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Schwüle schlaucht

Schwüle schlauchtDes Jahres erste schwüle Stunden –
und endlich Abend und vorbei.
‘ne Brise hat sich eingefunden
und bläst mich wieder perlenfrei.

Das Hemd löst langsam sich vom Rücken,
mit dem ‘s so lange fest „verschweißt“.
„Bloß nicht bewegen oder bücken!“
gottlob nicht mehr das Motto heißt.

Die wen’gen Haare, die verblieben,
am Kopfe klebend tags durchnässt,
gleich Fädchen in die Lüfte stieben,
wie sie der Löwenzahn entlässt.

Den Lebensgeistern selbst, den siechen,
die dämmernd vor sich hingedöst –
als ließ man sie am Fläschchen riechen,
sind wieder Kräfte eingeflößt.

Als ob man aus dem Regenwalde
wär vom Äquator heimgekehrt
zu seiner nord’schen Trockenhalde,
die Klee statt Orchideen nährt.

Wenn dieser „Götterwind“ nicht wäre
wie aus dem Nichts jäh aufgetaucht,
hätt diese Luft, die drückend schwere,
mich wohl zu Tode noch geschlaucht.

Wird der sich aber nicht bald legen,
dass wieder hechelt man und jappt?
Der nicht, weiß Gott! – Der nicht? Weswegen?
Weil’s mit ‘nem Quirl doch immer klappt!

 

Vor Einbruch der Nacht

Vor Einbruch der NachtNoch ist die Nacht nicht angebrochen.
Noch sieht man Farbe und Kontur.
Doch Schatten kommen angekrochen,
verdüstern langsam den Azur.

Rings überall auf den Fassaden
glimmt hier und da schon fahles Licht.
Und grelles, wo ein Kaufmannsladen
sich späte Kundschaft noch verspricht.

Wie sich die Schatten weitertasten!
Das letzte Blau schon aufgeleckt!
Dafür der Kopf der Peitschenmasten,
der glüh’nd sich übers Pflaster reckt!

Die wilde Mähne der Platanen,
im Punkerlook noch grade grün,
lässt nichts mehr von Pigmenten ahnen,
wie sehr sich auch die Augen mühn.

Die Straße ist in Sott versunken
(d. h. der kleine Ausschnitt meiner Welt),
betupft nur von den müden Funken,
die kunstvoll künstlich hergestellt.

Mein Kerzchen nur bei dem Geschehen
scheint recht in seinem Element:
Vorhin im Dämmer kaum zu sehen
und jetzt: Als ob die Hütte brennt’!

Wie gern in seinem warmen Scheine
ich über Zeiln und Strophen brüt,
bis mir ein Eifisch an der Leine
(hier hab zwei Bilder ich bemüht!).

Die Nacht ist nun ein Stückchen weiter.
Sporadisch nur noch Stadtverkehr,
nur noch ein später Pflasterschreiter,
das Halali der Feuerwehr.

Bald wird auch dieses ganz verstummen –
wenn Mitternacht erst mal vorbei.
Er dann auf Touren noch, auf krummen,
tut alles, dass er leise sei.

So geht das bis zur Morgenstunde,
wenn sich ein neuer Dämmer regt,
den wenig später, Gold im Munde,
Aurora schon zu Grabe trägt.

Als Freund des Pegasus indessen
verschlaf ich stets das Morgengraun,
hab lang im Sattel ja gesessen,
muss spätfrüh drum aufs Ohr mich haun.

Und noch bei Dunkelheit ich führe
den Klepper wieder in den Stall.
So ist es Sitte (nicht Allüre!)
beim Dichter, bei der Nachtigall.

Zur Unzeit

Zur UnzeitIst da vielleicht was schiefgelaufen?
Wir haben ja schon Anfang Mai –
und Wasser muss die Erde saufen,
als wär’s der süße Märchenbrei.

Die Sintflut will partout nicht stoppen,
vom Himmel rauscht es wie verrückt –
ein Wetterchen, um Skat zu kloppen
im Winkel, den ein Ofen schmückt.

Die armen Bäume da am Wege,
wie’s denen auf die Ohren knallt –
wie Watschen links und rechts und schräge
brutal in ihren Blätterwald!

Und auch den leidgeprüften Ziegeln,
der Dächer schützend schupp’ge Haut,
sieht man den kahlen Scheitel schniegeln
was in den Wolken ausgebraut.

Wenn’s noch April wär, meine Güte!,
man nähm es ja gelassen hin –
doch jetzt im Mai fehlt dem Gemüte
für diesen Schweinkram jeder Sinn!

Wer trägt die Schuld an der Misere?
Sankt Peter, Zufall, die Natur?
Oder gibt Homo sich die Ehre:
„Allgegenwärtig meine Spur!“

Egal. Hiermit ich appelliere
an Noah, Zeus, den Drachengott:
Bewegt doch endlich die Scharniere
und schließt das leid’ge Schleusenschott!

