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Neujahrswünsche

Sein Pulver hat es nun verschossen,
das alte Jahr um Mitternacht
und donnernd allen Volksgenossen
den Weg ins neue freigemacht.

Den hat begeistert man beschritten,
ach was!, bejubelt und behüpft –
doch auch nach alter Väter Sitten
so manchen Wunsch daran geknüpft.

Denn nie ist’s ja so gut gewesen,
wie wir’s zu unserm Glück begehrn,
dass stets wir traun den neuen Besen,
weil sie bekanntlich besser kehrn.

Ganz oben auf besagter Liste,
der’s nicht um bloßes Spielzeug geht:
Dass endlich die Beziehungskiste
den Völkern friedlicher gerät.

An allen Ecken, allen Enden
wütet des Kriegs verheer’nder Brand,
gelegt von Oberschurkenhänden,
ins Chaos stürzend Leut und Land.

Und keiner packt bei Arsch und Kragen
dies niederträchtige Geschmeiß;
die Mächte wolln sich drum nicht schlagen
und waschen sich die Westen weiß.

Da sehen wir an Grenzen stoßen
die Menschlichkeit, die viel beschworn –
‘ne Floskel nur im Maul der Großen,
zur Tat noch längst nicht ausgegorn.

Das darf auf Dauer nicht so bleiben.
Punkt eins. Ein Häkchen, abgecheckt.
Nun zu den Gasen, die da treiben
den Globus in den Heiz-Effekt.

Dem Klima gilt an zweiter Stelle
die Sorge, die um morgen kreist –
verstopfen möchte sie die Quelle,
aus der sich die Erwärmung speist.

Denn Fluten, die sich Länder holen,
und Dürre, die sich Wüsten schafft,
vermindern zwischen beiden Polen
den Boden mit der Zeugungskraft.

Die Lust, den Hintern zu beheizen
und seinen Wagentank zu fülln,
muss endlich mit den Stoffen geizen,
die unheilbringend uns umhülln.

Und immer noch gibt es Millionen,
die Hunger leiden auf der Welt
und meist in Dreck und Enge wohnen,
dass sie auch Krankheit leicht befällt.

Am schlimmsten aber trifft die Kleinen
der Armut angeborner Fluch –
heut hungernd in den Schlaf sich weinen,
und morgen auch kein Schulbesuch,

Um jene Weisheit zu erwerben,
mit der man Job und Brot gewinnt:
So liegt ein Leben schon in Scherben,
bevor es richtig noch beginnt!

(Läuft’s in den reichen Staaten besser?
Nicht viel. Bei uns zumindest nicht.
Es liefert immer mehr ans Messer
der Staat das Kind der Unterschicht.)

Um was man wünscht auch zu erhaschen,
da bräuchte es ‘nen Flaschengeist;
doch leider herrscht der Geist von Flaschen,
der auf die besten Wünsche scheißt.

So wird von einem Jahr zum andern
der Hoffnung alter Brauch geschürt,
dass dieser Weg, auf dem wir wandern,
uns irgendwann zum Guten führt.

Doch ist den rüden Menschenseelen
ein solcher Fortschritt zuzutraun,
die ja Verbrennen, Köpfen, Pfählen
ertragen, ohne wegzuschaun?

Und auch für Frauen, Greise, Kinder
Erbarmen oftmals nicht gekannt,
indes die Schlächter sie und Schinder
„Politiker“ naiv genannt?

Gomorrhas Pech- und Schwefelregen
wird uns das Schicksal nicht ersparn;
wird alle von der Erde fegen –
auch die Gerechten, die da warn.

List der Schöpfung

Natürlich sind wir klein geraten,
sofern man uns am Globus misst,
und auch von andern Körperdaten
nichts Großes zu erwarten ist.

Wie aber konnte es geschehen,
dass nicht der Erde Kommandant
der mit den größten Ohrn und Zehen
geworden ist, der Elefant?

Hat die Natur in blindem Eifer,
weil einen Vormann sie gesucht,
den speerbewehrten Steppen-Streifer
mit größren Lappen Hirns betucht?

