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Flohzirkus

FlohzirkusDa strahlt er mitten überm Meere
Zufriedenheit behäbig aus,
als ob zu Füßen ihm nur wäre
ein einz’ger großer Augenschmaus.

Der Zustand scheint ihn nicht zu scheren,
in dem sich der und der Bereich,
er muss die Erde überqueren
und findet überall sie gleich.

Na gut, aus der enormen Höhe
nimmt er ja nur das Gröbste wahr,
Globalstrukturen und nicht Flöhe
wie diese Tier- und Menschenschar.

Und wenn, dann säh er nur Gewusel,
Gekrabbel ohne Ziel und Zweck,
als stünden alle unter Fusel
und hätten alle einen weg.

Das wär noch das geringste Übel,
dass man aufs Saufen nur erpicht
und hauptbeschäftigt mit dem Kübel,
in den man seinen Bauch erbricht.

Doch diese Hektik hat hienieden
durchaus und leider ihren Sinn:
Sie dient dem Krieg und nicht dem Frieden
und nur persönlichem Gewinn.

Die kurze Sicht: fürn Mond ein Segen,
der ja nur ewig abwärts schaut.
Sonst würd es Ekel ihm erregen,
der ihm die ganze Tour versaut.

Schlüsselerlebnis

SchlüsselerlebnisVom Meer hab ich schon oft geschrieben,
doch nicht ein einz’ges Mal vom Ort,
an den es mich hier angetrieben
als Strandgut aus Europa-Nord.

Drum hier die Hauptinformationen:
Vier Kilometer im Quadrat
sowie knapp viertausend Personen –
Einwohner, sagt der Bürokrat.

‘ne Straße zieht von einem Ende
sich breit und ampelfreudig hin
zum andern und zerteilt Gelände
im schönsten Autofahrersinn.

Doch diese Piste kann man meiden:
Ein Gässchen in der Häuserfront
lässt rasch die Augen einen weiden
an Wellen bis zum Horizont.

Dazu die alten Fischerhütten,
das Kirchlein, makellos in Weiß,
die Kutter, die den Fang verschütten,
dass sich die Möwe drin verbeiß.

Zig Gründe, um sich wohlzufühlen,
hat man seit je ‘nen Hang zum Meer,
und nachts das Bett nicht zu zerwühlen
in Träumen, die von Heimweh schwer.

Heut stand vorm Haus ich wie Piksieben,
ein neues Schloss war installiert.
Doch meine Nachbarn, diese lieben,
ha‘m ihren Schlüssel mir „kopiert“.

 

Am dunklen Strand

Am dunklen StrandAm Strand, die Beine zu verrenken.
Und Finsternis gibt’s oben drauf.
Nur an den Ponton-Muschelbänken
blinkt manchmal noch ein Flämmchen auf.

An ein’gen ausgewählten Stellen
hockt Möwenvolk in Kolonien
direkt am Fuß der Uferwellen,
die schäumend vor ihm niederknien.

Und auf des Meers vermummte Weite
stülpt düster sich das Firmament.
Schon ging der Mond so in die Breite,
dass von der Sichel er sich trennt.

Drum hat auch Venus ihn verlassen,
die nicht auf dicke Typen steht,
und birgt sich unter Wolkenmassen,
die Zephir gnädig nicht verweht.

Doch stößt du weder Kopf noch Wade,
weil’s an Beleuchtung dir gebricht;
denn durch die Nacht der Promenade
führt sicher dich Laternenlicht.

Man kann sich ihnen anvertrauen
auch ohne Kompass und Sextant
und furchtlos in die Ferne schauen,
die Beine immer fest an Land.

Und endlich wieder heim zu Hause,
nach langer Wanderung retour,
erblüht noch mal in meiner Klause
der ganze Zauber der Natur.

Lichtblick

LichtblickDas ist ‘ne komische Geschichte,
die ich hier kurz erzählen will,
das heißt ganz ehrlich und bei Lichte
wär’s besser wohl, ich wäre still.

Egal – die Beine zu vertreten,
bin ich noch mal hinausgeschlüpft,
damit mir bei Garneln und Gräten
das Fischerherz so richtig hüpft!

