Archiv der Kategorie: Natur

Knastkühe

Wo ist die Kuh auf grünem Anger,
die friedlich ihre Gräser käut,
von Babymilch das Euter schwanger
und jeder Schritt von Kirchgeläut?

Ein Bild, das immer mehr verschwindet,
weil es dem Eigner besser geht,
das heißt, mehr Milch er aus ihr schindet,
wenn „Liese“ nur im Stalle steht.

Und zwar zu hundert ihresgleichen,
die eine Wiese nie gekannt,
den Duft von Kiefern oder Eichen,
den Löwenzahn am Wegesrand.

Sie hausen auf Zementparzellen,
von Gitterstäben eingefasst,
als wärn es Raub- und Mordgesellen,
die büßen ihre Sündenlast.

Und hat man ihnen doch gestohlen
was jedem Wesen, das gebar,
ob Säugling, Gössel oder Fohlen,
seit je das Allerliebste war.

Um auch das Kälbchen zu betrügen
um seinen angestammten Trank –
es muss sich mit Ersatz begnügen
aus dem „humanen“ Chemo-Schrank.

Doch kann sie ihre Brut nicht säugen,
die Nahrung aus dem Beutel schleckt,
wie hilft der Kuh man vorzubeugen,
dass an dem Druck sie nicht verreckt?

Nun, wo mit kindlichem Behagen
genuckelt einst ein weicher Mund,
ist jetzt ein Saugnapf angeschlagen,
der melkt von selbst zur rechten Stund.

Auch sonst ist auf ihr Wohlbefinden
mit allen Mitteln man bedacht –
man pflegt ‘nen Clip ihr anzubinden,
der sie als Wanze überwacht.

Der schlägt mit findigen Frequenzen
auf ihre Leibsignale an,
damit man Störungen begrenzen
und sie bei Kräften halten kann.

Dem dient natürlich auch das Futter,
streng wissenschaftlich komponiert,
dass es der ahnungslosen Mutter
gewisse Drüsen optimiert.

Triumph der Technik: Mittlerweile
sind 20 Liter so am Tag
ein Witz, dass drüber keine Zeile
die „Landschau“ noch verlieren mag.

Die da von Technik angetrieben
im waagerechten Hamsterrad,
sie hat Geschichte längst geschrieben
und sich den 50 schon genaht.

Die Leistung aber, die erzielte,
sauteuer sie erkaufen muss –
normal sie sich bis zwanzig hielte,
doch so: Fünf Jahre, Exitus!

Doch schenkt auf ihre alten Tage
man ihr gewiss das Gnadenbrot?
I wo, zwecks bessrer Kassenlage
schickt man sie in den Schlachten-Tod.

Und sollten sich die Opfer fragen,
warum dies harte Los sie traf,
sie könnten nicht auf Tierschutz klagen –
es decken Norm und Paragraf.

Ich könnte allerdings mir denken,
bestimmten unsre Kühe mit,
sie würden sich die Marter schenken
und ihrem Milchdieb einen Tritt.

Flurbereinigung

Der erste Spielplatz, dem als Junge
ich samt Kumpanen mich gesellt,
war mitten in der grünen Lunge
ein Hügelchen im Stoppelfeld.

Es lag da gleichsam als Oase
in einem gelben Binsenmeer
und zeigte uns die Knollennase
ganz unverblümt von Weitem her.

Nichts konnte den Geräten gleichen:
naturbelassen, ohne Pfusch;
wir klommen auf die kleinen Eichen
und stöberten im Weidenbusch.

Ein Paradies für Lausebengel,
die sonst nur auf der Straße spieln
und über Blüten, Blatt und Stängel
die erste Kenntnis hier erzieln.

Dem „Feldherrn“ aber, unbescholten
von pädagogischem Kalkül,
vor Zorn sofort die Augen rollten
in bäuerischem Machtgefühl.

Er brachte schleunigst auf die Beine
‘nen Ordnungshüter jedenfalls
und hetzte, Köter an der Leine,
uns einen Tschako auf den Hals.

