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Zur Abwechslung Regen

zur-abwechslung-regenUnd nach der Hitze nun der Regen.
Er strömt den lieben langen Tag,
um nur zur Nacht sich kurz zu legen –
wo immer er dann liegen mag.

Am Morgen rauscht er wieder munter,
als hätt er frische Kraft getankt,
vom grauen Firmament herunter,
dass man um seinen Scheitel bangt.

Mein Schirm, von dem ich fast vergessen,
wozu man jemals ihn verwandt,
lässt freudig sich nun wieder nässen,
die Speichen willig ausgespannt.

Ich ducke mich mit düstrer Miene
in dies bescheidne Kuppelzelt,
indes die strömende Lawine
mir auf die Hosenbeine fällt.

Das platscht und pladdert ohnegleichen
so stetig und so stillvergnügt,
dass um dich völlig durchzuweichen,
ein Fünf-Minuten-Trip genügt.

Selbst was in Ritzen und in Spalten
von der verflossnen Sommerglut
sich klein und kläglich noch gehalten,
wird fortgespült von dieser Flut,

Dass Kühle herrscht, ja, mehr als diese,
beinah schon wieder Jackenzwang.
Man sehnte sich nach einer Brise
und kriegt der Sonne Schwanensang!

Die wir gerufen, ach, die Geister…
Rau riecht die Luft und wie gegerbt.
St. Peter, unser Wettermeister,
hat fleißig schon das Laub gefärbt.

Ob er noch in Oktobertagen
mit goldnem Glanze uns verwöhnt?
Der Regen rinnt mir in den Kragen,
als ob er solcher Hoffnung höhnt’!

Und drüben, hoch an den Fassaden,
die tiefste Schmach zu guter Letzt:
Bikinigirls beim Sonnenbaden:
Plakate, die der Sturm zerfetzt.

Wär ich historisch von Gemüte
und von Barock-Melancholie,
nichts andres käm jetzt in die Tüte,
als dass ich „Eitel, eitel!“ schrie,

Frau Vanitas so zu beschwören
mitsamt der Zeiten raschem Lauf –
doch schlaf’nde Hunde nicht zu stören,
hör ich hier, Les’rin, lieber auf.

Erleuchtung

erleuchtung-georges-de-la-tourWie viele Stunden ließ sie schwelen
ihr stilles Leuchten überm Blatt –
es dürfte wohl nach Jahren zählen,
so warm und gelb und matt!

So selbstverständlich ist’s gewesen,
dass ich ihr nicht mal Dank gewusst,
wenn ich beim Schreiben oder Lesen
nie Licht entbehren musst.

Erst jetzt, da sie ihr treues Walten
mir plötzlich unverhofft entzog,
kann ich des Lobs mich nicht enthalten,
wie schwer ihr Wirken wog.

Sie starb. Die Birne, müsst ihr wissen.
Nichts hält ja für die Ewigkeit.
Jäh ist der Faden ihr gerissen.
Wie allem mit der Zeit.

Was tun, dass ich in der Kombüse
nicht tatenlos im Düstern sitz?
Nach kurzer Lage-Analyse
dann dieser Geistesblitz:

Ich muss nur in der Kiste kramen,
wo Kerzenstummel eingelocht –
aus der sie auch zum Vorschein kamen
mitsamt intaktem Docht.

Indes anstatt zu triumphieren
in ihrem frisch entfachten Brand,
schien diese Flamme sich zu zieren,
so zitternd sie sich wand!

Wie rührend war es anzusehen,
wie dieses talgige Relikt
mit menschenmütterlichen Wehen
sein Fünklein fortgeschickt!

Da schaute ich der Lampe Strahlen
miteins in einem andern Licht,
die sich durch Ruhe stets empfahlen,
aus der fast Kälte spricht.

Die Kerze aber, halb zerflossen,
so blutleer und so leichenblass,
so starr in ihre Form gegossen
wie’n Ring ums Eichenfass,

Schien einem Wesen mir zu gleichen
von wundersam sensibler Art,
das in dem Leib, dem wächsern weichen,
ein pochend Herz bewahrt.

Das Flämmchen seh ich munter zucken
und seh sein schillernd Farbenspiel –
geduldig auch die Tunke schlucken,
in die das Wachs zerfiel.