Mit denen er dann produzierte
das tödliche Verstandesgift,
bis schließlich er der Welt diktierte
Gesetze mit der Faustkeilschrift.

Die mählich zwar im Lauf der Zeiten
verschiedne Stadien durchlief,
doch ohne jemals zu bestreiten
den Geist, der sie ins Leben rief.

Es zieht sich wie ein roter Faden
durch das, was man Geschichte nennt,
bis auf nur wenige Dekaden
Gewalt, die kein Erbarmen kennt.

Da sind der Wilde mit der Keule
und der mit Hochkultur sich gleich:
Man haut dem andern eine Beule,
die groß genug fürs Schattenreich.

Und ist der Gegner erst gefallen,
das Weib verwitwet, Kind verwaist,
in seines Volkes Ruhmeshallen
man ihn als Superhelden preist.

Als ein Problem der Perspektive
erweist sich so die Menschlichkeit –
was Siegern Freude macht, naive,
schafft den Besiegten echtes Leid.

Muss man erst Rechenkünstler bitten,
mal unterm Strich zu kalkuliern
und zu beweisen unbestritten,
dass alle dabei nur verliern?

Wer heut geschunden und getreten,
ist morgen der schon, der bestimmt,
und zeigt dem Pein’ger ungebeten,
wie grausam süß man Rache nimmt.

Der Mensch, so geistig aufgerüstet,
dass fast er zu den Sternen fliegt,
sich immer noch der Dummheit brüstet,
mit der er selber sich bekriegt.

Ein Fehler der Natur, ich finde.
Am besten hätt sie lahmgelegt
zum Schutz der frischen Großhirnrinde
die kleine, die noch Früchte trägt.

So geht’s, wenn man ‘nem Allesfresser
die Welt als Weide überlässt –
er liefert schließlich sie ans Messer
und gibt ihr (und sich selbst) den Rest.

Weit besser wäre sie gefahren
mit Tiern, die sich an Gras erfreun
und statt ein Wildbret sich zu garen,
nur Trockenfutter wiederkäun.

Was soll ich aber groß noch klügeln?
Die Schöpfung hat es längst gemerkt
und sucht den Schnitzer auszubügeln –
indem sie tödlich ihn verstärkt.

Traumreise

Tief eingetaucht in meine Kissen,
der Federn Fülle nicht zu missen
und nicht der Decke warme Haut,
hab ich mich Träumen überlassen,
die alles in ihr Auge fassen,
was das Gedächtnis überschaut.

Da stand ich oben auf der Brücke
und starrte in die Nacht hinaus,
in diese große grelle Lücke
aus Blitzlicht und aus Sturmgebraus.

Die See, sie schäumte und sie kochte
wie völlig außer Rand und Band.
Ich hörte, wie das Herz mir pochte.
„Voraus“, schrie einer, „Helgoland!“

Die Muck hielt krampfhaft ich umklammert,
schlang ständig Kaffee in mich rein.
Der Bestmann nur, der hat gejammert:
„Gott, diesmal haut’s uns kurz und klein!“.

Mit stetem Stöhnen und mit Stampfen
schob die Maschine uns voran –
jetzt nur nicht stoppen: weiterdampfen,
sonst holt uns der Klabautermann!

Und ständig diese Schrecksekunden,
wenn jäh im Gischt der Bug verschwand
und nach gefühlten ew’gen Stunden
sich wieder aus den Wellen wand.

Es dachte keiner jetzt an Schlafen –
nur unser Alter, Jakobeit.
Der fand noch einen Hafen
in seiner langen Fahrenszeit.

An Backbord, wen’ge Meilen weiter,
rang noch ein Trawler mit der Flut,
im Zwielicht wie ein Geisterreiter,
ein Schatten ohne Fleisch und Blut.

Dann jäh ein Schlag. Und Stille wieder –
als wär der Horrortrip vorbei
und ruhten unsre steifen Glieder
lebendig oder tot am Kai.

Doch lag im Bett ich warm geborgen,
von einer Tür geweckt, die schlug
und mich befreite von den Sorgen
in diesem wahren Höllenspuk.

