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Nach den Ferien

Jetzt ist es wieder still geworden
am Strandrevier hier gleich ums Eck,
kein Ziel mehr ganzer Menschenhorden
mit Sonnenschirm und Grillbesteck.

Im Dämmer sieht man Möwen fliegen,
die lange diesem Ufer fern,
und kleine weiße Bojen wiegen
sich friedlich unterm Abendstern.

Befreit von Tausenden Gestalten
der endlos lange Meeressaum;
nur zwei da noch, die Händchen halten,
der Welt entrückt in Zeit und Raum.

Nein, noch ein Angler etwas weiter,
der stumm an seiner Rute wacht,
ob nicht ein fetter Wellenreiter
sich schmatzend an den Köder macht.

Der Kiosk mit den Süßigkeiten
hat die Markise schon gerefft –
geschlossen für drei Jahreszeiten,
denn ohne Sommer kein Geschäft.

Der Bolzplatz, maschendrahtumgeben,
ist voll von Flutlicht noch erhellt,
doch mag kein Arm sich mehr erheben,
der übers Netz die Bälle prellt.

Wo sind sie hin, die Badehosen,
Bikinis, Tangas und so fort,
die ungezählten Leichtmatrosen
mit nur dem Nötigsten an Bord?

In ihren Hafen eingelaufen,
wo sittsam man den Leib verhüllt –
das Badezeug auf einen Haufen
zur Wäsche in den Korb geknüllt.

Doch eh ans Ende wir gelangen,
sei ihrer nicht zuletzt gedacht –
der ausgelassnen kleinen Rangen,
die diesen Wirbel erst entfacht.

Kaum schlossen sich der Schule Pforten,
da nahmen sie schon bei der Hand
die Eltern, die mit süßen Worten
sie schmeichelten zum Badestrand.

Wie fröhlich haben manche Stunde,
von Pult und Paukern weit entfernt,
sie da Natur- und Menschenkunde
in unbeschwertem Spiel gelernt!

Und wie sie hüpften, wie sie sprangen,
dass es wie ’n steter Wettlauf schien,
um jene Lebenslust zu fangen,
die sie sich aus dem Leibe schrien!

Doch auch die längsten Sommerferien
mit vielen Wochen Sonnenschein,
sie münden selber in Iberien
am Ende in den Alltag ein.

Die Luftmatratzen, Gummiringe,
mit denen man aufs Meer sich traut,
und all die tausend andern Dinge
sind trocken wieder und verstaut.

Und unsre muntren Strandrabauken
in ihre Klassen eingekehrt,
wo den Pythagoras sie pauken,
fürs Leben, wie man sie belehrt.

Doch könnt Geraden man und Kreise
nicht ziehn genauso elegant
gemäß des Archimedes Weise
schlicht mit dem Stöckchen in den Sand?

So würde ja an luft’gen Plätzen
den Kleinen Weisheit eingeflößt –
die lernten, eine Kunst zu schätzen,
bei der man auch auf Muscheln stößt.

Raumaufteilung

Hat als gewohnte Arbeitsstätte
man ein Büro, egal wie groß,
dann auch ‘ne Schar Kollegen, nette,
und einen dicken Aktenstoß.

Doch selbst wenn die Kollegen nerven
und dieser Stoß nimmt überhand,
muss man sich nicht ins Wasser werfen,
es sei denn wo am Urlaubsstrand.

Nein, bitte immer hübsch dran denken,
wie vorteilhaft ein solcher Raum,
wo Arme wir und Beine schwenken
so frei wie einen Ladebaum.

Es ist ja jedem zugemessen
(sonst mit den Arbeitsschützern sprecht!),
und sei es gegen Chefint’ressen,
‘ne Fläche, wie sie artgerecht.

Na, und auch sonst: Man muss mal müssen,
entfernt sich, husch, von seinem Platz
und kommt zurück nach den Ergüssen
und schreibt zu Ende seinen Satz!

Auch zwischendurch mal Kaffee trinken
ist ‘ne Gewohnheit, die nicht stört,
und Börsenkurse drum nicht sinken,
weil Meier auf sein Tässchen schwört.

Ja, sollte dich der Jieper quälen
nach einem Wölkchen Nikotin,
kannst du dich vom Computer stehlen
und Posten vor der Tür beziehn.

Mit einem Wort, ‘ne Menge Pausen
versüßen dir den Arbeitstag,
und pünktlich kannst du heimwärts sausen
und nimmst die Deinen in Beschlag.

Dann ist schon wieder Wochenende;
der Leib, vom Joch der Pflicht befreit,
genießt die eigenen vier Wände
und macht sich auf dem Sofa breit.

Wir wolln den Urlaub nicht verschweigen,
dem freudig wir entgegenschaun
und wo am Schluss wir dazu neigen,
für immer in den Sack zu haun.

Das muss man sich vor Augen halten,
wenn man damit einmal vergleicht
die paar verwegenen Gestalten,
denen ein Bruchteil davon reicht.

Sie brauchen nichts als ‘ne Kabine,
wo alles dicht an dicht gedrängt
und vieles (außer ‘ner Gardine)
platzsparend von der Decke hängt.