Und dann der Duft, den sie verbreitet –
so mild und so balsamisch fein,
der wohlig in die Nüstern gleitet
bis hoch ans Nasenbein!

Und wie ihr Blut in dicken Tropfen
vom Rande der Lagune quillt,
sich wulstig auf den Fuß zu pfropfen,
der stalagmitisch schwillt,

Da ihr das Feuer flüstert „Schrumpfe!“
und ihren weißen Leib begehrt
und sie sich bis zum dünnsten Stumpfe
der Sichtbarkeit verzehrt!

Mehr will ich, Leser, nicht verraten,
den Rest errätst du selber schon.
Tipp: Leben versus Automaten,
Natur statt Silikon.

In Zukunft nur noch diese Quelle,
braucht nächtlich meine Feder Licht –
kein Optimum an Lux und Helle,
doch zünftig fürn Gedicht!

Erfrischung erwünscht

erfrischung-erwuenschtWeit offen steht die Pforte zum Balkone,
die Zephir gastlich einzutreten lädt,
doch „Pustekuchen“ denkt sich die Zyklone
und dass – August! – ein andrer Wind nun weht.

Sprich: keiner. Lastet doch seit vielen Tagen
wie Brei-Extrakt ‘ne Schwüle auf der Stadt,
um jeden Windhauch aus dem Feld zu schlagen,
der keinen Sinn für diese Suppe hat.

Tagsüber sucht in ungezählten Bächen
der Schweiß am ganzen Leibe sich sein Bett
und fleckt das Hemd dir überall mit Flächen,
die von der Feuchte glänzen wie von Fett.

Und nachts umspülen dich die lauen Schwaden
und treiben in den Kissen dich herum,
um dich in warmem Morgentau zu baden,
vollendend deines Schlafs Martyrium.

Charybdis hier und Scylla da vor Augen,
kurvt meine Feder fieberhaft bewegt,
indes umwabert von den Lüftelaugen
das Blatt Papier schon leichte Wellen schlägt.

Von draußen höre ich nur Menschenlaute,
kein einz‘ger Vogel meldet sich zu Wort.
Null Bock auf Flug gewiss bei dieser Flaute,
trug’s sie in schattenreiche Nester fort.

Doch ich kann meinem Käfig nicht entkommen,
mir Kühle zu verschaffen irgendwo,
die Arbeit hat mich in die Pflicht genommen,
der Wecker jagt mich pünktlich ins Büro.

(Willst, einz’ger Leser du, Mäzen zu gleichen,
mit Münzen wiegen mein bescheidnes Lied,
soll dieses stets zur Ehre dir gereichen,
wie jenem von Catull das und Ovid!)

Ein Lichtblick immerhin in laus’gen Zeiten,
da jeder gierig seine Schätze mehrt,
lässt sich zur Wohltat jemand noch verleiten,
die doch gewiss an seinem Säckel zehrt.

Doch sind Mäzene heut von solchem Schlage,
dass sie Projekte statt Personen wähln –
ein Opernhaus in bester Stimmenlage
kann eher auf ihr Spendenkonto zähln.

Da sie an Gut und Geld ihr Herz verloren,
sind sie auf Kunst nur marginal bedacht,
doch umso fester darum eingeschworen
auf das, was dabei groß Furore macht.

Pardon, dass ich ein wenig abgewichen
und dummerweise mich noch mehr erhitzt.
Zwar litt ich niemals unter Sonnenstichen,
doch hab auch nie so höllisch ich geschwitzt.

Ich schau mich also um in meiner Klause,
gewiss, sie müsse nass und dampfend sein,
und seh doch unverändert dies Zuhause
im alten traulich-trüben Lampenschein.

Die Leiden, die der Witterung entspringen,
den Kühlschrank lassen ohnehin sie kalt.
Mag auch die Glut in jeden Winkel dringen,
vor seiner Tür, der wucht‘gen, macht sie halt.

Das Radio wird es umgekehrt nicht stören,
wenn Wärme es im Übermaß umfließt:
Von Olim her gewöhnt an heiße Röhren,
ist eher zu vermuten: Es genießt.

Na, und die Heizung? Selbst dazu geboren,
dass ihre Wallung Wohlbefinden schenk,
wird die Kollegin sie von den Azoren
mit Freundlichkeit begrüßen statt Gezänk.

