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Weiteres zum Herrentier

Gut. Also, in der letzten Stunde
besprachen wir das Herrentier,
zu dem wir alle in der Runde
ja selber auch gehören hier.

So haben wir herausgestrichen
die Kluft, die abgrundtief uns trennt
von allen Wesen, die verglichen
mit uns die niederen man nennt.

Der Mensch nur braucht in großem Stile
für seine Arbeit manch Gerät
und kommt so leichter zu dem Ziele,
das jeweils ihm vor Augen steht.

Der Mensch nur hat aus dumpfen Lauten
den Weg zur Sprache sich gebahnt
und hat die Wörter, die gestauten,
zu Sätzen kunstgerecht verzahnt.

Der Mensch nur hat Kultur erfunden,
dass nach dem Sammeln und der Jagd
in seinen Bärenhäuterstunden
ihn keine Langeweile plagt.

Wer baute sich aus Sand und Steinen,
verschmähend Blätterwerk und Zelt,
ein Häuschen, das ihm und den Seinen
die Witterung vom Leibe hält?

Und schuf sich dann im nächsten Schritte
den großen Sammelplatz der Stadt,
die unsrem Weg zu Recht und Sitte
beständig vorgeleuchtet hat?

Er hat mit seines Geistes Waffen
(erinnert euch: von Gott gesandt)
die Erde völlig umgeschaffen
zu seinem Bau- und Ackerland.

Das ist auch leidlich gut gegangen,
solange er gering an Zahl
und noch nicht Millionen rangen
um die Ressourcen auf einmal.

Doch konnte es so immer bleiben?
Allmählich kam die Wahrheit raus:
Wenn weiterhin wir Raubbau treiben,
dann ist schon bald der Ofen aus.

Nahm da mit ihrem ganzen Feuer,
eh wieder wüst die Welt und leer,
die göttliche Vernunft das Steuer,
dass sie die Menschen Mores lehr?

I wo, die Profiteure lachten
und scherten sich ‘nen Dreck darum,
fuhrn fort, die Erde auszuschlachten,
zum Ersten, Zweiten, Dritten – zum…!

Und heute ist uns der Schlamassel
so übern Kopf gewachsen schon,
dass kein Politikergequassel
uns wiegt in falscher Illusion.

Zerrupft, verdreckt und ausgeweidet –
das ist die nüchterne Bilanz
für jeden, der vom Globus scheidet
mit seinem letzten Blumenkranz.

Schön, dass man auf die Eichentruhe
noch echte Lilien legen kann –
gewiss weilt man zur ew’gen Ruhe
in Plastikblüten irgendwann.

Das Herrentier

Insekten schwirren, Myriaden,
wo immer auch im Lüftemeer
und fressen doch nach Strich und Faden
nicht gleich den ganzen Globus leer.

Die Vögel, ihre ärgsten Feinde,
sofern nicht grad auf Wurmdiät,
gehören auch zu der Gemeinde,
die keinen Strick der Erde dreht.

Macht Meister Petz sie denn zunichte,
der wesentlich von Robben lebt?
Nein, mangels Bärn-Bevölk‘rungsdichte
und weil er an der Scholle klebt.

Vielleicht die gierige Giraffe,
die unermüdlich auf der Walz,
dass sie die höchsten Triebe raffe
mit ihrem dicken Schwanenhals?

Ein Lächeln kostet’s die Savanne:
Lass rupfen sie nach Herzenslust,
ich werf mich wieder volle Kanne
mit frischen Blüten in die Brust.

Da scheint fast übrig nur zu bleiben
mit seinem Riesenappetit
der Löwe, der’s Gazellentreiben
als sein Geschäft und Hobby sieht.

Doch hat er die grazilen Sprinter
schon größtenteils vertilgt vielleicht?
Ach, meist bleibt er ein Stück dahinter,
weil seine Puste nicht ganz reicht.

Jetzt kann ich auf den Wal nur hoffen:
Ich könnte schwören Stein und Bein,
steht dem am Bug die Klappe offen,
fällt es da tonnenweise rein.

Hat er indes die Fischbestände
so radikal schon reduziert,
dass zwischen seine Magenwände
sich kaum ein Hering noch verliert?

