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Stilles Leuchten

stilles-leuchten-botticelliNicht mondhell, aber strahlend schön
steht er am Firmament,
wo in die nächtlich schwarzen Höhn
er seine Flamme brennt.

Ein Stern, erhaben in der Ruh,
mit der er dort verharrt
und unermüdlich immerzu
ins ferne Dunkel starrt.

Und starrt so still und unverwandt
und so lebendig auch,
dass ich mein Auge wie gebannt
in seins nur immer tauch.

Sein Licht verströmt mit solcher Kraft
er in den Raum hinein,
dass einen Hof er um sich schafft,
als wär’s vom Mondenschein.

Doch weiter, wo das All beginnt
und jener Strahl versiegt,
an Tiefe noch die Nacht gewinnt,
die lautlos um ihn liegt.

So funkelt wohl nur ein Juwel
auf sammetschwarzem Flor,
wenn blitzend aus kristallner Seel
sein Feuer loht hervor.

Und wird sogar das schiere Nichts
fast heimelig erhellt
vom Leuchten dieses schönen Lichts,
das Venus hingestellt.

Urbane Reize

urbane-reize-van-goghHier ward der Mond zum Gegenstand,
der keinen Reiz mehr hat.
Von Schönheit voll bis an den Rand
ist selber ja die Stadt.

Wie farbig ist der Straßenraum
mit Bildern ausgeschmückt,
dass jedes Haus und jeder Baum
von Werbung fast erdrückt!

Die Bauten selbst, Paläste schier
aus Stahl und aus Zement,
begeistern sogar den Polier,
der schon Manhattan kennt.

Und dieser Plätze Mobiliar!
Geklump aus Schrott und Stein!
Doch eingestuft als „wunderbar“
vom hies’gen Kunstverein.

Auch in den Buden ist was los,
da geht die Luzie ab!
Da lacht sich selbst ein Trauerkloß
die Tränensäcke schlapp.

Hier Jahrmarkt, nur hereinspaziert!
Da Kino-Flimmerwelt:
Ein jeder findet und goutiert,
was immer ihm gefällt.

Und überall dies Tütata
von cremig gelbem Licht,
das dröhnend auf der Retina
von groben Lüsten spricht!

Dies zieht die Blicke magisch an,
erfüllt die Seele ganz,
dass keiner sich entziehen kann
dem städt’schen Totentanz.

Man jagt nach Flitter und nach Tand,
nach seichter Gegenwart,
und wähnt sich dabei weltgewandt
nach bester Spießerart.

„Für uns zwei Bierchen, bitte sehr!
Und Premium-Qualität!“
So gibt selbst ein Gesöff Gewähr,
dass man im Leben steht.

Vor so viel blindem Unverstand,
da wird mir richtig flau:
Man steckt die Rübe in den Sand
und hält sich noch für schlau.

Indes am Himmel immerdar
nimmt’s Drama seinen Lauf –
es tritt die ganze Sternenschar
persönlich darin auf.

Da über unserm Kopf direkt:
Der permanente Clou,
gewaltig, ewig und perfekt –
und kostenlos dazu!

In Nichtigkeiten sich verrennt,
wer unter Neon wohnt.
Es schaut auf ihn vom Firmament
und wundert sich: der Mond.

Weiß in Weiß

weiss-in-weissAuf einmal ist sie bleich geworden,
als hätt sie furchtbar sich erschreckt.
Ein Wind, ein kalter her von Norden,
hat plötzlich sie mit Schnee bedeckt.

Die grad noch mit lebend‘ger Krume
ersehnt des Frühlings Gegenwart,
liegt bläulich nun im Witwentume
unter ein Leichentuch gebahrt.

Die Erde, deren erste Blüten
das Mandelbäumchen schon geborn!
Doch wie die Frühchen nun behüten,
da sie ja selber steif gefrorn!

So reglos ruht sie unterm Laken,
das ihre Züge uns verhüllt,
wie alle, die zu Tod erschraken,
von namenloser Angst erfüllt.