Vom Herd ist auch kein Mitleid zu erwarten,
da er doch selber feuriger Natur,
was all die Speisen, die darauf schon garten,
wohl schmerzlich würden uns bestät’gen nur.

So werd ich einsam sie ertragen müssen,
die Schwüle, wie das salz’ge Meer der Fels,
wenn fiebernd ich nach kühlen Regengüssen
mich schlaflos gleich in meinem Kissen wälz.

Bestiarium, kulinarisch

bestiarium-kulinarisch-rembrandtBegrüßt sei, Leserin, auf dieser Seite,
sie freut sich herzlich über den Besuch,
zumal du ja schon ’ne gewisse Weite
damit erreicht in diesem Liederbuch.

(Ich will mich lieber gar nicht lange fragen,
ob nicht vielmehr der Zufall dich geführt
und dieses Blatt gezielt du aufgeschlagen,
nachdem du andre gar nicht erst berührt.)

Anscheinend hat es also dir gefallen,
was du an Versen unterwegs gewahrt,
dass deine Augen willens fortzuwallen
auf ihrer apollin’schen Pilgerfahrt.

Da du schon eine lange Wegesstrecke
hast mit Bravour bewältigt bis hierher,
verweil ein wenig doch an diesem Flecke –
zu Rast und leichter Geisteskost Verzehr.

Will dir hier nicht den del’schen Taucher spielen
und gründeln in der Weisheit Tiefenschicht –
begnügen mich mit erdennäh’ren Zielen,
aus denen auch der Schalk im Nacken spricht.

Lass mich, um dir mit heiteren Gedanken
die kleine Abschaltpause auszufülln,
mit ein paar Schnacks von Backen und von Banken
den Acker deiner Fantasie begülln.

Wie glücklich war die Hummerdame
im kühlen Kosmos ihrer Flut,
bis Fischerlist sie, o infame,
in siedend heiße Kessel lud!

Noch unlängst schwamm im Meer, im Gelben,
ein Thunfisch voller Energie.
Jetzt dient er ferne von demselben
in Osaka als Sashimi.

Auch seine Häscher waren schneller,
für immer sein Gequak erlosch:
Zerstückelt gliedert er den Teller,
der unerlöste Prinz – der Frosch.

Die Kröten-Seniorengruppe,
die gerne auf ihr Alter pocht,
sie wurd zur Lady-Curzon-Suppe
noch vor dem Hundertsten verkocht.

Da schau wer diese Turteltauben,
das schnäbelt sich nach Menschenart!
Na wartet! Schluss mit Küsserauben,
wenn über Flammen ihr erst gart!

Den Weckruf, Gockel, kanns vergessen
und auch den Kamm, der öfter schwillt!
Man hat auch so dich gern zum Fressen –
als Hähnchen, das selbst halb was gilt!

Und unsre Puszta-Bekassine,
die doch auf Vorsicht stets bedacht?
Ein Meisterschuss. In die Terrine.
HEUT GALA-JAGDSOUPER UM ACHT.

Ein Ferkel schnappt nach Mutters Zitze,
dass saugend Sättigung ihm werd.
Doch in des Mehls gemeiner Schwitze
brät’s früh vollendet auf dem Herd.

Der Pfau auch, der mit kühnem Schwunge
sein stolzes Rad uns präsentiert,
was nützt ihm seine schrille Zunge,
wenn ‘nen Gourmet sie int’ressiert?

Ein Lämmchen, grade erst geboren
und noch zu nackt, um es zu schern,
muss dennoch schon im Topfe schmoren
an Kümmel und Wacholderbeern.

Mit zartem Fuße die Savanne
betupfte das Gazellenkitz,
das nun in der Etoscha-Pfanne
zerschmurgeln muss bei Oberhitz.

Kaninchen mümmelten noch eben
ihr Feldgemüs in aller Ruh,
um jetzt ’ne Karte zu beleben
als Hasenpfeffer-Wildragout.

Die neulich noch in ihrem Koben
behaglich aufgegrunzt, die Sau,
lässt sich als Kotelett nun loben
von einer drallen Fleischersfrau.

Auf fetter Weide sah man grasen
ein Holstein-Rind gesund und heil,
da kam, um Kuhtod ihm zu blasen,
der Schlächter mit dem Hackebeil.