Nein, so ein Kunststück hinzukriegen,
braucht’s mehr als nur ein großes Maul –
Gedanken auch, die höher fliegen
als die von einem Ackergaul.

Da kommt ein Tier nur noch in Frage,
das so viel Wissen schon gewann,
dass bis zum Ende aller Tage
es damit Unheil stiften kann.

Eins, das nach eigenem Bekunden
(voilà die Maus, die Berge kreißt!)
der höchsten Gottheit nachempfunden
sowohl an Körper wie an Geist.

Mit diesem Freibrief in der Tasche,
den es sich selber ausgestellt,
legt nach und nach in Schutt und Asche
es seine angestammte Welt.

Der Mensch, millionenfach besungen
von seinesgleichen als Gigant,
hat alles in die Knie gezwungen
bis an den letzten Erdenrand.

Doch wenn ihm draußen Feinde fehlen,
kein Mangel herrscht im eignen Haus –
sich gegenseitig töten, quälen,
den Bogen hat er wirklich raus.

Mit Blut düngt gern er seine Felder,
weil das besondre Frucht verheißt –
dem einen ungeheure Gelder,
dem andern, dass ins Gras er beißt.

Doch hat er mehr noch auf der Pfanne
als Lust auf Gold und auf Gewalt,
dass kaum mal eine kurze Spanne
die Kriegstrompete nicht erschallt.

Ach, kaum hängt unter den Trophäen
die Streitaxt über dem Kamin,
muss er schon wieder Zwietracht säen,
um gegen die Natur zu ziehn!

Wie’n Flegel, der mit seinem Stecken
die Köpfe von den Stängeln mäht,
so lässt er seine Wut sie schmecken,
die blindlings auf Zerstörung geht.

Doch anders als der rüde Knabe,
der’n Stock sich untern Arm dann klemmt,
pflegt er zur Mehrung seiner Habe
sie auszuplündern bis aufs Hemd.

Bist du ein Tier und zu verwerten
mit irgend’ner Besonderheit?
Man folgt so lange deinen Fährten,
bis dich ein Schuss davon befreit.

Soll es den Pflanzen besser gehen?
Raubbau, wen wundert es, auch hier!
Wo heut noch dichte Wälder stehen,
herrscht morgen Kahlschlag im Revier.

Selbst in der Erde Eingeweide
hat man zu wühlen nicht versäumt,
dass von Karbon und dass von Kreide
die Schätze fast schon ausgeräumt.

An solchen Taten nur gemessen:
So kriegte es sonst keiner hin.
Hätt er nur Menschlichkeit besessen
in diesem eher seltnen Sinn!

Doch alle edleren Gefühle
die Habgier schon im Keim erstickt,
dass nur mit nüchternem Kalküle
auf seinen Vorteil jeder blickt.

Natürlich wird das schrecklich enden,
wie Übermut zu enden pflegt:
Man stirbt von seinen eignen Händen,
der Ast ist fast schon durchgesägt.

Und das Debakel abzuwehren,
kommt rettend kein Theatergott.
Wir müssen lernen, uns zu nähren
von Gülle und von Plastikschrott.

Vogelfreunde

Gibt’s eine Vielfalt, die noch bunter
als die im Menschen angelegt?
Den Regenbogen rauf und runter
nach jedem kleinsten Ton er schlägt.

Das gilt im Guten wie im Bösen,
die Skala ist unendlich breit –
von Missetaten, skandalösen,
bis hin zur höchsten Menschlichkeit.

Dazwischen alle Varianten,
wie man sie sich nur denken kann –
vom liebenswerten Querulanten
bis hin zum schmier’gen Saubermann.

In dieser Flut von Charakteren
sich schließlich nicht auch einer fänd,
der, sein Verständnis zu vermehren,
auf gutem Fuß mit Vögeln ständ?

Ich mein nicht den Ornithologen
in seinem warmen Uni-Nest,
ich mein den Freak, der ausgeflogen
und Schildchen an die Fesseln presst.

Begeistrung: groß, Vergütung: keine.
Indizien für ein gutes Herz.
Man heftet Chips an Vogelbeine
und ortet sie auch anderwärts.