Und diese Dinge, die da kleben
wie fette Fliegen an der Wand,
man muss geschickt zu ihnen schweben,
sonst kriegt man sie nicht in die Hand.

Wie wir wohl aus der Wäsche schauten,
hätt unsern Auslauf man halbiert!
Doch so ‘ne Crew von Astronauten
ist nicht auf Luxus abonniert.

Im Wahnsinnstempo sie da jagen
in ihrem Sternensonderbus,
dass wie ein Treck von Kinderwagen
die Formel 1 erscheinen muss.

Und zwar in einer solchen Höhe,
dass unterm Mikroskop man nur
die Wesen, kleiner noch als Flöhe,
entdeckte auf der Erdenflur.

Bringt ihre Kapsel sie auf Zinne?
Ein Blick nach draußen macht sie wett:
„Geräumigkeit“ im wahrsten Sinne,
das ganze All als Himmelbett.

Was wird indessen überwiegen?
Der Augenschein der Nichtigkeit
von Menschen, die sich da bekriegen
in immerwährndem Bruderstreit?

Oder der Wunsch, zurückzukehren
auf diesen scheinbar festen Halt,
den Fuß erneut zu spürn, den schweren,
auf Pflaster, Schotter und Asphalt?

Sie werden beides wohl empfinden,
doch sprechen’s nicht ins Mikrofon,
um nicht mit Galle zu verbinden
die zukunftsweisende Mission.

Ein weitrer Schritt, sich zu befreien
aus diesem großen Narrenschiff,
wo alle durcheinanderschreien
und keiner kriegt es in den Griff?

Mal angenommen, es würd klappen:
Man landet wo mit letztem Sprit –
und nähme doch die Narrenkappen
auf seiner langen Reise mit!

An der Strecke

Grad wie ich so ans Fenster trete,
um nur mal kurz zu kucken halt,
da schießt ‘n Ding wie ‘ne Rakete
westöstlich über den Asphalt.

Und eh ich mich noch fragen konnte,
was war das für ein Flugobjekt,
war’s schon wer weiß auf welchem Monte,
der Astronomen-Träume weckt.

Doch rasch ließ mich der Pulk erkennen,
der nahtlos sich an dieses schloss,
dass Sport im Spiel, ein Fahrradrennen
mit seinem umfangreichen Tross.

Ein Defilee von Mannschaftswagen
im Rücken dieser wilden Hatz,
um den Akteuren nachzutragen
Verpflegung neben Radersatz.

Was für ‘ne bunte Karawane
sich flüchtig da dem Auge bot,
das heißt, bei diesem Affenzahne
meist Werbung, des Athleten Brot!

Doch kaum war sie im Nichts verschwunden,
lag öder da die Straße noch,
und der Verkehr der Mittagsstunden
pfiff kläglich auf dem letzten Loch.

Doch war mein sportliches Int’resse
mit dem Ereignis nicht erschöpft,
so dass ich mir zunächst die Presse
und dann die Glotze vorgeknöpft.

Die vierte, hieß es da, Etappe
der Spanienrundfahrt sei in Gang
und alles andre als von Pappe
die ganze lange Strecke lang.

Der Radler war verdammt, zu strampeln
x Kilometer bis zum Ziel
und ohne Pause an den Ampeln,
damit er aus dem Takt nicht fiel.

Die Landschaft, Feld, Olivenhaine,
flog rechts und links nur so dahin
im steten Auf und Ab der Beine
und hoch die Knie bis fast zum Kinn.

Dann ging’s durch schmale Kleinstadtgassen –
auch die gemeistert, aber wie!
Am Straßenrand die Menschenmassen
begeistert bis zur Euphorie!

Drei Burschen waren ausgerissen
und schon mit großem Abstand vorn.
Das Hauptfeld hinterher verbissen
und warf die Flinte nicht ins Korn.

Doch so ‘nen Vorsprung, so’n soliden,
holt auch ein Coppi nicht mehr ein,
am Ende wurd im Sprint entschieden
der Sieg nur unter diesen drei’n.

Indes sich die Akteure quälten
durchs letzte Stückchen ihrer Tour
und schon die Kilometer zählten:
Granada – zwanzig, fünfzehn nur!

Und plötzlich, wie ein kühler Bronnen
im uferlosen Wüstensand,
als Eingangstor zu allen Wonnen
das Ziel da auf dem Gipfel stand.

Verzweiflungsspurt der tapfren Treter
die letzte Steigung hoch. Vorbei!
Und hundertsechzig Kilometer
fieln von den Beinen ab wie Blei.

Sommerfrische

Da jetzt so aufgeheizt die Tage
vom Sonnenschein, der nicht versiegt,
ich kaum mich aus der Bude wage
nach draußen, wo man’s dicke kriegt.

Nicht dass es drinnen besser wäre,
die Luft genauso stickig steht
mit einer Dichte, einer Schwere,
die wirklich an die Nieren geht.

Doch fächelt hier mir ein Propeller
doch wenigstens ‘ne Brise zu,
den ich noch steigern kann auf „Schneller“,
was (Stromverbrauch!) ich ungern tu.