Und, ihr seid selbst schon drauf gekommen,
verblichen war der liebe Tag,
dass mir nur dunkel und verschwommen
dies Nachtstück vor den Augen lag.

Das Meer, ein einz’ges schwarzes Schweigen,
da lag es glatt und unbewegt
und ohne dieses Falln und Steigen,
das seine Wellen weiterträgt.

Kein Glucksen, kein verhaltnes Lallen;
es war, als ob’s gefroren wär
zu finster-frostigen Kristallen
von Kohle oder Pech und Teer.

In diesem Flöz, das ohne Grenzen,
glomm nirgendwo ein Fünkchen auf,
kein goldnes Lämpchen, um zu glänzen
‘nem Schiff in seinem Schlingerlauf.

Und drüber sich der Himmel spannte
genauso finster und so fern.
Zwei Lichter nur, zwei unverbannte:
Der Mond nur und der Abendstern.

Möwenmesse

MöwenmesseMan geht sich höflich aus dem Wege,
belässt dem andern sein Revier.
Am Strande hocken sie gern träge,
die Menschen da, die Möwen hier.

Und ist die Dämmrung angebrochen
und Kühle kriecht dir ins Gebein,
trollst du dich heim, um Tee zu kochen,
und lässt die Möwen Möwen sein.

Wer wird schon mit der Flinte zielen
auf diesen Tran, der Flügel hat?
Nach Bessrem wird der Jäger schielen,
des Angel schon sardinensatt.

Man lässt sie ungeschoren harren
und stört sie nicht beim Nachtgebet.
Oh, wie aufs Meer hinaus sie starren,
bis dieses Licht da untergeht!

Tagsüber sich an Fischen labend,
die mühsam sie im Flug erjagt,
genießen sie den Feierabend
wie alle, die die Arbeit plagt.

Und auch wie alle, die in Muße
Gedanken endlich Raum gewährn,
stehn gleichsam sie in stummem Gruße,
des Daseins Wunder zu verehrn.

Ein Maß von Andacht und von Staunen,
dass unsre Ehrfurcht es erheisch.
Die Wellen selbst hört man es raunen:
Die Möwe, mehr als nur Gekreisch.

Viel Meer

Viel MeerFantastisch, sich das vorzustellen,
dass man das Meer im Rücken hat –
‘s ist einer von den Wunderfällen,
der Arche gleich am Ararat.

Man muss nur auf die Karte gucken:
Europa, ohne Ende Land.
Wohin da auch die Leute spucken,
es trifft auf Humus oder Sand.

Sie können weiß der Teufel laufen,
bis ihre Sohlen abgewetzt,
und werden doch kein Wasser saufen,
das salzig ihre Lippen netzt.

Das Meer, das sie vielleicht ersehnen,
weil es nach Fernweh riecht und Tang,
mag es auch noch so weit sich dehnen,
liegt ihnen fern ein Leben lang.

Um die Kontur rings seiner Küste
kann locker man ‘ne Linie ziehn –
‘nen Strich, nichts Dünneres ich wüsste,
den die Natur uns selbst verliehn.

Da hocken, wie die Griechen sagten,
sie wie die Frösche um den Teich;
doch warn’s ein paar nur, die einst quakten,
sind’s heut noch wen’ger im Vergleich.

Ich hab das große Los gezogen
wie in der Weihnachtslotterie:
‘nen Logenplatz an Welln und Wogen –
und eine Decke übers Knie.

Wechselbäder

WechselbäderMan kann nur übern Himmel staunen,
wie gegen Stillstand er sich wehrt
und ständig uns mit seinen Launen
ein andres Wetterchen beschert.

Da schickt er heute uns die Sonne
und morgen einen Regenguss
und knickt auch den bald in die Tonne
aus Eifer oder Überdruss.

Dann wieder kleistert er mit Nebel
die Stadt mitsamt der Landschaft zu,
als hätte heimlich er ein Faible
fürs Autofahrer-Blindekuh.

An seinen grummeligsten Tagen
versucht er es mit Schnee und Eis –
wem da die Beine mal versagen,
der landet sicher auf dem Steiß.

Den Wind benutzt er wie ‘nen Dimmer,
fährt gleichsam mit ihm Achterbahn:
von „langsam“ bis zu „kaum noch schlimmer“,
vom Lüftchen rauf bis zum Orkan.

