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Schöne Lichtspiele

LichtspieleWas gibt es Größres als die Helle,
wie sie das kleinste Licht gewährt?
In tiefster Finsternis die Quelle,
die Zuversicht und Hoffnung nährt!

Da thronen sie auf ihren Ständern,
die Wachsgebilde, aufgereiht
auf Drei-, und Fünf- und Siebenendern
wie Flammen, einem Gott geweiht.

Da sind die grünen Fichtenarme,
die in die heil’ge Nacht gestreckt,
wie dicht und duftend von dem Schwarme
der Weihnachtskerzen sie bedeckt.

Da glänzt an seinem Ehrentage
der Friedhof, in den Schein getaucht
der feierlichen Totenklage,
die windgeschützte Zungen braucht.

Und auch, im Schoß des Ozeanes,
am ausradierten Horizont,
das Lebenszeichen eines Kahnes,
der mit Laternkraft besonnt.

Vom Sternenhimmel ganz zu schweigen,
der uns mit Ehrfurcht stets erfüllt,
als ob in seinem Feuerreigen
die Gottheit selber sich enthüllt‘.

Erbärmlich, unscheinbar dagegen
auf meinem Pult der Flimmerwicht –
und doch genug, mich anzuregen
zu manchem glühenden Gedicht!

 

Auf Tuchfühlung

Auf  TuschfühlungMit wem wir auch gemeinsam wohnen
auf engstem Raume, Wand an Wand,
zu knüpfen scheint sich nicht zu lohnen
mit ihm ein enges Freundesband.

Den Nachbarn gegenüber grade,
der täglich unsre Scholle teilt,
betrachten wir als flau und fade,
weil da er statt woanders weilt.

Von diesem Phänomen uns Kunde
ja Jesus schon gegeben hat:
dass Weisheit aus Prophetenmunde
nichts gilt in seiner Heimatstadt.

Und so auch hier: Kaum kurz berochen,
schon wieder wird Distanz gewahrt.
Die ist bis heute ungebrochen –
und hat schon ‘nen Viermonatsbart.

Ich hör es schwatzen, schimpfen, scheppern,
wie Wasser läuft, ein Stuhl gerückt,
auch manches Eh’geschirr zerdeppern –
na, wie man halt den Tag so pflückt.

Doch wie ein Hörspiel, ohne Bilder
und ohne Stimmen, die man kennt –
als ob ein Radio mir schilder‘
Geschichten aus dem Orient.

Heut endlich der Kontakt, der späte:
Dem Nachbarn flog etwas davon –
von seinem Wäscheständer wehte
ein Handtuch mir auf den Balkon!

Kein Verlass

Kein VerlassJa, abends, wenn die Kerze flackert
und feurig sich dem Dämmer stellt,
dann ist es wieder abgeackert,
des Arbeitstages stein’ges Feld.

Natürlich hab ich hier im Auge
die Nachbarn, die malochen gehn,
da selbst ich dafür nicht mehr tauge
und schon mit Gnadenbrot versehn.

Gewiss der Ruhe sie schon pflegen,
am Tor des Schlummers angelangt.
Kein Rühren irgendwo und Regen:
Ein Haus, das frische Kräfte tankt.

In diese wiederkehrnde Lücke,
die nächtlich sich dem Lärm entringt,
mit Pinsel und Papier ich rücke,
dass still mein Lied darin erklingt.

Nichts lenkt mich ab von meinen Zeilen.
Wie’n Bächlein murmelt, tickt die Uhr.
Die Glocken hängen in den Seilen
wie Beutel à la Pompadour.

Und niemand weiß, was ich hier treibe,
wenn ich mir um die Ohren schlag
die halben Nächte mit ‘ner Schreibe,
die kaum ein Dutzend Leute mag.

Die Aura des Mysteriums spüre
ich dicht schon um mich rumgewebt:
Da wohnen wir doch Tür an Türe
mit einem, der verborgen lebt.

Und ohne Aufsehn zu erregen,
inkognito wie auf der Flucht,
gejagt vielleicht von Schicksalsschlägen
in diese gottverlassne Bucht…

Da plötzlich in dies schwere Schweigen
von fern ein Sturm von Flüchen weht,
als ob da wer den Marsch würd geigen
‘nem Menschen, der ihm nahesteht.

Das haut mich wirklich aus den Kufen.
Genervt leg ich den Pinsel fort.
Schluss, aus. Doch erst noch widerrufen
der fünften Strophe Eingangswort!

