Archiv der Kategorie: Natur

Mein Reisekamerad

mein-reisekameradAls ob ich mich beeilen müsste,
weil alles Schöne hier fragil,
durchflog von Küste ich zu Küste
die Insel im Touristenstil.

Besuchte gleich die alten Stätten,
auf die seit Jahrn ich abonniert,
um neu mein Herz an sie zu ketten,
bevor’s an andre sich verliert.

Doch gab’s genug nicht zu entdecken,
was bisher meinem Blick entging?
An allen Enden, allen Ecken
ein neues Wunder mich empfing.

So diese ländlich schmalen Wege,
von Feldsteinmäuerchen gesäumt,
wo in der Mittagsglut man träge
sich durch Orangenhaine träumt.

Oder von Mandeln einen Garten,
der sich in eine Senke schmiegt,
dass dir der Knospen Grün, der zarten,
wie frisches Moos zu Füßen liegt.

Dann auch, vereinzelt nur am Rande,
das schüttre Haupt azurumloht,
noch nicht verkohlt vom Sonnenbrande,
doch schon verbeult: Johannisbrot.

Und weithin sah man Wiesen wogen,
der Gräser sandig seichte See,
von Mohn so flammend überzogen
wie Tropfen Bluts im Büßerschnee.

Und konnt das Aug ins Ferne schweifen
und größre Flächen überschaun,
sah‘s überall die Früchte reifen,
die tausendfach hier anzubaun.

Doch halt, dass ich nicht Stunden schwätze –
was sag ich? Eine Ewigkeit!
Doch Dinge, wie nur ich sie schätze,
die tret ich lieber nicht so breit.

Hab ich nicht wie zum Heiligtume
wen auf die Insel mitgelockt,
dass jemand sänge ihr zum Ruhme,
wenn mir einmal die Zunge stockt?

Doch konnt er sich für nichts erwärmen,
wofür mein Herz in Flammen stand.
Da hört ich schließlich auf zu schwärmen
und liebte still dies schöne Land.

Richtig ungemütlich

richtig-ungemuetlichDie Menschen jagten auf den Straßen
wie Blätter vor dem Winde her –
das blies und brüllte solchermaßen,
als ob’s ihr letztes Stündchen wär.

Den Bäumen schüttelt’s ihre Kronen,
dass es sie fast vom Rumpfe riss:
Ein solcher Sturm, o seit Äonen
sich nicht mehr ins Geäst verbiss!

Wie bin ich bloß nach Haus gekommen?
Im Zickzack trieb es mich dahin
wie’n Hund, der noch nicht eingeschwommen,
die Suppe ständig bis zum Kinn.

Ein Segen, nun daheim zu hocken,
und draußen kracht und kocht es fort!
Im Stübchen sitz ich warm und trocken
und geh nicht mehr so schnell von Bord.

Da plötzlich einer Böe Brausen,
dass meine Tür ‘nen Tattrich kriegt
und ich vermein im ersten Grausen,
dass gleich sie aus den Angeln fliegt.

Für eins, zwei kurze Wimpernschläge
werd irr ich an der Jahreszeit
und glaube, dass im Wildgehege
der Hirsch schon seine Kühe freit.

Dabei blick rasch ich mal verstohlen
auf den Kalender an der Wand,
um mir des Fachmanns Rat zu holen –
noch immer MAI nach neustem Stand!

Kränklicher Trabant

kraenklicher-trabantGrad mit Romantik wollt ich euch nicht kommen,
doch just fällt auf den Mond mein Blick –
der ziemlich hoch hängt, mickrig und verschwommen
wie’n baumelnd-bleicher Galgenstrick.

Was hat denn dieser Bruder ausgefressen,
dass man ihn schmählich aufgeknüpft,
bis in der Brust, die Atem einst besessen,
kein Puls mehr auf und nieder hüpft?

Muss schwer gewogen haben, das Verbrechen,
dass man auf solchen Tod befand:
War’s Brennen, Rauben, Schänden und Erstechen,
war‘s Aufruhr, frech geschürt im Land?

Womöglich hat er, Gipfel!, gar gestohlen
aus eines Herrn Privatdistrikt –
‘ne Fuhre Holz für Bretter und für Bohlen,
mit denen er sein Hüttchen flickt?

Na, solchen Frevels wen zu zeihen,
ist heut zum Glück ja obsolet.
Doch wurde anno Laffen und Lakaien
auch Hänflingen der Hanf gedreht.

Genug! Ich will dies Bild nicht weitermalen
vom Monde unterm Hochgericht,
dass er mir nicht, um es mir heimzuzahlen,
als Fratze in die Träume bricht.