Will ich indes nicht hungers sterben,
muss hin und wieder ich doch los,
die Lebensmittel zu erwerben
aus Abrahams gefülltem Schoß.

Halb neun hab endlich ich die Traute
und mir den Beutel rausgfischt.
Noch herrscht wie tags die gleiche Flaute,
doch schon mit Kühle untermischt.

Der Supermarkt, ‘ne Straße weiter,
ist schon in kurzer Zeit erreicht,
sogar für so ‘nen müden Schreiter,
der von der Hitze aufgeweicht.

Kaum durch die Glastür warn die Schuhe,
als Frische wohlig mich umfing
und wie in ‘ner Gefrierkosttruhe
ich kühlen Kopfs auf Schnäppchen ging.

Regale voller Köstlichkeiten,
Umgebung bestens temperiert –
hier könnt man seinen Tag bestreiten
und nicht ein Tröpfchen Schweiß verliert.

Hab ich mich also klug verhalten?
Erst abends raus aus meinem Bau?
Zumindest waren zig Gestalten
hier ringsherum genauso schlau!

Was für ein ausgelassnes Treiben
Minuten vor dem Ladenschluss!
Man möcht sich glatt die Augen reiben,
weil irgendwas nicht stimmen muss.

Doch so wie ich geschwitzt, gelitten
am Tag im heißen Sonnenhauch,
so ging’s auch andern hier inmitten
von Obstsalat und Schweinebauch.

Der Einkaufstempel als Oase:
Hier saufen sich Kamele satt,
und je nach Dauer dieser Phase
man Posten auf dem Ticket hat.

Bald aber hieß es wieder scheiden
vom Ort mit Frischegarantie,
um die hier heimisch zu beneiden,
ob Butter, Birnen oder Brie.

Vorbei noch an den vollen Kassen
und mit dem Bon mich ausgeloggt,
der Stickluft mich zu überlassen,
die brütend vor der Schwelle hockt.

Wie gerne würd ich mir ersparen
so‘n Gang in die versengte Flur –
doch diese hochsensiblen Waren
verfallen ja in einer Tour!

Zum Schwärmen

Hundstage. Sonne ohne Ende.
Im tiefsten Schatten gärt es heiß.
Vom Nacken trieft es bis zur Lende.
Visionen von Vanilleeis!

Am Tag ins schwüle Heim verkrochen,
wo träge sich ein Fächer dreht,
geh, ist die Nacht schon angebrochen,
ich in die Brise, die da weht.

Im letzten schmalen Dämmerstreifen,
der auf dem Horizonte ruht,
seh ich, als Umriss nur zu greifen,
Gestalten noch aus Fleisch und Blut.

Die Zelte stehn noch an der Stelle,
wo man sie morgens aufgebaut,
und Lämpchen spenden bleiche Helle,
die zaghaft durch die Plane schaut.

Doch nicht einmal zwei Schritte weiter
flammt wo auf einem Kohlengrill
ein Feuer, rötlicher und breiter
und flackernd, wie der Wind es will.

Die Nacht ist lauschig und verlockend
so mit dem Meere Hand in Hand,
wie sie den Lüften, steif und stockend,
ein bisschen Kühle noch entwand.

Die stummen Schatten, die da kauern,
bezüngelt von der Wellen Kuss,
sie scheinen noch auf mehr zu lauern
als auf der Sonne Ladenschluss.

Kaum dass ich eben dies so dachte,
als, wie ein Strich in grader Spur
und ohne dass ein Donner krachte,
ein Blitzstrahl übern Himmel fuhr.

Nur aufgezuckt und schon verschwunden
im schwarzen Abgrund überm Meer,
so hastig und kurz angebunden,
als ob er nicht bei Sinnen wär.

Woher dies seltne Feuerzeichen?
Zum Grübeln blieb mir keine Zeit,
denn immer mehr und mehr dergleichen
entrissen sich der Dunkelheit.

Und plötzlich war’s ein Funkenregen,
der stur aus einer Richtung blies,
als ob man ihn mit Peitschenschlägen
wie Karrengäule vorwärts stieß.

Da ging Bewegung durch die Reihen,
die bisher stumm am Strand gehockt,
als würden sie sich jäh befreien
von einer Hemmung, die sie blockt.

Die Augen wandten sich nach oben,
womöglich, was weiß ich, verdreht,
vielleicht die Jungfrau dort zu loben,
den „Meeresstern“ im Nachtgebet.

Doch nicht mal mich kann man betuppen,
der wirklich schwer ich von Kapee,
besann mich auf die Himmelsschnuppen,
die uns zum Wünschen schickt ‘ne Fee.

Natürlich bin ich mir im Klaren,
dass so was durch den Kosmos hetzt,
und manchmal gar in hellen Scharen,
so im August auch, also jetzt.

Man spricht vom Schwarm der Perseiden,
den jährlich unser Globus quert
und der verglühend uns hienieden
ein hübsches Feuerwerk beschert.

Das Volk hier an der Wasserkante
ließ sich das Schauspiel nicht entgehn
und alle Strände überrannte,
von wo die Szene gut zu sehn.