Ich aber stapfte durch die Stille,
die ich so wunderbar empfand,
als hätt des Winters Wunsch und Wille
sie eigens nur für mich gesandt.

Der Boden knirschte untern Sohlen.
Ein Rascheln hier und da im Laub,
wenn eine Amsel floh, verstohlen,
‘nen Tüpfel Schnee versprüh’nd wie Staub.

Gehäufelt auf den dunklen Zweigen
lag er als schmaler Zuckerguss –
wie Tänzer, die auf Seile steigen,
wo man Balance halten muss.

Der Himmel war in Schlaf gesunken,
Gewölk der Sterne Lid verschloss,
vom Wege blitzten feine Funken,
wie mit dem Huf sie schlägt das Ross.

Da wurde milder schon mein Kummer,
dass unter Frost die Erde stöhn –
Schneewittchen gleich lag sie im Schlummer
und wie Schneewittchen auch so schön.

Des Winters neuerliches Walten:
Nur flüchtig greisenhaft Gelüst.
Prinz Frühling ist nicht aufzuhalten,
der bald sie aus der Kiste küsst!

Die Uhr

die-uhrDie Uhr, das ist bekanntlich ein Gerät,
die Zeit in kleine Brösel zu zerhacken.
Und zwar in völlig gleiche früh und spät,
vollkommen für sich jeder, ohne Macken.

Sie braucht ja diesen Grad von Präzision,
der Menschheit Tag und Tun zu sekundieren,
die im Gedränge, wirr und asynchron,
ihren Zusammenhang würd rasch verlieren.

Es ist der Zeiger, der die Welt regiert
wie der Maestro mit dem Stock die Geigen,
den keiner aus dem Auge je verliert,
um seinem Wink gefügig sich zu zeigen.

Schon wenn man morgens seinen Törn beginnt,
die Lebensgeister mählich erst erwachen,
begreift man, wie rapid die Zeit verrinnt,
und fährt furios in seine Siebensachen.

Derweil treibt dich die Uhr zur Eile an.
„Mach zu! Ich gebe dir noch fünf Minuten!“
Du rennst und springst und hältst dich wacker ran,
um ewig doch vergebens dich zu sputen.

Und weiter so den lieben langen Tag:
Tyrannisches Stakkato der Termine.
Sie fallen unerbittlich Schlag auf Schlag
so wie die Ritzen in der D-Zug-Schiene.

Wenn endlich dann der Feierabend winkt,
glaubst du dem Tempus-Terror dich entronnen.
Doch ach, der Stern des Chronos nimmer sinkt,
er wacht auch über deine Freizeitwonnen.

Genieße deine Muße rasch, hopphopp!
Und nie vergiss: Sie ist nur knapp bemessen.
Zuhause ist nur flüchtig, nur ein Stopp
im Dauerrennen, mit Verlaub, ums Fressen.

Schnapp dir zum Beispiel ein beredtes Buch
und lass entspannt dich von der Stille wiegen,
ein Weilchen wenigstens befreit vom Fluch
der Zeit, so wie ein Pfeil davonzufliegen.

Wie alles Schöne währt auch dies nur kurz,
ein flücht’ger Aufschwung in azurne Auen –
und aus dem Höhenfluge jäh der Sturz
ins nächste eilbedürft‘ge Morgengrauen.

Ach, niemand wusste besser wohl Bescheid
als Salomo von dieser Crux hienieden:
Es hat, so sprach er, alles seine Zeit.
Ist ja mein Reden: Auch das Verseschmieden.

Wetterwünsche

wetterwuenscheJetzt kommt er schon mit solchen Mätzchen
und gaukelt uns den Frühling vor!
Nur weiter, und die Weidenkätzchen
entfalten ihren Silberflor!

Will uns der Bursche irreführen,
den man nur feucht und frostig kennt,
das Herz uns mit ‘nem Lächeln rühren,
das kalt ihm auf den Lippen brennt?

November, grimmiger Geselle!
Warum jetzt diese sanfte Tour?
Zwölf, dreizehn Grad bei Tageshelle
gehn dir doch gegen die Natur!

