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Die Qual der Wahl

Wie schön es ist, nur dazusitzen
am Tisch im milden Kerzenschein
und zwanglos ins Papier zu ritzen
die Verse hübsch in Viererreihn!

Der Tag ist schon in Rot zerronnen,
der Abend liegt schon schwarz und still,
doch hat man grade erst begonnen
und sucht noch, was man sagen will.

Man muss indes nicht lange warten;
die Fantasie, stets auf dem Sprung,
braucht einen Schubs nur, um zu starten,
und bringt sich in Erinnerung.

Was holt sie mir nicht für Gedanken
aus irgendeinem Winkel her,
in dem sie heimlich einst versanken
aus des Bewusstseins Lichtermeer!

Und wie aus unterird’schen Quellen
sich mancher klare Brunnen nährt,
fühl ich die Flut der Bilder schwellen,
die aus den Tiefen wiederkehrt.

Da wird’s schon schwierig, rauszupicken
von „Hustensaft“ bis „Honigmond“
den Stoff, um Strophen draus zu stricken,
weil sich ja jeder dafür lohnt.

Soll ich idyllisch mich gebärden,
vor Laster und vor Lärm geschützt
wie’n Schäfer, der bei seinen Herden
zufrieden auf den Stab sich stützt?

Soll ich ins Universum reisen,
heraus aus meinem trüben Trott,
zu Sternen, die im Walzer kreisen
für ihren Dirigenten-Gott?

Soll ich den Alltagssensationen
poetisch meine Stimme leihn,
der Heiserkeit von Pop-Ikonen,
dem Wasserstand am Oberrhein?

Soll mit erhobnem Zeigefinger
die Meinung geigen jedermann,
den irgendwelcher krummen Dinger
ein Argus überführen kann?

Natürlich ja auf ganzer Linie!
Pfui Poesie am Gängelband!
Lässt sich besingen eine Pinie,
dann auch der ganze Baumbestand!

Von Sachen und Begebenheiten,
o wie der Erdkreis überquillt,
und nur, wenn Pegasus wir reiten,
erschließt sich uns das ganze Bild!

Ein Teppich aus Millionen Flicken,
der um sein Image sich nicht schert –
doch jeder, den wir da erblicken,
ist locker eines Liedes wert.

Holzköpfe

Man sollt es nicht für möglich halten
und ist doch bitterlich verbürgt –
der Mensch in seinem Erdenwalten
hat schon den halben Wald erwürgt.

Die himmelstürmenden Giganten,
die ihm doch niemals feindlich warn,
im Feuer seiner Rodung brannten,
um noch mehr Kohle einzufahrn.

War’s nicht genug, ihn umzuhauen
für Bauten, Möbel und Papier
und auch schon dabei zuzuschauen,
wie rasch ihm schrumpfte das Revier?

Jetzt nimmt man statt mit Axt und Säge
ihn mit der Flamme ins Gebet,
dass man in Schutt und Asche lege,
was mehr Profit im Wege steht.

So muss er täglich Federn lassen
und macht stupiden Feldern Platz,
auf die Millionen Pflanzen passen,
die besser für die Mäusehatz.

Denn jede der beschlipsten Kröten
auf ihrer schleim’gen Lebensfahrt
frisst mehr als ihrem Maul vonnöten
an Zukunft von der Gegenwart.

Als wär’s ein Niemand, den man schändet,
ein halbverdorrter Wüstenstrauch,
und nicht der Urgrund, der uns spendet
den ewig nöt’gen Lebenshauch!

Da baggern sie, die Profiteure,
nach immer neuem Geld und Gut
und knicken Gummibaum und Föhre
gemäß „Nach uns die Sündenflut!“

Wenn einmal diese trüben Tassen
verpieseln sich vom Erdenrund,
dann werden schlimmer sie’s verlassen,
als sie’s beschrien mit Baby-Mund.

Die Staaten aber und Kartelle,
die um die Welt sich schern ‘nen Dreck?
Auch ihnen schwimmen mal die Felle
mit dem erwürgten Walde weg.

Der Mensch indes, liegt in Ruinen
sein ehemals so prächt‘ges Haus,
er baut womöglich sich Maschinen
und reißt woanders Bäume aus!

Alles Natur

Ein Plätzchen, etwas abgelegen
am grünen Saum der Innenstadt,
wo sich der guten Speisen wegen
viel Gästevolk versammelt hat.