Wahrscheinlich hat es eh verschlafen
so’n Schnarchhahn aus dem Götterkreis,
der da im ew’gen Heimathafen
von Zeit und Stunde nichts mehr weiß.

Doch andrerseits: Ich fress ‘n Besen,
macht’s wer da auf die schnelle Tour.
Man hat ja Einstein auch gelesen
und misst nicht mit der Erdenuhr.

So will ich in Geduld mich üben.
Zumal ich nicht des Trostes bar:
Schlürf ich nicht Wein in kleinen Schüben,
nicht Sonne vom vergangnen Jahr?

Wettereskapaden

WettereskapadenWohl tausend fein gestufte Töne
besäten ganz die Himmels-Au,
doch, gleichsam einer Sippe Söhne,
sie alle von der Farbe Grau.

Und von der riesigen Palette,
die für Grisaille nur präpariert,
sind immer wieder kalte, fette,
anämisch’ Güsse abgeschmiert.

Wie’n Schneider habe ich gefroren,
als kurz ich vor die Türe trat.
Da heult’ ein Wind mir um die Ohren,
der fror wohl selbst bei vier, fünf Grad.

Nun, gestern konnt ich nicht vollenden
(warum auch immer) dieses Lied
und ließ mit Strophe drei bewenden
den großen Sang vom Wetterschiet.

Doch wie ich heute hier so ringe,
dass ich ihm setz den Schlussakkord,
„o welche Änderung der Dinge!“,
das ganze Schauerelend fort!

Die Wolkendecke, aufgerissen,
gibt ständig blaue Inseln frei,
wo zögernd noch und unbeflissen
die Sonne zeigt ihr Konterfei.

Der kleinste Niesel: Fehlanzeige.
Kein Tröpfchen mehr vom Firmament.
Am Himmel hängt ‘ne halbe Geige,
die bald wohl nicht mehr solo flennt.

Und auch die quicke Silbersäule,
wie schlug sie nicht nach oben aus!
Zwar noch nicht mit der Hitzekeule,
doch deutlich aus der Eiszeit raus.

Ich bitte sehr, mir nachzusehen
dies Wechselbad von Toll und Trist,
wie’s prophezeit von jenem Krähen
des guten Gockels auf dem Mist.

Schreib künftig ich, dies mein Versprechen,
von solchem Regenüberdruss,
werd ich den Job nicht unterbrechen –
für ein Gedicht aus einem Guss!

 

Kosmische Oase

Kosmische OaseIm letzten Blau der Himmelsweiten,
bevor der Abgrund es verschlingt,
seh ich die grelle Scheibe gleiten
des Mondes, der nach Süden sinkt.

Von diesem Anblick angezogen,
so licht in wolkenloser Nacht,
verfolg ich ihn, bis er den Bogen
verschwindend hintern Dächern macht.

Dann liegt, als hätten Welln verschlungen
den einsam heimwärts irr’nden Kahn,
gewaltig wieder, unbezwungen,
des Himmels düstrer Ozean.

Nicht mal der Schein der Feuerquallen,
aus Tiefen glühend geisterhaft,
will irgendwo ins Auge fallen –
als wärn die Sterne abgeschafft!

Ein einz’ges unheilvolles Schweigen
wie eine Glocke auf der Stadt –
und nur von dieser manchmal steigen
noch Laute auf, wie Seufzer matt.

Durchs Fenster seh ich unterdessen
ein Warnlicht, das bedeutsam blinkt
und so wahrhaftig weltvergessen
dem Irdischen ein Ständchen bringt.

Von hier aus kann ich beide schauen,
die große und die kleine Welt.
Dass allen beiden nicht zu trauen,
das ist’s, was sie zusammenhält.

Gigantisch die Gewalten droben,
unzähmbar, gierig, ohne Maß,
und auf dem Globus Menschmikroben,
ihn plündernd bis zum Mottenfraß.

Und das mit tausend guten Gründen
gesegnet fein und konfirmiert,
da unser HErr für Umweltsünden
noch keine Hölle konsekriert.

Vierspännig also ins Verderben.
Karosse: Gold, der Kutscher blind.
Sein Hü bedeutet „Schutt und Scherben“,
die Erde nackt im Sonnenwind.

Doch mal mit weniger Emphase:
Man soll das Unglück nicht beschrein.
Lang lebe unsre Erdoase
in dieses Kosmos Wüstenein!

Lang lebe auch die stille Stunde,
die abends ich den Musen weih –
mit einem Zaubertrank im Bunde,
dass Kraft und Anmut er verleih.