Mit Not sind beiden wir entkommen
und schlugen uns nach Hause durch,
wo zitternd wir uns vorgenommen,
dass unser Fuß kein Feld mehr furch.

Die Insel ist schon längst verschwunden,
der Bauer hat sie plattgemacht,
um seine Scholle abzurunden,
das heißt, indem er sie verflacht.

Für Vögel wie von unserm Schlage
war das ja nunmehr kein Verlust,
doch jeder Pieper da im Hage
das Feld genauso räumen musst‘.

Und immer größer wurd die Stille,
je weiter sich die Flur erstreckt,
die nach des Bauern Wunsch und Wille
mit einer einz’gen Frucht bedeckt.

Anstatt dass hier im Wechsel reiften
die Saaten Jahr für Jahr von vorn,
sah nun, soweit die Augen schweiften,
man Kolben nur von gelbem Korn.

Kartoffeln, Roggen, Raps und Rüben
genau wie Hafer oder Klee,
mochte es manchen auch betrüben,
sie warn mit einem Mal passé.

Mit diesem Hang zur großen Masse
lag unser Bauer nicht verkehrt,
die Ernte füllte ihm die Kasse,
das Gelbe wurde Goldes wert.

Wie mancher Hausherr kein Gewissen
sich aus der Not der Mieter macht,
hat er sie alle rausgeschmissen,
die hier ein Leben schon vollbracht.

Die Welt, in der wir alle hausen,
beackert er in seinem Sinn –
der Affe sollte mich doch lausen,
bringt das auch anderen Gewinn.

Für sich indes und seine Erben
hat er die Weichen klug gestellt
durch dies lokale Artensterben
in Richtung auf das große Geld.

Dass so man macht die Flur rentabel,
begeisterte die ganze Zunft –
sie ehrte mit der „Goldnen Gabel“
ihn bei der Hauptzusammenkunft.

In sehr bewegten Dankesworten
hat zur Natur er sich bekannt –
und offen standen ihm die Pforten
zum Vorsitz im Agrarverband.

Wetteraussichten

Es ist dem Stausee anzumerken,
dass er ‘nen Schluck dazugekriegt.
Mag der sich gerne noch verstärken –
jetzt wird erst mal nicht ganz versiegt!

Des einen Freud, des andern Jammer!
Am Strand fiel’s nicht so glimpflich aus,
da schlug wie mit ‘nem Vorschlaghammer
der Sturm sich ganze Stücke raus.

Und hat sogar zum großen Schrecken
am Bauch der kleinen Bars genagt,
die, Lust auf Fisch und Meer zu wecken,
zu weit ans Ufer sich gewagt.

Die müssen ihren Mut nun büßen
für diesen exponierten Stand
und baumeln mit den bloßen Füßen
auf Kippe überm Küstenrand.

Auch wo die Sande nicht versanken,
sah man sofort, wie’s da geweht –
mit Sträuchern, Flaschen, Plastik, Planken,
mit Trümmern alles übersät.

Das geht so schon die dritte Woche,
ein Ende ist nicht abzusehn.
Ich stecke fest in meinem Loche,
wo ich mich durch den Dämmer gähn.

Genauer: Über meinem Buche
dös unverhofft ich manchmal ein
und träumend mir ein Plätzchen suche
im schönsten Frühlingssonnenschein.

Erwach ich dann aus diesem Wahne,
es gleich mich zu erfahren drängt,
ob gegenüber noch die Plane
vor der geschlossnen Haustür hängt.

Der Nachbar, müsst ihr nämlich wissen,
dem’s öfter in die Bude schwappt,
schützt vor dem Regen sich beflissen,
indem die Schwelle er belappt.

Durch dies erprobte „Barometer“
zeigt ahnungslos der gute Mann,
ob ich mich früher oder später
getrost ins Freie wagen kann.

Es sind die alten Fischerkaten –
ein einz’ges Stockwerk unterm Dach;
wenn die in einen Guss geraten,
rauscht durch das Flett ein ganzer Bach.