Und wirklich war’s großes Theater,
was ihm da kosmisch präsentiert,
als Jupiter, alias Gottvater,
der Blitze Klinge aufpoliert.

Nun ja, wohl doch verwaiste Steine
im Sturzflug durch den leeren Raum,
gehalten mit der Schwerkraft Leine
vom hohen Helios im Zaum.

Da kann ja nur vor Neid erblassen
der brave Bühnenintendant,
der trotz der Schlangen an den Kassen
am Spielzeitende abgebrannt.

Und nur mit staatlichen Dukaten
den Thespiskarren weiterschiebt,
die es Kulturamtsbürokraten
ihm gnädig zu gewährn beliebt.

Wie nobel der Natur Gebärde,
mit der sie einlädt: Kommt herbei,
ihr alle, Völker dieser Erde,
zum Public Viewing, eintrittsfrei!

Hat diese nur die Schau bewogen,
die Lichter, blitzend, Schlag auf Schlag –
oder sind sie hinausgezogen,
weil mehr am Wünschen ihnen lag?

Von Zeit zu Zeit blieb ich wohl stehen,
den Blick zum Himmel, sternenklar;
da konnte ich mich satt nicht sehen –
und völlig wunschlos glücklich war.

Abschied vom Jenseits

Abschied vom Jenseits
Ein Lehrgedicht
(s. Allan Brecht, Abschied vom Jenseits, unter “Buchempfehlungn”)

Ein Mensch, der sich seit vielen Jahren
übers Danach den Kopf zerbricht,
will endlich jetzt mit grauen Haaren
‘ne Antwort finden, die besticht.

Zu gerne möcht den Schatz er heben,
der immer noch im Dunkeln liegt:
Gibt’s so was wie ein nächstes Leben
und wenn, wie wird der Tod besiegt?

Was dazu uns die Schriften lehren,
die auf der Welt man heilig heißt,
konnt ihm die Zuversicht nicht mehren
in seinem tiefer bohrnden Geist.

Und auch die ohne Götterwesen
die letzten Dinge angedacht,
die Weisen hatte er gelesen
und keinen letzten Fund gemacht.

Dort viele himmlische Mirakel,
hier die der Geisteswissenschaft,
in beiden Fällen zum Debakel
der ungetrübten Urteilskraft.

2

Wenn die Erleuchtung nicht verschaffen,
was bleibt dann noch als Möglichkeit?
Natur statt Denker und statt Pfaffen,
Natur, von Fantasien befreit!

Doch um in diesem Wust von Arten
sich rettungslos nicht zu verliern,
muss den gewalt’gen Lebensgarten
man radikal erst reduziern.

Gedanklich nur, ums gleich zu sagen,
nicht, wie man’s aus der Schule kennt,
mit Piff, Paff, Puff und Funkenschlagen
in ‘nem Labor-Experiment.

Nein, einfach nur mal angenommen,
die Welt verging, wär mausetot,
und wären bloß davongekommen
zwei Menschen, zwei, mit knapper Not!

Zerfetzt in Trümmern liegt und Scherben
der einst so stolze Erdenbau –
und diese ihre einz’gen Erben:
im besten Alter, Mann und Frau.

3

Man kann sich denken, dass die beiden,
in dieser Gottverlassenheit
ihr Los erträglicher zu leiden,
sich näherkamen mit der Zeit.

So nahe, dass den Samen säten
sie eines Tages kunstgerecht,
dass die Milliarden Hingemähten
ersetz ein künftiges Geschlecht.

Mit einem Wort, sie wurde schwanger,
und da sonst nirgends Hilfe war,
auf irgendeinem öden Anger
den kleinen Engel sie gebar.

Jetzt einmal messerscharf geschlossen:
Sofern auch ich schon längst verblich
mitsamt den andern Erdgenossen –
dann bin das Neugeborne ich!

Denn jedem Wesen ist verliehen
die eigne Haut, die es umhüllt,
der es im Tod erst kann entfliehen,
wenn seine Lebenszeit erfüllt.

Ist’s aber noch darin gefangen
mit Leber, Magen, Herz und Niern,
hat’s das natürliche Verlangen,
als „Ich“ zu fühln und zu agiern.

Darauf sind alle eingeschworen
bis hin zur letzten Kreatur,
und sei in diese Welt geboren
wie dieses Kind – ‘ne einz’ge nur.

4

Doch auch die Einsicht wir gewinnen:
Man kann nicht ungeboren sein.
Gestorben, wir dem Tod entrinnen
postwendend in ein neues Sein.

Nur wenn das Leben ausgerottet
wo immer auch mit Stumpf und Stiel,
wird auch die Zeugung eingemottet
und Mutter Erde wird steril.

Solang dies noch nicht eingetreten,
ist die Geburt indes ein Muss,
und welche Gene einen kneten
als Rätsel keine harte Nuss.

Wir denken einfach zu dem Paare,
das grad sein Kindlein wiegt zur Ruh,
dass es den Sachverhalt verklare,
uns noch ein weiteres dazu.

Das gleiche Schicksal wie beim ersten,
die gleiche Angst vor Einsamkeit,
und aufgeschwollen bis zum Bersten
die Dame ohne Umstandskleid.