Gedanken, die sich frei entfalten
fast mühelos und unentwegt,
bis auf dies nöt’ge Innehalten,
wenn mir der Bauch die Trommel schlägt

Und zu den Happen ich enteile,
um zu willfahren dem Appell,
damit, für eine kurze Weile,
den Knurrenden ich ruhigstell

Um dann mit frischem Schwung zu starten
zu neuen Zeilen, neuem Lied,
dass man im schönen Musengarten
als Rose bald es blühen sieht.

Und droben leuchtet die Laterne
des Mondes ihrer Bahn voraus –
in schwarzer Nacht unendlich ferne
dem Seufzer jenes letzten Blaus.

Der Wettergott

Der WettergottDer Wettergott ließ Gnade walten,
so fiel der Tag passabel aus:
Was sollt mich in der Bude halten?
Schnell in die Jacke rein – und raus!

Kaum war ich vor die Tür gelaufen,
durchströmte mich ein Glücksgefühl,
als meinen Scheitel ich da taufen
ein Lüftchen spürte, lind und kühl.

Nun, nicht allein die Sonne droben
beherrschte heut das Himmelsrund,
denn immer wieder Wolken schoben
sich rauchend vor den Feuerschlund.

So schlug mir Hitze nicht entgegen,
indes ich auch nicht frösteln musst –
dies Temperierte kam entgegen
des Wetterfühl’gen Wanderlust.

Was für ein Wunder war geschehen
mit Büschen und mit Bäumen rings!
Wo kürzlich Knospen nur zu sehen,
schon halbe Blätter neuerdings!

Von diesen Blüten ganz zu schweigen –
wo kamen die so plötzlich her?
So dicht an dicht auf allen Zweigen,
als ob’s ein Schwarm von Vögeln wär!

Und wie viel Leute auf den Straßen,
ich war da sichtlich nicht allein!
Sie schlenderten oder sie saßen
vor Kneipen und Konditorein.

Und sie ergingen sich in Scharen
auf jeder nur begrünten Flur,
mit allen Sinnen zu erfahren
den schönen Wandel der Natur.

Ja, auch wo sich die Weiden neigten
ins Wasser mit der Zweige Lot,
sich fröhlich an den Riemen zeigten
die Promeneurs im Ruderboot.

Ein Frohsinn herrschte ohnegleichen –
der reinste Frühling im Gemüt.
Was brauchte es noch mehr an Zeichen?
Der Mensch ist endlich aufgeblüht!

Balsamische Stille

Balsamische StilleWie Balsam liegt die Abendstille
auf dem Asphalt, dem Pflaster dort,
die runter bis zur kleinsten Rille
geschunden heut in einem fort.

Von tausenden von Gummirädern,
die schwer darüber weggewalzt,
und Sohlen, die zwar leichter federn,
doch Tritte ihnen aufgehalst.

Der Straße Seele, möcht man meinen,
erholt sich, wohlig ausgestreckt,
lässt Neon auf den Bauch sich scheinen,
das eitrig ihm die Wunden leckt.

Nur noch sporadisch Lärmsequenzen,
vereinzelt noch ein schärfrer Ton.
Verhaltner selbst die Sterne glänzen;
der Mond ging längst auf Tauchstation.

Wie starr auch die Platanen stehen,
gespreizte Arme ihr Geäst,
als würden um den Wind sie flehen,
der sie so lustig tanzen lässt!

Die Fahnen drüben auf dem Dache,
sie schwappen träge um den Mast,
obwohl doch Flattern ihre Sache,
wenn stürmisch wer sie unterfasst.

Was Wunder, dass auch meine Klause,
von dieser Stille inspiriert,
nun wen’ger Küche denn Kartause,
wo kaum man je ein Wort verliert.

Ja, eher eine Klosterzelle,
in die nichts Weltliches mehr dringt
und nur der Seele lautre Quelle
den Göttern stumm Gebete singt.

Der Wanduhr monotones Ticken
klingt klarer in die Einsamkeit.
Ich kämpfe, um nicht einzunicken
vor diesem Wiegenlied der Zeit.

Dazu vom Wasserhahn der Tropfen,
der hin und wieder zögernd fällt –
ich hör ihn auf die Spüle klopfen,
hör, wie er auf dem Stahl zerschellt.

Selbst wenn ich meinen Becher fülle,
gedankenlos, wie aus Instinkt,
dann gluckert’s aus der Flaschentülle
wie’n Bach, der über Kiesel springt.

Vollkommen scheint mir nun der Frieden,
der seiner selbst sich wird gewahr –
da leb ich einmal abgeschieden
im Herzen dieser City gar!

Am Tropf häng ich der Abendstunde,
sie träufelt mir die Verse ein
und schließt mit Strophen mir die Wunde,
so weitab vom Parnass zu sein.

Doch wenn sich früh die Schatten lichten
und mit dem Tag die Welt erwacht,
dann ist es aus für mich mit Dichten –
die Muse fällt im Lärm der Schlacht.

