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Schneegestöber

SchneegestöberNach diesen unterkühlten Tagen,
erstarrt in Frost und Trockenheit,
da hat es, wundersam zu sagen,
aus heitrem Himmel heut geschneit.

Und was das gleich für Schauer waren,
und wie sie stoben wüst und wild!
Die Autos sah man zwanzig fahren –
mit Häubchen auf dem Nummernschild.

Das war vielleicht ‘ne Karawane,
die über Schnee sich schob und Eis –
es fehlte nur die Deutschlandfahne
für einen Staatsakt ganz in Weiß.

Noch spät gewahrte Trauergäste
gemessen ich im Zuge gehen,
und auch die Flocken fieln noch feste,
dass schaurig schön es anzusehn.

(Glaubt nicht, dass ich euch jetzt besinge
die Welt mit Puderzucker überstäubt –
nein, meine zarte Dichterschwinge
vor diesem grausen Bild sich sträubt.)

Wie soll ich mein Gefühl euch schildern?
Was mich ergriff, was war es nur?
Ja, plötzlich wie auf alten Bildern
die Stadt, nun wieder ganz Natur!

Ach, wie nach Klarheit wir verlangen,
nach einer unverstellten Sicht –
doch grade die, zementverhangen,
gewährt uns diese Bauwut nicht.

Wir sehen nur die Wucherungen
aus Glas und Plastik, Stahl und Stein
und halten sie für höchst gelungen
als Dreh- und Angelpunkt fürs Sein.

Und wiegen uns im falschen Glauben,
dies mache unsre Welt schon aus.
Mag ihn der Schnee von heute rauben:
Der Kosmos unser Treppenhaus!

 

Der nächste Frühling

Der nächste FrühlingWie Wogen, die ans Ufer branden,
in Schaum zerfließend, her und hin,
so stetig mir die Jahre schwanden,
seitdem in dieser Haut ich bin.

Wie oft hat schon mit seinen Farben
der Frühling mir das Herz erfreut,
der Fluren raue Winternarben
mit Blütenpflastern überstreut!

Auch jetzt liegt er schon auf der Lauer
mit Knospen, winzig noch und fest,
die doch beim ersten Strahlenschauer
aus Scholle brechen und Geäst.

Wie schön, wenn er mit bunten Flicken
das graue Winterkleid besät,
und Blumen sacht im Winde nicken,
und sitzen doch wie angenäht!

Dann schwingen wieder die Narzissen,
der Krokus trinkt der Sonne zu,
den Wiesen wächst ein Kräuterkissen,
drin Bienen wühlen ohne Ruh.

Und was für lustige Gehänge
ihm baumeln dann, dem Haselstrauch –
Lametta von Gestalt und Länge
und festlich wie Lametta auch!

Dann setzen ihre Lampenschalen
Magnolien den Zweigen auf,
die so gewiss noch heller strahlen
als unser Stern im Mittagslauf.

Und wie die Luft in Haupteshöhe
von Mückenmassen nur so schwirrt,
die in der Flaute, in der Böe
zur Hochzeit tanzen unbeirrt.

Ja, auch den winterstummen Kehlen
der Vögel zögernd schon entflieht,
als Bräutigam sich zu empfehlen,
im ersten Rot ein Morgenlied.

Jetzt hab ich ihn doch glatt verloren,
den Faden meiner Litanei!
Es war doch nicht das Lob der Horen?
Ein kurzer Blick auf Strophe zwei …

Das ging ja gründlich in die Grütze,
ach, du mein lieber Kommherein!
Der Frühling als Gedächtnisstütze –
das kann doch nur was Gutes sein!

So will ich gerne ihn erhoffen,
der Frost und Finsternis vertreibt.
Hier, meine Türen stehen offen –
und dass er mir auch lange bleibt!

Schneeweiß

SchneeweißSo dicht ist heut der Schnee gefallen,
dass er die Straße ganz begrub,
und alle Laute dumpfer hallen
in diesem weißen Tidenhub.

Die Autos, deren starke Pferde
es lieben, auch mal durchzugehn,
sie tappen, Bauch fast an der Erde,
mit ihren Reifen wie auf Zeh’n.

Und wer mit Stiefeln auf der Reise,
der tastet, Füße hoch, sich fort,
dass seine Sohle nicht entgleise
zu unverhofftem Wintersport.