Da trägt man auch die falschen Sachen:
Am Morgen tut was Warmes not,
doch kommt die Sonne Feuer machen,
schwitzt in der Jacke man sich tot.

Es ist ein Kreuz mit diesem Wetter!
Auf nichts ist wirklich mehr Verlass!
Der Sturm reißt nicht vom Ast die Blätter,
nach Wasser lechzt das Regenfass.

Ein Wischiwaschi ist das heuer,
ein lenzluftlauer Herbstverschnitt.
Der Jahreszeiten Abenteuer
erlebt ja so kein Schwein mehr mit.

Er sollte nicht mit Reizen prahlen,
die er sich billig nur geliehn.
Warum die Miene übermalen,
die uns doch immer schön erschien?

Beharrlich rieselt feiner Regen,
den Himmel hüllen Wolken ein.
Das Laub glänzt golden auf den Wegen
wie Glimmer und Karfunkelstein.

Wie Ährenleser streifen Krähen
mit krummem Rücken übers Feld,
nach letzter Nahrung auszuspähen,
bevor der Winter es bestellt.

Oft fährt auch in die nackten Kronen
und peitscht ihr zitterndes Geäst
der Sturm, Gevatter der Zyklonen,
der seine Macht uns spüren lässt.

Und Nebel wabert auf der Heide,
der blendet uns mit einem Husch,
dass unser Blick nicht unterscheide
den Moorgeist vom Wacholderbusch.

Ja, dass ein Aufmarsch solcher Bilder
den Weg durch unser Auge zieh,
viel rauer als zurzeit, viel wilder
und stimmig mit Melancholie!

Herbstbilder

herbstbilder2Es ist, als ob die Möwe schrie
am gottverlassnen Strand
wie eine Kinderseele, die
sich jäh im Finstern fand.

Es ist, als ob der Rabe krächzt’
auf nebelnassem Feld
wie einer, der nach Heimat lechzt
in feind gewordner Welt.

Es ist, als ob des Mondes Rund
in sternenklarer Nacht
verbellte wo ein treuer Hund,
der unermüdlich wacht.

Es ist, als ob am kahlen Strauch
noch eine Rose hing,
die in des Eises Todeshauch
als einz’ge nicht verging.

Es ist, als ob auf hoher See,
von Sternen nur besonnt,
ein Lichtlein glömm in Küstennäh
ganz fern am Horizont.

Es ist, als ob im Morgengraun
noch vor des Tages Hast,
er heimwärts schlich an Haus und Zaun,
der letzte Kneipengast.

Es ist, als ob dir im Gemüt,
das heiter stets gestimmt,
ein Schatten plötzlich aufgeblüht,
der ihm die Sonne nimmt.

Es ist, als ob am Küchentisch
wer fleißig Verse schrieb
und doch am Ende seinem Wisch
nur der Papierkorb blieb.

Es ist so schwer ums Herz mir heut,
ich sitze und sinnier.
Das Laub liegt faulig feucht verstreut.
Ich fühl den Herbst in mir.

Kreuzfahrt zu Lande

kreuzfahrtDaheim, daheim von großer Fahrt.
Europa halb durchquert.
An Kunst und Kirchen nicht gespart.
Und sonst auch wohlgenährt.

O Málaga, o Altstadtgassen,
so klein, um Tapas grad zu fassen!
Dafür der Hafen, weit und leer,
ein gier’ger Mund zum Meer!

Komm, lass uns nach Comares steigen,
ich will dir einen Friedhof zeigen,
der alles überragt!
Wir klimmen Richtung Hügelspitze
im Würgegriff der Mittagshitze
durchs Dörfchen unverzagt.

Verwinkelung in Weiß
und Blumen überall.
Am Ende unsrer Reis‘
ein christliches Walhall.

Der Toten trister Taubenschlag
mit herrlich weiter Sicht.
Zementgeviert statt Sarkophag
und Plastik-Rosen schlicht.

Doch wo die Menschen noch am Leben,
sich aus den Gartenbüschen heben
die frischen Blüten bunt,
da in der heilgen Höh hienieden
haucht Gottes Nähe Gottesfrieden
schon vor der letzten Stund.