Der Touri, der hier müßig schlendert,
den Anblick heiß und innig liebt.
Er steht, er staunt: „Noch unverändert.
Ein Glück, dass so was es noch gibt!“

O heiliger Kulturbanause!
Sieht alles nur im schönsten Licht,
doch nicht den Zustand dieser Klause,
die längst aus allen Fugen bricht.

Und hätte er im Weitergehen
sich kurz noch einmal umgedreht,
die Plane hätt er liegen sehen,
die ewig aus der Angel weht.

Blaues Band

An allen Ecken hier Mimosen,
die gelb in voller Blüte stehn
und wenn die Winde sie liebkosen,
ihr Köpfchen hübsch zur Seite drehn.

In dichten Büschen wo auch immer,
am Uferweg, am Straßenrand,
verbreiten sie den goldnen Schimmer
von Sommersprossen übers Land.

Ein schönes Zeichen, zu beteuern,
nachdem die Mandel nun verblüht,
dass Richtung Lenz wir wieder steuern,
der sichtlich schon vor Eifer glüht.

Die Sonne läuft auf vollen Touren
und schiebt die Sache mächtig an,
dass er schon bald mit frischen Fuhren
von Sträußen uns erfreuen kann.

Auch aus den ausgedörrten Zweigen
der Sträucher überall beginnt
die junge Brut des Grüns zu steigen,
weil wieder Saft in ihnen rinnt.

Der Korso mit den tausend Wagen
rollt wieder an auf seiner Spur,
um unsre Sinne sanft zu tragen
durchs bunte Schauspiel der Natur.

Das Meer, das ich so oft besungen,
wird dadurch ja nicht abgehakt.
Doch strömt der Frühling in die Lungen,
na, dann ist Landgang angesagt!

Die Höhle von Ardales

„He, schmeiß mir mal die Knolle rüber!
Doch auf den Fuß mir nicht, du Bock!
Dafür nimm diesen Nasenstüber.
Und nun den roten Zeichenstock!“

Wie überall stellt der Geselle
sich reichlich unbeholfen an,
was grade hier in der Kapelle
der Meister gar nicht leiden kann.

Denn pünktlich gilt es auszumalen
die vorbestimmte Weihestatt,
wie die Orakel sie empfahlen
und sie ein Traum bestätigt hat.

Vor Kurzem hat er aufgeschlagen
in diesem Saal sein Atelier
und Farben, Erden reingetragen
wie Brennholz vor dem ersten Schnee.

Und an den buckeligen Wänden
auch hier und da schon ausprobiert,
wo sich die besten Stellen fänden,
dass nichts versplittert und verschmiert.

Ein Klecks, ein Strich und andre Zeichen,
für manchen schon geheimnisvoll,
und warn doch nur ein Probestreichen,
dem das Gemälde folgen soll.

Inzwischen ist der Fels gefunden,
der alles hat, was man so braucht,
dass man in langen Arbeitsstunden
ihm Atem in die Rippen haucht.

Was gar nicht einfach untertage
in diesem weitverzweigten Schacht,
der mit ‘ner kühlen Wetterlage
und Feuchtigkeit zu schaffen macht.

Dann galt es auch zu überwinden
die Angst vor diesem Höllentor.
Wo aber sonst den Ursprung finden,
aus dem Lebend’ges sprießt hervor?

Und mochte auch die Fackel brennen,
von Fledermäusen schrill umschwirrt,
wie bei dem Flackern bloß erkennen,
wohin der Finger sich verirrt?

Doch ganz im Einklang mit dem Plane
hat zeitig man das Werk geschafft.
Der Häuptling und der Chef-Schamane
haben als Erste es begafft.

„Getroffen bis aufs Haar die Pferde,
die Ziege auch mit ihrem Bart,
die Weiber, Körper und Gebärde –
das nennt man Kunst der Gegenwart!“

Dem Meister fiel ein Stein vom Herzen –
die Obrigkeit war nicht pikiert,
befahl nicht, wieder auszumerzen,
was selbstbewusst er handsigniert.

