das Sein gewährt,
seh ich die Tage rasch verfließen
und wie im Fluge aufgezehrt.

Wie soll man sich dagegenstemmen?
Was hält den Kuckuck in der Uhr?
Klock sieben morgens Austern schlemmen,
verknüpft mit ‘ner Champagner-Tour.

Dann Sonnenbummel wo am Wasser,
dass man die Beine sich vertritt,
damit so gegen zwei der Prasser
für Tafelfreuden wieder fit.

Und wenn die Wampe vollgeschlagen
mit Vor- und Haupt- und Nachgericht,
ist auf ein Nickerchen fürn Magen
das Sofa erste Bürgerpflicht.

Erhebt man frisch sich dann vom Dösen,
flitzt auf die Piste man erneut –
zum Plaudern und Problemelösen
als durst’ger Tresentherapeut.

Die Augen sich da wem verdrehen?
Nun, ist ironisch ja gemeint.
Vom Gaumenspaß mal abgesehen
auch mir das alles fad erscheint.

Doch ehrlich: Wie wir auch gestalten
den Tag aus der und jener Sicht –
die Zeit, sie ist nicht aufzuhalten.
Nur auf Papier, nur im Gedicht.

Mit offnen Augen

Mit offnen AugenMan sieht nicht viel, doch viel indessen,
was wunderlich ins Auge sticht.
Am Ufer abends, weltvergessen,
Spaziergang im Laternenlicht.

Am Himmel glänzt der goldne Bogen
des Mondes aus der Dunkelheit,
den straff ihm um den Bauch gezogen
die Sonne nur zwei Finger breit.

Die Sichel so in Rückenlage,
wie’s mancher alte Meister zeigt,
dass wie ein Schiff sie gleichsam trage
die Jungfrau, die zum Himmel steigt.

Gigantisch drunter das Gebilde
der Wolke, die ‘nem Ufo gleicht
und faustkeilförmig ins Gefilde
der offnen See hinüberreicht.

Die ungezählten Wellen wiegen
wie Jachten sich an finstren Kais.
Nur wo die Muschelpontons liegen,
noch Lichter blinken wechselweis.

Der Wind hat aufgehört zu heulen.
Die Palmen stehen steif und stumm.
Kein Laut, die Stille zu verbeulen,
die tiefer als Silentium.

Natur. Und jederzeit zu sichten
für alle Seelen mit Gespür.
Was gibt’s denn da noch groß zu dichten?
Die Wunder liegen vor der Tür.

Stille Wasser

Stille WasserKaum glaublich, diese Wassermasse,
bis an die Kimm aus einem Guss –
des Meers gewalt’ge Suppentasse
mit Einlage im Überfluss.

Da kann man aus dem Vollen schöpfen
mit Reuse, Netz und Angelschnur
und seinen Pfannen, seinen Töpfen
den Reichtum zeigen der Natur.

Auf dass er in den Magen wandre
und Leben uns und Lust verleih,
der Hering, Hecht und jeder andre
Ertrag der Hochseefischerei.

Man kann auch einfach nur drauf kreuzen,
damit man mal den Hafen tauscht
mitsamt ‘ner Schar von alten Käuzen,
die gern dem Bordorchester lauscht.

Und an den uferlosen Säumen
holt man das Brett, den Schnorchel raus,
spaziert man, bummelt, um zu träumen
noch übern Horizont hinaus.

So weit ins Gute reingerochen –
doch ohne Haken geht es nicht:
Was ist, wenn sie mal überkochen,
die Welln, zu einem Strafgericht?

Von Monsterwogen und dergleichen
scheint mir hier weiter nichts bekannt.
Notfalls müsst ich die Segel streichen –
kaum einen Steinwurf weit vom Strand!

Mensch- und Tierleben

Mensch- und TierlebenZwar bin ich nicht als Dachs geboren,
doch hab ich ‘nen bequemen Bau –
viel Platz vor allem um die Ohren
zum Schlafen und zur Nabelschau.

Doch rieselt nicht von lehm’ger Decke
mir Erde krümelig ins Fell
noch hausen Wanze da und Zecke
in ihrem haarigen Hotel.

An graden und verputzten Wänden
sich keine Feuchte niederschlägt
und sind auch nicht an allen Enden
die Spinnennetze ausgelegt.

Was Grimbart muss an Kälte dulden,
das bleibt mir ebenfalls erspart.
Hab ich beim Kraftwerk keine Schulden,
kommt meine Heizung stets in Fahrt.