Nach Frigiliana also dann,
da gibt’s ‘nen süßen Roten.
Ein Lädchen unser Aug gewann,
so recht, ihn auszuloten.

Da reichte man uns zu den Trauben
ein Heilandsbildchen als Geschenk,
wohl auch, an seine Kraft zu glauben,
des Herrenblutes eingedenk.

Doch wurde, Gott zu loben,
je prächtiger gebaut,
als was wir, fest verwoben,
in Córdoba geschaut?

Unlöslich eins ins andere verschlungen,
zu einem Leib verschmolzen, einem Stein:
Moschee und Kirche. Um mit gleichen Zungen
zu einem Herrgott aufzuschrein.

Was hältst, Granada, du dagegen?
Wie schlägst du Reisende in Bann?
Mit einer Burg, am Hang gelegen,
die sich ein Sultan einst ersann.

Sich wuchernd wiederholende Strukturen,
die kristallinisch alles überziehn
zum Tanz von Arabesken und Figuren
in Stuck erstarrter Harmonien!

Und überall ist Allahs Name
in dies Gewirr von Linien gesät,
so wie wer seiner Herzensdame
in spröder Rinde seine Glut gesteht.

Wie mag’s im Sommer hier wohl gleißen
bei gut und gerne dreißig Grad!
„Ich will nicht, Ullah!, Sultan heißen,
wüsst ich nicht dafür mir auch Rat.

Nur einen Katzensprung von dieser Stelle
baut mir ein schattiges Asyl!
Lasst Thujahecken wehrn der Helle
und Wasser rieseln klar und kühl!“

Alhambra und Generalife –
wie Wünsche, die ein Dschinn erfüllt
dem Herrscher ungesäumt,
da unten in des Tales Tiefe
in Dorn und Dickicht eingehüllt
die Stadt von Freiheit träumt.

Doch triumphal Toledo thront
hoch über Schluchten, die der Fluss sich gräbt,
auf einem Gipfel, den kein Wind verschont,
wenn im Gewitter er erbebt.

So furchtlos wie ein Kirchenmann,
der fest im Glauben ruht.
Die Kathedrale zeigt es an:
Man ist in Gottes Hut.

(Da baumeln Kappen von der Decke,
die Kardinäle einst geschmückt,
die jetzt wo in ‘ner dunklen Ecke
der ird’schen Eitelkeit entrückt.)

Ach, wie vergänglich, wie morbid
der Glanz auch weltlichen Geprägs,
der nach Aránjuez uns zieht,
die nach Madrid wir unterwegs!

Was für ‘ne Pracht erlesener Substanzen,
die mehr durch Fülle glänzen denn Geschmack,
Akanthusblätter nur als Zimmerpflanzen,
als Gärtner nur Lakai’n im Frack!

Man sieht, was gut und teuer ist,
den ganzen Prunk der Zeit
und desto deutlicher vermisst
‘nen Schuss Gemütlichkeit.

Vielleicht im Park bei den Fontänen,
wenn schon die Tageshitze weicht
und alle sich nach Schatten sehnen,
die kühlen Statuen selbst vielleicht?

Und dann Madrid: viril, urban,
dynamisch, quirlig und spontan,
rein nichts von Dorfidylle!
Im roten Doppeldeckerbus
zwei Stunden Rundfahrthochgenuss,
Madrid in seiner Fülle!

Am Abend diese Tapas-Bar,
die voll und voll gemütlich war,
am Straßenlärm gemessen.
Bei Schinken, Wurst und „San Miguel“
verging die Zeit uns furchtbar schnell –
doch seht, nicht unvergessen.

Man muss nach so viel City-Leben
auch der Provinz ’ne Chance geben,
dass man den Geist entspann.
So trieben uns die Ruhgelüste
direkt an die Atlantik-Küste
nach San Sebastián.

Scheint nicht der Strand wie’n goldner Reifen
um dieses Blau der Bucht zu schweifen,
ein Diadem aus Staub?
Und jene Villen auf dem Hange,
sind sie nicht Fibel ihm und Spange,
dass Neptun ihn nicht raub?