Doch auch die Lage zu genießen,
der es nicht anzusehn vorm Zaun,
dass kurz dahinter Wasser fließen,
die sich zum großen Teiche staun.

Dass jetzt man nicht an Ufer denke,
die flach in Felder übergehn!
Nein, Büschen dienen sie als Tränke,
die dicht und durstig ihn umstehn.

Idylle pur nach diesen Tagen,
da überall sich Hass entlud,
auf Mann und Maus drauflos zu schlagen
in blinder, hirnverbrannter Wut!

Es brannten Autos, Barrikaden,
es brannten Müllcontainer ab,
es ging zu Bruch manch Krämerladen,
dem hinterher die Waren knapp.

Da flogen Flaschen, Wurfgeschosse
von ähnlich großer Durchschlagskraft
wie Pflastersteine aus der Gosse,
die man zum Schleudern aufgerafft.

Und alles, um zu hintertreiben
der „Großen 20“ Ränkespiel –
wobei kaputte Fensterscheiben
eh’r hinderlich für dieses Ziel.

Nun nach Getöse und Gebrülle
die Stille, die besonders tief –
und unser Sprung in die Idylle,
die hier das Chaos sanft verschlief.

Die Sonne scheint und schickt uns Schauer
von Wohlbehagen auf den Pelz.
Wir hocken an der Ufermauer
und schaun nach Ente aus und Wels.

Da unten grad zu unsern Füßen
liegt träge eine Motorjacht,
die Leute, die zum Abschied grüßen,
da für die Heimfahrt festgemacht.

Dann löst sich plötzlich eine Flotte
von Gänsen aus dem Hintergrund,
die paddelnd in bedächt‘gem Trotte
den Teich durchpflügen und sein Rund.

So wie am Himmel hoch im Fluge,
dass man als Keil die Kräfte schon,
bewegte man in diesem Zuge
sich auch in Dreiecksformation.

Ja, selbst die Fahrspur in den Wogen,
als ob sie deren Abbild wär –
wie mit dem Lineal gezogen
als breiter Trichter hinterher!

Natur in Fülle und in Frieden
und in perfekter Harmonie.
Das Federvieh gar hat hienieden
ein Faible für Geometrie.

Und näher schiebt sich das Geschwader,
der Himmel glüht im Abendrot –
da Aufruhr jäh, o Hass und Hader:
Gerangel um ein Stückchen Brot!

Von Heim zu Heim

Soeben noch das Meer im Rücken
und westlich Berge fern erspäht –
jetzt Ziegel, die den Ausblick schmücken,
der bis zur nächsten Ecke geht.

Ich kenn ihn. Ist sich treu geblieben,
seitdem ich abgereist von hier
und mich im Flieger eingeschrieben
als blind vertrau’nder Passagier.

Um südlicher zu überwintern
wie Vögel, die von dannen ziehn,
um sich nicht abzufriern den Hintern
im Billignest ohne Kamin.

Ich kenn ihn. Hat sie überstanden,
die Wind-und-Wetterjahreszeit
und zeigt mir stolz als noch vorhanden
sein dunkleres Fassadenkleid.

Da auf dem First (Hotelgebäude!)
die Flaggen, ausgefranst und matt,
sie flattern mir Willkommensfreude
für Deutschland und die Hansestadt.

Doch auch die ewig gurrend grauen
Genossen finden sich noch ein,
auf dem Balkon sich umzuschauen
nach Örtchen für ihr Taubenklein.

Wie immer brandet von der Straße
der Lärm von Mensch und von Motor
im Metropolen-Übermaße
auch noch dem 3. Stock ins Ohr.

Mit ständig wiederkehrnden Spitzen,
die noch erhöhn das Potenzial,
da viele Richtung Ampel flitzen
mit voller Pulle aufs Pedal.

So ist denn alles noch beim Alten.
Auf Eis lag gleichsam meine Welt.
Ich habe sie zurückerhalten
wie kurz im Keller abgestellt.

Muss ich mich da noch eingewöhnen,
‘ne Probezeit noch absolviern,
mich mit den Dingen auszusöhnen,
die mir jetzt fremd entgegenstiern?

Ich frag mich, ob ich weg gewesen.
Der Urlaub ist schon halb verblasst,
nur auf dem Ticket noch zu lesen,
dass ich die Reise nicht verpasst.

Verlorenes zurückgewinnen
heißt, dass es nie verloren ging.
Da wird wohl nicht viel Zeit verrinnen,
bis ich zum Rückflug auf mich schwing!

