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Ein kleines Wunder

Es wär ihm schier das Herz zersprungen,
die Haare hätt er sich zerzaust,
hätt unsre Weisheit wer gesungen
dem guten alten Doktor Faust!

Ist es denn nicht sein Wunsch gewesen,
„dass ich erkenne, was die Welt“,
in keinem Wälzer nachzulesen,
„im Innersten zusammenhält“?

Mit diesem unbändigen Willen
durchkreuzte er den Erdenkreis
und machte, seinen Durst zu stillen,
dem Teufel selbst die Hölle heiß.

Der schickte ihn auf vielen Stiegen
bis an die höchsten Himmelstürn,
doch schien ihm nichts daran zu liegen,
ihn auch ins Kleinste einzuführn.

Kein Wunder, dass der Typ gescheitert
mit seinem kühnen Höhenflug.
Viel später erst hat man erweitert
die Forschung auch um diesen Zug.

Und einen Kosmos sich erschlossen,
in dem nichts fest und dauernd schien,
der doch das Fundament gegossen
für eine Welt von Galaxien.

Atome, winzige Gebilde,
Trabanten kreisend um den Kern
so wie im himmlischen Gefilde
Planeten um den Mutterstern.

Doch dieser Kern lässt sich noch spalten,
wird erst zur Gänze kohärent,
wenn jeweils drei zusammenhalten
von achtzehn Quarks, wie man sie nennt.

Aus solchem feinen Teilchenflaume,
von ein paar Kräften nur belebt,
ist bis zu seinem letzten Saume
des Universums Stoff gewebt.

Und staunend müssen wir erkennen,
dass selbst der Sterne Majestät,
die blitzend in den Nächten brennen,
auf diesen schwachen Füßen steht.

Auch die lebend’gen Kreaturen,
die aus der Steine Schlaf erwacht,
verfolgt man rückwärts ihre Spuren,
sind aus dem luft’gen Zeug gemacht.

Nur dass bei ihnen dies Gewebe
zusammenfällt nach kurzer Frist,
weil die perfekte Kosmosklebe
für Leiber nicht geeignet ist.

Doch in ‘ner Gruppe von Gestalten
vermochte sich im Lauf der Zeit
das Hirn zum Geiste zu entfalten,
der ihnen manchen Vorteil leiht.

Er hilft, die Umwelt zu begreifen
mit ständig wachsendem Verstand
und jene Felle abzustreifen,
in die die Väter sie gebannt.

Der ist dem gleichen Quell entsprungen
wie die Materie, die ihn trägt,
doch weitaus feiner noch gelungen,
dass mehr er nach den Teilchen schlägt.

Es ist, als wäre er geboren
als jener Urwelt letztes Glied,
die sich mit tausend Detektoren
nun endlich selbst im Spiegel sieht.

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Ein Danaergeschenk

Allmählich geht der Spaß zu Ende.
Die Erde hat die Nase voll.
Schon ringt sie überall die Hände
in ihrem kaum verhohlnen Groll.

Und führt auch stärkere Geschütze
vermehrt in dies und das Gefecht –
hier Sturm in die Matrosenmütze,
da Hagel fürs Agrargeschlecht.

Das Eis der Pole lässt sie schmelzen,
der Gletscher, ebenfalls erhitzt,
dass sich in Meer und Flüsse wälzen
die Fluten, die sie ausgeschwitzt.

Hier schickt sie Dürre in die Lande,
dass Frucht und Vieh zugrunde gehn,
da lässt sie mit gewalt’gem Brande
der Wälder rote Hähne krähn.

Auch mit den Stößen ihrer Lenden
erwehrt sie gern sich ihrer Haut,
um Kampfsignale auszusenden
an diese Brut, die sie bebaut.

Die allerdings, der Schöpfung Krone
und Hirt „auf göttliches Geheiß“,
die int’ressiert sich nicht die Bohne
für ihren irren Seinsverschleiß.

Seit ihren ersten Kindertagen,
als noch gekrabbelt der Verstand,
empfahl man ihr ja nachzujagen
dem Geld als Lebensglücksgarant.

Und so geprägt von selbst Geprägten
vererbte sie den Tinnef fort,
dass niemals Zweifel sich ihr regten
an diesem goldnen Leistungssport.

Damit auch blind für die Gebrechen,
die sie dem Globus auferlegt,
wird dieser selbst sich doppelt rächen
für jede Wunde, die sie schlägt.

Das schöne Gleichgewicht der Kräfte,
Millionen Jahre Feinarbeit,
es wurd ein Opfer der Geschäfte,
mit denen sie nach Mammon schreit.

Der den versprengten Homo-Horden
als mächt’ge Waffe einst sich bot,
der Geist ist längst zum Fluch geworden,
der seine eigne Art bedroht.

Wer will, mag das für Zufall halten,
für menschliches Versagen auch.
Doch scheint mir, dass da Kräfte walten
nicht einfach aus dem hohlen Bauch.

Liegt es, mal ehrlich, denn im Sinne
‘ner Welt, die aus der Vielfalt lebt,
dass ein Geschöpf die Macht gewinne
und alles aus den Angeln hebt?

Um diesen Schnitzer zu beheben,
hat die Natur nicht große Not –
sie muss dem Geist nur Nahrung geben,
dann frisst er sich von selber tot.

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