Der Ruhe freudig sah entgegen
ein Gaul nach langer Plackerei,
doch man entschied der Kohle wegen,
dass „Maxe“ zu verwursten sei.

Selbst Äffchen, ähnlich jenem Wesen,
das seines Schöpfers Ebenbild,
sind örtlich dazu auserlesen,
dass Hunger man an ihnen stillt.

Dies also, Leserin, dich zu erheitern.
Ich hoff, das Intermezzo dir gefiel.
Gelöst geh zu den Versen nun, den weitern,
die wieder ernst in Anspruch und in Stil.

Wie? Meine Meinung kannst du gar nicht teilen?
Die Pause bot kein muntres Possenspiel?
Ich hieß dich nur, in Muße zu verweilen
als ahnungsloses Propagandaziel?

Sehr wohl. Doch tu ich nur, was andre machen.
Verhöhn die Opfer unsrer Esskultur:
Die Werbung lässt die armen Kühe lachen,
schickt Schweine grinsend auf die Tötetour.

Der Teller, den wir täglich leeren:
Ein Golgatha aus Tiergebein.
Wann wird der Mensch sich menschlich nähren –
so wie der Ochse und das Schwein?

Loblied auf den Sommer

loblied-auf-den-sommer-van-goghSo eines Sommers gute Seiten
ich mal Revue passieren lass,
soweit sie mir halt Spaß bereiten –
nicht unbedingt ‘nem Butterfass.

Beschränk mich darauf, aufzuzählen,
was grad mir in den Sinn so fliegt.
So: Vogelsang aus vollen Kehlen.
So: Korn, das sich im Winde wiegt.

So: Wiesen, die in Blüten prangen,
um die’s in hellen Scharen schwirrt,
da mit des Hirschs gewalt’gen Stangen
ein Käfer durch die Halme irrt.

Und Picknick unter freiem Himmel
plus Nickerchen in weiter Flur.
Gesumm behütet’s, fern Gebimmel:
Feld-, Wald- und Wiesen-Seelenkur.

So auch sich in die Brandung stürzen
vom glühend aufgeheizten Strand,
mit einem Salz die Haut zu würzen,
das Neptun schon erfrischend fand.

Auf trägem Fluss im Kahn zu treiben,
von kau’nden Kühen stumm beäugt.
Sich nicht beeilen. Nirgends bleiben.
Dem Wind gleich, der die Ähren beugt.

Vielleicht auch Fleisch in dicken Streifen
der Glut des Rostes anvertraun,
bis sie zum Braun des Tabaks reifen
und weich und saftig sich zerkaun.

Auch wenn, zu schonen sie, bisweilen
die Pferde Helios wen’ger hetzt,
gilt’s froh in die Natur zu eilen,
die nie so reich und bunt wie jetzt.

Selbst Stubenhockern kann’s passieren,
dass sie aus ihrer Bildschirmwelt
in einen Sommer sich verlieren,
der ihnen analog gefällt!

Elogen-Ende. Sommerseiten
enthalten oft auch dieses Blatt:
Für Schwüle ideale Zeiten.
Erfrischung: Blitz und Donner satt.

Uhrenvergleich

uhrenvergleich-edvard-munchWill wieder mal die Verseschmiede schildern,
da wo Apollo, nicht Hephästos schafft,
im Reich der Küche hemmungslos zu wildern
nach Geistes- und Gestaltungskraft.

Dabei auch aus den Augen nicht verlieren,
was jenseits meiner Luke zu beschaun.
Ambiente diesem jämmerlichen Schmieren:
Die goldnen Lämmer auf den Himmelsau’n.

Nicht Geister durch den Ruhm entrückter Ahnen,
wie Scipio sie einst gesehn im Traum –
Laternen sind’s, damit auf ihren Bahnen
sich die Planeten nicht verirrn im Raum.

Ihr Licht, so winzig in des Kosmos Weiten,
strahlt seltsam mächtig mir doch ins Gemüt,
als wär’s dem Schlund der Räume und der Zeiten
wie Orchideen aus Permafrost entblüht.

Zurück indes zu unsren griffbereiten Dingen,
wie sie versammelt um den heim’schen Herd,
um mehr um Verse denn das Mahl zu ringen,
da auch bei diesen er sich gut bewährt.