Zu neuen Ufern

Zig Sonden, technisch hoch gerüstet,
schickten ins All wir schon auf Tour,
weil es zu wissen uns gelüstet,
wie weiter draußen die Natur.

Bis zum entferntesten Planeten
trieb uns die Neugier schon hinaus,
wobei bei jedem wir erspähten
die Oberfläche seines Baus.

Desgleichen diese Wackersteine,
mit denen er sich gern umringt
und die an unsichtbarer Leine
im Kreise er zur Kugel schwingt.

Kometen auch, Asteroiden
und weiteres Geröll der Art
wird mit den feinsten Unterschieden
schon fotografisch aufbewahrt.

Ein Bild ist dabei rausgekommen
vom ganzen Sonnenkarussell,
das zwar in Teilen noch verschwommen,
doch super als Erkenntnisquell.

Die aber scheint nicht zu beflügeln
allein der bloße Forscherdrang –
auch Flucht von unsern grünen Hügeln,
wenn anders Rettung nicht gelang.

Wohin verzweifelt sich denn wenden,
wenn man dies Haus mal räumen muss –
zerdeppert von den eignen Händen
oder verglüht im Sonnenkuss?

Zu schwach sind noch die Wanderbotten,
wie sie der Schuster heute baut,
um lichtjahrlang dahinzutrotten,
bis Land das Hühnerauge schaut.

Da haben sie im Umkreis eben
den rüden Mars sich ausgeguckt,
obwohl den unser Weiterleben
anscheinend nicht besonders juckt.

Böt er denn eine luft’ge Hülle,
die unsre durst’ge Lunge nährt
mit einer unsichtbaren Fülle
von Stoff, der durch die Adern fährt?

Und die auch diesen Strahlenschauern,
die aus dem Kosmos niedergehn,
gleich unsern irdschen Brandschutzmauern
gewachsen ist zu widerstehn?

Und böte er bescheidne Grade
von Hitze und von Kälte an,
dass unsre zarte Hautfassade
es unversehrt ertragen kann?

Und böte er der trocknen Kehle
‘nen Quell auch hier und da zum Gruß,
dass an Erfrischung ihr’s nicht fehle
und Feuchtigkeit dem staub’gen Fuß?

Indem auch rings die Krume tränke,
auf dass ihr üppig Gras entsprieß
und jeder Berg und jede Senke
von Blüten manchmal überfließ?

Ach, alles, alles Pustekuchen.
Da bräucht’s schon einen Sisyphus,
um einen Horrortrip zu buchen,
der im Desaster enden muss.

Dass artgerecht er für uns werde,
der lebensfeindliche Planet,
gehörte ihm das Kleid der Erde
ans widerborst’ge Fell genäht.

Was müsste man fürn Aufwand treiben,
und über die Entfernung gar!
Und wer am Schluss zu Hause bleiben,
weil die Raketenplätze rar?

Das klingt nicht wirklich praktikabel,
eh’r nach dem Strohhalm, den man packt,
wenn schon des Geiers harter Schnabel
bedrohlich nach der Beute hackt!

Da heißt es doch sich ernstlich fragen,
wann endlich man zu Rate zieht
die, die wie niemand sonst beschlagen
auf diesem himmlischen Gebiet.

Jahrtausende uns schon beteuern
Schamanen, Geistliche und Co,
dass Götter da die Sterne steuern
und sie nur wüssten, wie und wo.

Und dass die düstren Regionen,
in die sich dieser Raum verliert,
grad die, wo blonde Engel wohnen
und man mit Harfen konzertiert.

Und da gibt man sich heut zufrieden
mit so ‘nem Globus zweiter Wahl,
der ja noch schlimmer als hienieden
das viel gescholtne Jammertal?

Der Schlüssel liegt bei Kirchenschiffen
und ihrer Lotsenbrüderschaft,
dass man mit vigelienschen Kniffen
den rechten Kurs da oben rafft!

Ist so ein Bruder auf der Brücke
als Lynkeus für die Sternenflut,
wer zweifelt, dass die Reise glücke
in dieses Ausgebufften Hut?

Ein Pfaffe und ein Theologe,
wenn die man in den Orbit schießt –
das müsste wirken wie ‘ne Droge,
die Paradiese uns erschließt!

Heute kranke See

Man muss schon Fantasie besitzen,
will heut man sich am Meer erfreun,
an Wellen, deren Zähne blitzen
vom Sonnenstrahlen-Wiederkäun.