Zumindest muss man anerkennen,
dass er aufs Handwerk sich versteht
und auf die Kunst, geschickt zu trennen,
was je nach Höhenlage geht.

Zum Beispiel heute an den Stränden
nichts als der strahlendste Azur;
doch unter schwarzen Wolkenwänden
die Gipfel, wenig weiter nur!

Letzter Dämmer

Letzter DämmerSo’n Sonnenabgang, meine Fresse,
das ist kein ew’ges Einerlei:
Heut Flammen, morgen Totenblässe;
nur Rosa jedes Mal dabei.

Gern würde ich euch hier beschreiben,
wie ich erlebt ihn eben jetzt –
doch will ich auf dem Teppich bleiben,
weil mir die Worte fehln zuletzt.

Nur dass von Farben überflutet
der Himmel, der so schön geblaut,
und aus ‘ner Wunde hat geblutet,
die mir der Horizont verbaut.

An langgestreckten Wolkenstreifen
hielt sich ein müdes Gelb noch fest,
das sich entschlummernd ließ umgreifen
von andrer Ockertöne Rest.

Das schwebte wie ein Regenbogen,
doch breiter und nicht ganz so bunt,
und waagerecht dahingezogen
weit übers nasse Erdenrund.

Dies aber lag in tiefem Staunen,
die Kiefer aufgesperrt zum Rand,
und zeigte mit ‘nem leichten Raunen,
wie rührend es das alles fand.

Ja, ist denn gegen solche Szenen
nicht mal der Ozean gefeit?
Ein ganzes Meer von Tränen,
das täglich er der Sonne leiht.

Schön finster

Schön finsterSpät hat es mich noch rausgetrieben,
ich weiß nicht, wieso grade heut;
es war gewiss schon weit nach sieben,
verklungen längst das Kirchgeläut.

Und längst in Finsternis versunken,
was hier auf engem Raum sich drängt –
die Berge oben, meerestrunken,
das Meer, das füßelnd sie empfängt.

Wortwörtlich wurd mir schwarz vor Augen.
Die Skala: Kohle, Pech, Asphalt
selbst schien mir nicht so recht zu taugen
für diesen dunklen Sachverhalt.

Es war, als ob sich eine Binde,
wie man sie braucht beim Blindekuh,
ganz fest um meine Schläfen winde
und hielte mir die Augen zu.

Durch diesen grässlich großen Rachen
zog zitternd sich ein helles Band,
dem blinden Wandrer klarzumachen
die Grenze zwischen Meer und Land.

Wie Hunde, die in wilden Sätzen,
vor weißem Geifer schäumend scharf,
vergeblich nach der Beute hetzen:
Die Flut, die sich aufs Ufer warf!

Doch mochte auch die Brandung toben,
die Nacht mich in die Hölle sperrn:
Ein Feuer stand, ein Leuchtturm droben,
ein Superlicht: der Abendstern.

 

Schöner Standortwechsel

Schöner StabdortWenn ich den Blick mal nicht erhebe
und lass ihn auf den Block gebannt,
dann weiß ich nicht, was ich erlebe:
zu welcher Zeit, in welchem Land.

Die Perspektive war schon immer
am Abend mir aufs Blatt verkürzt,
dass ich von sonst nichts einen Schimmer
mich auf die Musen nur gestürzt.

Und ringsherum die Welt vergessend,
die weich sich um den Körper schlang,
nur Silben und nur Strophen messend
um ausgebuffte Reime rang.

Ein Weiser schon in alten Tagen,
der Feindschaft und Verbannung litt,
sprach: Aus dem Land könnt ihr mich jagen,
doch meinen Geist, den nehm ich mit.

Um wie viel mehr, möcht ich ergänzen,
wenn selbst man sich dazu entschließt
und weit von seinen Heimatgrenzen
der Fremde schönen Reiz genießt!

Ihr glaubt, jetzt habt ihr mich beim Wickel,
weil ich mir selber widersprech:
Die Welt vergess ich wie ‘nen Pickel,
wenn Gold ich aus dem Hirn erbrech.

Nein, dies fantastische Ambiente –
es wirkt ja heimlich, unbewusst,
und stärkt dem Sänger, der in Rente,
die alte Hieroglyphenlust!