Veränderungen sind nicht eingetreten,
wie lange mein Kontrakt hier auch schon läuft –
vom Atemzug der Zeit, dem stillen, steten,
hat’s etwas höher nur den Staub gehäuft.

(Der Store schien früher allerdings mir sauber,
jetzt wird er gegen seinen Saum schon grau –
da hilft wohl nur ein guter Wasserzauber,
den ich dem Luftgeist Ariel anvertrau.)

In etwa ist die Stimmung auch die gleiche:
Ein Dämmern, das der raschen Nacht gewiss.
Die Häuser drüben: Stein gewordne Deiche,
die bald schon überspült von Finsternis.

Wie üblich auch der Straße grobe Reize –
grad solche, die die Lauscher strapaziern;
doch dass sie auch mit Augenstress nicht geize,
lässt ab und zu ein Blaulicht sie rotiern.

Gerade kommt so‘n Martinshorn geflogen
mit seinen mächtig schwellenden Tatas –
die Straße dröhnt von Monster-Klangeswogen,
der Fuß, er fällt vor lauter Schreck vom Gas.

(Da seht verlegen mich am Schnauzer kraulen:
Der Lärm bringt völlig mich aus dem Konzept.
Ich fasse mich erst wieder, wenn dies Jaulen
mit wachsender Entfernung sacht verebbt.)

Gut, jetzt kann ich den Faden weiterspinnen.
Was wäre sonst noch, Les’rin, von Belang?
Der Kaktus? Will an Größe nicht gewinnen –
zeigt aber auch zum Schrumpfen keinen Hang.

Das kann ich von der Kerze gleichfalls sagen –
schon ewig hab ich sie nicht mehr entflammt!
Längst nistet Staub auf ihrem weißen Kragen,
ein feiner Film auf wächsern-glattem Samt.

Der ist indessen kaum noch zu erkennen,
das Dunkel saugt ihn auf wie Löschpapier.
Ich weiß nicht, lass ich noch mein Lämpchen brennen
oder verzieh ich mich ins Schlafquartier?

Na ja, an so‘n paar klitzekleinen Zeilen
blieb ich ein Weilchen doch noch gerne dran.
Das heißt fürs Wörterfinden und fürs Feilen
lass ich mir besser noch die Funzel an.

(Dezembertags, wenn früher schon die Fluten
der Schattenwogen lautlos uns umspüln,
seh gerne ich die Birne sich verbluten
in eiterbleichen, heißen Moleküln.)

Pardon, Verklammertes am besten streichen –
von Schrank sei nur die Rede und Regal;
und stellt euch vor: Die derben Bretter gleichen
den neuen noch von Anno dazumal.

Die Zeit, sie scheint mir hier so eingefroren,
als hätt man einen Winkel ihr gegönnt,
wo sie samt ihrem Schopfe ungeschoren
in aller Ruh einmal verschnaufen könnt.

Doch hat sie mir die Spuren eingeschnitten,
die ringsumher den Dingen sie erspart –
und dabei hab ich nicht einmal gelitten,
so still ging sie zu Werke und so zart.

Wer könnte sich verweigern ihrem Walten?
Dafür gibt’s nirgendwo ‘nen sichren Port.
Wohl hat sich mancher optisch gut gehalten –
doch auch im Innern nagt und frisst sie fort.

Sommers Erwachen

Sommers Erwachen, Claude MonetWie pünktlich ist der Sommer eingetroffen,
und wie der Frühling sich sofort verkroch!
Im Guten selbstverständlich, wolln wir hoffen:
“Leb wohl, und viele schöne Tage noch!“

Voll Blumen hinterließ er uns die Fluren,
die er des Winters kaltem Schoß entriss –
erst einzeln und danach in ganzen Fuhren
dem Horror unterird’scher Finsternis.

Mag nun der Sommer mählich reifen lassen,
was jener bis zur Blüte schon geführt,
bis die Natur auf allen ihren Gassen
die Gegenwart der süßen Früchte spürt.

Die 4. Strophe, diese, wollt ich weihen
dem Farbenrausch der Juli-Sinfonie –
doch will’s im Ansatz mir schon nicht gedeihen:
Der Taktstock klemmt auf einmal irgendwie.

(Wie peinlich ist’s mir, Les’rin, auszufechten
vor aller Augen hier den Seelenstrauß –
doch widersteht man jenen innren Mächten,
die heimlich herrschen in des Fleisches Haus?)