Beste Aussicht

(Los Romanes)

Beste AussichtSo machte es dem Sonntag Ehre:
Ein Wetter, wie’s im Buche steht.
Wer da zu Haus geblieben wäre,
hätt selbst ‘ne Nase sich gedreht!

Und wo kommt man der Sonne näher
und der Natur im Jungfernstand?
Den Specht frag und den Eichelhäher:
im baumgeschmückten Hügelland.

Wir kannten da so eine Stelle,
ein Dorf, das an den Hang gebaut,
von dessen Eingangstür und Schwelle
man auf ‘nen See herunterschaut.

Das Ganze Halt zum Picknickfassen!
Hier ist es, unser Ziellokal!
Man hat uns noch hereingelassen,
wenn auch erst in den Wartesaal.

Da schlemmte man schon sippenweise;
ein bisschen später wir auch mit.
Der Babylärm zog weite Kreise,
doch nahm uns nicht den Appetit.

Befriedigt unsre Fleischeslüste,
ging’s wieder raus mit schwerem Fuß.
Da lag des Stausees grüne Küste
so malerisch wie’n Kartengruß!

Nein, wie ein Plätzchen wo im Himmel
zur ew’gen Seligkeit und Ruh.
Nur vier vorm Haus „geparkte“ Schimmel
kehrten ihm stur die Kruppe zu!

Auch meine Welt

Auch meine WeltEin Wohnzimmer und eins zum Schlafen,
‘ne Durchreichküche und ein Bad –
das ist hier so mein Heimathafen
auf Breite 36 Grad.

So von der Fläche her bescheiden,
ein Liegeplatz der schlichten Art.
Und doch ist ihm nicht anzukreiden,
dass er an Vorteilhaftem spart.

Vor Kälte schützt er und vor Regen,
wie’s ein Palast nicht besser tät,
vor Winden, die ums Dach ihm fegen,
ja, vor der Sonne, wenn sie brät.

Und wenn ich diesen Port verlasse
und streunend mich an Land begeb,
das Maß der Weite ich erfasse,
mit der ich Seit an Seite leb.

Das Meer: Ein grenzenloses Wogen,
das mit dem Himmel sich vereint;
und nur ein Strich herum gezogen,
der ständig zu zerfließen scheint.

Die Sonne leuchtet ihm am Tage
und nachts das helle Firmament,
dass ihm bei jedem Uhrenschlage
ein trautes Licht zu Häupten brennt.

Die Wirklichkeit, die harte, raue,
verliert sich hier im offnen Raum.
Nur wenn ich auf den Bildschirm schaue,
seh manchmal ich noch ihren Saum.

In aller Bescheidenheit

In aller bescheidenheitDas Leben, wär es selbsterkoren,
ich wüsste nun, was ich gewählt:
Als Rentner wär ich gern geboren,
der sich nicht erst mit Arbeit quält.

Und der sich mit bescheidnen Mitteln,
doch kampflos über Wasser hält,
zufrieden, ohne zu bekritteln,
wenn andre Säckel mehr geschwellt.

Kann man sich Wurst und Käse leisten,
dass man nicht Hunger leiden muss –
wie dass dir die Gedanken kreisten
um Pfauenzungen? Überfluss!

Fürn Gläschen Bier und Wein in Ehren
findest du stets ‘nen Obolus?
Warum sich also noch verzehren
nach Jahrgangsschampus? Überfluss!

Du hast ‘ne unscheinbare Bleibe,
gemütlich aber, gut in Schuss?
Wie dass dich die Begierde treibe
zur Luxusvilla? Überfluss!

Du hast etwas, was alle haben,
doch weißt davon nur du allein –
die ganze Welt mit ihren Gaben
vom Gipfel bis zum Kieselstein!

Kann man für Gold sich Sonne kaufen,
den Sang der Amsel auf dem Ast?
Solln andere nach Reichtum laufen –
sie suchen, was du lange hast!

Wie Tag und Nacht

Wie Tag und NachtSo ist das mit den Temp’raturen:
Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Geh ruhig in der Sonne Spuren,
und doch wirst du zu Fall gebracht!

Grad heute ist’s mir zugestoßen
beim Treffen mit ‘nem Freundespaar.
Man saß im Oberhemd, im bloßen,
weil es so richtig mollig war.

Die Jacke an der Rückenlehne
als überflüss‘ges Utensil.
Der Himmel fletschte seine Zähne,
dern strahlend Blau ins Auge fiel.