Mit einer Feier, unvergessen,
beging die Kirchweih man darauf.
Der Seher las zwei Seelenmessen
und ließ der Gaudi ihren Lauf.

Nun hatte man zum ersten Male,
dass aller Brust sich ewig schwellt,
‘ne einzigart‘ge Kathedrale
zum Plaudern mit der Geisterwelt!

Der brave Steinzeit-Steuerzahler,
er hat wohl gern dafür geblecht –
als gläubiger Neandertaler
verhielt er so sich waidgerecht.

Ein Regentag

Den ganzen Tag hat es gegossen
wie seit Äonen schon nicht mehr,
und wie aus prallen Schläuchen schossen
die Wassermassen kreuz und quer.

War das ein Prasseln und ein Platschen
aus diesem lecken Wolkentank,
dass in der Loggia selbst das Quatschen
fast bis zum Hals darin versank!

Setz einen Fuß mal vor die Türe
und zieh ihn schleunigst wieder weg –
der Regen (nix mit Pediküre!)
haut deiner Socke einen Fleck.

Der Innenhof mit seinen Fliesen
schwamm fingerdick in dieser Flut,
die ganz im Sinn der Expertisen:
Mehr Regen tät dem Stausee gut.

Mit diesem tröstlichen Gedanken,
dass Feld und Frucht sonst bald verdorrt,
geriet mein Rochus doch ins Wanken
auf die Beries’lung immerfort.

Ich habe einfach abgeschrieben
den Gang hinaus ins Freie heut
und bin im Trockenen geblieben,
wo man sich schließlich auch zerstreut.

Man führt ein Tässchen sich zum Munde,
indessen man ein Buch verschlingt,
und abends zur gewohnten Stunde
der Muse noch ein Ständchen bringt.

Da war sie auch schon angekommen
so treu wie Jockel auf den Pfiff,
das Abendrot noch kaum verglommen,
als ich zu Stift und Tinte griff.

Doch wie ich eben auf die Schnelle
das Erste zu Papier gebracht,
versiegt mit einem Mal die Quelle,
die meine Zeilen sichtbar macht.

Da hieß es denn im Finstern tappen
wie Blindekuh beim Kinderfest,
um irgendwo noch aufzuschnappen
mit Dusel einen Kerzenrest.

Der war aus ‘ner verstaubten Lade
am Ende denn auch exhumiert
und hat mit seinem Stummel fade
nichts als sich selbst illuminiert.

Je länger aber in der Bleibe
ich unversorgt vom Strome saß,
spürt desto stärker ich am Leibe,
wie sich die Kälte weiterfraß.

Doch eh ich jammerte und flennte
wie in des Hades Schattenreich,
fühlt irgendwie in dem Ambiente
den Dichterfürsten ich mich gleich.

Kinder des Kosmos

Millionen Paare fester Sohlen
lief man sich ab auf diesem Pfad,
wär er gepflastert denn mit Bohlen,
Gneis, Glimmer oder Granulat.

Doch hielte man auch niemals inne,
der Raumgewinn: ein Pappenstiel –
in dieser Weisheit wahrstem Sinne,
dass hier der Weg allein das Ziel.

Ja, wenn den Kosmos wir betreten,
ist jede Eile für die Katz;
der platzt noch mehr aus allen Nähten
als Dagoberts Dukatenschatz.

Wenn wir zum Beispiel nicht nur schritten
durch unsre Heimatgalaxie,
nein, gar auf einem Lichtstrahl ritten –
kein Ende abzusehen. Nie.

Es sei denn, dass genügend Jahre
man mit für diese Reise brächt –
die aber leider Mangelware
bei unserm sterblichen Geschlecht.

Wie selten hundert wir erreichen,
bevor der Lebensstern versinkt,
da hunderttausend doch verstreichen,
eh dort uns eine Grenze winkt!