So kennt man ihre tausend Flüge
und weiß, was ihrem Wesen nützt,
und lernt allmählich zur Genüge,
wie man dieselben besser schützt.

Dem Nahrungs- und dem Brutreviere
man liebevoll Intresse schenkt.
Warum? Sind es denn Kuscheltiere,
an denen man zum Schmusen hängt?

‘ne Mantelmöwe dir mal gabel
und streichle sie mit Wohlgefalln,
schon spürst du ihren Adlerschnabel
noch schmerzlicher als Katerkralln.

Drück liebevoll dir an den Busen
‘ne Graugans, von weither gereist,
die kann’s sich einfach nicht verknusen,
dass wie ein Kettenhund sie beißt.

Man muss schon eine Schwäche hegen
für dies Geschöpf im Federkleid,
dass seinen Land- und Wasserwegen
man seine schönsten Stunden weiht.

Und nicht wie Fuzzi mit der Flinte
nur deshalb eifrig nach ihm guckt,
weil seine Lust, die bösgesinnte,
ihm höllisch in den Fingern juckt.

Die Achtung vor dem Wunder Leben,
das sich Millionen Formen wählt,
nur sie mag wem die Kraft wohl geben,
die Tag für Tag ihn neu beseelt.

Altbier

Als Reinheit war noch nicht geboten
mit Wasser, Hefe, Hopfen, Malz,
gab man dem Bier noch Zusatznoten
nicht anders, als der Suppe Salz.

So hat man diese fade Lauge
auf manche Art geschmacksverstärkt,
damit sie auch der Gurgel tauge,
die nur die groben Reize merkt.

Und da ja chemische Substanzen
für diesen Zweck noch nicht parat,
behalf man sich mit tausend Pflanzen –
Natur mit gleichem Wirkungsgrad.

Alraune nutzte man und Winde,
Stechapfel-, Fliegenpilzextrakt,
damit durch kräft‘ge Würze schwinde,
was an der Brühe abgeschmackt.

Auch war um Lolch man nicht verlegen,
gab Kardamom dazu und Zimt
und hat den Gout für derbe Mägen
auch mit Muskat mal abgestimmt.

Doch nicht genug, Linné lässt grüßen:
Was immer wuchs in Feld und Forst,
es konnt den Trank pikant versüßen –
natürlich Gagel auch und Porst.

Die liebste aber dieser Drogen,
die garantiert vom Hocker haut,
das war, akribisch abgewogen,
gewiss das Schwarze Bilsenkraut.

Zwei Fliegen schlug’s mit einer Klappe –
ließ einen rasch beduselt sein
und nahm zugleich auf seine Kappe
des Rauschs abstruse Träumerein.

Es scheint, dass schon bei den Germanen
sich’s eingeträufelt der Poet:
Was erst sein Hirn begann zu ahnen,
beflügelnd mit dem „Skaldenmet“.

Auch unsre Fratres dann, die frommen,
begeist’rungsfähig durch die Bank,
sie konnten nicht genug bekommen
von diesem hausgemachten Trank.

Von „Joseph“ bis zur „Wurzel Jesse“
mehr Inbrunst aus den Kehlen quoll,
und dito warn sie bei der Messe
des Lobes ihres Schöpfers voll.

Te Deum laurel laus laudanum,
so hörte man die Brüder lalln,
aeternis opus oreganum,
zu ihrem eignen Wohlgefalln.

Der Freund von einem edlern Tropfen,
ein Bischof aus betuchtem Haus,
brach eine Lanze für den Hopfen
und gab ‘nen Hirtenbrief heraus.

Da war Matthäi denn am Letzten:
Das Zeug verlor den süßen Trost
und die in Hopfenschlaf Versetzten
das Stimulans zu manchem. Prost!

Am grauen Strand

Da wo die Engel gerne singen
und musiziern nach Herzenslust,
heut einmal keine Geigen hingen
dem Himmel von der blauen Brust.

Es waren eher Kontrabässe
mit ihrem dumpf geächzten Laut,
die ‘nem Gewölk sich voller Nässe
für ihr Lamento anvertraut.