Doch wie hilft mir die Fantasie,
die Landes euch zu schildern?
So viele Kiefern sah ich nie
am Wegesrande wildern!

Wohin ich auch mein Auge warf,
es mit Natur zu nähren,
es deckte seinen Bildbedarf
allein mit Koniferen.

Mehr hab ich hier als Tour-Rapport
zu bieten nicht und beichten;
es lief so monoton ja fort,
bis wir Bordeaux erreichten.

Da ging es nicht so bräsig her
wie auf dem platten Lande,
die Stadt ein einzges Menschenmeer,
„Bonheur“ als Konterbande.

Was ist das für ein Trubel dort,
da bei der hohen Säule?
Man hört ja nicht sein eignes Wort,
Pardon, bei dem Geheule!

Zum Glück sind sie in Stein erstarrt,
die braven Girondisten,
die in des Rummels Gegenwart
ihr stilles Dasein fristen.

Mann, siehst du auch, was ich da seh?
Das scheint mir optimal:
Ein Riesenrad. Und mit ’nem Dreh –
Sightseeing vertikal!

Wie einer Braue sanfter Schwung
legt dunkel sich und matt
der Fluss in dieser Dämmerung
um die entflammte Stadt.

Wir sehen rechts die Brücke noch,
die wuchtig ihn durchquert,
dann stürzt die Gondel in ein Loch.
Wir landen unversehrt.

Nicht lange, und wir brachen auf,
geweckt vom gall’schen Hahn.
Die Kassen nahmen wir in Kauf
auf flotter Autobahn.

O Frankreich, das du groß an Geist
wie auch an Fläche bist –
wir haben zügig dich durchreist
in Ein-, Zweitagesfrist!

Hier gab die Loire uns das Geleit:
Parks und Paläste pur;
da dehnte öde sich und weit
der Somme blut‘ge Flur.

Noch leidlich hoch die Sonne stand
am Wolkenfirmament,
als Namen man auf Schildern fand
wie Kortrijk, Luik und Gent.

Da hatten wir’s zu guter Letzt
ins Flandrische gebracht,
nicht müde und nicht abgehetzt,
doch grad noch vor der Nacht.

O Brügge, wo des Flamen Seele
in Stein sich offenbart,
wo Giebel, Gassen und Kanäle
nach alter Meister Art!

Des Mittelalters kleine Welt
in Flair noch und Gestalt:
Ein Belfried, der den Tag „verbellt“,
ein Pflaster, das noch hallt

Vom Hufschlag flinker Pferde,
die der Verkehr nicht schert,
Besuch der ganzen Erde
im offenen Gefährt.

Die Zeit scheint stillzustehen
an dem verwunschnen Ort –
doch was wir auch gesehen,
es war nicht Bruges-la-Morte!

Jetzt erst mal Impressionen
von solchem Schlag entbehrn.
Doch glaub ich, dass Äonen
von diesen wir noch zehrn.

Haltbarkeitsdaten

haltbarkeitsdatenOb ihre Uhren anders gehen,
nach einem andern Zifferblatt?
Ich will mal auf die Finger sehen
dem Haus, der Straße und der Stadt.

Die stehen da so fest wie Steine
und unverwüstlich an Gestalt,
Gebäude härter als Gebeine,
Bitumen stärker als Basalt.

Was alles, wenn die Augen schweifen,
den Schein der Stetigkeit bewahrt –
doch kaum, dass sie zur Lupe greifen,
die Zeit sich ihnen offenbart

Mit den verräterischen Spuren,
die überall sie hinterlässt
an Dingen und an Kreaturen,
zwar winzig, aber manifest.

Ein Fundus auch für Depressionen,
was unsern schwachen Leib betrifft –
sie wird ihn nicht davon verschonen,
dass Charon ihn schon bald verschifft.

Befragt das Krähenfuß-Orakel,
das einz’ge, das die Wahrheit spricht.
Die tausend Falten: ein Debakel
fürs vormals glatte Mondgesicht!