Wer dächte da an wollne Sachen?
Wahrscheinlich ein Verrückter nur.
Die Sonne sinkt. Wir aber machen
woanders hin noch eine Tour.

Wo wir auch wieder draußen sitzen
und uns die Dunkelheit beschleicht.
Doch plötzlich ist es aus mit Schwitzen,
‘ner Gänsehaut die Hitze weicht.

Des Essens leckre Kalorien
ha’m fröstelnd wir hinweggeputzt,
um möglichst rasch das Mahl zu fliehen,
das nicht einmal wir voll genutzt.

Schnell heim in die beheizte Bleibe!
Ich zittre wie am Kältepol!
Erst jetzt, da ich euch dieses schreibe,
wird mir allmählich wieder wohl.

Echt unwahrscheinlich

Echt unwahrscheinlichAn Freunden, die hier in der Nähe,
gehn wohl auch viele auf ein Lot;
so unverdrossen ich auch spähe,
kaum einer nur, auch ohne Not.

Die paar Gestalten, die ich kenne,
sind ja im Umkreis weit verstreut,
und wenn ich auf ‘ne Sause brenne,
wird sie per Handy eingebläut.

Doch wundersam des Zufalls Wege!
Da stapf ich heut am Strand entlang,
von Sonne trunken schon und träge
und von der Möwen Schlachtgesang

Und seh doch auf der Promenade,
genüsslich in ‘ne Bank gedrückt,
‘nen Urlaubsfreund beim Sonnenbade,
der seelisch offenbar entrückt!

Wie schön, ich hocke mich daneben,
und schon wird frisch drauflos geschwätzt.
Um uns die fleiß’gen Jogger schweben,
Seniorenpaare, ungehetzt.

Da kommt wie’n Teufel aus der Kiste
ein Schatten mir ins Kreuz geweht –
ein Freund aus dieser Urlaubsliste,
der nun leibhaftig vor mir steht!

Wie geht das an mit diesen beiden,
dass ich sie treff zur gleichen Zeit?
Den Fall kann wohl nur Gauß entscheiden:
Mysterium der Wahrscheinlichkeit!

Jederzeit sprungbereit

Jederzeit sprungbereitErst war es heute richtig trübe,
das Fahle, Graue überwog
so wie bei einer Runkelrübe,
die just man aus der Furche zog.

Was meine gute Ausflugslaune
auch mühelos vernichtend traf:
Schlüpf ich zurück in meine Daune,
zurück in ungetrübten Schlaf?

Nun, ich entschloss mich aufzubleiben –
doch nur, damit den Herd ich hüt
und mit diversen Zeitvertreiben
mit diesen Hausarrest vergüt.

Die Stunden sind dahingeschlichen.
Ich hab geblättert im Brevier,
den Kaffeelöffel vollgestrichen
noch öfter als ein Großwesir.

Im Web hab ich was nachgeschlagen,
gesichtet Elektronenpost,
vom Schrank den Staubberg abgetragen,
mich fehlernährt mit Häppchenkost.

Der Nachmittag war fast zu Ende,
die Dämmerung schon sprungbereit,
da kam miteins die große Wende –
das Taggestirn im Abendkleid.

Ich: Schuhe übern Zeh gezogen,
Pullover wo am Knie entlang,
und runter an den Strand geflogen
zum Kurztrip „Sonnenuntergang“!

Partiell kalt

Partiell kaltNun, das Vertrackte an der Sache,
dass man im warmen Süden weilt:
Kriecht erst die Sonne dir vom Dache,
schon Kälte in die Bude eilt.

‘ne Heizung fehlt ja im Ambiente –
denn wer baut so was sich schon ein,
der von der Wiege bis zur Rente
gepolt auf steten Sonnenschein?

Doch ist der Letztere verschwunden,
der hohe Grade sicherstellt,
umarmen frostig dich die Stunden,
in die die lange Nacht zerfällt.

Dann kommt dir ein Gerät zustatten,
um heiße Luft zu ventiliern,
dass deine kalten Kasematten
‘nen Hauch von Wärme inhaliern.

Doch ohne groß sich zu verteilen,
indem vom Quell sie fort sich stiehlt –
in dessen Nähe zu verweilen
es dringend darum sich empfiehlt.

Als praktisch hat sich auch erwiesen,
sich einfach dicker anzuziehn
und seine Füße zu befliesen
mit Puschen à la Mokassin.

Tja, eine von den kleinen Tücken,
die hier der Winter präsentiert:
ein wohlig angewärmter Rücken –
und eine Plautze, die erfriert.