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An der Brandung

So hab ich sie noch nie gesehen,
die Brandung um die Ecke hier,
wo noch die Fischerkaten stehen
nicht weit von ihrem Fangrevier.

Von Süden her die Wellen treiben,
Südosten im gewalt’gen Wind,
zu weißem Gischt sich zu zerreiben,
wo sie auf Grund gelaufen sind.

Und wo sie Widerstand noch finden
am Kai und an der Mole lang,
wolln sie im Sprung ihn überwinden
und brüllen ihren Schlachtgesang.

Da in die winz’ge Bucht gerade
vorm Hafen, die sonst friedlich träumt,
falln sie Kaskade um Kaskade,
dass sie wie’n Wasserkessel schäumt.

Und wie der Rammbock ‘nem Portale
Respekt mit steten Stößen zollt,
hier wohl zum millionsten Male
die eine nach der andern rollt.

So wie am andern Hafenende –
der Gehweg voller Schlick und Sand,
und Plastikdosen sprechen Bände:
Das Meer schmeißt seinen Dreck an Land.

Halb auch schon in den Strudeln baden
die Feuerzeichen Grün und Rot –
kaum sichtbar in den dicken Schwaden
dem nach der Einfahrt irrnden Boot!

Da kommt’s fast bis zu mir geflogen
von einer meterhohen See,
dass übern Asphalt nur im Bogen
‘nem wahren Sturzbach ich entgeh.

Natur entfesselt. Doch die Hose
hat nicht ‘nen Spritzer abgekriegt.
Ich aber schreit in Heldenpose,
als hätt die Hölle ich besiegt!

Das einsame Segel

Es spinnt die Welt mit grauen Fäden
sich ein in den Kokon der Nacht.
Der Bürger schließt die Fensterläden
und still sein Lampenlicht entfacht.

Wer irgendwo im Strandlokale
noch draußen in der Dämmrung döst,
erhebt sich plötzlich, dass er zahle
und in das Horn des Aufbruchs stößt.

Natürlich ist es kühl geworden,
natürlich ist die Sonne weg.
Nur Möwen hocken noch in Horden
im Sand an ihrem Lieblingsfleck.

Im Hintergrund der Hügelkette
als Erster schon der Faden riss –
die ganze stolze Silhouette
verlor sich in der Finsternis.

Noch weithin aber folgt das Auge
der See gezacktem Wellenschlag,
als ob sie besser dazu tauge,
am Rock zu halten diesen Tag.

Von Leben aber nichts zu sehen.
Die Dampferflotte, sonst erfreut,
den Fischen einen Strick zu drehen,
bleibt heute fest am Kai vertäut.

Der Seemann kauert, fortzuflicken
an seinem Netz aus grobem Garn,
vor endlos langen Seilen, dicken,
um morgen wieder rauszufahrn.

Da taucht in dieser Wasserwüste,
in stetigem, bedächt’gem Lauf,
als ob zum Strand es rübergrüßte,
ein weißes Segel plötzlich auf.

„Die Wüste lebt!“ In Nacht und Nebel
selbst scheucht wer seinen schmalen Kahn,
vetrau’nd der Pinne starkem Hebel,
durch diesen rauen Ozean.

Doch ist ‘ne Crew nicht auszumachen.
Wer hält den Kurs mit festem Griff?
Wo sind an Bord und Bug die Wachen?
Es hat was von ‘nem Geisterschiff.

Wenn schon, denn schon

War einer dieser Regentage,
die hier der Winter zwischenschiebt
in seine heitre Stimmungslage,
die meistenteils den Ton angibt.

Doch zur Gewohnheit kaum geworden,
die still man zum Gesetz erhebt,
kommt eine Wolkenwand von Norden,
die tief in den Azur sich gräbt.

Und mit den rabenschwarzen Massen,
die mächtig übers Meer sie treibt,
kriegt auch die Wärme sie zu fassen,
die ihrem Qualm sie einverleibt.

Da ist Matthäi denn am Letzten,
man ist am Ende vom Latein
und gibt verlorn schon den geschätzten,
den Traum vom ew’gen Sonnenschein.

Doch eins muss man dem Regen lassen:
Er kämpft mit offenem Visier –
streicht nicht verstohlen durch die Gassen
und sprüht ein Tröpfchen da und hier.

Nein, ohne lange erst zu grübeln,
teilt er die größten Hiebe aus
und schüttet kräftig wie aus Kübeln
sich aus dem lecken Wolkenhaus.

Dann ist er selbst noch nachts am Werke
und hämmert mir aufs Fensterbrett
mit einem Eifer, einer Stärke,
als ob er wenig Zeit nur hätt.