In welchem Säugling aber stecke
ich meiner selber mir bewusst?
Im ersten, der die kurze Strecke
zum Mutterleib herausgemusst!

5

Hier sehen ein Prinzip wir walten,
dem alles Leben unterliegt –
die Reihenfolge der Gestalten,
das heißt, wer wann ein Kind gekriegt.

Das zweite schon, das auch hienieden
als Ich geborn in eigner Haut,
ist von dem ersten so geschieden,
dass es als Du es nur erschaut.

Dabei sind die Naturgesetze
sozial und ethisch völlig blind,
verteilen die verschiednen Plätze
an die, die grad die Ersten sind.

Ein Königtum von Gottes Gnaden?
Dem Volke dies ins Ohr man blies,
wenn man, in Schätzen sich zu baden,
statt Brot es Steine fressen ließ.

Auch hier spielt ihre stumme Rolle
mit großem Gleichmut die Natur –
‘ne Krone drückt sie auf die Tolle
wem nach besagter Regel nur.

Man nehme wieder die zwei Paare,
doch diesmal aus verschiedner Schicht –
das eine, reine Dutzendware,
das mit der Nadel näht und sticht.

Das andre, höchste Adelsklasse
(das erste schmilzt nur so dahin!),
genau das Gegenteil von Masse:
ein König und ‘ne Königin.

Und nun der Wettstreit im Gebären,
der ganz auf meine Kosten geht:
Wer wird an seiner Brust mich nähren –
Modistin oder Majestät?

Wird erst die Schneidrin niederkommen,
dann bin ich eben Kunz und Hinz,
die Felle sind mir weggeschwommen –
der nächste Schreihals ist der Prinz!

6

Und was wir nun herausgefunden,
ist auf die Menschen nicht beschränkt –
das Sein von Mäusen, Katzen, Hunden
genauso gut am Zeitpunkt hängt.

Man muss nur wieder Paare bilden –
die Wirkung bleibt sich immer gleich
egal auf welchen Erdgefilden,
im Tier- sowie im Pflanzenreich.

Und Neues kann zudem nur sprießen
aus dem lebend’gen Erdenflor –
wenn Trockenblumen wir begießen,
wächst auch kein frischer Spross empor.

Es mag wohl manchem Trost bereiten,
dass niemals er als Saurier schlüpft,
doch lausig sind auch unsre Zeiten,
da man als Floh und Kröte hüpft.

7

Geborn, sind stets wir unter Vettern,
wie Darwin sie uns aufgehalst,
und in demselben Stammbaum klettern,
wo alles ständig frisst und balzt.

Doch was verständlich wohl im Kleinen,
wie überträgt man’s auf die Welt?
Milliarden Wesen, will mir scheinen,
man doch nicht auseinanderhält?

Hat die Befruchtung stattgefunden,
ist alles Weitre festgelegt,
dann wird ein Junges mal entbunden,
das ganz nach seinen Eltern schlägt.

Doch bei der Fülle der Gepaarten
an jedem Ort, zu jeder Zeit
ergibt sich aus der Zahl der Arten
nur ‘ne Geburtswahrscheinlichkeit.

Gewiss lässt immerhin sich sagen,
dass oft Jahrhunderte vergehn,
bis wieder wir mit Schlips und Kragen
maskiert auf dieser Bühne stehn.

8

Ein Fazit dieser kurzen Lehre:
Als Ich man durch die Zeiten wallt,
unsterblich wie der Gott der Meere
und auch ein Proteus an Gestalt.

Und wenn uns nach verfallnem Lose
der Abschied immer bitter wurd,
stirbt sich’s doch sanft wie in Narkose
in das Erwachen der Geburt.

Wir wissen niemals, was wir werden,
und brauchen schon im eignen Sinn
Respekt vor allem, was auf Erden
vielleicht ich grade selber bin.

Das funktioniert auch ohne Seele,
die nach der Trennung Ausschau hält;
wenn ich aus diesem Sein mich stehle,
mit Haut und Haar mein Leib zerfällt.

Es führt kein Draht zum nächsten Leben,
sie gibt sich sparsam, die Natur,
lässt kräftig uns nur noch mal heben
den Lethe-Trunk: Vergessen pur.

Dann öffnen wir erneut die Augen
als völlig unbeschriebnes Blatt,
es nach und nach so vollzusaugen,
bis wieder Text und Sinn es hat.

9

So leben ewig wir von innen,
in ständig neue Form gezwängt,
doch was auch immer wir beginnen,
es ist auf deren Frist beschränkt.

Du hast ein Weltreich dir erworben?
Dein Name wird unsterblich sein.
Doch wenn dein Sterbliches gestorben,
was weiß davon noch dein Gebein?

Du hast mit Schätzen dich beladen,
dass niemand mit Bewundrung spart,
doch an des Charon Styx-Gestaden
reicht schon ein As zur Überfahrt.

Jahrzehnte hältst mit straffem Zügel
in Händen du die Macht im Staat,
doch ruhst du erst mal unterm Hügel,
fragt dich kein Wurm nach deinem Rat.