Als weiter zu mir ich gekommen,
hab ich als Erstes, noch verschwommen,
den blauen Ozean gewahrt.
Hat er den Traum mir eingegeben,
um vorteilhaft sich abzuheben
von meiner ersten Meeresfahrt?

Schmutziges Geschäft

Wie fern dem Lyriker sie liegen,
die Wörter, die vulgär man nennt –
doch kann er auch das Kotzen kriegen,
wenn ihm was untern Nägeln brennt!

Man stell sich vor in diesem Falle
(ein Beispiel unter vielen nur),
der Staat erklärt als Pillepalle
den Chemo-Krieg mit der Natur!

Erinnert euch, was schon als Kinder
ihr in der Schule eingepaukt:
Der Tier- und auch der Umweltschinder
ist eine Type, die nichts taugt.

Drum gilt der Gans, vom Fuchs „gestohlen“,
dass er sich weidlich von ihr nähr,
ein Mitleid bis zum „Jäger holen“
mit seinem Piff-Paff-Schießgewehr.

Und auch: Am Weg nicht Blumen rupfen,
lasst Raute und Kamille stehn,
sie helfen gegen Schmerz und Schnupfen
und sind so prächtig anzusehn!

Vor allem aber: Leib und Leben
der Menschen sind das höchste Gut,
das wir bei jeglichem Bestreben
zu schützen haben – absolut.

Den Lütten kann man es noch sagen,
sie glauben ja den Großen blind,
bis einmal selbst zu hinterfragen
die Dinge sie imstande sind.

Dann werden sie sehr schnell schon merken,
was hinter solchen Sprüchen steckt,
wie sie bei allen frommen Werken
die Heuchelei sich ausgeheckt.

Bei Weitem liegen an der Spitze
nebst unsern Pfaffen, „Gott befohln!“,
Politiker, die ihre Sitze
sich gern mit solchem Streusand holn.

Der aber meist so fein gemahlen,
dass ihn die Augen gar nicht spürn
und bei den nächsten Hirtenwahlen
die Schafe ihre Schlächter kürn.

Und diese Dummheit macht sie dreister
noch in dem schmutzigen Metier,
dass sie agiern als Herrn und Meister
nach Gusto über Wohl und Weh.

Die öffentlich sie gern vertreten,
Prinzipien von hohem Sinn,
sind ihnen eher ungebeten
nach dem geglückten Machtgewinn.

Dann mögen sie sich gar erfrechen,
sich zu entlarven vor der Welt
und alle Schranken zu durchbrechen,
die selbst sie einmal aufgestellt.

Vernunft und Fakten abgeschaltet,
gibt nur der Wille noch Befehl,
wie seinen Einfluss man entfaltet
für die Partei plus Klientel.

Und während sie „Gemeinwohl!“ brüllen
und „Umwelt vorneweg!“,
gestatten üppig zu vergüllen
die Felder sie mit Rinderdreck.

Und noch eins drauf: Die Schafsvertreter
befragen ihren Hütehund –
der knurrt, dass jeder Unkrautjäter
sich einmal reißt die Finger wund.

Ein Fall für die Chemiegiganten:
Ein Mittelchen noch toppt den Mist,
das nur peniblen Kaffeetanten
nicht blitzeblank geheuer ist.

Es sei nicht, faseln sie, erwiesen,
dass es total bedenkenlos –
und folgen so den Expertisen
von ein paar Wichtigtuern bloß!“

Doch hat die Vorsicht nicht geboten
gerade auf polit’schem Feld,
Gefahren erst mal auszuloten,
eh man sich blindlings ihnen stellt?

Das muss doch wohl auch anders gehen,
entscheidet der Parteityrann:
Solln sie das Zeug doch weiter säen,
bis man das Gift beweisen kann!

Erst muss das Kind in’n Brunnen fallen:
Und sind die Schäden offenbar,
ist der Empörteste von allen
er, der „schon immer skeptisch war“.

Er selber fühle sich betrogen,
so lamentiert er sich heraus –
nicht wahr, doch auch brillant gelogen;
und so was zählt im Hohen Haus.