Und wirklich, eh der erste Dämmer
noch überm Horizont ergraut,
verstummt schon meistens dies Gehämmer,
als ob es sich ans Licht nicht traut.

Dann liegt, als hätt man mit ‘nem Schlauche
ihn erst gerade abgespritzt,
der Innenhof im Morgenhauche
und reinlich mit den Fliesen blitzt.

Die Botschaft: Damit Schluss für heute,
das Wasserkontingent erschöpft –
seid unbesorgt nun, Land und Leute,
der Himmel gibt sich zugeknöpft.

Und schon springt aus ‘ner Wolkenlücke
die Sonne im Triumph hervor,
dass ihrerseits sie unterdrücke
den Regen, dem sie Rache schwor.

So zeigt sich hier ‘ne Wetterkrise
als kleines Intermezzo bloß –
zu flüchtig für die Expertise,
im Himmel sei die Hölle los.

Höhere Gerechtigkeit

Ganz makellos und ohne Macken
ist nicht einmal ein Paradies –
doch deshalb gleich die Koffer packen,
weil’s Stäubchen dir ins Auge blies?

Weil einem Himmel, frisch gestrichen
an jedem Morgen mit Azur,
die Farbe über Nacht gewichen
bis auf des Graus verwaschne Spur?

Weil eine Sonne, die mit Fäusten
sich kämpferisch zu geben pflegt,
vor ihren Fans sich, ihren treusten,
mal müde in die Büsche schlägt?

Weil dieses Meer, das meistens heiter
und blau vom Firmament gebräunt,
sich höher manchmal bäumt und weiter,
mit Giftgrün schwere Stürme dräu’nd?

Weil Palmen, die am Ufer schreiten
mit majestätisch gradem Wuchs,
bisweiln in Böen wellenreiten,
die sie verbiegen irren Flugs?

Nicht mal der Engel, gottgesegnet
und wohlgegürtet mit ‘nem Schwert,
hat hindern können, dass es regnet
und Feuchte aus den Wolken fährt.

Doch ist dabei nicht allen Wesen,
ob paradiesisch oder nicht,
allein schon aus der Hand zu lesen,
dass Dürre jede Scholle bricht?

Die Folgen gar nicht auszudenken
für unsre durst’ge Pflanzenwelt,
würd permanent uns Sonne schenken
ein Himmel, der selbst trocken fällt.

Ich will das hier nicht weiterspinnen –
am besten hört euch Bauern an:
„Kein Blumentopf nicht zu gewinnen,
wenn man sein Feld nicht wässern kann.“

Da kennt des Reisenden Int’ressen
der biedre Landmann aber schlecht!
Das kluge Paradies indessen
macht unterm Strich es beiden recht.

 

Strandspaziergang

Es war schon dunkel, als ich dachte,
ich geh noch mal am Strand entlang.
Nichts an die Sonne mich heut brachte,
nicht mal ihr schöner Untergang.

Jetzt war sie hinterm Kap verschwunden
mit allem, was ihr Licht beseelt –
der Welt der hellen Tagesstunden,
der Vielfalt nicht noch Farbe fehlt.

Das Himmelblau wie weggeblasen,
wie übermalt mit schwarzem Quast,
damit in seinen Schaffensphasen
den Alb man nicht beim Wickel fasst.

Und dass man im geträumten Jammer
sich rettungslos nicht ganz verfing,
der riesenhaften Dunkelkammer
ein Notlicht von der Decke hing.

(Und so, wie allen Birnensorten
der Züchter einen Namen gibt,
war die, die oben da zu orten,
als Venus allerseits beliebt.)

Am Rande aber, ganz verschwommen,
(ein Bild noch im Entwicklungsbad)
im weiten Rund zum Vorschein kommen
die Buchten und die Ufer grad,

Dern lang gestreckte Silhouette
nur deshalb aus dem Dunkel sticht,
weil eine trübe Lichterkette
sich schimmernd durch die Säume flicht.

Das Meer vor mir in tiefem Schweigen
und schwarz, „so kann kein Himmel sein“,
zwei Fuß in diesen Abgrund steigen
und frage nicht nach Sonnenschein!

Da zeigte sich am Horizonte
noch schmal der Sonne ros’ger Schweif,
da ich noch kuckte, was ich konnte,
nach dem berühmten Silberstreif.

Es war, als ob ein Düsenjäger
in wilder Flucht die Kimm beflog
und wie den Staub ein Straßenfeger
Kondens im Wirbel nach sich zog.

Der aber nicht auf alte Weise
ihm schneeig aus dem Heck entwich,
nein, wohl Aurora eh’r zum Preise
dem Teint der Morgenröte glich.

