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Vielleicht ausgestanden

Vielleicht ausgestandenIst es nun endlich ausgestanden?
Allmählich setzt sich Wärme fest.
Die größren Flächen schon verschwanden,
jetzt schmilzt auch noch der schnöde Rest.

Doch Vorsicht walte noch, bewusste,
vor allem wo’s in Matsch zerfließt,
denn unter dieser morschen Kruste
sich tückisch oft noch Eis ergießt.

(Erst heute, als ich ausgegangen,
sah jemand ich den Halt verliern –
er konnte grade sich noch fangen,
anstatt nach unten abzuschmiern.)

Gewiss die typischen Schikanen,
die auf dem Rückzug wer verübt,
dass er des Siegers strahlnde Fahnen
noch im Triumph nach Kräften trübt.

Was soll’s. Ein flücht’ger Blick zum Himmel
verrät den Willen der Natur:
Wo ewig grau’n Gewölks Gewimmel –
ein einz’ges Meer jetzt von Azur!

Mit offnen Armen harrt die Erde,
die diesen langen Winter leid,
des Hirten mit der Blumenherde,
dass froh sie ihr am Busen weid!

Der wird nicht auf sich warten lassen,
er ist ja ohnehin spät dran:
Die Schäfchen aller Blütenklassen,
im Eilmarsch führt er sie heran.

Mal eben kurz die Augen schließen:
Vernehmt ihr das Getrappel nicht?
Die Stängel sind es, die da sprießen
und galoppiern zum Sonnenlicht!

Sobald der Rüpel aus dem Lande,
geht es auch wieder feiner her –
der Frühling als ein Herr von Stande
trägt sogar Sträußchen am Revers!

Frostiger Abend

Frostiger AbendHeut Abend, dachte ich noch so,
da könnt ich mal vom Frühling schreiben:
Der Winter hockt nun im Depot,
jetzt geht das los mit Blütentreiben.

Es hat mich nicht bloß so gejuckt,
so ohne groß zu überlegen:
Hab auf die Straße ja geguckt
und sah so was wie Lenz sich regen.

Das Sprichwort hatt ich nicht bedacht:
„Den Tag nicht usw. loben“ –
nun ist sie plötzlich da, die Nacht,
und alles anders – siehe oben.

Da guck ich so von ungefähr
mal eben durch die Fensterscheibe,
und seh, als ob’s ein Trugbild wäre,
dass ich mir fast die Augen reibe

Wohin ich schau, ein Tuch, gebleicht,
auf Fahrbahn und auf Bürgersteigen,
und drüber tänzelnd, federleicht,
ein regelloser Flockenreigen.

Dass heuer der nicht locker lässt
mit Schnee und so, der alte Knacker!
Sonst gibt der März ihm meist den Rest,
bläst lauwarm einfach ihn vom Acker.

Wie immer auch, das war wohl nix.
Wer konnt den Wettersturz auch ahnen!
So’n Winter ist ja kein Jour fixe,
der lässt sich nicht nach Datum planen.

Er soll uns so willkommen sein,
als würd er nur die Zeit uns rauben,
wie Freunde, die ins Haus uns schnein,
da in Australien wir sie glauben.

Von Frost und Eis und Rutschgefahr
will ich erst gar nicht groß hier reden –
man weiß ja, wie es neulich war,
das schützt gewiss vor „Straßenschäden“.

Und überhaupt: Das hält nicht vor,
das ist ‘ne Sache nur von Tagen –
der Kerl bäumt sich noch mal empor,
bevor sie ihn zu Grabe tragen.

Doch hat er heute mir versaut,
dass lyrisch ich am Lenz gerochen.
Drum abgewartet, bis es taut:
Ich hol es, Les’rin, nach. Versprochen!

Da wüsste ich schon ein Gedicht,
ich fühl es schon im Kopfe kreisen,
allein verrat ich’s hier noch nicht –
erst wolln wir in den Frühling reisen!

Kurze Mondphase

Kurze MondphaseWie ich so sitze und so sinne,
dass mich ein Geistesblitz erhellt,
werd plötzlich ich des Mondes inne,
der grade aus den Wolken fällt.

Und seh, wie sich der Gute heute
dem Licht so völlig zugewandt,
als ob er nicht die Folge scheute,
die unvermeidlich: Sonnenbrand.