Ja, aus der ganzen fiesen Nummer
schlägt er noch kräftig Kapital:
Zeigt werbewirksam seinen Kummer
beim Pflichtbesuch im Krankensaal.

Gewissensbisse? Fehlanzeige.
Die Macht bewahrn um jeden Preis –
dies Motto spielt die erste Geige
wie sonst auch im Kollegenkreis.

Nur dass die nicht die Pauke hauen –
die Flöte blasen sie diskret;
wobei, in Hameln nachzuschauen,
auch alles übern Deister geht.

Keine Rentenlüge

Wie lustig ist das Rentnerleben,
wenn’s nur den rechten Platz erhascht
und statt am Apfelbaum zu kleben,
des Südens süße Früchte nascht.

Ich muss mich gar nicht viel bewegen,
und schon ist dieses Bild real –
zehn Schritte hinterm Haus gelegen:
das nächste kleine Strandlokal!

Was, Strand? Heißt das in Meeresnähe
mit garantierter Abendglut? –
Ja, da sich strecken, heißt die Zehe
taucht wirklich beinah in die Flut.

An der auch ein paar Büsche lecken –
zwar hemmend nicht den Blick zur Bucht,
doch mit dem Wall, den sie bedecken,
ein Bollwerk gegen ihre Wucht.

Aus deren dunkelgrünem Grunde
noch immer feurig sich erhebt
Hibiskus, der die Dämmerstunde
mit stillem Fackelschein belebt.

Im Schulterschluss an seiner Seite
ein Strauch, der schon zu schlafen schien:
Längst seine Blüten er verschneite,
die weißen, duftend – Nachtjasmin.

So könnte schier man satt sich sehen
an diesem Zipfel der Natur,
würd sich der Kellner nicht verstehen
auf Früchte aus der Meeresflur.

Er brachte Steinbutt auf dem Teller,
zwei handbreitgroße Stück Filet,
fast fangfrisch aus dem Vorratskeller
am rauen Fuß der Küstensee.

Die unverzüglich Gnade fanden
vorm Auge, das ja mit uns isst,
und eh sie noch am Gaumen landen,
die Güte des Geschmacks bemisst.

Der Anblick hielt, was er versprochen,
und seinen Ruf als Speisefisch
der Butt, der nunmehr seit Epochen
ein gern gesehner Gast am Tisch.

Gesellschaft, die in höchstem Grade
willkommen unserm müß’gen Freund,
der Tag für Tag hier am Gestade
nach seltenen Genüssen streunt.

Der Einkauf selbst, den wir zu Hause
nur widerwillig absolviern,
weil öd der Weg von unsrer Klause
und Regen geht uns an die Niern,

Der ist hier von ganz andrer Güte:
Man schlurft am Strand ein hübsches Stück,
packt seinen Käse in die Tüte
und schlurft im Sonnenschein zurück.

Na ja, was soll ich noch erzählen?
Die Weisheit hat ja schon so’n Bart
für euch, die ihr, euch fortzustehlen
vom Job, schon selbst im Süden wart!

Im Allgemeinen zwei, drei Wochen,
fürs nächste Mal gespart den Rest –
wogegen mich ununterbrochen
hier die Pension jetzt wohnen lässt.

Genügend Zeit, um zu genießen,
was so ein Kurztrip unterbricht.
Doch ließ ich auch die Zügel schießen,
zum bunten Hund würd ich hier nicht.

In diesen segensreichen Breiten
ist ja der Vögel Sammelplatz:
Zuhauf sie unter Palmen schreiten –
beschwingt von ihrem Rentensatz!

Der Sonne nach

Auf einen Wetterumschwung hoffen?
Auf etwas Sonne, lang entbehrt?
Ach, eher sind wir abgesoffen,
als dass uns mal ein Hoch beschert!

Dem Sommer war nicht anzumerken,
dass er des Jahres heiße Braut,
er prunkte mit virilen Werken,
die nur dem Herbst man zugetraut.

Der hat das Ruder übernommen
und diesen wind’gen Kurs behält,
auf dem bisweilen nur verschwommen
die Sonne aus den Wolken fällt.