Kaum konnte meinen Blick ich wenden
von diesem prächt’gen Phänomen,
da kam die Nacht, es zu beenden,
auf stillen, unsichtbaren Zeh’n.

Schlafenszeit

Schlafenszeit, Berthe MorisotZur Ruhe beinah schon gekommen,
auch diese nimmermüde Stadt.
Ihr Tag in Blut dahingeschwommen,
jetzt glimmt der Mond mit vierzig Watt.

Laternen bleibt es überlassen,
die Straßen dürftig zu erhelln,
da in den düstren Seitengassen
verräterisch die Schatten schwelln.

Der Lappen an der Fahnenstange
bewegt sich träg im Abendwind.
Licht klettert an der Häuserwange
quadratisch, wo die Treppen sind.

Gelegentlich noch Räder rollen,
und Reifen rütteln am Asphalt –
und wie sie aus der Stille quollen,
versiegen sie darin auch bald.

Da lässt sich noch ein Vogel hören,
als ob er um sein Leben schrie –
vielleicht sein Hausrecht zu beschwören,
das ihm sein Lieblingsbaum verlieh.

Derweil grast auf den Himmelsauen
schon hier und da ein großes Licht –
wie goldner Hahnenfuß zu schauen,
der aus dem Sumpf des Grabens sticht.

Selbst Kranken- oder Peterwagen
erlagen dieser Müdigkeit.
Kein Blaulicht, um Alarm zu schlagen,
kein Horn, das „Aus dem Wege!“ schreit.

Gleich lümmeln sich in ihrem Leinen
Direktor und Verkäuferin,
in gleicher Stellung von den Beinen
über den Hintern bis zum Kinn.

Ach, diese sachten Übergänge,
wenn man im Dämmer klarer sieht
und aus der Sonne greller Enge
ins Dunkel der Gedanken flieht!

Da hätt ich gern noch fortgeschrieben,
in Worte Bilder euch gebannt –
doch irgendwie, verzeiht, ihr Lieben,
braucht Ruhe jetzt auch meine Hand.

Am Tempolimit

am-tempolimit-tamara-de-lempickaMit Riesenschritten eilten wir,
die Länder zu durchmessen
und haben Kilometer hier
und da en masse gefressen.

Von gelbem Glibber war das Glas
der Scheibe überflossen,
von breiigem Insektenaas
als treuem Fahrtgenossen.

Die Straße flog uns jauchzend zu,
nur um vorbeizurasen –
verbissen blieb der Fahrerschuh
in seinen Gasextasen.

Wir folgten stur der schwarzen Naht,
die in die Flur gezogen,
doch Felder trennend, Frucht und Saat
und goldne Weizenwogen.

Nicht mal der rüde Radarblitz,
verdonnernd uns zu blechen,
vergällte unsern Aberwitz,
Boliden auszustechen.

– Hast du die Burg da grad gesehn?
Da oben die Ruine?
– Ich glaub, das war schon Nummer zehn,
die werden zur Routine.

Toledo so und so Madrid –
Paläste, Kathedralen.
Pamplona nimmt und Tours man mit,
die gleichfalls sich empfahlen.

Rouen verging uns wie im Flug
und Lille, Luik und Leiden –
das Motto, das uns heimwärts trug,
war „Kurz mal schaun und scheiden“.

Hat Regen unsern Lauf gehemmt,
die Finsternis der Nächte?
Als ob wer Kilometer schlemmt
an Sättigung je dächte!

Europa, ach, dies Wonneweib,
Phöniziens Strand entrissen,
ich streifte flüchtig seinen Leib
optischer Leckerbissen.

Doch was ich hastig nur erhascht,
vom Zufall aufgefangen,
hat mich so freudig überrascht,
um mehr noch zu verlangen.

Die Schöne hast die Lust geschürt,
sie stiller anzubeten –
der Schwager, der den Knüppel rührt,
soll künftig kürzer treten!

Kein Sonnenanbeter

kein-sonnenanbeterGleich morgens tönt’s euphorisch mir entgegen:
“Dies, liebe Hörer, wird ein super Tag!
Zwölf Stunden knallt euch Sonne auf den Brägen
mit besten Chancen für ’nen Hitzeschlag.

In Heide, Husum und in Altengamme
erreicht die Skala bis zu 90 Grad.
Die Hitze steigert sich beinah zur Flamme –
dagegen hilft wohl auch kein Thermostat.“

Und dann, der Witzbold sollte recht behalten,
glüht diese Birne jäh vom Firmament –
gigantisch, mörderisch, nicht auszuschalten,
als ob ins Fell sie einem Zeichen brennt.