Des Straßenbaums entblößte Glieder,
bizarr im Kreise ausgestreckt,
da tragen sie ein hübsches Mieder,
kristallen weiß und unbefleckt!

Und dann der Parkplatz gleich daneben,
der Inbegriff urbanen Graus:
Wer kam, ein solches Tuch zu weben?
So sieht er ganz manierlich aus.

Ja, selbst der Häuser schlichte Kronen,
die Dächer, haben sich geschmückt
mit Hauben, wie sie sonst Matronen
in stolze Ehrbarkeit entrückt.

Ein bisschen Lack ihr aufgetragen,
‘nen frischen Anstrich ihr verpasst –
schon ändert sich das Unbehagen,
das sonst uns vor der Welt erfasst.

Der Schnee, er strahlt in unsre Seele,
beschämt sie, so von Makel frei,
als ob er heimlich ihr empfähle,
dass sie fortan ihm ähnlich sei.

 

Schwarze Nacht

Schwarze NachtIn einem Loch von Schweigen
und Schwarz versank die Welt.
Nur trübe daraus steigen
noch Fenster, die erhellt.

In einen Brunnen schaue
ich gleichsam, totenstill.
Kein Hauch, dass er ihn raue,
kein Kräuseln kommen will.

Noch grade, möcht ich schwören
Geräusche tausendfach,
jetzt lässt kein Laut sich hören,
und sei er noch so schwach.

So unbewegt auch droben
des Himmels dunkle Stirn.
In Wolken eingewoben
der Sterne Flut und Flirrn.

Wohin ist es entschwunden,
das Leben, das so laut
in all den Tagesstunden
an seinem Glück gebaut?

Und diese Vögel alle,
die eben noch gelärmt,
sind sie auch in die Falle
der Finsternis geschwärmt?

Ach, muss ich gar vermuten,
dass es ein Ende hat,
dass dunkel sich verbluten
die Welt und diese Stadt?

Und dass auch meine Klause,
die hell und freundlich noch,
lebendiges Zuhause,
versinkt in diesem Loch?

Dann will ich mich beeilen,
bevor dahingerafft,
und schließen diese Zeilen –
mit einem Wort: Geschafft!

 

Land unter

Land unterLand unter!
Die Welt ersäuft in Schnee.
Das hat es lange nicht gegeben.
Wenn überhaupt, einmal im Leben.
‘s geht drüber und drunter.
Ein einz’ger weißer See!

Die Züge fahren nicht mehr.
Womit soll man reisen?
Die Schienen vereisen.
Zig Autos sind stecken geblieben.
Da half auch kein Schieben.
Nur noch die Feuerwehr.

Ein Chaos ohnegleichen.
Zum Glück noch keine Leichen.
Flughäfen gesperrt.
Verspätet oder ausgefallen
die Flüge. Und Warten in Hallen,
das an den Nerven zerrt!

Ja, ganze Dörfer abgeschnitten.
Rings haushoch zugeweht.
Man kommt nur vorwärts mit dem Schlitten.
Oder auf Skiern. Doch im Norden
sind sie ja seltener geworden.
Das Wetter, völlig durchgedreht.

Und noch zu allem Überfluss
‘ne Sturmflut an der Ostseeküste.
Das Meer gibt seinen Judaskuss
den Ufern, Stränden, Deichen,
die teils schon Wurmfraß gleichen.
Fürs Schlimmste man sich rüste!

Schneefräsen und -pflüge
und schweres Gerät.
„Ich“, sagte der Landrat, „verfüge:
An den und den Orten kein Unterricht.
Die Sicherheit hat höchstes Gewicht.“
Oder sagte er: Priorität?

Nein, Schnee in diesen Massen!
Nur die Älteren erinnern sich noch:
Das war, das war – wann war das doch?
Da war auch alles so zugeschneit,
die Straße nur noch zwei Finger breit.
Da galt’s die Schippe zu fassen!

Entwarnung erst für morgen.
Solang heißt’s sich sorgen.
Das Radio lasst eingeschaltet.
Wo fällt die Schule aus?
Wo rechnet man mit Staus?
O wie der Winter waltet!