Da galt’s, ‘ne Arche sich zu suchen,
um dieser Trübsal zu entfliehn,
und einen Touri-Trip zu buchen
mit besten Wettergarantien.

Ich habe Helios angerufen,
dass er als Fachmann sich erklärt –
der meint, dass ohne Schlittenkufen
man immer gut in Spanien fährt.

Denn er höchstselbst in diesen Landen
auch gern im Winter noch verweilt
und, da genug davon vorhanden,
die Wärme mit den Leuten teilt.

Mit diesem göttlichen Orakel
begab ich mich getrost auf Fahrt –
jetzt wussten wir, wo ein Debakel
mit Frost und Hagel uns erspart.

So kam man an die „Sonnenküste“
(bis Málaga ein Katzensprung),
wo ich zum Bleiben mich nun rüste
in ewig heitrer Witterung.

Drei Tage sind derweil verstrichen,
seit uns der Flieger ausgespuckt,
in denen es zu sommerlichen
Vergnügen uns sofort gejuckt.

Zunächst ein Essen um die Ecke
im anspruchslosen Strandlokal,
dass gleich ich auf der Zunge schmecke
die Landeskost zum ersten Mal.

Vorzüglich, hm!, die frischen Sachen,
die jüngst erst aus dem Meer gefischt
und für gefräß’ge Nordmann-Rachen
gleich haufenweise aufgetischt.

Da galt es, sich zu konzentrieren
ganz auf den zu beladnen Bauch
und kau’nd das Auge zu verlieren
fürn Seeblick mit Hibiskus-Strauch.

Am zweiten Tage ausgeflogen
nach Osten an der Küste lang,
wo uns ein Städtchen angezogen,
das hoch sich auf ‘nen Felsen schwang.

Gekrönt von Mauern und von Zinnen,
die noch ein Sultan einst gebaut,
von wo mit seinen Sultaninnen
im Sommer er aufs Meer geschaut.

Tag drei auf kurvenreicher Strecke
hinauf ins höhre Hinterland
bis zu dem malerischen Flecke,
der uns von früher schon bekannt.

Vom Parkplatz dann noch ein paar Schritte
‘ne Steigung hoch von zig Prozent,
schon warn wir in des Dorfes Mitte,
wo gegen man die Kirche rennt.

Doch statt nach pappigen Oblaten,
die frömmelnd man zerkauen muss,
stand uns als echten Satansbraten
der Sinn nach fleischlichem Genuss.

Wir mussten uns nur niederhocken,
wo man auf Tapas sich versteht.
Im Kirchturm nebenan die Glocken
ersetzten uns das Tischgebet.

Und nun? Die gute Fee verschwunden,
die liebevoll mich hergebracht,
dass in den tausend künft’gen Stunden
die Einsamkeit mir bange macht!

Na, na, mein Freund, nicht gleich verzagen,
geht doch erst los mit dem Pläsier –
ein blaues Band von Sonnentagen
schlingt heiter sich ums Leben hier.

Im Winde sich die Palmen wiegen
und endlos sich am Ufer reihn,
in deren Nestern Kinder kriegen
die selbst noch grünen Papagein.

Dem stillen Meer nicht anzumerken
die Energie, die’s aufgestaut,
wenn’s mit den höchsten Seepferdstärken
dem Firmament entgegenblaut.

Tavernen, gleichsam aufgefädelt
wie Perlen auf dem Rosenkranz,
dass seinen Gaumen man veredelt
mit Zunge und mit Hummerschwanz.

Die Götterkost und das Gefilde,
das Berg und Meer perfekt vereint,
bewirken, dass auf manchem Schilde
der Name „Paradies“ erscheint.

Wie diesem Urteil sich nicht beugen?
Was gibt es, das man mehr begehrt?
Allein schon täglich Sonne säugen
ist dieses Lobs vollkommen wert.

Dann in der vierten Nacht ein Rauschen,
das Regen mich erahnen ließ.
Sollt meinen Traum ich deshalb tauschen?
Auch Wasser braucht’s im Paradies.