Nein, eher ‘nen Belag sie zeigen
von pelz’gem Tang- und Algengrün,
aus dem nicht Wohlgerüche steigen
und keine lust’gen Funken sprühn.

Wie eine wabernde Kloake
das ewig offne Maul der See,
die bläulich sonst gefärbte Lake
verschimmelnd rings in Luv und Lee.

Und um die Fluten aufzurühren,
wie wild der Südwind sie bestürmt,
dass jeden Hammerschlag sie spüren,
mit dem er sie zu Haufen türmt!

Die letzte Phase vor dem Kochen –
schon brodelt alles und sich bäumt,
eh’s wie ein Fass, das angestochen,
in wilden Sprüngen überschäumt.

Wer möchte da den Korken spielen
mit seiner Jolle oder Jacht,
wer hoffen, Beute zu erzielen,
hat er die Netze ausgebracht?

Gewaber nur und nicht Gewimmel –
kein Schiff, so weit das Auge reicht;
ein tiefer, wolkenschwerer Himmel
den ganzen Horizont durchweicht.

Soll man’s der Möwe da verdenken,
dass ihre Schwingen sie mal schont,
statt ihren Hals sich zu verrenken
fürn Fischfang, der die Müh nicht lohnt?

Und diesen Wesen, die da hausen
im unbesonnten Kellerloch,
dass vor dem Brüllen und dem Brausen
man sich noch tiefer drin verkroch?

Indes was ist daran so schade,
wenn es die See ‘nen Deubel schert
und statt der lächelnden Fassade
sie uns auch mal den Hintern kehrt?

Wie alles, was naturgeboren,
ist ehrlich sie bis auf die Haut
und lässt sich selbst nicht ungeschoren,
wenn die zu viel ihr blüht und blaut.

Dies denn wohl einer der Momente,
da ihr die Galle überfließt
und sie die Plastikexkremente
mit Schmackes auf die Strände gießt!

Kein Spatzenhirn

In ‘nem Lokal, das frei und offen
dem Spiel der Winde ausgesetzt,
habt ihr ihn wohl schon selbst getroffen,
den Gast, der durch die Lüfte hetzt,

Um unterhalb von Tischen, Sitzen,
auf nackter Erde rings geschwind
die winz’gen Krümel zu stibitzen,
die eurem Hals entfallen sind

Und die ‘ne so bescheidne Speise,
dass sie nicht mal zu Buche schlägt
für einen, der nach Menschenweise
nur ungern abzugeben pflegt.

Da macht es nichts, dass zu dem Mahle
er auch noch seine Kumpel ruft –
der Knauser, selbst der radikale,
es nicht unter Verluste stuft.

Hätt aber unterm Tisch das Treiben
er etwas länger ausgespäht,
hätt er gelernt, es zuzuschreiben,
der Sperlingssolidarität.

Die ähnelt wohl in manchen Zügen
dem Menschen, der zuhauf gern weilt,
nur dass er außer dem Vergnügen
auch noch sein Brot mit andern teilt.

Als wär von Jesus er beflügelt,
zu helfen seinem Bruderspatz –
indes der Pfaff noch immer klügelt:
Fürn Ötsch im Paradies kein Platz!

Ich aber hab Respekt gewonnen
vor diesem prächtigen Kumpan
und deshalb etwas nachgesonnen
auch über seine Lebensbahn.

Wo hat sein Zelt er aufgeschlagen,
wo bringt er seine Freizeit zu,
wenn nach des Tages Beutejagen
der Flügel fordert seine Ruh?

Er soll mit wen’gem sich bescheiden,
nicht fragen, wo er unterkroch –
‘ne Höhle reicht ihm in den Weiden
und notfalls auch ein Mauerloch.

Und nicht mal das hat er alleine
zum ganz persönlichen Gebrauch,
nennt er ‘ne Spätzin doch die Seine
und süße Spatzen manchmal auch.

Es scheint ihm dennoch zu gefallen
das Wohngefühl auf engstem Raum,
da sich bei ihm die Bruten ballen
wie sonst bei andern Vögeln kaum.

Zufriedenheit ist seine Stärke,
sein karges Los beklagt er nicht,
im Gegenteil, für gute Werke
übt weiterhin er gern Verzicht.

Und da sein Glück er schon gefunden,
was soll er in die Fremde ziehn,
den halben Globus zu umrunden
für zweifelhafte Utopien?