Wenn wir wie Staub erst weggeblasen
den Dünkel unsrer Wichtigkeit,
dann müssten wir zufrieden grasen
im Zäunchen unsrer Lebenszeit.

O Karussell der Existenzen,
bei dem man nur die Plätze tauscht,
um einmal als Monarch zu glänzen,
ein andermal als Linde rauscht!

Das heißt, die Mächtigen von heute,
die großen Räuber vor dem Herrn,
sie zittern morgen schon als Beute
und fluchen ihrem Unglücksstern.

Zwar liegt das Mittel schon auf Lager:
‘ne Welt, für alle lebenswert –
doch wird’s wohl erst zum Kassenschlager,
wenn es des Menschen Säckel mehrt.

So weit. Wer’s fassen kann, der fasse
als Schub es im Gedankenstau –
vielleicht sogar als Rettungsgasse
aus alter Götter Nabelschau!

Aufbruch der Badehosen

Wie blässlich schon der Himmel blaute,
die Sonne schon an Glanz verlor,
als unsereins sich endlich traute
aus seinem dunklen Bau hervor!

Die größte Hitze war verflogen,
ein Lüftchen blies vom Hafen her,
und längst der Bucht gestrecktem Bogen
ging ich ein bisschen noch am Meer.

Um allerdings auch festzustellen,
dass mancher nicht die Sonne flieht
und gar in Tausenden von Fällen
man freudig ihr ins Auge sieht.

Die früh den Strand schon angesteuert
mit Kind und Kegel im Gepäck,
sie hatten ihren Teint erneuert
und zuckelten nun wieder weg.

Sie strömten mir vom Strand entgegen
in aufgelöster Formation,
zu zweit, zu dritt, mit Kindersegen,
doch gleich in ihrem Bronzeton.

Natürlich nicht mit leeren Händen.
Das Klappzeug musste Stück für Stück,
um morgen wieder Spaß zu spenden,
ja in den Rumpelraum zurück.

Die Schlausten sind davongekommen,
weil sie ein Handtuch sich gerafft
und eine Miene angenommen,
als wär’n wer weiß wie sie geschafft.

Dafür sah andre schwer man schleppen
an manchem sperrigen Objekt,
ich will nicht grade sagen: Deppen,
doch wohl als Packesel perfekt.

Hier kam ein Sonnenschirm getragen,
‘ne Tasche da mit Schultergurt,
und dort ein Zelt, in dicken Lagen
zu einem Bündel festgezurrt.

‘ne Legion von Sonnenliegen
gab ihnen allen das Geleit,
die, um den Sand da rauszukriegen,
man schüttelte von Zeit zu Zeit.

Nicht nur die Zahl der Gegenstände,
auch die der Typen war enorm,
die hier im luftigen Gelände
entblößten ihre Leibesform.

Sie hatten ja den Strand verlassen
so wie sie waren, kaum bedeckt,
und eilten in die nahen Gassen,
zu sehen, wo ihr Wagen steckt.

Nicht apollinisch war die Szene,
viel eher nach Bacchanten-Art:
Mänaden, Satyrn und Silene,
vor allem, wenn sie schon bejahrt.

Der Schmerbauch war bei Herren Mode,
die Damen zierte Lendenspeck,
und auch der Rest war recht marode,
barocker Schwulst an jedem Fleck.

Doch umso mehr muss man bewundern,
wie frei man zeigte, was da quillt,
wo doch der schlanke Wuchs von Flundern
als Ideal der Schönheit gilt!

Ein Gutes hat er auch nun wieder,
der korpulente Nackedei:
Man glotzt ihm ständig auf die Glieder –
und denkt nichts Sündiges dabei.

Fest mit Seegang

Die Straße hier vor meiner Hütte,
wo meist der Hund verfroren ist,
war heut, als ob es Menschen schütte,
gerammelt voll nach kurzer Frist.

Der Tag stand grade auf der Kippe,
das Sonnenlicht verlor an Schwung,
und aus der ewig schmalen Lippe
des Horizonts troff Dämmerung.

Gemurmel und gespanntes Harren.
Und dann der Anpfiff, Punkt neun Uhr:
Auf ihrem räderlosen Karren
die Jungfrau aus der Kirche fuhr.

Von Helfern huckepack getragen
in wiegendem, gemessnem Schritt,
hielt sie Balance auf ihrem Schragen
und wiegte sich bedächtig mit.

Und weiße Blumenbüsche wanden
sich rings um ihren Mantelsaum,
drin Halt die heil’gen Füße fanden
wie Venus einst im Meeresschaum.

Durch unsre Menge ging ein Raunen.
Da klang auch schon der erste Ton
von Trommeln, Pauken und Posaunen
im Rhythmus dieser Prozession.

Ein Tamtata nach schlichter Regel,
dumpf, feierlich, bedeutungsvoll,
das langsam deutlich übern Pegel
erträglicher Geräusche schwoll.

Dazu in größren Intervallen,
dass man miteins zusammenzuckt,
so was wie scharfes Büchsenknallen,
wenn’s Jägern in den Fingern juckt.

Doch tamtata bewegt die Truppe,
Schulter an Schulter, Schuh an Schuh,
sich unter der Madonnenpuppe
in Richtung auf den Hafen zu.