Herrschaftswechsel

HerrschaftswechselHeut hat die Herrschaft angetreten
der Bruder Leichtfuß, der April,
und wie so oft bei Majestäten
macht er sofort auch, was er will.

Die eine Hand, die hält die Sonne,
reichsapfelgroß indessen nur,
die andre eine Regentonne
als Kleinod kräft’gerer Statur.

Als weitre werte Antrittsgaben
bracht er ‘ne Kaltfront mit und Wind.
So’n Luftikus muss man nicht haben –
doch Herrscher ja wie Kletten sind.

‘s ist schwer, sie wieder loszuwerden,
das dauert meistens seine Zeit.
Es war schon immer so auf Erden:
Man hängt an seinem Königskleid.

Gottlob, dass bei Naturgewalten
das Sitzfleisch nicht so ausgeprägt
und sie sich meistens kürzer halten
als Homo, der gleich Wurzeln schlägt.

Der Bursche hat nur dreißig Tage,
nicht einen mehr zum Rumregiern.
Und doch stellt sich die Gretchenfrage:
Was kann da alles nicht passiern?

Orkane, Blitze, Regenfluten,
Unwetter allerschlimmster Art
ziehn auf in Stunden, ach, Minuten
zu quälend langer Gegenwart.

Man kann nur hoffen, die Periode
von dieses Monds Legislatur,
sie bringt zu Schaden nicht und Tode
ein Würmchen auf der Erdenflur.

(Ich glaub, würd monatlich man wählen
Politiker in Amt und Ehrn,
an Tricks würd’s ihnen wohl nicht fehlen,
das Land noch schneller auszuzehrn.)

Im Übrigen ist zu berichten
auch Gutes von dem Wendehals:
Forsythien konnt ich erstmals sichten
und Osterglocken ebenfalls.

Ich hab den Ausflug sehr genossen,
den ich trotz allem mir erlaubt.
Das Regenfass war grad geschlossen,
groß im Gewölk das Sonnenhaupt.

Ein Frühlingsgefühl

Ein FrühlingsgefühlZwar sah ich keine Blumen sprießen,
und auch die Sonne blieb verdeckt,
anstatt mit Kübeln auszugießen,
was so an Power in ihr steckt.

Auch Knospen, die aus Zweigen drangen,
ach was, schon Blüten, schmal und fein,
sie müssen ebenso entgangen
dem frühjahrsmüden Auge sein.

Ich zottelte mit trägen Quanten
apathisch übers Trottoir
und glich wohl mehr ‘nem Elefanten
als Bruder Leichtfuß Adebar.

Ringsum begrenzten meine Schritte
Gebäude der diversen Art,
bei denen, wie es heute Sitte,
der Zweck sich mit Tristesse gepaart.

Da klang auch nirgendwo Geflöte,
das Vögel auf der Balz verriet,
und selbst die rüst’ge Wanderkröte
mein stämm’ges Bein zu kreuzen mied.

Ja, von den ungezählten Ohren
des Baumes in der Häuserschlucht
fiel noch, im Winter unverloren,
als Schmuck die raue Kugelfrucht.

Doch fühlt’ ich irgendwas im Gange,
das teilte sich mir plötzlich mit,
als warm mir eine Ätherschlange
so wohlig übern Nacken glitt.

War das ein Streicheln und Berühren –
wie heiße Küsse auf die Haut!
Nie konnt den Lenz ich schöner spüren:
als süßen Atem einer Braut.

Wärmeeinbruch

WärmeeinbruchWann hab die Jacke ich getragen
zuletzt so offen und leger,
wann mich begnügt mit bloßem Kragen
auch ohne Halstuch ringsumher?

Nach ungezählten Winterwochen
mit Schnee und Kälte Tag für Tag
ist unverhofft nun eingebrochen
die Wärme wie ein Hammerschlag.

So weit, so gut. Nur dass die Wende,
so jäh, die Freude mir vergällt.
Kaum bringt es ein Extrem zu Ende,
das Wetter schon ins nächste fällt.

Was Wunder dass ich prompt geraten
von Kopf bis Fuß in Dauerschweiß:
Kaum da, macht dieser Teufelsbraten
von Frühling mir die Hölle heiß!

Ich würd ihm allerdings vergeben,
brächt er das Kunststück auf die Reih,
die Flurn im März schon zu beleben
mit Blüten wie im tiefsten Mai!

Da müsste er nun Dampf mal machen,
hat nur noch ein paar Tage Frist,
und ich werd argusäugig wachen,
ob da der kleinste Fortschritt ist.

So pack ich erst einmal beiseite
den Kiel, der diese Zeilen kleckst,
dass ich gespannt zu Bette schreite
und lausche, wie die Wiese wächst.