Verhüllt von einem grauen Schleier,
kam heut die Sonne nicht ans Licht –
wahrscheinlich hält der Wasserspeier
da oben nicht mehr lange dicht!

Ein bessres Los hat nur getroffen
das Meer am fernen Horizont;
da war ein Hintertürchen offen,
ein schmaler Streifen noch besonnt.

Und Regen kann es ja nicht schrecken,
der trommelt auf sein Fell nur weich,
ein leichtes Prickeln zu erwecken
und Blasen, die zerplatzen gleich.

Indes der Sturm, der unverfroren
ihm öfter in den Wellen wühlt,
lässt‘s heute einmal ungeschoren
und anderswo sein Mütchen kühlt.

Und seine ungeheure Masse,
die an entrückte Ufer schlägt,
wird wie die Furche der Barkasse
von einem Kräuseln nur bewegt.

November. Doch es drängt die Frage
dem Wetterkundigen sich auf:
Schon einer der halkyon’schen Tage,
der sich verguckt im Jahreslauf?

In dieser unverhofften Flaute
entspannt sich das gestresste Meer
und träumt, wie gern es wieder blaute
dem hohen Himmel hinterher.

Die schöne Stille zu genießen
war auch des Versemachers Zweck –
und selbst die lieben Nachbarn stießen
die Stühle leiser heut vom Fleck.

Wohnungspflege

Wär weiter nichts dran auszusetzen,
fehlt auch noch manches an „famos“,
doch seht euch um an tausend Plätzen –
wo ist ‘ne Bude fehlerlos?

Auch meine von bescheidner Größe
und leidlicher Gemütlichkeit
gibt sich ‘ne kleine, feine Blöße,
die förmlich nach dem Besen schreit.

Den muss ich jeden Tag aufs Neue
und manchmal mehrfach appliziern,
damit gewisse Kreise, scheue,
sich in den Ecken nicht verliern.

Wohin auch immer ich hier schreite,
auf saubrem Boden, wie ich glaub,
die Sohle starrt in ganzer Breite
im Nu von mehlig weißem Staub.

Und kommt der Feger dann zum Zuge,
beharrlich kreuz und quer geschwenkt,
von jeder Fliese, jeder Fuge
ist ihm ‘ne Fussel angehängt.

Kaum hab ich mich mal auf die Schnelle
nur auf dem Absatz umgedreht,
ist prompt schon an die alte Stelle
ein neues Stäubchen hingeweht!

Und auch auf Schränken und Regalen
stellt er sich ungebeten ein,
dass mit dem Finger man könnt malen
gut leserlich bisweilen „Schwein“.

Das Staubtuch als Pendant zum Besen
wischt bis zur letzten Spur ihn weg,
doch morgen, als wär nichts gewesen:
derselbe Schrank, der gleiche Dreck.

Ein Wunder, das nur schwer zu schnallen.
Wo kommt der ganze Segen her?
Er kann doch nicht vom Himmel fallen,
als ob’s das reinste Manna wär!

Und die auf Kohle etwa fußten,
Fabriken, Öfen, Schiffsmotorn,
wie könnten die denn Dreck verpusten –
sie haben hier ja nichts verlorn.

Ist wohl am Strand der Grund zu finden –
der Sand, der in die Ferne strebt,
sobald ein Stoß von Wirbelwinden
ihn heulend in die Höhe hebt,

Um mit dem Salz sich zu vereinen,
das, mit dem Gischt an Land gesprüht,
da auf Asphalt und Pflastersteinen
als unsichtbare Würze blüht,

So dass man diese Spießgesellen,
die auf die Lauer sich gelegt,
in allen Außer-Hauses-Fällen
per Absatz in die Bude trägt?

Vielleicht ‘ne Antwort auf die Frage,
doch keine Lösung fürs Problem.
So sing der Wollmaus alle Tage
ich brummelnd denn mein Requiem.

Um süße Früchte auch zu pflücken,
ich in den sauren Apfel beiß:
Bewegen muss ich mich und bücken –
Gymnastik für den faulen Steiß!