Ist er der Wächter nicht, der Nacht Begleiter,
der treulich mit der Lampe zieht
als einer sanften Helle Wegbereiter,
die der, der lichtscheu ist, schon flieht?

Der Untat düstre Nester auszuleuchten
war ihm schon immer liebste Pflicht –
ach, wie viel Monde wir da wohl noch bräuchten,
bis jede voll im Tageslicht!

Soll er auch ruhig einmal lustlos schleichen
und sich anämisch präsentiern –
dann mocht die Sonne ihm wohl Strahlen streichen
und etwas Farbe er verliern.

Doch die ist bald ihm wieder angeflogen
und er wie ehedem so fit –
was heute ihm sein guter Stern entzogen,
gibt er ihm morgen doppelt mit!

Der gefangene Frühling

der-gefangene-fruehlingDes Frühlings ganze Lebensfülle
auf diesen engen Raum gedrängt!
Ein Korb der Erde dient zur Hülle,
in die er seine Samen senkt.

Narzissen, wunderlich zu schauen,
in ihrem Wuchs, so kindlich klein,
erheben voller Gottvertrauen
sich ins fragile Pflanzensein.

Die Stiele glühn in zartem Grüne,
das goldne Blütensterne wiegt
hoch über dieser Weltenbühne,
die feucht zu ihren Füßen liegt.

Und wie Laternen überragen
sie, was aus dieser sonst noch quillt –
so Blumen mit ‘nem Mühlenkragen
und Efeu, der sein Fernweh stillt.

Da läuft auch auf geflochtnem Rande,
wie Werg so schwerelos beschwingt,
aus feinstem Strohhalm die Girlande,
die locker diesen Strauß umringt.

Und die als Sasse hier zu deuten,
als Nest, in dem der Hase haust,
den es vor Fuchs und Hundemeuten
und vor dem Meuchelpuffer graust.

Gottlob, auf künstlichem Gestecke
erschreckt ihn nicht des Jägers Schuss –
doch schaut so scheu er um die Ecke,
dass Schlimmes man befürchten muss.

So hab den Lenz ich eingefangen
mit diesem bunten Fertig-Beet,
damit auf Wunsch er und Verlangen
mir ständig zur Verfügung steht.

Und wenn mit finsterem Gemüte
die Nacht verhüllt der Sonne Lauf,
dann geht mir zwischen Blatt und Blüte
türkis das Licht der Lampe auf!

Kurze Blütezeit

kurze-bluetezeitDer Kirsche Blütenbüschel sinken
ermattet schon von ihrem Zweig,
in schmutz’gen Pfützen zu ertrinken
auf Fahrbahn und auf Bürgersteig.

Die bunt gescheckten Krokusfluren,
am Saum der Straße hingestreckt,
verschwanden schon bis auf die Spuren,
die wo im Grase noch versteckt.

Und all dies baumelnde Geschmeide,
mit dem der Hasel sich geschmückt,
die bräunlich-gelbe Augenweide
hat stürmisch ein Galan gepflückt.

Der Osterglocken goldne Kelche,
die sich so stolz im Wind gewiegt –
seht welk und schlaff sie nun und welche,
für die kein Stängel sich mehr biegt.

Des Jahres erste Frühlingsboten,
die uns so heiß willkommen sind,
gehören halb schon zu den Toten,
auf die kein Schwein sich mehr besinnt.

Scham sollte mir die Wangen röten,
dass ich den keuschesten vergaß –
Magnolien, in dern weiße Föten
so rasch der Wurm sich wieder fraß!

Millionenfach springt uns das Leben
mit Farben und mit Düften an,
wir müssen nur die Sinne heben,
dass es uns nicht entgehen kann.

Und wenn man deren hundert hätte,
sie söffen sich am Sein nicht satt,
so riesig ist des Raumes Stätte,
an die das Los gepflanzt uns hat.

Doch diese Sinne, ach, sie trügen
und träumen wohl auch unentwegt,
dass sie nicht mal dem Fleck genügen,
auf dem man sich durchs Dasein schlägt.

Am Ende hat man nichts begriffen
und wundert sich wie neugeborn.
Zu spät. Das Spiel ist abgepfiffen.
Und nicht nur eine Schlacht verlorn.

Neues vom Wetter

neues-vom-wetterVom Eise lange schon befreit,
nur noch vom Regen nicht.
Wie schwer er fällt und dicht!
Den ganzen Tag herrscht Dunkelheit.

Ist‘s dafür wärmer? Keine Spur.
Man fröstelt unentwegt,
den Kragen höher schlägt.
Verrückt spielt sichtlich die Natur!