Standvogel also. Heimattreuer.
Nährt redlich sich im eignen Land.
Dem große Reiseabenteuer
vom Hörensagen nur bekannt.

Es fehlt ihm ja nicht mal an Bissen,
bedeckt ein Schneetuch seinen Tisch –
dann muss er Korn und Knospe missen,
doch nicht das Brot, das immer frisch.

Ich möchte Philosoph ihn nennen,
Diogenes der Vogelheit,
dem Fragen untern Krallen brennen,
für die der Dompfaff keine Zeit.

Der pfeift mit schillerndem Gefieder
und sichtlich stolzgeschwellter Brust
den ganzen Kanon seiner Lieder
aus selbstzufriedner Sangeslust.

Der Spatz indes, wie jener Weise,
der in ‘nem wind’gen Fass gehaust,
begnügt mit Wohnung sich und Speise,
vor denen es die meisten graust.

Er geht auch nicht in Samt und Seide
und stellt sein feines Tuch zur Schau
als farbenprächt’ge Augenweide
der Marke Westentaschen-Pfau.

Nein, als verkappter Jesus-Jünger,
der’s ernsthaft mit der Armut hält,
scheint diese ihm der beste Dünger
für eine friedlich blühnde Welt.

Nicht wie die einst auf Petri Throne
in der Prälaten Purpurrot –
nein, in der Kutte braunem Tone
erbettelt er sein bisschen Brot.

Hier kocht die See

Wir freun uns auf ein gutes Essen
da, wo man prima kocht und brät –
doch wo sonst Dutzende gesessen,
ein Stapel leerer Stühle steht.

Die Arbeitswoche abgeschlossen
und dieser Laden ganz verwaist?
Wo sind denn bloß die Zeitgenossen,
die sonst hier freitags angereist?

Indessen einen Tisch wir finden,
als ob heut Totensonntag wär,
sehn draußen, aufgepeitscht von Winden,
entfesselt wir das dichte Meer.

Die Brandung, sonst im Zaum gehalten,
dass plätschernd sie ans Ufer spült,
entlädt sich ihrer Wellngewalten
und tief sich in die Sande wühlt.

Das war ein Donnern und ein Toben,
als hätt den Dreizack da gerührt
ein Neptun, der den Wichten droben
Titanengeist vor Augen führt.

Dort türmte er zu Monsterwogen
die Flut, die auf die Schorre stieß,
dass brechend sie in hohem Bogen
ihr Leben an der Buhne ließ.

Da trieb er sie in steten Schüben
weit auf den unbewehrten Strand,
mit Schlick und Schlamm ihn einzutrüben,
eh Ruh sie in der Dünung fand.

Und wie’s so brodelte und schäumte
um Wellental und Wellenkamm,
ein muntrer Kellner nicht versäumte
zu tummeln sich fürn Kundenstamm.

Wir ließen uns das Essen schmecken,
den Blick auf diese Schau gebannt,
die Angst uns hätt gemacht und Schrecken,
wärn wir auf See jetzt statt an Land.

Und während wir die Zeit verprassten
in unserm sichern Krähennest,
hielt mancher mit dem Knipsekasten
da draußen das Inferno fest.

Und schrumpfte die Naturgewalten
zum Daumennagelbildchen ein.
Ob er sich dabei wohl gehalten
wie ich – für so unendlich klein?

Glaubensstreiter

Die Wissenschaft ist fortgeschritten,
seit sie geschlüpft in Hellas‘ Nest,
erwachsen längst und schon im dritten
Jahrtausend mit dem Wiegenfest.

Was hat sie nicht schon rausgefunden
seit Heraklits und Thales‘ Zeit:
So, dass die Sterne dort umrunden
nur Priester noch im Narrenkleid.

Und dass die Erde, die als Scheibe
man sich im Mittelpunkt gedacht,
‘ne katzenbuckelart’ge Bleibe,
die Männchen vor der Sonne macht.

So, dass der Mond mit den Konturen,
die wechselnd er am Himmel zeigt,
nur noch den simpelsten Naturen
verwirrend in die Birne steigt.

Und dass im Wüten der Gewalten,
in Dürre, Feuer oder Flut,
Gericht nicht zorn’ge Götter halten
über die sünd’ge Menschenbrut.

So wenig wie sie Majestäten
aus Gnade je ‘nen Thron verpasst,
sie ihnen ähnlich anzubeten,
und sei’n sie auch dem Volk zur Last.