Dabei ist dies Spiralgebilde
noch nicht einmal besonders groß
mit seiner goldnen Sternengilde
von hundert Milliarden bloß.

Vom nächsten Nachbarn ganz zu schweigen,
Andromeda, ‘ner Nachbarin;
wolln der wir mal ins Fenster steigen:
Millionen Jahre bis dahin!

Besuche, die man gern Verwandten
zu Schwatz und Streuselkuchen macht?
Vergesst die Onkel und die Tanten,
denen ‘ne andre Sonne lacht!

Im Übrigen ging’s uns mit denen
wohl auch nicht anders als vor Ort –
kaum angekommen, und wir sehnen
mit aller Macht uns wieder fort.

Denn was aus gleichen Elementen
wo immer die Natur auch baut,
es führt gewiss zu Residenten,
die ähnlich sind an Leib und Haut.

Ob sauer oder süß die Trauben,
die eh man nicht zu fassen kriegt –
den Ehrgeiz einfach runterschrauben,
dass die Vernunft zumindest siegt!

Auch könnt es unsern Stolz verletzen,
zu wissen, wer da sonst noch wohnt,
wenn wir erkennen mit Entsetzen:
Wir leben hier noch hinterm Mond!

Ich hör wen schwärmen: Welche Höhe,
wenn an die Raumstation ich denk! –
Vierhundert Kilometer? Flöhe
mit etwas bessrem Sprunggelenk!

Kleine Vogelkunde

Im Grunde sind es auch Touristen,
die es hierher verschlagen hat,
nur dass sie schon seit ewig nisten
im Himmelbett aus Palmenblatt.

Doch tragen sie noch als Gefieder
der alten Heimat schöne Tracht
und pflegen treulich auch die Lieder,
die sie von dort einst mitgebracht.

Und dass sie ja sie nicht vergessen
(von Auslandsdeutschen uns vertraut!),
üben sie täglich wie besessen
mit Inbrunst sie, will sagen laut.

Das hört sich längs der Promenade
dann eher wie Gekreische an,
dass unser nordischer Nomade
sich einfach nur noch wundern kann.

Und lässt sich davon so bestricken,
wie von Sirenen süß umgarnt –
doch findet mit den schärfsten Blicken
die Vögel nicht, die gut getarnt.

Wenn ihn nach längerem Verharren
die Götter doch einmal erhörn,
sieht in des Baumdachs grünen Sparren
er Papageien, könnt er schwörn.

Und liegt damit nicht weit daneben,
denn was da durch die Krone huscht,
sind Sittiche, nur kleiner eben,
doch auch so herrlich bunt getuscht.

In Scharen hausen sie da oben
und zwitschern alle unentwegt,
ob Stille herrscht, ob Stürme toben,
stets gleicherweise aufgeregt.

Das Narrenkleid in satten Farben,
der Flug bizarr und flatterhaft –
ihr Wohnrecht hier sie wohl erwarben
als Clowns- und Kaspar-Bruderschaft.

Was umso leichter zu begreifen,
schaut man sich um zum Meeressaum,
wo Vögel auf die Töne pfeifen
für schwarzen und für weißen Flaum.

Die Möwe, die sich in den Weiten
des Himmels über Wasser hält,
gewiss zu manchen Tageszeiten
genauso in Geschrei verfällt.

Doch nur, wenn sie die Beute wittert,
die unter ihr die Wellen quert –
den Fisch, der zappelt und der zittert,
wenn sie lebendig ihn verzehrt.

Kann sie dann, satt, nicht papp mehr sagen,
steht nach Entspannung ihr der Sinn
und mit ‘nem prall gefüllten Magen
hockt sie zuhauf am Strand sich hin.

Das muss man mal gesehen haben,
wie sie in Dreier-, Viererreihn
geduldig sich am Anblick laben
der See im Mittagssonnenschein!

Die Sitzung kann ‘ne Weile dauern,
der Hering hält noch lange vor;
doch eh sie ganz an Land versauern,
treibt es zum Nachtisch sie empor.