Der Himmel, gänzlich Grau in Grau,
schluckt jeden Sonnenstrahl.
Bleich liegt das Land und fahl.
Und heiser klingt der Wind und rau.

Die Kätzchen schauen ängstlich drein.
Die Blätter wolln nicht recht.
Das neue Grün-Geschlecht,
geht es womöglich wieder ein?

Umschling den Hals mit einem Schal,
zieh dicke Socken an!
So‘n Kälteeinbruch, wann
gab es den Ende März schon mal?

Auguren stehen schon Spalier:
Das Wetter? Hausgemacht
aus der Balance gebracht!
Was nichts dran ändert, dass ich frier.

Ich lass der Heizung vollen Lauf.
Die Therme bullert los
und taut den Erdenkloß,
den durchgefrornen, wieder auf.

Und morgen heißt es: Sommerzeit.
Man stellt die Uhren um.
Doch läuft dabei was krumm.
Nicht mal der Frühling ist so weit!

Nun aber Schluss mit dem Gestöhn.
Er kommt noch früh genug.
Die Zeit rennt wie im Flug.
Und schnipp!, ist alles wieder schön.

Die Sonne funkelt im Azur
und lässt die Welt erglühn.
Ringsum ein einz’ges Blühn
auf jedem Fleckchen Feld und Flur.

Darüber schwebt, ein Engelschor,
der Vögel luft’ges Lied.
Die Spinne Fäden zieht.
Und Gössel tummeln sich im Rohr.

Dann sind es wieder Sand und Staub
und Schweiß auf deiner Stirn,
dass du dies ew’ge Flirrn
dem Regen gerne gäbst zum Raub!

Will heißen, dass der Schuh dich drückt
dann aus ‘nem andern Grund:
Die Hitze treibt’s zu bunt.
Ich glaub, der Mensch ist auch verrückt.

Sturm zieht auf

sturm-zieht-auf-william-turnerDa hallt miteins ein dumpfer Schuss
wie aus dem Nichts so jäh.
Ich weiß, was das bedeuten muss:
Orkan. Auf Land und See.

War heute ja so stürmisch schon.
Der Schirm flog mir fast weg.
Wie heißt das: Zyklus? Nein, Zyklon.
Auf Deutsch wohl Wetterschreck.

Ich warte, lausche. Stille jetzt.
Die Fahnen flattern nur.
Dann noch ein Schuss, der sie zerfetzt.
Ich zucke hoch. Elf Uhr.

Nun brist es auch allmählich auf.
Ein Fensterflügel schlägt.
Metallisch klingt der lose Knauf,
der knirschend sich bewegt.

Ein Blaulicht hastet stumm vorbei,
Sirene auf dem Fuß.
Es scheint, als ging die Welt entzwei –
und dies ihr letzter Gruß.

Da noch ein Schuss, noch ein Signal,
schon fern im Sturmgebraus.
Wie Wölfe heult es auf einmal
um das bedrängte Haus.

Stakkato schlägt die Klappe an,
die Flaggen zerrn am Mast,
der Wind, er schweigt nur dann und wann,
wenn kurz er Atem fasst.

Ach, dieses Lauschens endlich satt,
such ich des Lagers Ruh,
doch er, der so umtost die Stadt,
deckt auch mit Lärm mich zu.

So lieg halb schlafend ich, halb wach,
ein Tier, das sich verkroch.
Der Regen trommelt mir aufs Dach
wer weiß wie lange noch.

Fortbewegung

fortbewegungWenn ich zu Fuß nach Süden schritte
drei Stunden lang von meinem Haus,
ich käme wohl von Hamburg-Mitte
noch nicht mal ganz aus Harburg raus.

Doch würd ich, statt dahinzutrampeln
auf Sohlen, in der gleichen Zeit
per Fahrrad mich darunter strampeln,
wär in der Heide ich schon weit.

Nähm ich indessen ‘ne Karosse,
die beinah die zweihundert packt,
wär ich im Stammland schon der Bosse,
die da einst Kohle eingesackt.

So kommt man also von der Stelle
in einer festgesetzten Frist
mal sutje und mal auf die Schnelle
im Maße, wie mobil man ist.

Kurzum, man muss ‘nen Flieger wählen,
geht man zur Heimat auf Distanz,
denn nur wo Bonus-Meilen zählen
entfernt man rasch sich außer Lands.

Zu Fuß nicht mal in Horst gelandet,
drei Hüpfer von der Türe weg,
geflogen schon vom Meer umbrandet
am Sonnenküsten-Urlaubsfleck!

Was immer auch dahin wir schleppen –
das Wetter kommt nicht mit an Bord.
Es wissen selbst die Reise-Deppen:
Das kriegen gratis sie vor Ort.