Dies rauschten mir die Rundfunk-Wellen.
Ich nahm den Sauser in die Pflicht,
die Stimmung mir nicht zu vergällen,
und schrieb dies trockene Gedicht.

Vorfrühlingstag

VorfrühlingstagZumindest weht kein Wind.
Die schwarzen Äste der Platanen,
die ihren Frühling noch nicht ahnen,
wie regungslos sie sind!

Noch sind die Wege weiß.
Der Schnee, der anderntags gefallen,
liegt noch in Bahnen und in Ballen.
Die Schritte knirschen leis.

Wie feucht die Straße blinkt!
Die Glätte der vergangnen Tage
zerschmolz bei dieser Wetterlage.
Das Thermometer sinkt.

Trotz Wolken dicht an dicht
kommt’s heute nicht zu Niederschlägen.
Und wenn: Wär’s Schnee dann oder Regen?
Vielleicht, vielleicht auch nicht.

‘s ist nicht mehr kalt wie Sau.
Die Finger, sonst stets eingerieben,
sind schutzlos an der Luft geblieben –
gerötet nur, nicht rau.

Ist’s mit dem Winter aus?
Ergibt er sich schon, hoch die Hände,
an diesem Jänner-Wochenende
der sanften Kraft des Taus?

Die Hoffnung scheint gewagt!
Drum wolln die Milde wir genießen
wie Blümchen, die zu zeitig sprießen –
beglückt und unverzagt.

Wetterlaune

WetterlauneNur hier und da noch Klumpen
von schmuddeligem Schnee.
Die Straßen gehn in Lumpen,
fast nackt wie eh und je.

Der Frost dahingefahren,
von mildem Wind verzehrt.
Am Himmel tags, am klaren,
die Sonne wieder fährt.

Ein Blick auf den Kalender:
Die kalte Jahreszeit.
Doch statt der Pelzgewänder
hält Jäckchen man bereit!

Sind’s Grüße, die von Süden
der Frühling zu uns schickt,
dass er die Wintermüden
mit Wärme schon erquickt?

Vielleicht, man wird’s nie wissen,
hat er es gut gemeint –
doch sicher zu beflissen,
d. h. zu früh, mir scheint.

Für diese stillen Tage,
die einzig sind im Jahr,
braucht es von anderm Schlage
ein Wetterchen, nicht wahr?

Ein Teppich von Kristallen
well weiß sich übers Land,
und Flocken sollen fallen
wie Saat aus Gottes Hand.

Und wenn wir auf ihm schreiten,
behutsam, wie es Brauch,
soll Knirschen uns begleiten,
und glitzern soll es auch.

Auf Wiesen und auf Wegen
die Kufe komm zu Ehr,
um flüchtig einzuprägen
ihm Spuren kreuz und quer.

Und dann vor allen Dingen,
als Tupfer anzusehn,
der Krähen schwarze Schwingen,
die tastend auf ihm gehn.

Und knistern soll wie Feuer
die Luft vor Frost dabei,
dass es in Stall und Scheuer
recht unbehaglich sei.

O dieser milden Gaben,
Sankt Peter, dich nicht brüst –
grad jetzt wir Weihnacht haben,
was du doch wissen müsst!

Mal sonnenfrei

Mal sonnenfreiGrau sind sie heut dahingezogen,
von Gram verdüstert ihr Gesicht,
die Wolken, luft’ge Himmelswogen,
erheitert nicht vom Sonnenlicht.

Und hier und da war diese Trauer
noch finsterer als sonst im Zug,
und tränenreich entluden Schauer
sich jählings aus dem raschen Flug.

Das Ganze dann vom Wind getrieben,
tyrannisch, wie’s ihm so gefällt,
dass lieber man im Bett geblieben
wär (Kopula hier nachgestellt).

Ihr seht, ich hab’s nicht krummgenommen
und mich der Lage angepasst,
bin einfach mit dem Strom geschwommen
am Tisch: Ein Floß mit Flaschenmast!

Doch anders als die Trübsalbläser,
die dunstigen, von Tau genährt,
wurd froher ich im Takt der Gläser,
je froher, desto mehr geleert.

(Wenn, Leser, du kein Kostverächter,
dann kennst du selbst der Rebe List:
Man trinkt die Welt sich selten schlechter,
doch meistens besser als sie ist.)