Doch kaum, dass ich sein Rund bemerke,
das groß und bleibend mir erschien,
darüber in Flotillenstärke
schon Fetzen finstren Rauches ziehn.

Und dann, wie eine Riesenwelle
verheerend auf die Ufer läuft –
die Wolkenfront, die auf die Schnelle
die letzten Streifen Lichts ersäuft.

Gebannt konnt ich den Blick nicht wenden,
sah stur dahin, wo er verschwand.
Doch nichts. An allen Himmelsenden
nur diese schwarze Wolkenwand.

Kein Vollmond, keine Dithyramben,
sein schönstes Antlitz zu verklärn.
Doch welcher Jammer, wenn die Jamben,
die schon geplant, verloren wärn!

Soll ich die Finsternis besingen,
in die das Firmament versank,
dem Chaos dort ein Ständchen bringen
vor seines Abgrunds Fensterbank?

Kein Thema. Eh’r was für Geschichten,
die sich um Horror drehn und Mord.
Soll erst der neue Tag sich lichten,
ihm geb ich gern das nächste Wort.

Ich werd erneut auf Wache gehen
im Dämmer meiner Küchenplicht
und angestrengt ins Innre spähen,
bis – Land ahoi! – ein Lied in Sicht.

Andere Dimension

Andere DimensionSind wir im Kosmos nicht geboren,
in die Unendlichkeit gestellt?
Ich horche mit Antennenohren:
Signale nur von „Gott und Welt“!

Es ameist sich der Mensch durchs Leben
in seinem Haufen Stahl und Stein,
die Augen stets am Boden kleben,
und da auch nur am schönen Schein.

Im Ew’gen mag die Sonne kreisen,
im Ew’gen sich die Erde drehn:
Herr Ameis geht auf Tippelreisen
und glaubt, er hat die Welt gesehn.

Man höre ihn nur schwadronieren
von seiner letzten Mammuttour:
„Wir durften keine Zeit verlieren –
das nächste Ziel war Singapur.“

Oder mit dieser Variante:
„Die Scampis hier? So schlecht nicht mal.
Doch kenn ich da in der Levante,
in Tripoli so ‘n Fischlokal…“

Auch was im Lauf der Jahreszeiten
an Schönem zeugt der Erdenball,
dient dieser Art von Herrenreiten:
„Im Herbst nach Maine zum Blätterfall!“

Sprichwörtlich ist der Weitgereiste,
der ‘s unternahm sich umzuschaun:
Ein Freibrief, dass er sich erdreiste,
galaktisch auf den Putz zu haun.

Doch schaun wir hinter die Kulisse:
Es geht ja stets ums Erdenreich.
Und das ist einem Fliegenschisse
im Ozean des Kosmos gleich.

Hat wer die Montes schon bestiegen
des Mars, gewalt’ger als die Höhn,
die schwindelnd um Kathmandu liegen,
dass seine Kraxelei er krön?

Hat wer, in Stickstoff sich zu baden,
dieweil er das Besondre sucht,
zur Inselgruppe der Plejaden
sein teures Ticket schon gebucht?

Hat wer, noch weiter rumzukommen
zu einem Ziel, das nebelhaft
wir grade noch erspähn verschwommen,
sein Handgepäck schon hingeschafft?

Die Weite, die im All wir messen,
ist unergründlich wie das Licht.
Herr Ameis aber, selbstvergessen:
„Nur in Hanoi war ich noch nicht“.

Man könnte vielleicht drüber lachen,
wenn’s nicht auch sonst so typisch wär,
geht’s doch mit allen andern Sachen
genauso widersinnig her.

Es gilt auf jeglichem Gebiete:
Das, was dem Menschen lieb und wert,
ist dem, was die Vernunft ihm riete,
proportional – doch umgekehrt.

(Ganz unter uns darf ich bemerken:
Ich fahr ja selbst auf diesem Gleis –
Verzicht gehört nicht zu den Stärken,
die vor Genüssen ich beweis.)

Doch wer mag schon die Wahrheit hören,
wenn sie die Illusion entthront?
Will drum Herrn Ameis nicht mehr stören
und gehe schlafen. Hinterm Mond.