Da könnten sie die Uhr nach stellen –
die Dampfer, in gestrecktem Lauf,
mit Netzen, die von Beute schwellen,
sie tauchen plötzlich wieder auf.

Und wie gewohnt die Wellen teilen,
im Schlepp die eigne Möwenschar,
zum Hafen, zur Auktion zu eilen,
wo man Sardinen wiegt in bar.

Da hebt der Pulk sich von den Füßen
und lässt ein Stück landab sich wehn,
die Artverwandten zu begrüßen,
die sich auf Hochseefang verstehn.

Das muss den Möwen man ja lassen –
sie wissen wohl, was sich gehört:
Gedrängel nur beim Essenfassen,
dann Ruhe wieder, ungestört.

Womit sie fein sich unterscheiden
vom Vogelvolk im Palmenhain –
und unsern Grillern, die schon leiden,
passt keine vierte Wurst mehr rein!

Meeresfreuden

Zum Strand muss man nicht lange laufen,
‘ne schmale Straße trennt ihn nur
von diesem kleinen Hüttenhaufen,
aus dem man einst das Meer befuhr.

Doch da Berufe sich vererben,
vielleicht wohnt ja da auch noch heut,
sein Brot mit Fischen zu erwerben,
ein Seebär, der die Flut nicht scheut.

Zumindest hätt er vor der Nase
sein grenzenloses Arbeitsfeld
und wüsst schon in der Frühstücksphase,
wie’s Neptun mit dem Wetter hält.

Denn falls die Welln sich überschlagen
wie vom Klabautermann gehetzt,
was soll er sich nach draußen wagen,
fehlt ihm der Fang zu guter Letzt?

Doch mag’s auch niemanden mehr geben,
der seinen Unterhalt erfischt,
wird doch den Leuten, die hier leben,
ein Augenschmaus stets aufgetischt.

Zieh nur den Vorhang leicht beiseite,
hock träge vor der Häuserfront,
es zeigt das Meer in ganzer Breite
und tief sich bis zum Horizont!

Und nicht nur als bewegte Masse,
die, blubbernd oder bleiern still,
mit Boot man, Dampfer und Barkasse
als Wasserweg befahren will!

Mal huschen ihm geformte Schatten
wie Flecken übers graue Fell,
die erst im Wolkenflug ermatten,
gibt sich der Himmel wieder hell.

Mal schüttet ihm aus voller Kanne
die Sonne Funken auf den Hals,
dass diese prall gefüllte Wanne
so glitzert wie nur Badesalz.

Dann wieder jagen schwarze, schwere
Gewitterwolken drüber weg
und schleudern ihre Feuerspeere
frenetisch ohne Sinn und Zweck.

Ob sie nur Lärm erregen wollen?
Sie rühren ja den Donner auf,
wie er mit unverhohlnem Grollen
stets folgt der Blitze Zackenlauf.

Schon tags darauf: Ein Tuch gezogen,
das hoch den Himmel überspannt,
sich spiegelnd jetzt in glatten Wogen,
dern Farbe dem Azur verwandt.

Auch sind ja jederzeit zur Stelle
die kleinen Trawler hier und da,
bei Nacht so gut wie Tageshelle,
der Heimatküste immer nah.

Die Rückfahrt dann aus allen Winden –
dies Bild hat ‘nen besondren Charme:
Wie um den Einlauf sie sich schinden,
beflügelt von ‘nem Möwenschwarm!

Und kaum, dass sie die Anker lichten,
den nächsten Hafen schon im Blick,
sind auf der Kimm sie auch zu sichten,
die Kreuzfahrtschiffe, superschick.

Man kann auch einfach angeln gehen
und warten, bis ‘n Brummer beißt,
sofern nicht dieses ew’ge Stehen
ermüdet selbst den Duldergeist.

Und, liebe Nordlandfraun und -männer,
gewickelt jetzt ins Wollgewand,
heut sah ich sogar, Ende Jänner,
im Badeanzug wen am Strand!

