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Kurze Erwärmung

Kurze ErwärmungDie wen’gen Autos, die noch fahren,
sie rauschen durch die feuchte Spur.
Kein Himmel heute, aufzuklaren
für Augenblicke von Azur.

Beharrlich rinnt noch immer Regen,
ein dumpfes Murmeln, dumpf und sacht,
doch jäh in hellen Trommelschlägen,
wenn eine Bö ihm Beine macht.

Dann jagen übers Eisengitter
um den Balkon, des Herr ich bin,
wie’n lust’ges Silberblitzgewitter
die kleinen Tropfenfüße hin.

Und unter diesen steten Güssen,
wie sollten sie denn fröhlich sein?
Die Fenster werden weinen müssen,
ob blind, ob trüb im Lampenschein.

Es lässt kein Mensch sich mehr erweichen,
noch durch die Nacht zu promeniern.
Die Pfützen mausern sich zu Teichen.
Die Bürgersteige vegetiern.

Und dann auf einmal diese Wärme!
Die Kehle atmet wie befreit.
Und wohlig machen ganze Schwärme
von Glühwürmchen im Leib sich breit.

Kann es denn sein, dass von den Horen
der Lenz das Zepter schon gekriegt,
obwohl das Jahr doch, neugeboren,
noch selber in den Windeln liegt?

Ich glaub, dass selten es auf Erden,
doch auch kein Kirchenwunder wär.
Was soll nur aus dem Glühwein werden?
Die Flasche ist ja erst halb leer!

Ein Wettersturz

Ein WettersturzEin Wettersturz der ersten Güte!
Der Frosch sprang hoch mit einem Satz
und nahm, o dieser Abgebrühte!,
weit höher auf der Leiter Platz!

Wir halten aber ihm zugute,
dass deshalb er nach oben strebt,
weil die Natur mit kaltem Blute
und Lust am Lichte ihn belebt.

Wie eisig auch die letzten Tage!
Es hat gefroren Stein und Bein.
Ich glaub, selbst meine Wasserwaage
war froh, nicht außer Haus zu sein.

Ja, mein Balkon mit Eisengitter,
der nie sich irgendwie geregt,
der zeigte mir, damit ich zitter,
die Zähne – Zapfen, wie gesägt.

Das ist nun alles Schnee von gestern.
Wie rasch so was vertropft und taut
und Reste bleiben nur vom fester’n,
der Stadt zerfetzte Gänsehaut!

Wie nackt und schäbig sie da liegen,
entblößt von ihrem Winterfell,
die Straßen – enger sich zu schmiegen
an Sohle und an Fahrgestell!

Erleicht’rung also? Überwunden
des Frostbarts strenge Diktatur
mit langen, streusalzfreien Stunden,
die man im Schneckentempo fuhr?

Das würde an ein Wunder grenzen:
Dezember laut Kalenderblatt!
Und pflegt’s im März nicht erst zu lenzen
bei so und so viel Sonnenwatt?

Da muss der Frosch wohl noch viel klettern,
indem er auf und ab sich biegt –
o dass er bei den vielen Wettern
bloß keinen Muskelkater kriegt!

Themawechsel

ThemawechselVergiss mir, Wordsworth, die Narzissen,
kein Schwein steht heut auf Blumen noch,
der Blütenflor ist längst zerrissen,
an dem dein Leser gerne roch.

Vergiss mir, guter Burns, die Nager,
die gern in Küchen mausen gehn,
zu deiner Zeit noch Kassenschlager,
jetzt Katzenfraß, nicht auszustehn.

Vergiss mir, Rilke, deinen Panther:
Geschmeidigkeit und Stärke pur –
das Image stahl ihm sein Verwandter,
‘ne rosa Leinwand-Witzfigur.

Wollt ihr als Dichter heut bestehen,
vergesst das Tier- und Pflanzenreich,
da völlig andre Winde wehen.
Geduld, Herr Burns, ich klär es gleich!

Zunächst: Kaum jemand mag noch lesen,
sich auf Geschriebnes konzentriern.
Das Buch – ein unbekanntes Wesen,
Fossil, so hölzern und papiern.

Man schätzt vielmehr das Visuelle,
die bunten Bilder, vorgekaut
und fliehend mit Gedankenschnelle,
dass schneller, als man denkt, man schaut.

Und was man braucht, um abzuschalten (!),
sind Action, Spannung und was schockt,
indes man selbst mit Händefalten
betulich auf dem Sofa hockt.

An Lastern und an Gräueltaten
sieht sich der brave Bürger satt,
dass, permanent in Blut zu waten,
er stets sein Quäntchen Leichen hat.