Wohin vor dieser Marter aber fliehen?
Die seichten Schatten, ach, sie kühlen kaum.
O könnte sommers man nach Norden ziehen,
wie Vögel winters an des Südens Saum!

Die Zonen, die uns so gemäßigt scheinen,
gefalln von Zeit zu Zeit sich im Extrem –
und holen dann das Wetter von den Beinen,
damit sein Leumund mal ins Straucheln käm.

Doch halten Heim mich, Arbeit und die Lieben –
die Fesseln, die ich glücklich mir gewann,
dies alles mir gebietend: Hier geblieben,
hier stehst du und hier fällst du irgendwann!

Der Zufall warf mich blind in diese Breiten
und wahllos hier in einen Mutterschoß,
um mir ein Nest, ein Schicksal zu bereiten
für ein paar lächerliche Jahre bloß.

Obwohl, der ersten Wiege schnell entwachsen,
ich längst auf meine eignen Füße fiel,
bleibt doch die Erde – Holstein, Niedersachsen –
mir treulich immer handbreit unterm Kiel.

Und da besagter Zufall auch entschieden,
die Schulterblätter seien flügelfrei,
muss ich halt tapfer in der Sonne sieden,
bis ihre Hitzewallung mal vorbei.

Dir, einz’ger Les’rin, will ich es nicht wehren,
dass deinen Teint du mit der Sonne färbst,
doch selber kann die Bronze ich entbehren,
ja, schlimmer noch: Ich sehn mich schon nach Herbst.

Blüte der Lyrik

bluete-der-lyrik-blumen-brueghelAuf einmal ist der Sommer da.
Die Bäume stehn in vollem Laube,
verblichen Blütenstern und –traube,
zum Greifen schon die Früchte nah.

Du spürst der Sonne ganze Kraft,
wenn ihre Flammen an dir sengen
und seltsam wandelbare Längen
sie deinem Schattenbilde schafft.

Wie hell der bunte Chor noch klingt
der Vögel in der Dämmerstunde!
Wovon gibt lebhaft man sich Kunde,
wenn mählich schon der Tag versinkt?

Welch Wildwuchs da am Straßenrand
und weit hinein noch ins Gelände –
ein Festival der Blütenstände
in ihrem farb’gen Festgewand!

Und unauffällig mittendrin
bewegen emsig sich die Bienen,
so zuverlässig wie Maschinen
von Blüte her zu Blüte hin.

Aus allen Poren Leben quillt,
aus allen Ritzen, allen Fugen,
um einmal in die Welt zu lugen,
die ihm als Gleichnis Edens gilt.

Schau, wie’s im Abendwinde schwankt,
das Röslein auf der dürren Heide,
und liebt doch diese Sommerweide,
der es sein ganzes Dasein dankt.

Fehlt nur ein Strich mir noch zum Schluss,
den Blumen-Bruegel zu vollenden,
dem Flora gibt mit vollen Händen –
so wünsch ich mir den Musenkuss!

Das Kastell

das-kastell_castell_de_santueriJe weiter wir auf dieser Piste fahren,
hülln desto dichter uns die Büsche ein.
Steineichen nur, vereinzelt und in Paaren,
bezeichnen vage uns den Wegesrain.

Der Asphalt, der hier ohnehin voll Schrunden
und teils gefährlich aufgeworfen liegt,
ist plötzlich wie ein Hautausschlag verschwunden,
von der Natur, der stärkeren, besiegt.

Dann knirscht’s auf einmal körnig unterm Reifen,
weil seinen Fuß in Sand er senkt,
indes Jasmin, Johanniskraut zum Greifen
die Augen nicht vom Steuer lenkt.

Jetzt in die letzte Kurve eingebogen –
und aus der Tunnelenge jäh befreit,
ist wie ein Vögelchen davongeflogen
der Blick in einem Nu fast inselweit.

In welche Höhe sind wir hier geraten!
Da über uns nur noch das Felsennest,
die Flucht- und Zwingburg grauser Potentaten,
heißt ihrer Mauern schreckenloser Rest!

Einst hat den ganzen Platz sie eingenommen
und argusäugig Feld und Flur bewacht,
um wie der Shaitan übern „Hund“ zu kommen,
der da im Tale unten Zicken macht.

Dann ließ man die gekrümmte Klinge kreisen
und nahm gespaltne Schädel als Tribut –
nicht ohne seinen Schlachtengott zu preisen,
der wundersamerweise mild und gut.

Jetzt blaut der Himmel, wie in Erz gegossen.
Die goldne Mittagssonne lacht und loht.
Millionen Gräser sind ins Kraut geschossen.
O wie viel Frieden über so viel Tod!