Mehr Sonne

Macht irgendwer sich darum Sorgen,
es möcht der Sonne was geschehn?
Sie kommt ja pünktlich jeden Morgen,
und nie hat man sie säumen sehn.

Sie steigt mit ersten Dämmerzeichen
behutsam übern Erdenrand,
um bald schon rosig zu bestreichen
den Himmel, der ihn überspannt.

Und wandert langsam von der Stelle,
bis sie am Mittag im Zenit,
wo sie in blendend weißer Helle
sich zu ‘nem Punkt zusammenzieht.

Doch mag sie da nicht lange sitzen,
die Hitze lässt ihr keine Ruh,
und leise wie auf Zehenspitzen
läuft weiter sie dem Westen zu.

Da liegt das Ziel der Tagesreise,
das Dunkel unterm Horizont,
das sie auf unsichtbare Weise
mit ihrem gleichen Licht besonnt.

In diesem Rhythmus immer weiter
wie seit Äonen schon vorher:
Der Tag mal wolkig und mal heiter,
doch niemals ohne Wiederkehr.

Ein Kunststück, sich da auszumalen,
dass diese Serie einmal reißt
und auf den innren Sonnenschalen
sie keine Kugel mehr umkreist.

Das aber haben Koryphäen
der Wissenschaft ihr prophezeit,
die tief in ihrem Herzen sehen
die Spuren der Vergangenheit.

Daraus die Zukunft auch erspüren
dank der Prozesse, die man kennt
und die‘s Inferno weiter schüren,
das brodelnd ihr im Busen brennt.

Und ihrer Wallung Hitzegrade,
sie halten damit gleichen Schritt
und teilen schließlich der Fassade,
der Hülle sich der Sonne mit.

Die ging, wer wollte es bestreiten,
nie sparsam um mit ihrem Gut
und lässt sich aus den Fingern gleiten
die aufgeheizte Strahlenflut.

Bist du Planet und auf der Pelle
ihr wie die Mücke ihrem Licht?
Dann fühl, wie aus der Feuerquelle
die Glut dich immer stärker sticht!

Und was da noch an Kreaturen
dir oben auf der Kruste kraucht,
hat auf den kochend heißen Fluren
sein Leben bald schon ausgehaucht.

Zuerst geht’s dem Merkur an’n Kragen.
Das hat der Gute nun davon,
so nah sich an den Kern zu wagen,
viel näher als ein Elektron.

Dann schlägt der Venus schwere Stunde –
so feurig ist der Sonne Kuss,
dass Runde immerzu um Runde
in Qualen sie sich winden muss.

Nun muss die Erde daran glauben,
die Nummer drei im Karussell;
die Grade stets sich höherschrauben,
bis sie ihr abgesengt das Fell.

Die Ströme dürsten und versiegen,
die Meere und die tausend Seen.
Es stirbt das Leben wie die Fliegen
und wird kein Hahn mehr danach krähn.

Der Weltenbrand, den ich entfache
hier auf poetischem Gefild,
hat nichts zu tun mit Panikmache,
wie höhren Orts man gerne schilt.

Er ist so sicher wie das Amen
von jeder Kirchenkanzel her
und auch in dem beschriebnen Rahmen,
als ob’s die Götterdämmrung wär.

Indes muss in Geduld sich üben
ein unerschrockner Defätist,
denn das Desaster kommt in Schüben
erst nach ‘ner größren Galgenfrist.

Noch tausend Millionen Jahre,
sofern der Augur sich nicht irrt,
kriegt sich der Stern nicht in die Haare
mit dem Geschmeiß, das ihn umschwirrt.

Das ist, um sich drauf einzustellen
in seiner ganzen Schwächlichkeit,
für Gottes findigen Gesellen
‘ne sagenhafte Vorlaufzeit.

Da kann er tüfteln und probieren
sein ganzes kurzes Leben lang,
bis schließlich sich die Flops summieren
zu seiner Söhne Forscherdrang.

Die pusseln dann verbissen weiter,
bis mal der große Wurf gelingt,
der einen auf der Himmelsleiter
ein gutes Stück nach oben bringt.

Ob allerdings die Menschenwesen
der Sonne Zorn dereinst entgehn,
darüber könnt ihr hier nichts lesen –
doch in den Sternen wird es stehn.