Experten fragen, neunmalkluge,
sich schon (wie viele Seher blind!),
ob nach des Bildschirms Siegeszuge
Gedichte denn noch möglich sind.

Da sag ich nur: Was solln die Flausen?
Das Wort hat immer noch Gewicht.
Nur muss es oft im Schatten hausen –
verdunkelt, doch nicht ohne Licht!

 

Kleiderordnung

KleiderordnungKapuzen, Hüte, Lammfellmützen –
man trägt den Scheitel heut bedeckt,
und selbst die Ohren will man schützen,
dass sie der Frost nicht brandig fleckt.

Die Jacken sind von großer Dicke
und auch die Mäntel gut im Speck.
Ein wenig kürzer tritt das Schicke
vorm unverhüllten Wärmezweck.

Man setzt behutsam seine Schritte –
der schweren Stoffe wegen träg?
Nein, nach der altbewährten Sitte:
Trau keinem schneebedeckten Weg!

Seit Mittag stiebt in dichten Flocken
und pausenlos der kühle Flaum,
den Glitzerteppich aufzustocken
zu einem weißen Wintertraum.

Doch diesen Zauber, den geballten,
scheint der Vermummte nicht zu fühln.
Er ringt darum, Balance zu halten
und sich den Mors nicht zu verkühln.

Woraus man sieht, dass auch des Schönen
Kehrseite allerwärts bewusst,
weil mancher schon mit Ach und Stöhnen
im Sturze sich ihr nähern musst.

(Den olln hannöverschen Gelehrten
hätt so ein Fall wohl kaum geniert:
„Seulement als Exception zu werten,
da tout le monde prästabiliert.“)

Selbst diese prallen Einkaufstüten,
mit denen manche(r) sich bepackt,
sie sollen Unheil wohl verhüten
den Stangen gleich beim Drahtseilakt.

Und doch beseelt auf diese Weise
so was wie Festlichkeit die Welt,
da jeder, dass er nicht entgleise,
mit Hektik hinterm Berge hält.

Der Mensch wird friedlich wider Willen,
im Frost gefriert sein wildes Blut,
und Schnee kann seinen Eifer stillen,
der bis zur Schmelze erst mal ruht.

Das desto mehr, je höhre Haufen
dem eil’gen Fuße unbequem
und selbst die Forschsten eierlaufen
nach dieser Art Schneeballsystem.

Nun ist es Nacht und schneit noch immer.
Der Winter schenkt mit vollem Maß.
Was soll’s, man hockt im warmen Zimmer,
Pantoffeln, Grog – so macht er Spaß!

Im Laufe des Abends

Im Laufe des AbendsSchon sammeln sich die Schatten wieder
zum stillen Trauerflug der Nacht,
noch ohne Flitter ihr Gefieder –
nur hier und da ein Licht erwacht.

Noch huschen zwischen den Fassaden
wie Fledermäuse ohne Laut
die Tauben, gleichsam aufgeladen,
wie man so weiß sie blitzen schaut.

Das Lied der Straße ist verklungen.
Nur selten, dass sich noch entringt
ein schwacher Seufzer ihren Lungen,
der kaum bis zu den Traufen dringt.

Von Zeit zu Zeit gehn noch Passanten,
sind es noch Menschen oder nicht?,
so ohne Ecken jetzt und Kanten,
gespenstisch ohne Angesicht.

Bald sind auch sie nicht mehr zu sehen.
Was jetzt noch dämmernd, ungewiss,
wird bald mit beiden Beinen stehen
im tiefsten Sumpf der Finsternis.

Ich bohre ja mit meiner Feder
mich selber immer tiefer rein –
zieh noch bei Helligkeit vom Leder
und fechte noch bei Mondenschein.

Grad da ich diese Strophen schreibe,
denk unvermittelt ich: Wie spät?
Ich heb den Blick zur Fensterscheibe:
Kohlschwarze Flur, mit Gold besät.

Die Nacht ist weit schon fortgeschritten,
seitdem das erste Zeilenpaar
noch zögernd übers Blatt geglitten,
sich wohl bewusst der Sturzgefahr.

Da glimpflich nun die Kür gelaufen
und nicht ins Stolpern mehr geriet,
reicht wohl auch dieser Letternhaufen
für ein (zehn Strophen) großes Lied.

Du hättest auch mit neun begriffen,
o Les’rin, dass ich Schluss gemacht –
meine Maniern indes, geschliffen,
sie wünschen dir noch Gute Nacht!

Weißer Nikolaus

Weißer NikolausEin bisschen bunter die Fassaden,
und schon sehn freundlicher sie aus –
wie erst, wenn sie die Füße baden
im ersten Schnee zu Nikolaus!