Ein Vorfrühlingslied

Ein VorfrühlingsliedSchon geh ich wieder hinterm Pflug
der Feder, die mir Furchen zieht,
nicht grade, aber gut genug,
dass sprießt daraus ein Frühlingslied.

So eil dem Lenz voraus ich gar,
des Acker ja noch öde liegt,
weil er noch immer Rad und Schar
nicht in die frost’ge Krume kriegt.

Doch ist gewiss der Vorsprung klein:
Es schaut, zwar spärlich noch besonnt,
doch immerhin, es schaut herein
der März schon mal als Wärmefront.

Heut früh vernahm ich Vogelsang
– ich weiß nicht, ob’s die Amsel war,
ein süßer, doch verhaltner Klang –
zum ersten Mal in diesem Jahr.

In ein’gen Tagen, drauf mein Eid,
da hat sich’s mit dem Winterfrust,
da strahlt die Welt im Hochzeitskleid,
Millionen Sträußchen an der Brust.

Dann schnuppert wieder naseweis
der Krokus aus dem Wiesengrund,
so wie aus seinem Loch im Eis
der Robbe borstenbärt’ger Mund.

Dann wiegt sich wieder auch im Wind
die Osterglocke zum Geläut,
des Frühlings zweitgebornes Kind,
das schaukelnd seiner selbst sich freut.

Dann leuchten auch Forsythien schon,
Magnolien mit dem Lilienleib,
und lauthals weiht die Luftschwadron
dem Zwitschern sich als Zeitvertreib.

Dann wäre auch der Lenz so weit
und hätte seine Flur bestellt.
Mein Vorteil vor der Jahreszeit:
Die Küche, winterwarm, mein Feld.

Dauerfrost

DauerfrostMit einer Hand, die rot von Rissen
und drög von Falten übersät
(der Fröste liebstes Nadelkissen)
versuch ich mich hier als Poet.

Ich hoffe nur, dass mein Gebrechen
sich nicht als Handicap erweist
und dies beständ’ge Brennen, Stechen
nicht auch beschwerlich für den Geist.

Doch will ich nicht so selbstisch klagen,
als hätte ich es schwerer nur.
Am Winter haben hart zu tragen
jetzt alle ja – Mensch und Natur.

Seht dieses schneegewirkte Linnen,
in das die Erde sich verkroch:
Es scheint an Dicke zu gewinnen –
des Himmels Webstuhl klappert noch!

Ihm kommt die Kälte sehr gelegen,
die einen langen Atem hat,
so bleibt es Herr auf allen Wegen,
der weiße König dieser Stadt.

Dem will die Lerche sich nicht beugen,
sie weigert ihren Fluggesang,
und nicht von ihrem Dasein zeugen
wolln Sänger auch von niedrem Rang.

Die Märzenbecher? Nicht die Bohne!
Der Seidelbast? Nichts von zu sehn.
Sankt Peter mit der Schneekanone
lässt alle sie im Regen stehn.

Alsdann gehofft auf bessre Zeiten:
Bald leckt die Sonne wieder Eis.
Dann werden wir in Farben schreiten,
in Gelb, in Rot – in Blütenweiß.

Schneeschwemme

SchneeschwemmeVon Lava (weiß) gelähmt, erstickt
die Erde. Auf den toten Gassen
ruht fußhoch, milchig eingedickt,
der Schnee in kristallinen Massen.

Und wie zur Nacht der Alb sich hockt,
dass Brust und Träume er beklemme,
so liegt, dass uns der Atem stockt,
der Frost auf dieser Flockenschwemme.

Der Himmel, der zum Greifen dicht,
hat die Gardinen zugezogen.
Kein Stern als schwaches Oberlicht,
kein Mond glimmt aus den Wolkenwogen.

In sturmgepeitschten Schauern hetzt
es nicht um Köpfe mehr und Kronen.
Sporadisch leise Flocken jetzt
des Winters Gegenwart betonen.

Die ganze Stadt, geknebelt, schweigt.
Noch trüber ihre Lichter schimmern.
Und immer noch die Kälte steigt.
Ich gehe mir ‘ne Arche zimmern.

 

Kein Frühlingserwachen

Kein FrühlingserwachenNoch hält die Kälte an.
‘ne Hand voll Minusgrade
am Tag, und abends dann
beißt’s richtig in die Wade.

Gelegentlich noch Schnee,
doch wirklich nur in Maßen.
So tut er keinem weh.
Befahrbarkeit der Straßen.