Drum soll der Lenz nicht einfach so verschwinden,
so völlig ohne Lob und Dankbarkeit –
will rasch ihm noch ein Lorbeerkränzchen winden,
dass auch besiegt erhobnen Haupts er schreit’.

O Frühling, schweigend bist du hingegangen,
dem Windhauch gleich, der leise sich verweht,
wie Röte auf beredten Mädchenwangen
in stille Blässe wieder übergeht.

So sang- und klanglos unsrem Blick entschwunden,
als wär ein Abschied nicht der Mühe wert,
als schämtest du dich deiner Erdenstunden,
weil du nicht selber Früchte auch genährt.

Doch unsre ganze Seligkeit hienieden
entspringt der Saat, die du einst ausgestreut.
Erst jetzt begreifen wir’s, da du verschieden
bei aller Glockenblumen Wehgeläut.

Wer ließe sonst so deutlich uns empfinden,
wie Leben aus den tiefsten Grüften steigt,
den muffig-feuchten und den maulwurfsblinden,
und sich so frisch und ungebrochen zeigt,

dass es im Kuss der apollin’schen Strahlen,
von göttlichem Verlangen ganz durchglüht,
aus seinen unsagbaren Winterqualen
sich in die Freiheit lichter Lüfte blüht?

Die Sommersonne brennt, doch ohne Feuer,
bebrütet nur, was Leidenschaft gebar,
dass sie, bemutternd bloß, die Frucht erneuer,
die bald sie opfert auf dem Herbstaltar.

Die Triebe aber, die dem Lenz entsprießen,
sie welken nicht und wittern nicht dahin.
Ja, immer höher nur ins Kraut sie schießen
mit übermütig-jugendlichem Sinn.

Wenn schließlich dann in seinen reifen Tagen
der Sommer prächtig sich durchs Leben schlägt,
wird manchmal wohl ihn sein Gewissen fragen,
wer diese Bahn so rosig ihm gelegt.

Randa

Dasselbe ist NähRandae und Ferne zwischen dem Freund und dem
Geliebten. Denn so, wie sich Wasser und Wein vermischen,
vermischt sich die Liebe des Freundes mit der Liebe des
Geliebten; wie Wärme und Licht ist ihre Liebe verknüpft;
und wie Wesen und Sein stimmen sie überein und sind
einander nahe.

Ramon Llull, Vom Freund und dem Geliebten, 1283/84

Heut will ich, einz’ge Leserin, dich bitten,
dass du mir folgst nach ’nem bestimmten Ort.
Sei unbesorgt, ich wahr dabei die Sitten –
ich geb dir schriftlich hier darauf mein Wort!

Lass einen Hügel beide uns besteigen,
der einsam aus dem Tiefland sich erhebt –
ich möchte dir die Welt einmal so zeigen,
wie wenn als Adler man darüber schwebt.

(Anmerkung 1: Beinah 500 Meter
ragt dieser Buckel aus dem Grund empor,
steilt sich nicht nepalesisch in den Äther
und kommt doch hoch dem Autoklettrer vor.)

Wenn wir zur Spitze glücklich dann gedrungen
auf unsrem kurvenreichen „Knüppelpfad“,
sehn wir tief unter uns, vom Meer umschlungen,
die halbe Insel schön im Wellenbad.

Und Felder überall sich landwärts strecken,
von Büschen hier und Hecken da begrenzt,
mal weizenblond, wo Ähren sie bedecken,
mal silbrig, wo des Ölbaums Blatt erglänzt.

Auch, leicht für Haufen Feldgesteins zu halten,
die Dörfer, über diese Flur verstreut,
doch ledig aller Wagen und Gestalten
und selbst der Glocken klingendem Geläut.

Wie Äderchen die Wege sich verzweigen,
um sich in lichten Dünsten zu verliern.
Die ganze Erde unten atmet Schweigen,
scheint in der Glut des Mittags zu gefriern.

Lässt man den Blick dann immer weiter gleiten
bis an der Augenkünste Horizont,
verschwimmen diese abgesteckten Weiten
in einer schaumig-flachen Nebelfront.

Im Norden nur gewahrt man die Konturen
massiver Berge überm Küstensaum,
die bleiern lasten auf den fernen Fluren,
doch majestätisch auch in ihrem Raum.