Die dümmste Masche

Ob sie das wirklich rausgefunden,
wohl eher in den Sternen steht –
doch bieten ihren Fernsehkunden
die Sender Super-Qualität.

Was immer sie auch präsentieren
in Dokus jeglicher Couleur,
es ähnelt einem Grand mit vieren,
Kreuz Bube, Pik und Karo, Cœur.

Kein Wunder, dass zu Bergen grade
es ihre Teams zum Filmen zieht,
in deren zackiger Fassade
man schön die Gipfel übersieht.

Man muss nicht lange überlegen,
um wen die Luft am dünnsten weht,
man weiß nach wen’gen Wimpernschlägen:
Der ist’s, und da wird auch gedreht.

Kaum macht man’s mal ‘ne Nummer kleiner,
schon schüttelt sich der Intendant –
denn werden erst die Themen feiner,
geht’s Michel über den Verstand.

Viel besser ist es, ihn zu füttern
mit Super- und mit Elativ,
um seine Seele zu erschüttern,
die nichts sonst aus dem Schlummer rief.

Und wie bei Bergen, so bei Flüssen:
Wer schenkt ‘nem Winzling seine Zeit?
Man wird den längsten zeigen müssen,
europa-, deutschland-, erdenweit.

Will einen Wagen man beschreiben,
nimmt man nicht irgendeinen nur –
den mit den dicksten Panzerscheiben,
mit dem sogar der Papst schon fuhr!

Die allerschönste Frau auf Erden –
dem Anblick widersteht kein Mann;
nur schnell Miss Universum werden,
schon klopft der Sender bei dir an.

Er rät die auch in puncto Reisen,
wenn dich die Wanderlust befällt,
und wird dir seine Liste preisen
mit den erstaunlichsten der Welt.

Auch Tiere sind nicht ausgeschlossen
von diesem elitären Spiel –
sei’s wegen größter Rückenflossen,
sei’s als das klügste Krokodil.

Soll Pflanzen man damit verschonen?
Mehr Unterschiede gibt’s ja kaum!
Was ist ein Wald von Anemonen
gegen den höchsten Mammutbaum?

Und schließlich die Millionen Bauten,
von Menschenhand geformt aus Stein?
Für diese schlichten, altvertrauten
erwärmt sich heute doch kein Schwein.

Nur wenn sie samt Antennenspitze
sich bohren bis ins Himmelblau,
reißt es Herrn Meier noch vom Sitze,
selbst schnarchend vor der “Tagesschau”.

Der Freund von Pils und Jägerschnitzel,
der weidlich Krimis konsumiert,
braucht einfach einen Nervenkitzel,
dass er die Kucklust nicht verliert.

Und folgerichtig sich vermehren
gleich einem blühenden Ekzem
die Themen, die wie Krimis zehren
auf ihre Weise vom Extrem.

Da geht die ganze Ehrfurcht flöten
vor dieser Schöpfung aus dem Licht –
statt vieler Quappen gelten Kröten
als einz’ge Münze von Gewicht.

Der Schöpfung bunte Kreationen
sind alle von so einz’ger Art,
dass unsre Gier nach Sensationen
die ganzen Wunder nicht gewahrt.

Und die Natur selbst ist bescheiden
und tut mit ihrer Kunst nicht groß –
den Löwenzahn nährt auf den Weiden
sie wie den Leu im Wüstenschoß.

Kunst im Haus

Längst war mir diese leere Stelle
an meiner hohen Stubenwand
ein Dorn im Auge, eine Quelle
des Grübelns für den Kunstverstand.

Da muss was hin, so der Gedanke,
der öfter mir ans Schienbein trat –
doch wenn an irgendwas ich kranke,
dann am Entschluss zur raschen Tat.

Reicht es, ein Poster hinzupappen
auf den papiernen Untergrund
mit einem saubren Leinenlappen
wie’n Puder auf den Po, der wund?

Nein, sollte doch solider werden:
ein Druck von ein’ger Qualität,
um nicht den Leumund zu gefährden,
der mit den Pixeln fällt und steht.