Die Karmel-Jungfrau, deren Bleibe
‘ner Kirche dumpfe Dämmerung,
rückt einmal jährlich ja zu Leibe
der Welt auf einen Katzensprung.

Dann kann sie ihre Lungen lüften,
die Augen fülln mit Sonnenlicht
und sich erfreun an Blumendüften,
aus denen Kränze man nicht flicht.

Doch nicht einmal an solchen Tagen
gönnt man ihr etwas Müßiggang;
die überhäuft mit Bitten, Klagen,
soll heute segnen – Meer und Fang.

Das ist die ewig alte Leier:
Wen einmal man für fähig hält,
der wird für jede weitre Feier
als Schirmherr wieder einbestellt.

Inzwischen sind die Kraft-Epheben
am Ufer auch schon angelangt
und auf ein Schiff die Jungfrau heben,
das lustig auf den Wellen schwankt.

Zur kurzen Kreuzfahrt abgestochen,
in Luv begleitet und in Lee
von Booten, die mit aufgebrochen
zu diesem bunten Defilee!

Und fehlt’s an Glocken auf den Kähnen,
die Jungfrau zünftig zu verehrn,
können die dröhnenden Sirenen
doch auch das Jubilate lehrn.

Dann intonieren Fischerkehlen
das eigens ihr geweihte Lied,
dass mit Sardinen und Makrelen
ihr Netz sie möglichst reich versieht.

Ein Brauch, geheiligt von den Zeiten
und fest verankert im Gemüt,
dem auch die Kraft nicht zu bestreiten,
solang die Meeresfauna blüht.

Ich glaub, die festgesetzten Quoten
hat auch die Jungfrau abgenickt –
doch schützt womöglich vorm Despoten
Poseidon, der die Stürme schickt!

Autogene Folgeschäden

Nach vielen abgestandnen Jahren
nun zum Methusalem gereift,
möcht ich das Bild doch auch bewahren
‘ner Jugend, die auf morgen pfeift.

In diese Welt hineingeboren
als unbedingter Optimist,
nimmt man mit sämtlichen Sensoren
sie einfach hin, so wie sie ist.

Die Fähigkeit, Kritik zu üben,
liegt anfangs ja noch völlig brach
und kommt in unverhofften Schüben
‘ne Reihe Jahre erst danach.

Was Leibniz aus dem Hirn sich presste,
das hätt ich eh noch nicht gerafft,
doch dass die Welt die allerbeste,
das war mir niemals zweifelhaft.

Die Reste selbst vom Bombenfeuer,
Ruinen warn ein Paradies,
in denen wie in Burggemäuer
es wunderbar sich spielen ließ.

Noch zeichnete das Kopfsteinpflaster
den Wegen ihre Richtung vor,
bevor der Pkw und Laster
an den Asphalt sein Herz verlor.

Kaum mal ein Wagen dieser Sorte
durch die verwaisten Straßen kroch,
man querte fast an jedem Orte
die Fahrbahn ohne Eile noch.

Die Straße stand dem Fußball Pate,
ein Spielfeld überall zur Hand,
und wenn sich mal ein Dreirad nahte,
ging kurz man an den Rinnstein-Rand.

Doch wie sich alles mählich wandelt
im Schneckentempo, spürbar kaum,
hat auch das Kraftfahrzeug verschandelt
so nach und nach den Lebensraum.

Denn was zunächst nur der Solvente
sich leisten konnt als Steckenpferd,
wurd bald schon, auch dank Omas Rente,
zum Volks- und zum Prestigegefährt.

Und Tausende von Gummireifen,
noch lange vor dem ersten Stau,
sie wollten in die Ferne schweifen
zur Freude für den Straßenbau.

Bald zog ein Netz asphaltner Fäden
sich eng geknüpft durch Wald und Flur
mit all den ungezählten Schäden
für unsre Landschaft und Natur.

Romantik untern Fuß getreten,
das Blechle wurd zum Kind der Zeit,
und falls wir noch zu Göttern beten,
dann höchstens um Geschwindigkeit.

Doch nicht nur auf dem platten Lande
bewies die Kiste ihre Kraft –
in jedem Dorf am Straßenrande
hat sie Vertrautes abgeschafft.

Wo sich mit grobem Pflastersteine
der Weg einst um die Ecke wand,
streckt grade sich wie eine Leine
der Fahrbahn künstlich glattes Band.

Und rechts und links die hübschen Katen,
die man seit je als Einheit kennt,
sie sind wie zwei verschiedne Staaten
durch eine Grenze nun getrennt.

Der Krämerladen ist verschwunden.
Das Auto braucht den Supermarkt,
wo man, besondrer Dienst am Kunden,
großräumig vor dem Eingang parkt.

Genauso braucht es eine Stelle,
an der es seinen Kraftstoff tankt,
weshalb an vieler Dörfer Schwelle
jetzt „Shell“, „BP“ und „Esso“ prangt.

Um kundennah es zu vertreiben,
hat sich ein Händler etabliert,
der hinter Mammutfensterscheiben
die schicksten Marken präsentiert.