Bedenklich nach wie vor
bleibt’s auf den Bürgersteigen.
Wo nicht vor Tür und Tor
geräumt, noch Stellen zeigen

Den Altschnee, der zumeist
in Gänze überfroren
und solcherart vereist
an Haftung viel verloren.

(Auf Deutsch: Wer ihn betritt,
geht gleichsam wie auf Eiern,
besorgt bei jedem Schritt,
schon morgen krankzufeiern.)

Der Himmel Grau in Grau.
Die Sonne? Kurzvisite.
Wie’n Hauswirt, dass er schau
an Ultimo nach Miete.

Nichts schwerer liegt zurzeit
uns allen auf dem Magen:
Die Welt im Winterkleid –
das längst nicht aufgetragen!

Soll nicht der Frühling schon…?
Nichts scheint ihn anzudeuten,
der Glöckchen heller Ton
noch unterm Gras zu läuten.

Wie sollte aus dem Frost
auch Leben wieder keimen?
Der Wind weht noch von Ost.
Den Rest kann man sich reimen.

Doch seltsam: heute Nacht
im Traum ein leises Klingen.
Da bin ich aufgewacht –
und hörte Vögel singen!

Tauwetter angesagt

NTauwetter angesagta, so um null das Thermometer.
Mal leicht im Minus, mal im Plus.
Nicht Haxe und nicht Hackepeter.
Wie seine Flüssigkeit: im Fluss.

Das kann nicht ohne Folgen bleiben
für unsern Gang, der aufrecht heißt:
Wenn Gletscher auf dem Gehweg treiben,
geht jeder krumm, wo es vereist.

Doch gibt’s auch Stellen da, die tauen
und wo in Mulden Wasser steht –
auch denen sich nicht anvertrauen,
dass man nicht, schwupps!, koppheister geht!

Musst wo durch Matsch indes du tappen,
entfällt die leid’ge Rutschgefahr.
Du fühlst es um die Füße schwappen
und schreitest steif wie Adebar.

Heißt: Jedes In-das-Eismeer-Stechen
birgt ein gewisses Risiko.
So könnte man den Hals sich brechen,
sich blaue Flecken holn am Po.

Den Knöchel könnt es einem knicken.
Man könnte auf die Nase falln.
Es könnten, wo die Schläfen ticken,
sich Stürze gar zu Beulen balln.

Begreift ihr endlich, was ich wage,
wenn dennoch ich nach draußen lauf
und tapfer trotz der Wetterlage
das Nötigste – den Wein – mir kauf?

Und zwar ‘nen „Eiswein“ sozusagen,
auch in Beziehung auf den Preis:
des Abenteurers Unbehagen,
der nicht der Sache Ausgang weiß.

Seitdem ist schon ein Tag verflossen.
Drum: „Allen, die mir nahestehn:
Expedition gut abgeschlossen.
Den vierten Zweiten zwanzigzehn.“

 

Frühling spielt auf

Frühling spielt auf„Frühling“ heißt die blaue Band,
die wir sehnlichst schon erwarten.
Wer sich zu dem Sound bekennt,
hat gewiss schon lange Karten.

Wie die fetzen, Mann o Mann –
hab sie öfter schon gesehen.
Wer da ruhig sitzen kann!
Alle auf den Stühlen stehen!

Kraftvoll und doch virtuos,
wie sie in die Saiten greifen!
So was können Meister bloß,
die schon zur Vollendung reifen.

Leidenschaft die Zunge löst
farb’gen Tönen zu Millionen,
dass die Kunst an Grenzen stößt,
hinter denen Götter wohnen.

Auch der Zusatz passt – und wie!
So entfesselt spieln die „Blauen“,
dass den Instrumenten sie
sozusagen Veilchen hauen.

Und die Stimmung dann im Saal –
wie in einer Hexenküche!
Lichter zucken Strahl für Strahl,
Jubel, Klatschen, Schweißgerüche!

Ja, die Fans sind hin und weg
bei den ersten kruden Klängen,
dass beim jährlichen Comeback
sie sich an den Kassen drängen.

Freut euch also, denn im März
solln die Typen endlich kommen.
Wie? Das hab ich, Hand aufs Herz,
dem Tourneeplan so entnommen.