Geisterschiff

Mit ihren seidig samtnen Schatten
verhüllt die Nacht das Firmament.
Im Schimmer nur des Monds, im matten,
verloren ihr ein Lichtlein brennt.

Er hat es sich als schmalen Streifen
gebogen untern Bauch gehängt,
damit er sich bei seinem Schweifen
im Sternendickicht nicht verfängt.

Das kann ihm heut grad nicht passieren –
Millionen Sonnen machen blau;
sie müssen ihre Achse schmieren
der Drehung wegen, haargenau.

Die Finsternis der Himmelsweiten
hat völlig auch die See erfasst.
Wo plätschernd sich die Wellen breiten,
sieht weder Mole man noch Mast.

Nur eine watteweiche Masse,
die jegliche Kontur verschlingt,
dass wie bei einem Eichenfasse
der Blick nicht bis zum Boden dringt.

Wärn da nicht die Laternenpfähle
als stummer Fackelzug am Strand,
ich glaub, die anhaltlose Seele
hätt sich wer weiß wohin verrannt.

So schwebe ich auf leichten Sohlen
wie’n Kumpel einst zur Feierschicht,
da kommt mich lautlos überholen
ein weißes und ein grünes Licht.

Grad wie ein Steiger in der Grube
mit seinem Lämpchen an der Stirn,
um in der Kohle Kinderstube
sich nicht im Stollen zu verirrn.

Nur dass sie über Tage gleiten,
wo man bei Licht nur Wellen sieht,
doch Flöze jetzt auf beiden Seiten
in einem Meer von Anthrazit.

Ein Trawler nach der Tagesreise
auf Heimatkurs mit seinem Fang?
Dazu fährt er mir doch zu leise
und viel zu dicht am Strand entlang.

Die Ahnung hat mich nicht betrogen –
man lässt den Hafen Hafen sein
und zieht in elegantem Bogen
noch tiefer in die Bucht hinein.

Und immer sieht im Topp man tanzen
die beiden hellen Lichter nur,
von diesem Fahrzeug da im Ganzen,
Rumpf, Heck und Bug, nicht eine Spur.

Ein Sportler, der zur späten Stunde,
wenn ihm kein Wind die Segel bläht,
die pflichtgemäße Trainingsrunde
mit zugeknöpftem Motor dreht?

Ein Gast von ferneren Gestaden,
der einen Liegeplatz gebucht
und in des Dunkels schwarzen Schwaden
verzweifelt nach den Jachten sucht?

Womöglich gar ‘ne Schmugglerbande
mit heißer Ware im Gepäck,
dass kurz sie wo am Ufer lande –
gelöscht, gelöhnt und nix wie weg?

Mag’s ruhig ein Geheimnis bleiben –
das Wissen mindert die Magie.
So können die Gedanken treiben
im bunten Meer der Fantasie.

Affenschande

Hockt so ein Affe auf den Bäumen
den lieben langen Dschungeltag,
um faul denselben zu verträumen,
weil Bodenhaftung er nicht mag?

Und stopft sich ständig ‘ne Banane
in seinen fröhlich breiten Schlund,
als tät er seine rein vegane
und friedliche Gesinnung kund?

Mit der er auch den Volksgenossen
geflissentlich zu Leibe rückt,
indem er ihnen unverdrossen
die Läuse aus der Wolle pflückt?

Wohl kaum! Mit Vorsicht zu genießen
ist diese schwarze Bruderschaft –
‘nen Bock nur würde einer schießen,
der glaubte, sie sei tugendhaft!

Sie mag wohl in die Büsche steigen
für einen fetten Früchteschmaus,
doch auch die schönsten Urwaldfeigen
hängen ihr mal zum Halse raus.

Längst hat sie ihrem Speiseplane
auch Fleisch und Bein hinzugesellt,
was, weil geschmacklich erste Sahne,
auch dem Gewissen gut gefällt.

So jagt denn manches Mal ‘ne Horde
Schimpansen hinter Äffchen her,
dass sie die kleinen Vettern morde
zu unverzüglichem Verzehr.