Es warn Bewohner dieser Katen,
wie wenig später ich erfuhr,
als ihrem Heim sie wieder nahten,
bedeckt von einem Handtuch nur.

Bei dieser Flut verschiedner Freuden
gleich hier vor meiner eignen Tür
wollt ich kein bisschen Zeit vergeuden,
bis selbst ich ihren Kitzel spür.

Und stürzte so mit flinken Füßen,
die erst am Ufer haltgemacht,
um dort das Wunder zu begrüßen
‘ner mondbeglänzten Meeresnacht.

Wie groß war aber mein Erstaunen,
als dies und jenes ich nicht fand –
nur, immer diese Wetterlaunen!,
‘ne watteweiße Nebelwand.

Doch die war auch nicht zu verachten,
gab Friedrich’sche Romantik her –
wie „Männer, die den Mond betrachten“
so „Wandrer überm Nebelmeer“.

Die Gnade der Geburt

Wie viele Arten gibt’s auf Erden?
Da reicht ‘ne Million nicht aus.
Des Lebens ewig langes Werden
bescherte ihr ein volles Haus.

Und erst die Köpfe jeder Klasse,
unmöglich, alle sie zu zähln –
nur noch ein Haufen Biomasse,
für den präzise Waagen fehln.

Grad mal die wichtigsten Vertreter
der ganzen Skala sind bekannt –
die Quallen, Krebse und dann später
der Igel und der Elefant.

Der Bär auch, der in alten Mären
verwunschen durch die Wälder irrt,
um von dem Honig sich zu nähren
der Hoffnung, dass er Prinz mal wird.

(Worauf indes mag er sie gründen?
Kein Wesen wechselt die Gestalt,
in einen neuen Leib zu münden,
solang es noch nicht tot und kalt.)

Dann noch die Biene und die Mücke
aus der Insekten Wimmelreich –
die stechen, doch zu unserm Glücke
nicht alle wie ein Mann zugleich.

Ja, sogar unsre Artgenossen,
milliardenfach ringsum präsent,
sind uns zeitlebens so verschlossen,
dass kaum man ein paar Namen kennt.

Doch jetzt mal Schluss herumzuschleichen
wie’n Kater um den heißen Brei:
In dieser Fülle ohnegleichen,
was macht, dass jeder selbst er sei?

Zu dieser Zeit, an dieser Stelle
geborn von diesem Elternpaar –
wo doch ein Hund mit strupp’gem Felle
genauso seinen Wurf gebar?

Ist dieser Frage nachgegangen
schon wer zu höh’rem Forscherruhm?
Dazu war man zu sehr gefangen
in seinem stolzen Menschentum!

Doch muss es ‘ne Erklärung geben,
dern Dünkel nicht zum Himmel schreit.
Aus einer Quelle fließt das Leben,
kein Wesen ist davon befreit.

Wer aber hat uns zugemessen
die dicke Birne mit Verstand?
Hat Gott ‘nen Narrn an uns gefressen
und uns in diesen Leib gebannt?

Oder vielleicht des Kosmos Walten,
das ewig von Moral bestimmt,
dass aus dem Leben man, dem alten,
sein Karma mit ins neue nimmt?

Das sind noch in den Kindertagen
des Geists gebrütete Ideen,
die lange wir schon hinterfragen
wie Zauberer und Märchenfeen.

Und die nur deshalb sich noch halten,
weil man sie in die Herzen sät
der Kleinsten, die die Händchen falten
zum brav gelernten Nachtgebet.

Noch will mir des Verstandes Klinge
den Gord’schen Knoten nicht zerhaun,
doch klar, dass weiter ich drum ringe
und pfeif auf all die Oberschlau‘n.

Von einem aber war im Stillen
ich fast schon immer überzeugt –
wir schulden’s keinem höhren Willen,
an wessen Busen wir gesäugt.

Wie alles wird auch dies geregelt
von den Gesetzen der Natur –
und wo kein Wind bläst, nun, da segelt
Baron von Münchhausen wohl nur.