Dass Euphorie indes nicht siege
und man im Rausch wer weiß was treibt,
wird müde man und macht ‘ne Fliege,
die lange in der Falle bleibt.

So etwa ist mein Tag verlaufen,
den mir der Himmel zugeteilt,
d.h. ein Wust von Wolkenhaufen,
der ziellos nach Südosten eilt.

Doch sagt mir nicht: „Verlorne Stunden!“
„Vertane Zeit!“, o sagt mir nicht!
Hab ich sie etwa schlecht gefunden?
Am Ende gar – noch ein Gedicht!

Mein Hausmeer

Mein HausmeerDas Meer, die feuchte Heimat dort
der Fische und der andern Wesen,
die rudernd nur in einem fort
im dunklen Buch des Lebens lesen

So schweigsam liegt es und so stumm,
als könnt kein Wässerchen es trüben,
zum Horizont: Mysterium,
die Ewigkeit hier einzuüben.

Beschwingt zu flüchtigem Profil,
sich kräuseln einmal ihm die Wellen,
und so in ew’gem Wechselspiel
sich duckend, um emporzuschnellen.

Dann wieder stürzen übers Haupt
als Brecher ihm die höchsten Wogen,
dass es, bei Gott!, so brüllt und schnaubt,
als käm Poseidon durchgezogen.

Und wie die Farbe ihm changiert –
von Grün zu Blau und andren Tönen
und, so die Sonne assistiert,
mag Silber ihm die Schläfen schönen.

Sein Antlitz, himmelwärts gewandt,
sieht kreisen tags der Möwen Scharen,
die manchmal jäh, wie übermannt,
ihm gierig an die Gurgel fahren.

Doch niemals tief. Der Sonne gleich
mit ihren wohlig warmen Fängen,
die stöbern nur im Wellenreich,
wo man nicht zählt nach Fadenlängen.

Auch gehn da Schiffe unentwegt,
die kreuz und quer ihm Furchen wühlen,
was stirnerunzelnd es erträgt,
weil’s wie ein Kribbeln nur zu fühlen.

Am Tage Helios es bekrönt,
um abends sich ihm zuzuneigen
mit Wangen, die von Rouge verwöhnt,
wie um die Neigung auch zu zeigen.

Wenn Nacht indessen es befällt,
wird man vergeblich nach ihm äugen,
und nur des Leuchtturms Lichtschrei gellt,
sein dunkles Dasein zu bezeugen.

Was wissen wir von dieser Flut,
an deren wechselvollen Säumen,
und achtsam stets vor ihrer Wut,
wir von Gefahr und Ferne träumen?

Wenn ich, noch wach, im Kissen ruh
und auch die Straßen mit mir lauschen,
dann höre ich, wie immerzu
Millionen Stimmen darin rauschen.

Alles beim Alten

Alles beim AltenKein bisschen hat es sich verändert,
es blieb sich treu – und mir -, das Meer,
und auch der Strand, der breit es bändert,
läuft ihm wie’n Hund noch nebenher.

Und wie die Welle unverdrossen
die Arbeit tut des Sisyphus –
kaum hat sie sich aufs Land ergossen,
zurück sie in den Orkus muss!

Die Möwen, die da manisch kreisen
(wer weiß, ob’s nicht dieselben sind!),
wie schon auf allen andern Reisen:
von Gier getrieben und von Wind.

Ob jetzt die Kutter sich wohl trauen
‘was weiter raus auf hohe See?
Ach, an der Kimm kann ich sie schauen
so klein und küstenfromm wie je.

Und wo an dieses Busens Ende
die Sonne sucht der Erde Saum,
erhebt auf brackigem Gelände
sich einsam noch der Palmenbaum.

Ist hier denn alles noch beim Alten?
Und zweifelnd seh ich auf zum Mond –
und seh ihm sich zur Seite halten
Frau Venus, strahlend wie gewohnt.

Hier ticken noch die alten Uhren,
bestimmt das Sandkorn noch die Zeit,
wo über wüsten Wasserfluren
der Himmel grad genauso weit.

Wo Altvertrautes unbenommen,
wo Dauer alles schön beseelt –
da wäre wohl mein Glück vollkommen.
wär nicht ‘ne Muse, die noch fehlt…