Und keine bill’ge Massenware,
die kaum drei schlappe Stunden hält
und schon um ein’ge Millibare
ins Regenreich der Tiefe fällt!

Beweis: Seit dieser vollen Woche,
die ich inzwischen hier schon haus,
leid ich nur unterm süßen Joche
der Sonne und des Himmelblaus.

So hab ich also in drei Stunden
gewalt’ge Räume überbrückt
und eine Welt dabei gefunden,
die mich auf ihre Art entzückt.

Doch gar nicht erst die Flügel heben
aus seinem angewärmten Nest,
das hieß an einer Wiege kleben,
die uns nicht raus ins Leben lässt.

Entfernung? Gar nicht mal so wichtig.
Ob große oder kleine Fahrt:
Natur ist nicht gebührenpflichtig –
doch immer schön auf ihre Art.

Kein Ersatz

kein-ersatzWenn ich bewusst nach draußen blicke
durchs Fenster nach der Straße hin,
dann seh ich, dass weiß Gott nicht dicke
mit Landschaft ich gesegnet bin.

Grad drei, vier Bäumchen stehn am Wege,
so mau und mickrig von Gestalt,
dass ich sie kaum zu sehen pflege
in diesem Dschungel von Asphalt.

Die Platten auf den Bürgersteigen
sind derart lückenlos verfugt,
dass Gräser hier nicht Flagge zeigen,
kein Hälmchen aus den Ritzen lugt.

Die Häuserwände: nackte Steine.
Kein Efeu deckt die Blöße zu.
Auch keine Ranke, Rebe. Keine.
Nicht Enzian noch Frauenschuh.

Wo eine Wiese könnte sprießen,
erstreckt Beton sich Grau in Grau.
Statt Wasser die Verkehre fließen –
bisweilen – wehrlos! – auch mit Stau.

Auch Berge hab ich nicht vor Augen,
nicht nah und auch nicht weiter weg,
sofern als solche mir nicht taugen
im Hinterhof die Haufen Dreck.

Genug! Es wird vergeblich schweifen
der Blick nach Zeichen der Natur.
Statt Hasenkeule: Autoreifen.
Und Öl anstatt der Läufe Spur.

Ach, wär da übern Dächern nicht
des Kosmos ungeheure Weite –
der Mond mit seinem trauten Licht,
die Sterne ihm entfernt zur Seite!

Wer weiß, ob nicht da oben gar
viel schöner alles anzuschauen,
wo jung und zeitlos immerdar
das Dasein weilt auf Himmelsauen.

So muss ich, suchend, was mir fehlt,
das Herz in luft’ge Höhen lenken,
wo der Trabant sich grade schält
als Goldmarie aus Wolkenbänken.

Wie eine Braut im Hochzeitsstaat,
so strahlt er unterm feinen Schleier,
indem er sich den Sternen naht,
den Gästen seiner Liebesfeier.

Den Mangel müsst von Wies und Wald
bei dieser Pracht ich nicht beweinen –
wär nur sein Leuchten nicht so kalt
wie hier die Stadt mit ihren Steinen!

Kosmisches Schauspiel

kosmisches-schauspielHerr Sonntag ab. Die Bühne leer.
Nacht fällt mir ins Gemüt.
Ein Abend ohne Wiederkehr,
der schwarz und schwach verglüht.

Grad sah ich noch im fahlen Blau
des Jägers helle Spur,
der auf der weiten Himmels-Au
ins Uferlose fuhr.

Die Sonne küsste, sinkend schon,
den Streifen, den er zog,
dass dieser rosarot im Ton
ihm hinterm Heck her flog.

Sah ich nicht auch die Sichel grad
noch blass im Tageslicht –
die nun auf ihrem dunklen Pfad
zum vollen Mondgesicht?

Darüber nicht den matten Glanz,
der Venus noch verhüllt,
die jetzt in großer Gala ganz
den Himmelsraum erfüllt?

Herr Sonntag tritt für immer ab,
sein Gastspiel ist vorbei.
Wie immer war es kurz und knapp,
von Höhepunkten frei.

Doch bald erscheint an selber Stätt
ein Herr, der gleich sich nennt,
und wieder sitz ich im Parkett
als stummer Rezipient.

Ein Flieger zieht im Äther hin,
vom Abendstern besonnt.
Es schwillt der Mond im Gegensinn,
es glüht der Horizont.

Und Hesperus schon auf dem Sprung
zum großen Solopart.
Kaum endet sie, die Dämmerung,
kommt er auch schon in Fahrt.

Da oben spielt im Sternenreich
Theater die Natur.
Stück und Ensemble immer gleich –
die’s sehen wechseln nur.