Doch dieser Tage, stark beflügelt
von Lilchen, meinem guten Geist,
hab ich nicht mehr nur rumgeklügelt,
sondern gezeigt, was handeln heißt.

Urplötzlich war‘n Motiv gefunden
aus allen, die mir lange lieb,
das wie ein Doktor seinem Kunden
ich meiner bleichen Wand verschrieb.

Ich will’s ein bisschen spannend machen
und mit der Tür ins Haus nicht falln,
vielleicht den Ehrgeiz auch entfachen,
die Sache von allein zu schnalln.

Kein Drama, keine Leidenschaften,
dass ächzend sich die Leinwand biegt –
nur stilles An-der-Scholle-Haften,
die reglos in der Sonne liegt.

Vom Vordergrund führt eine Schneise
gemütlich weiter in die Flur,
mit Kohl bepflanzt nach alter Weise
in Reih und Glied wie an der Schnur.

Und Büsche rechts und links begrenzen
den Blick auf dieses Stückchen Land,
in dessen Mitte golden glänzen
die Ähren hoch am Wegesrand.

Ein Acker, Raum und Zeit enthoben
als eines Sommertags Symbol,
und selbst die Haufenwolken droben
fahrn harmlos nur ins Blaue wohl.

Genug, den Meister zu erraten,
der hier sein Stühlchen aufgeklappt
und mitten unter blühnden Saaten
die Luft des „freien Lichts“ geschnappt?

Nein? Dann ringt weiter nicht die Hände.
Zur nächsten Strophe übergeht,
wo schließlich noch zum guten Ende
des Bilderrätsels Lösung steht.

Kornfeld bei Argenteuil der Titel.
Entstanden 1-8-7-3.
Ein völlig neues Kunstkapitel.
Alfred Sisley hiermit dabei.

Allgemeine Beschleunigung

Man geht noch immer gern spazieren
und wandert still durch Wald und Flur,
am Anblick sich zu freun, dem schieren,
der halb natürlichen Natur.

Doch scheinen wen’ger die zu werden,
die fröhlich ihre Stiefel schnürn,
um diesem Paradies auf Erden
auf Schusters Rappen nachzuspürn.

Dafür sieht man ins Kraut geschossen
die Typen, die nicht gern verweiln
und, wenn auch nicht auf hohen Rossen,
im Trabe durch die Büsche eiln.

Sie tragen weite Jogginghosen
und Botten, die man Sneaker nennt,
weil’s unter Veilchen und Mimosen
sich so doch am bequemsten rennt.

Desgleichen ältere Semester
im weiten Auslauf des Gehegs,
die da schon mal als Krückstock-Tester
mit Nordic Walking unterwegs.

Doch sind dies alles müde Schreiter
mit eingeschränktem Vorwärtsdrang,
verglichen mit dem Teufelsreiter
auf seinem Mountainbike-Mustang!

Der pest so durch die krummen Pfade,
als ob er gar nichts davon wüsst,
dass schon die kleinste Eskapade
ihn aus dem Sattel hauen müsst.

Um seinen coolsten Kick zu kriegen,
sind Stock und Stein ihm grade recht
und tückisch-unverhoffte Biegen,
an die man nicht im Traume dächt.

Ihm gleichen flüchtig die Touristen,
die auch den Abwärtstrend verspürn,
doch lieber auf verschneiten Pisten,
die sacht sie in die Täler führn.

Die wedeln mit beschwingten Hüften
im Bogen einen Hang hinab
und machen zwischen Klamm und Klüften
meist pünktlich vor der Hütte schlapp.

Vollenden da die rasche Reise
durch der Botanik Defilee
auf ihre wissbegier’ge Weise
mit Enzian und Jagertee.

Marschiert mit Rucksack auf dem Buckel
am Bach, am rauschenden, noch wer
geduldig über tausend Huckel
und Stolpersteine kreuz und quer?

Und jodelt seine Lust zu leben
begeistert über viele Meiln,
dass ihm die Berge Antwort geben
und offen seine Freude teiln?