Dagegen sind die im Gemäuer,
die Risse harmlos gradezu –
zwar steht hier Chronos auch am Steuer,
doch schippert er mit größrer Ruh.

Wie diesen Unterschied begreifen,
dass stärker er an Menschen zehrt
als an Asphalt und Autoreifen,
die er nicht weniger begehrt?

Das tote Zeug aus Stein und Erden
hat einfach nur das dickre Fell,
da kann sein Zahn so schnell nichts werden,
dass zur Ruine er’s entstell.

In Fleisch und Blut kann er sich bohren
und findet wenig Widerstand –
so geht ihm alles Maß verloren
für Seele oder Häuserwand.

Er übersät den Leib mit Malen
‘ner immer tödlichen Tortur –
der Aufpreis, den wir Wesen zahlen,
die wir lebendig von Natur!

Durch Wald und Flur

durch-wald-und-flur-carl-spitzwegHeut streifte ich durch Wald und Flur,
zur Seite mir ein Freund.
Im hohen Blau die Sonne fuhr
und hat uns noch gebräunt.

Das Laub verfärbte sich schon leicht,
doch hing noch dicht an dicht.
Ach, wenn erst der September weicht –
zwei Wochen noch, mehr nicht…

„Da sieh der Krone ganzen Raum
mit Früchten voll besät –
ein herrlich alter Apfelbaum,
der so am Wege steht.

Und neben ihm, nicht minder schwer
trägt tapfer ihre Last
die Eiche, die an Eicheln mehr
als üblich heuer fasst.

Und die am Boden schon verstreut,
dahingeweht vom Wind,
sie zeigen, was auch jenen dräut,
die jetzt noch oben sind.“

Schon lockten uns mit einem Leib,
der Süßes uns verhieß,
zum schönen Gaumen- Zeitvertreib
die Birnen überdies.

Und weiter ab von unsrem Pfad,
dem Blick erreichbar nur:
der Schlehe glänzender Gagat,
nein, tintiger Azur.

Des Sommers Füllhorn, groß und bunt,
es quoll noch übern Rand
und wucherte mit seinem Pfund,
das hoch im Kurse stand.

So gingen wir nach Freundesart,
indes die Zeit verfloss,
bis sich an unsrer Wandrung Start
der Bogen wieder schloss.

Die Äpfel und die Birnen auch,
die wir am Weg gesehn,
sie werden wie der Schlehenstrauch
auch weiterhin da stehn.

Und wenn kein Auge auf sie fällt,
das müßig grade schweift,
entgehen Früchte dieser Welt,
die schön im Stilln gereift.

Dem unbekannten Stern

dem-unbekannten-sternEs steht ein Stern und hält die Wacht
in eisig grauer Weite.
Er steht allein in Frost und Nacht,
kein andrer ihm zur Seite.

Ich weiß nicht, wie der Fremde heißt,
der einsam dort verharret
mit einem Aug, das glänzt und gleißt
und in den Kosmos starret.

Und wüsste ich’s, was hülfe es,
ihn besser zu begreifen?
Ob Rigel oder Herkules –
auf Namen kann ich pfeifen.

Was sie verbirgt, die Larve Licht,
das eben will ich schauen,
sein wahres Sternenangesicht,
sei’s Güte oder Grauen.

Dann wüsst ich endlich ungefähr
ihn richtig einzuschätzen,
weil er mir etwas näher wär,
und sei es durch Entsetzen.

Doch dieser Bursche wankt und weicht
kein bisschen von der Stelle
und zeigt, als wär er TÜV-geeicht,
die ständig gleiche Helle.

Er steht und stiert so intensiv
zyklopisch in die Ferne,
als ob im Wachen er verschlief
den Untergang der Sterne.

Glaubt, Leute, nicht, ich übertreib
mit bloßen Fantasien,
um einen lichten Sternenleib
ins Göttliche zu ziehen!

Kein bisschen geht es mir darum,
ob Geist er oder Masse:
Wär eh nur ein Mysterium,
das doppelt ich nicht fasse!