Wenn auf und ab die Fensterbänke
ein blütenweißes Deckchen schmückt,
als hätten alle Wäscheschränke
ihr feinstes Linnen rausgerückt

Und statt der schiefergrauen Pfannen,
die da wie Karos aufgesteckt,
ein einz’ges Tuch von tausend Spannen
ganz sauber alle Sparren deckt.

Und was an der Gebäude Saume
als Fluss sich windet von Asphalt,
verborgen liegt es unterm Schaume,
der weiß ihm übern Nacken wallt.

Wie wunderlich auch anzusehen,
die doch entblößt der Blätterfall,
Platanen, die auf einmal stehen
in voller Blüte von Kristall!

Der Himmel selbst, der gerne bieder
die Nacht in düstren Farben malt,
er spiegelt dieses Weiß nun wider,
in dem die ganze Erde strahlt.

Mein Viertel hier, die reinste Wüste
zu jeder andern Jahreszeit –
wie dieses Puder es versüßte,
von dem so zuckrig es beschneit!

Ein Zauber, allem Grau entgegen,
und wie enthoben Zeit und Raum!
Ich mag mich gar nicht schlafen legen:
Erwach’ vielleicht – und aus der Traum!

Erster Schnee

Erster SchneeVerzeiht, wenn ich mich wiederhole
gewiss schrieb Ähnliches ich schon –
doch denkt an Sys- und Diastole:
Das Gleichmaß hat auch seinen Lohn!

Das gilt auch für die Jahreszeiten:
Der ewig gleiche Staffellauf,
den uns die ew’gen vier bereiten –
doch kommt da Langeweile auf?

Heut ist der erste Schnee gefallen.
Was weiter nicht verwundern mag –
so wie die Brust der Wasserrallen,
so grau war es den ganzen Tag.

Dass er dabei, was auszubrüten,
sah man dem Himmel förmlich an,
und wirklich: Winz’ge weiße Blüten,
die regnete es irgendwann.

Sie fielen nicht in dichten Schauern,
nein, spärlich und auch zögernd nur,
man sah sie kurz am Boden kauern,
und schon verlor sich ihre Spur.

Doch auf ‘ne rätselhafte Weise
gelang der Äste hartem Holz,
dass dieser Schwarm von flücht’gem Eise
an seiner Rinde nicht zerschmolz.

Gehäufelt liegen da die Flocken,
zu dünnen Streifen ausgericht’t,
wie Hühner auf der Stange hocken
auf engstem Raume dicht an dicht.

Und dieses Bild, muss es nicht rühren,
so friedlich, wie es ist, und leis?
Es lässt ja unsre Kindheit spüren,
versunkne Welten in Schwarzweiß!

Es ist, als wollt die Brut von Spinnern,
die’s wirklich bunt auf Erden treibt,
so die Natur daran erinnern,
dass sie die wahre Herrin bleibt.

Alter Rhythmus

Alter RhythmusEin neuer Tag, ein neuer Abend.
Es ist noch immer, wie es ist.
An einem Badischen mich labend
versuch ich mich als Wort-Artist.

Am Himmel hängt ein letzter Streifen
verwaschenen, maroden Blaus,
in das mit Flatterhänden greifen
die Flaggen auf dem Gästehaus.

Der Dächer regellose Kanten
erkennbar noch im fahlen Licht –
doch Schatten schon ihr Siegel brannten,
das erst der Morgen wieder bricht.

Das Dunkel wird mir noch bewusster
durch der Fassaden Fensterreihn.
Hier Schwarz. Hier Gelb. Ein Karomuster.
Doch spärlicher der Lampenschein.

Und über allem raunt ‘ne Stille
dir mitternächtlich schon ins Ohr,
dass du die Vor-dem-Schlafen-Pille,
das Zahnglas schon mal holst hervor.

Gelegentlich noch ‘ne Karosse,
die meint, sie müsst den Frieden störn.
Doch ihr Gebrumm ist für die Gosse,
hier oben fast nicht mehr zu hörn.

Nun ist (es dauert ja, das Dichten)
dahingeschmolzen dieser Streif
und hier und da ein Stern zu sichten
als erste Himmelsfrucht, die reif.

Nur schemenhaft sind noch zu ahnen
die Flaggen drüben auf dem Dach.
(Ich sprech bewusst hier nicht von Fahnen –
Puristen legen mich sonst flach.)

Apropos Dach: ‘ne schwarze Masse,
die weder First hat noch Kontur –
den Jungs, die ständig knapp bei Kasse,
Fanal für ihre Schränkertour.

Kaum setzt noch so ‘ne Motormähre
ihr Gummihuf auf den Asphalt.
Nur von der Kneipe in der Kehre
Palaver dumpf noch rüberschallt.