Damit der Schöpfung Schönheit man empfinde,
hat diesen hohen Ausguck sie erbaut –
dass unbehindert wer in alle Winde
und alle prächt’gen Panoramen schaut.

Was heil’ge Schriften ehedem verheißen
als der Gerechten immerwährnden Lohn,
hier sieht man‘s unterm Blau Mariens gleißen,
ein Paradies auf sünd’ger Erde schon.

(Anmerkung 2 will ich dem Lullus weihen,
der hier vorzeiten seine Zuflucht nahm,
sich um der Wahrheit willen zu kasteien,
dass er in Lust und Luxus nicht verkam.)

Dem Zauber dieser Insel längst erlegen,
besonders auch dies Fleckchen mich entzückt,
ein wenig abseits von gewohnten Wegen,
dem Erdentreiben meilenweit entrückt.

Wie Moses einst vor dem Gelobten Lande,
das ihm sein Gott als Bleibe anbefahl,
so steh ich gern an dieser Klippen Rande
und blick ins weite, herrlich blühnde Tal.

Stubenhocker

Stubenhocker1, Roelant SaveryWer heute auf der Couch gelungert,
den treff des Faulen ganze Schmach!
Nach Schatten hab ich nur gehungert,
jetzt trauer ich der Sonne nach!

Ein Sommertag dahingeschwunden
mit allem, was das Herz erfreut!
Nun leck ich bitter meine Wunden,
ein Sünder, den Verpasstes reut.

Ach, Blumen boten ihre Leiber
dem fleiß’gen Flug der Bienen dar,
da ich, ein müder Zeitvertreiber,
Gedankenblüten nur gebar.

Die Fluren frisch mit Grün bezogen,
in dem sich gelb Getreide wiegt!
Ein Vogel flatternd aufgeflogen,
ein Rehkitz, das ins Gras sich schmiegt!

Im Wipfel irgendwo ‘ne Taube,
die käuzig ihre Lockung gurrt.
Und ich lag in der Stube Staube,
wo leise Klothos Spinnrad schnurrt.

Die Seele aber kriegt nur Frieden,
schöpft Atem sie in Feld und Flur:
Ein Paradies heut und hienieden –
drei Schritt entfernt vom Sofa nur!

Im feuchten Grün

Im feuchten GrünWillkommen warst du, 1. Mai,
der Arbeit Feiertag,
da ich, von dieser Pflicht ja frei,
noch lang zu Bette lag.

Die Uhr ging schon auf Mittag zu,
ich glich noch einem Troll,
als jäh in diese Festtagsruh
das Telefon erscholl.

Und langer Rede kurzer Sinn:
Man kommt zu dem Entschluss,
dass, Regenwolken her und hin,
man heut nach draußen muss.

Ich mähte mir die Stoppeln weg,
besetzte kurz das Klo,
empfahl der Dusche meinen Dreck
und schafft‘ es grade so.

Ding! Ding! Schon war mein Lilchen da
und gabelte mich auf
und zog zum Volkspark Altona
den Autoknüppelknauf.

Was hat man da ins Aug‘ gefasst?
‘ne Luftkur mit Ozon?
Nein, erst einmal ‘nen Klops verprasst
vorab als Wanderlohn.

Doch wie wir kauten mit Genuss,
ein jeder seinen Kloß,
entlud der Himmel einen Guss,
als wär die Hölle los.

Da war’s ein Glück, dass eingekehrt
wir vor der „Lauferei“.
Als unser Teller dann geleert,
war schon der Spuk vorbei.

Jetzt aber in den Wald hinein
mit leicht beschwingtem Schritt,
auf weichem Wege hüpft das Bein
und unsre Seele mit!

Was steht denn da so lindengrün,
von Licht und Farbe satt?
’ne Eiche, folgerte ich kühn,
das sieht man doch am Blatt!

Das ging indes ein Weilchen bloß,
wir warn noch gar nicht weit,
als aus der Wipfel schwülem Schoß
kam Regen angeschneit.

Wir fanden gleich ’nen Unterstand
und blieben ungenässt.
Die Schauer schlugen unverwandt
ins triefende Geäst.

In einer trüben Flut versank
der Rest vom 1. Mai –
doch ich, ich hatte Gott sei Dank
den Sonnenschein dabei!