Das heißt, die alte Dorfidylle
verschlungen wurd mit Mann und Maus,
ersetzt durch pure Leibesfülle
von Supermarkt und Autohaus.

All diese Dörfer, Weiler, Flecken,
einst schön und unverwechselbar,
sie gleichen sich an allen Ecken
inzwischen beinah bis aufs Haar.

Lohnt sich’s denn, hier mal anzuhalten?
Die Herrlichkeit ist längst dahin,
und denen, die auf Bleifuß schalten,
fehlt sowieso dafür der Sinn.

Die Typen, die im Wagen hocken,
sind baulich eher tolerant.
Die einz’ge Art, sie anzulocken:
‘ne Tanke und ‘n Würstchenstand.

Soweit indes zur Blechlawine.
Der Ausdruck ist durchaus korrekt,
wenn man mit säuerlicher Miene
inmitten ‘ner Verstopfung steckt.

Doch besser wär es, zu verwenden
ihn mehr im Sinne der Gewalt,
die aus der Berge losen Lenden
sich talwärts zum Verderben ballt.

Wie die in ihrem Sturz, im steilen,
‘ne Schneise der Verwüstung schlägt,
so hat in weiten Landesteilen
Asphalt die Flora weggefegt.

Muss man sich das gefallen lassen?
Der Motorsäge freie Bahn? –
Der Mensch versteht sich anzupassen,
danach kräht heute mehr kein Hahn.

Und doch lässt mich dies Bild nicht ruhen
von Straßen, die erstaunlich leer,
da noch in seinen Kinderschuhen
der heute riesige Verkehr.

Wird man sich einmal fortbewegen,
die Füße weit entfernt vom Grund,
dem Vogel gleich mit Flügelschlägen
zig Meter überm Erdenrund?

So dass der Globus untern Hachsen
mit Abstand wieder artgerecht,
die Chance hat, zu überwachsen
der Pisten giftiges Geflecht?

Zu hoffen bleibt es und zu bangen,
dass sich die Flurn regeneriern –
und uns die alten Autoschlangen
zu Himmelsdrachen nicht mutiern.

Auf Sonnenkurs

Wie ich wohl öfter schon erwähnte,
kein Hahn mich aus den Federn kräht;
mein Ruhstand sich inzwischen dehnte
auf … Kinder, wie die Zeit vergeht!

Wie wehrt man diesem steten Fließen?
Verändrung, Wechsel, dacht ich halt.
Und: Ist der Sommer zu genießen,
doch nicht der Winter, nass und kalt.

So habe ich mich denn entschlossen,
zu überlisten Vater Frost,
‘ne Abschiedsträne noch vergossen –
und auf nach Süden, ab die Post!

Drei Stunden Fluges abgesessen
und raus in eine andre Welt.
Zwar wird auch hier in Grad gemessen,
doch selten nur die Säule fällt.

Fast hätt gejauchzt ich vor Vergnügen,
die Sonne schien noch pur und prall,
doch wie’s halt ist bei solchen Flügen,
man ist als Mensch kein Einzelfall.

Die Rentner schweben zu Millionen
hier mit dem Billigflieger ein,
in ihrem Wabenturm zu wohnen,
Balkon in Richtung Sonnenschein.

(Ich lass die kleine Schar beiseite,
die Finca-Freuden hier genießt
mit Meerblick oder sonst’ger Weite,
die von den Hügeln sich erschließt.)

Da kriegt‘ ich gleich den ersten Dämpfer
für mein naives Wagestück –
ich bin wohl gar kein Einzelkämpfer,
wenn ich den Tag hier unten pflück.

Und sah auch bald an Strand und Hafen
Betagte viel und nordisch blass,
die Herbst und Winter hier verschlafen
bei Rotwein, Bier und Klaberjass.

Doch wenn im Frühling dann ihr Feuer
die Sonne immer stärker schürt,
ist manchem schon nicht mehr geheuer
die Glut, die ihn hierhergeführt.

Allmählich lichten sich die Reihen,
die Rentnerquote siecht dahin,
und Ende Juni sieht von dreien
nur einer noch im Bleiben Sinn.

Die Flieger füllen sich nun wieder
mit Passagiern bis an den Rand
und kommen erst in Ländern nieder,
wo dieser Vögel Wiege stand.

So mag es die Vernunft gebieten
im Schulterschluss mit dem Verstand,
doch ich, Novize dieser Riten,
wies sie entschieden von der Hand.

Ich lass mich nicht ins Bockshorn jagen
von einer Hitze Schreckensbild,
die so sehr aus der Art geschlagen,
dass sie womöglich Keime killt.

Der Winter ist ‘ne harte Schule,
die man im Norden wuppen muss,
und dieses Völkchen nahe Thule
auch sonst nicht grad aus Zuckerguss.

Drum werde ich die Stellung halten,
was immer auch ins Haus mir steht –
soll sich der Sommer doch entfalten,
bis Tauben er im Fluge brät!

‘nen Vorgeschmack konnt ich schon kriegen,
so einen Tag mit Wüstenhauch:
Den ließ ich links noch locker liegen –
doch etwas mulmig war mir auch.