Der Bach hat Besseres zu bieten
als sein romantisches Gerinn –
man kann sich auch ein Kanu mieten
und schießt auf seiner Flut dahin!

So kommt in Wirbeln und in Wellen
man rascher als im Gehen fort
und treibt in seinen tück’schen Schnellen
den quirligen, den Wassersport.

Wird‘s an der Küste anders laufen?
Liegt man da faul am Strand herum,
tritt tapfer in die Wattwurmhaufen
und macht für Muschelschaln sich krumm?

Nein, mit dem Wandel der Gezeiten
verändert sich auch hier die Welt
und kommt zum Surfen und zum Kiten
der Kurgast heut, der auf sich hält.

Die Wunder der Natur zu schauen
mit stillem, andachtsvollem Schritt,
in allen Gegenden und Gauen
ist das nicht mehr der große Hit.

Zumindest im verwöhnten Norden,
wo man nicht kämpft ums täglich Brot,
ist zu ‘nem Spielplatz sie geworden
fürn Fall, dass Langeweile droht.

Da kommt so’n Stiesel angebrettert
und macht ein Gänseblümchen platt
und merkt nicht mal, dass er zerschmettert
ein Kunstwerk der Natur er hat.

Ich fahr nicht so ‘nen heißen Reifen,
mir reicht die alte Schneckenspur.
Wenn Freunde mich zum „Dom“ mal schleifen,
dann niemals für ‘ne wilde Tour.

Lass andre in den Lüften kreischen
im Lustrausch sich die Kehle wund –
ich bleib, um Knacker zu zerfleischen,
am Würstchenstand auf sichrem Grund.

Ein Danaergeschenk

Allmählich geht der Spaß zu Ende.
Die Erde hat die Nase voll.
Schon ringt sie überall die Hände
in ihrem kaum verhohlnen Groll.

Und führt auch stärkere Geschütze
vermehrt in dies und das Gefecht –
hier Sturm in die Matrosenmütze,
da Hagel fürs Agrargeschlecht.

Das Eis der Pole lässt sie schmelzen,
der Gletscher, ebenfalls erhitzt,
dass sich in Meer und Flüsse wälzen
die Fluten, die sie ausgeschwitzt.

Hier schickt sie Dürre in die Lande,
dass Frucht und Vieh zugrunde gehn,
da lässt sie mit gewalt’gem Brande
der Wälder rote Hähne krähn.

Auch mit den Stößen ihrer Lenden
erwehrt sie gern sich ihrer Haut,
um Kampfsignale auszusenden
an diese Brut, die sie bebaut.

Die allerdings, der Schöpfung Krone
und Hirt „auf göttliches Geheiß“,
die int’ressiert sich nicht die Bohne
für ihren irren Seinsverschleiß.

Seit ihren ersten Kindertagen,
als noch gekrabbelt der Verstand,
empfahl man ihr ja nachzujagen
dem Geld als Lebensglücksgarant.

Und so geprägt von selbst Geprägten
vererbte sie den Tinnef fort,
dass niemals Zweifel sich ihr regten
an diesem goldnen Leistungssport.

Damit auch blind für die Gebrechen,
die sie dem Globus auferlegt,
wird dieser selbst sich doppelt rächen
für jede Wunde, die sie schlägt.

Das schöne Gleichgewicht der Kräfte,
Millionen Jahre Feinarbeit,
es wurd ein Opfer der Geschäfte,
mit denen sie nach Mammon schreit.

Der den versprengten Homo-Horden
als mächt’ge Waffe einst sich bot,
der Geist ist längst zum Fluch geworden,
der seine eigne Art bedroht.

Wer will, mag das für Zufall halten,
für menschliches Versagen auch.
Doch scheint mir, dass da Kräfte walten
nicht einfach aus dem hohlen Bauch.

Liegt es, mal ehrlich, denn im Sinne
‘ner Welt, die aus der Vielfalt lebt,
dass ein Geschöpf die Macht gewinne
und alles aus den Angeln hebt?

Um diesen Schnitzer zu beheben,
hat die Natur nicht große Not –
sie muss dem Geist nur Nahrung geben,
dann frisst er sich von selber tot.