Auch muss mich nicht die Furcht beschleichen,
dass mir ein Jäger auf der Spur,
der gerne mir und meinesgleichen
mit Schrot verpasste eine Kur.

Dass ich als Mensch zur Welt gekommen,
schafft manchen Vorteil mir zum Dachs.
So auch, dass immer Lichter glommen,
wenn ich gedichtet, schön aus Wachs.

Doch grad in diesem Licht betrachtet,
ist einzuschränken der Befund:
Nicht jeder hat das Glück gepachtet,
und mancher lebt gar wie ein Hund!

Sperrgebiet

SperrgebietWie ist das möglich? Schwer von Regen,
wie diese schwarzen Wolken sind,
kaum übern Strand hinaus sie fegen,
kaum in des Meers gebeizten Wind!

Als ob da wo in Ufernähe
ein Stoppschild sie im Zaume hielt:
„Hier, Dampf- und Dunstgebilde, stehe!
Bei Nichtbefolgung Schuss, gezielt.“

Und während sie auf Berg und Hügel
bedenkenlos den Hahn entsperrn,
hält etwas sie mit festem Zügel
vom Angriff auf die Küste fern.

Gewiss bringt jetzt so’n Oberschlauer
die Binsenweisheit aufs Tapet,
dass eine solche Wettermauer
aus dem und jenem Grund entsteht.

Na prima. Schert mich nicht die Bohne.
Mir reicht der Spatz schon in der Hand –
zu wissen einfach: Wo ich wohne,
ist’s sonn’ger als im Hinterland.

Es ist ja längst mir aufgefallen,
dass dies Gewölk das Wasser scheut
und ‘s liebt, sich finster aufzuballen,
indes es keine Tropfen streut.

Costa del Sol. Die Sonnenküste.
Und doppelt sinnvoll sie so heißt,
weil sie des Regens kalte Lüste
von Bucht und Busen auch verweist.

Freizeitvergnügen

FreizeitvergnügenHeut muss man keine Brücke bauen,
es sei denn aus Versöhnlichkeit.
Nein, nur auf den Kalender schauen,
der bürgt auch so für freie Zeit.

Es hat sich nämlich so ergeben,
dass Freitag ist und Landesfest
und mancher auf der Arbeit eben
drei Tage sich nicht blicken lässt.

So liegt ein langes Wochenende
verheißungsvoll vor ihm und ihr,
und manche(r) reibt sich schon die Hände
und spitzt sich schon auf ein Pläsier.

Nur schade, dass die Datumsmacher
sich nicht aufs Wetter auch verstehn;
das wird womöglich auch so’n Kracher –
doch erst, wenn Blitze man gesehn!

Der heitre Ausflug ist zu streichen,
der Sonnensitz vor dem Lokal.
Es gilt nach innen auszuweichen,
wo nicht nach Haus zum Mutter-Mahl.

Kann in den eigenen vier Wänden
man sich nicht auch der Muße freun?
Entsprechende Signale senden
die Nachbarn grad, die sich verbläun.

Verbal zumindest. Nichts verschleiern,
von ihrem Zorn dahingerafft,
auf ihre Art die Feste feiern –
mit Bauch, mit Biss, mit Leidenschaft!

Signalstoffe

SignalstoffeSo wie die Kleider Leute machen,
so machen sie Berufe auch –
Schnitt, Tuch und Farbe vieler Sachen
beruhen ja auf zünft’gem Brauch.

Die Ärzte etwa weiß sich kleiden –
wohinter wohl die Absicht steckt,
dass wenn sie in die Beutel schneiden,
sich ihre Weste nicht befleckt.

Verständlich auch, dass die Soldaten
gern grau sich tarnen im Geländ;
das heißt dass man bei Missetaten
als Menschen sie nicht wiederkennt.

Das drohnde Schwarz der Priesterroben
gemahnt an Tod, Vergänglichkeit,
wovon, im Namen Gottes droben,
man alle Schafe hier befreit.

Auch dieser, der Geschäftemacher,
des Zwirns Geheimnis nie vergaß
und stellt zur Schau bei jedem Schacher
die schönste Biederkeit nach Maß.

Wie anders doch die Balletteuse!
Sie braucht ihr luftiges Trikot
fürs Leichte, Liebliche, Graziöse
und dass sie springe wie ein Floh!

Nur die Verkäuferin, die nette,
für die man sich glatt zweimal kämmt,
mit Sicherheit mehr Reiz noch hätte
ohne dies Ladenkettenhemd!