Und so den Pfaffenspruch entlarven
als Werbung für den Klingelpott,
dass Engel einst den Leib beharfen
und alle Obrigkeit von Gott.

Da sind wir nun. Die Welt entschlüsselt.
Kein Schlupfloch für Schamanen mehr.
Die Alster in die Elbe flüsselt.
(Auch Dichter haben’s manchmal schwer.)

Erforscht bis in die Einzelheiten.
In Bild und Schrift und Ton fixiert.
Der Teufel müsste einen reiten,
der da Schimären noch gebiert.

Und wie er reitet – gar in Würden,
es hilft die halbe Welt ihm auf:
Was sind ihm Fakten schon für Hürden,
ist’s Kleinhirn erst in vollem Lauf!

Man sieht nicht und man will nicht sehen.
Man hängt am alten Gängelband
der Pfaffen, die die Forschung drehen
je auf den neusten Bibelstand.

Wie nie ist heut die Welt gespalten
in Geister der verschiednen Art –
die einen mit dem Hirn es halten,
die andern noch mit Kaisers Bart.

Bei Letztren heißt’s vergeblich hoffen,
dass einmal der Verstand sie lenkt –
sie sind nur für die Märchen offen,
die früh man in ihr Herz gesenkt.

Und während doch aus Lichtpartikeln
das Nichts im All zum Sein gefror,
leiht noch den Konfessionsartikeln
vom Schöpfergott der Arsch sein Ohr!

Des Sonnenhauses letzte Pforten
hat man inzwischen schon erreicht,
indes der Klerus allerorten
kein Jota von der Stelle weicht.

Für Unsinn just wie auserlesen
scheint mir der Kirche Superheld:
Der Papst, ein winzig sterblich Wesen –
und segnet doch die ganze Welt!

Teilweise paradiesisch

Der Urlaub und die süße Stille,
die dem Gestressten er verheißt –
‘s ist längst der Seele Wunsch und Wille,
dass sie an diese Küste reist.

Kann ihr was Besseres passieren?
Von Schnee und Regen keine Spur.
Hier scheint die Sonne … zu regieren
beharrlich über Flut und Flur.

Und treibt selbst an den Wintertagen
noch manche Blüte aus dem Busch –
Hibiskus sieht man feurig ragen,
Trompetenblumen hängen: Tusch!

Das Meer, bis an die Kimm und weiter
ein ewig zuckendes Reptil,
gibt sich hier friedlich meist und heiter
und bäumt bedrohlich sich nicht viel.

Wenn Paradies nicht, dann Idylle.
Und der betagte Wandersmann,
dass seinen Traum er sich erfülle,
er siedelt sich hier fröhlich an.

Doch bleibt nicht ungetrübt die Freude,
wie alles seine Kinken hat –
die Nachbarn im und ums Gebäude,
sie setzen oft die Stille matt.

Die Straße, die sich schnurgerade
entlang der Meeresküste zieht,
empfiehlt sich dem bereiften Rade
als ideales Renngebiet.

Den Gang hier möglichst höher schalten
und volle Pulle ins Pedal,
um seine Kiste zu entfalten
zum Gipfel der Umdrehungszahl!

Die lässt sich das nicht zweimal sagen
und zieht miteins gewaltig an,
dass ihren Motor vor Behagen
man weithin heulen hören kann.

Doch auch der Strand, der als Oase
der Ruhe schlechterdings mir galt,
entpuppte sich in mancher Phase
als Quell akustischer Gewalt.

Lokale, die sonst friedlich schlummern
im Küchendunst von Speck und Öl,
sie lassen samstags Bässe wummern
zu eines Barden Pop-Gegröl.

Wer zu beschaulicher Lektüre
an diesem Tage sich bequemt,
dem hätten Wagner und „Walküre“
nicht wirksamer das Hirn gelähmt.

Ja, selbst die abonniert auf Frieden,
die Kirche drüben macht Verdruss,
wenn sie die Klöppel schwingt hienieden
für Messe oder Angelus.

Doch ist das alles noch nichts gegen
das hausinterne Potenzial,
das tausendfach mit Hammerschlägen
dem Donnergott die Schau schon stahl.

Und um ihn noch zu übertönen
mit Lärm, der an die Nieren geht,
lässt öfter man ‘nen Bohrer dröhnen,
der noch spätabends Löcher dreht.

Genügend Gründe, umzutauschen,
was man so fehlerlos mir pries?
Im Bett nachts, wenn die Wellen rauschen,
erwacht der Traum vom Paradies!