Dazu sind Waffen nicht vonnöten;
man hetzt die Beute durchs Geäst,
um mit den Fäusten sie zu töten,
sobald die Fliehkraft sie verlässt.

Und die in Todesangst da schreien
packen noch drei, herbeigeeilt
aus dieses Nimrods eignen Reihen,
und reißen, bis sie viergeteilt!

Zufrieden lässt man sich dann nieder,
verschlingt sie roh und blutig warm,
die eben noch gezuckt, die Glieder,
‘nen Schenkel oder Unterarm.

Hat man nur mal den Kopf verloren?
Ein jäher Ausbruch wilder Gier?
Es scheint, dass eher angeboren
der Mordinstinkt dem Herrentier!

Denn seine bösen Ambitionen
gehn oft darüber noch hinaus –
selbst ebenbürt’gen Sportskanonen
liefert er manchen blut’gen Strauß.

Dann schnürt ein Trupp von Aggressoren
im Gänsemarsch durchs Grün und hascht
was er vorn Territoriums-Toren
an Nachbarfeinden überrascht.

Auch dabei hält man sich die Stange
und baut auf seine Überzahl
und trampelt, tritt und beißt so lange,
bis sie erliegen ihrer Qual.

Durch dieses wirksame Verfahren
hat ausgerottet mit der Zeit
man die, die stets hier heimisch waren,
und derart ihr Revier „befreit“.

Um es dem seinen anzuschließen
als Neuland ohne Zins und Pacht,
um noch mehr Früchte zu genießen
und Feinde, die man niedermacht.

Und wärn die prügelnden Primaten
im Schreiben schon genauso fit,
sie würden ihre Heldentaten
in Erz wohl hauen und Granit.

Das schafft erst ein noch größrer Streiter –
der Mensch mit Hammer und Verstand.
Der führt auf höhrem Level weiter
die Bestie, der er nächstverwandt.

Strandersatz

Ein bisschen hat jetzt eingezogen
der Sommer seinen stolzen Schwanz;
die Hundstagshitze ist verflogen
samt Mücken im Moriskentanz.

Gefallen ist das Thermometer,
und sei’s auch nur um zwei, drei Grad –
ein Anfang, aber wenig später
läuft schon der Herbst im Hamsterrad.

Der Strand, wo eben Menschenmassen
sich an der Brandung noch erfrischt,
er liegt jetzt einsam und verlassen
im rauen Atemzug der Gischt.

Verschwunden sind die Badegäste,
die jedes Sandkorn okkupiert –
Sardinen, Leib an Leib gepresste,
in Sonnenölen konserviert.

Nur hier und da noch ragt der Schatten
von Anglern aus dem Ufersaum,
im letzten Dämmerlicht, im matten,
verschwimmend mit dem Meeresraum.

Wo aber sind sie abgeblieben,
die hier gehaust mit Sack und Pack
und ihrem ganzen Schwarm von Lieben
zum Schmausen und zum Schabernack?

Hat sie der Kater überkommen
nach übermäß’ger Fröhlichkeit,
dass Wolle sie zur Hand genommen
und stricken nun am Winterkleid?

I wo! Man muss die Feste feiern,
so wie sie falln – das Motto zählt!
Und notfalls auch an stillen Weihern,
wo es an bunten Vögeln fehlt.

Noch immer steht die Sonne Pate,
doch jetzt mit abgeschwächter Kraft:
Man sitzt bis spät vor seiner Kate
und plaudert mit der Nachbarschaft.

Und schwärmt auch in die Strandlokale,
die eins sich an das andre reihn,
zu einem zünft’gen Abendmahle
in wohlig weichem Lampenschein.

Auch draußen sieht Gestalten schweigend
versammelt man an manchem Tisch,
die Köpfe übern Teller neigend
mit Tapas oder Tintenfisch.

Und wie in Andacht tief versunken
vor ihrem üppigen Gericht,
wird da gegessen und getrunken,
als gäbe es das Jüngste nicht.

Sie haben recht, die guten Leute,
was hätten sie zu fürchten noch?
Gott? Der macht keinem Angst mehr heute.
Dann eher wohl ‘nen schlechten Koch!