Ein neuer Tag, ein neuer Abend?
Als ob sich’s nie geändert hätt!
Die Szene. Und die Feder, schabend
die Spitze am Papierparkett.

Egal, wie wir die Tage nennen –
der Fluss der Zeit hat ein Gesicht.
Und dennoch ihm die Wasser rennen,
als wär er’s oder wär es nicht!

Ach, dies Dilemma auszubaden,
hat Heraklit uns eingebrockt!
Verzeiht indes, ich kapp den Faden:
Die Kumme leer, die Koje lockt.

Des Abends Schweigen

Des Abends SchweigenDes Abends Schweigen, unverfroren
wie das des Täters vor Gericht.
Ich bin zum Richter nicht geboren,
hab keine Ahnung, wie man’s bricht.

Da drüben Fenster, die vertränen
ihr Gelb aus Zügen, so erstarrt,
als wärn versteinert sie im Sehnen,
das längst mehr keiner Zukunft harrt.

Am dachgezackten weiten Himmel
zeigt in Vollendung sich die Nacht –
kein Feuerfunkensterngewimmel,
wie Kohle alles, Flöz und Schacht.

Das lust’ge Blattspiel der Platanen
verdarb der Wind, der sich empfahl.
Kein Stau mehr auf den Autobahnen.
Kein Keuchen mehr im Krankensaal.

Die Möwen sind zur Ruh gegangen,
die Amseln taten’s ihnen gleich.
Die Hühner hocken auf den Stangen,
die Frösche um den Gartenteich.

Sie alle nahmen in den Schlummer
die Sorgen ihres Daseins mit,
die Küchenschabe und der Brummer,
der Weisel mit dem Bürstenschnitt

Der Marder auf dem Trockenboden
und Kumpel Maulwurf unter Tag,
der Regenwurm in Löss und Soden,
die Kokke unterm Zahnbelag.

Nie werd ich ihr Geheimnis lüften,
mit fester Faust bewahrt’s die Nacht,
die alle Wohnungen zu Grüften,
das Schweigen zum Mysterium macht.

Ja, selbst die Musen müssen schlafen,
neun Schwestern hübsch in Reih und Glied.
Zum Zähln von goldbevliesten Schafen
beflügle sie dies Wiegenlied!

Eiertanz

EiertanzVerzeiht, wenn ich mich heute wende
an euch als Kenner ausnahmsweis
und leg in eures Hirnes Hände,
was untern Nägeln brennt mir heiß!

Ich will’s erst gar nicht spannend machen:
Es geht um Eier rundheraus –
ja, selbst bei solchen runden Sachen
ist manchmal doch noch etwas kraus.

Ihr werdet sicher Beifall nicken,
wenn ich zum Beispiel dies erwähn:
Die kleinen gibt es und die dicken,
die Stall nur und die Land gesehn.

Und ihre ganze Farbpalette
erschöpft in Weiß sich und in Braun.
Nun kommt’s, was ich zu fragen hätte:
Was wir da in die Pfanne haun

Wär es nicht bunter auch zu kriegen
(mal abgesehn vom Osterei),
dass wir auch auf Ovale fliegen
mit etwa … rotem Konterfei?

Ich sehe euch entgeistert gucken –
das reicht mir auch als Antwort schon.
Die Frage schien euch nie zu jucken,
spricht sie doch der Erfahrung Hohn.

Das deutsche Ei, seit tausend Jahren
sich selber gleich wie Tag und Nacht
und in geheiligtem Verfahren
vom deutschen Huhn zu Fall gebracht

Aus gutem Grund in diesen Tönen
allein lässt die Natur es schaun,
weil diese nur dezent verschönen
die grobe Schale: Weiß und Braun.

Nun, ich hör auf, hier rumzueiern
und geb euch ein Geheimnis preis:
Bei einer meiner Frühstücksfeiern
aß eins ich – weder braun noch weiß.

Ein Grün der allerersten Sahne,
so zart und dennoch so markant,
war wie bei feinstem Porzellane
ihm in die Pelle eingebrannt.

Und nicht dass unsre guten Dänen
was zum Verkauf hier aufgefärbt,
nein, echt von Hennen und von Hähnen
und echt geworden und vererbt!

Ihr wollt mich für verrückt erklären?
Raunt von zerrüttetem Gemüt?
Es stimmt, so wahr ich hier zu Ehren
der Musen über Versen brüt!

Um solche Eier zu erlaufen,
muss man sich höllisch gut beschuhn.
Oder bei *** sie kaufen.
Direkt vom Araukaner-Huhn.

***Meine Gedichte sind ohne Werbung. Falls Sie die Bezugsquelle
wissen möchten, rufen Sie mich gern an.