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Wetterschutz

WetterschutzEs ist schon lange Nacht geworden,
doch keine Ruhe stellt sich ein.
Ein wüster Wind aus Ost und Norden
fegt heulend durch die Häuserreihn.

Er wühlt im Schopf der Straßenbäume
und treibt die Äste kreuz und quer,
jagt durch die kahlen Zwischenräume,
als ob er nicht bei Sinnen wär.

Und dass er nicht alleine rase,
hat er sich Regen beigesellt,
der grad so blind und in Ekstase
an Mauern und Asphalt zerschellt.

Und da, wo wir die Sterne wähnen:
nur grässlich grenzenloses Grau,
daraus in dicken, dichten Strähnen
trieft unerschöpflich Himmelstau.

Wie manche da zu sagen pflegen:
„Nicht mal ‘nen Hund…“, na, und so fort.
„Man muss sich hintern Ofen legen”,
auch dies ein gern gebrauchtes Wort.

Da habe ich es gut getroffen:
Die Therme heizt mir mächtig ein.
Das Hemd, das kurze, oben offen,
sitz warm ich wie im Sonnenschein.

Den hat der Wein sich auch gefangen,
dass süß man’s auf dem Gaumen fühlt:
Es glänzt vor mir mit feuchten Wangen
die Flasche Riesling, schön gekühlt.

Und wie, dass mich nicht auch erfreute
die Kerze, die in Glut zerrinnt?
Auf schwarzem Nabel wiegt auch heute
sie still ihr kleines Flammenkind.

Kein Lüftchen rührt an die Gardine,
kein Schwall zerschlägt das Fensterglas.
Die Küche zeigt mit stoischer Miene
sich unbeeindruckt von dem Spaß.

Mag denn die Welt da draußen toben,
mein Bollwerk hält den Stürmen stand:
umtost, und ihrer doch enthoben –
ein bisschen dem Parnass verwandt.

Kosmische Inspiration

Kosmische InspirationSeht mich erneut die Hand erheben
hier gegen dieses Unschuldsblatt
im Schatten ros’ger Weißherbstreben
und halb von Antipasti satt.

Wie sollte es sich widersetzen
den Klauen, die darauf nur giern,
mit Tinte seine Haut zu ätzen,
mit Schnörkeln sie zu tätowiern?

Es bietet seine lichte Blöße
geduldig diesem blauen Ton
als dünne, aber feste Größe
in meiner Zeilenproduktion.

Die Basis. Doch nun fortgeschritten
zu Marxens luft’gem Überbau:
Schaut also hier, von mir geritten,
das Ross auf seiner Kunstflugschau.

Den Pegasus, der sich vom Grunde
erhebt, bis er den Mond erreicht,
der wohl schon seit ‘ner guten Stunde
mir durch die Fensteröffnung schleicht.

Da kommt der alte Tippelbruder
uns grade richtig in die Quer –
schenkt er doch gleich ein ganzes Fuder
von Licht dem Zossen zum Verzehr!

So wie im Kreis ein Rad die Speichen,
so breitet er sein Strahlenkleid –
wie Wäsche, im Gestirn zu bleichen,
auf schwarzer Himmelsau gereiht.

An diesem Glanze lass ich weiden
den Gaul, dem schon der Magen knurrt,
und kaum ist’s aus mit Hungerleiden,
schon der Kamöne Spinnrad surrt.

Denn wer vom Mondenschein gegessen,
kann, weil der in die Birne geht,
die Verse wie am Schnürchen messen
wie seine Flur der Geodät.

Das heißt, es geht ihm leicht von Händen
die Kunst, der seine Liebe gilt.
Mit diesem Wink lass ich’s bewenden,
ihr seht ja selbst, wie das hier schwillt.

Und ihr meint immer „Hoch die Tassen!“,
das sei mein Treibstoff fürs Gedicht.
Heut hab ich mich beflügeln lassen
vom Mond. Glaubt’s oder glaubt es nicht!

Ein Seidenschimmer

Ein SeidenschimmerEin Seidenschimmer hält umfangen
die Dächer noch vom Himmel her,
und Rosa spiegelt auf den Wangen
der Scheiben sich im Ziegelmeer.

Und milchig zieht herauf wie Schwaden
vom unsichtbaren Horizont,
um alles Blau darin zu baden
verwaschnes Weiß als Wetterfront.

Doch wie ich dies noch so bedenke,
verdüstert sich umher die Welt
und Grau befällt die Wolkenbänke,
wie Schimmel altes Brot befällt.

Im Nu sind sie indes versunken,
und laugenlauer Einheitsbrei,
in den sich erste Lichter tunken,
zeigt blicklos mir sein Konterfei.

Auf einmal ist es Nacht geworden.
Geschloss’ner stehn der Verse Reihn.
Ein Lager da von Hunnenhorden?
Nein, nur der Sterne Feuerschein.

Und was mir in den Sonnenstunden
tagsüber nicht das Hirn beschwert,
wie lebhaft wird es nun empfunden,
da Dunkel seine Trübsal nährt!

Jetzt sehe ich die Zeit verblassen
im gleichen Takt mit dem Azur
und mit den Mauern Häusermassen
bis auf die allerletzte Spur.

Ein Fingerzeig für Letzte Dinge?
Memento mori, sei gewiss
des Todes, der auf schwarzer Schwinge
dich karrt in ew’ge Finsternis?

Ach, auch den Morgen wird umfangen,
der wieder aus der Nacht sich müht,
ein Seidenschimmer, dunstverhangen,
der rasch im frühen Rot verglüht!

In den Mai gerutscht

In den Mai gerutschtBeinahe wär er mir entgangen,
so rasch der Wechsel und so still:
Der Mai hat wieder angefangen –
und nichts mehr mit April, April!

Brennt heißer nicht auch schon die Sonne,
von Wolken, schwarz und schwer, befreit?
O Mond du mit dem Beiwort „Wonne“,
willkommen deine Gnadenzeit!

Von Blüten schneeig übergossen,
verschleiert wie des Frühlings Braut,
erhebt sich, breit- und hochgeschossen,
der Weißdorn wieder übers Kraut.

Und abseits von den Schattenpfaden,
wo dunkel noch der feuchte Grund,
scheint süßlich er die Luft geladen:
Waldmeister wuchert rings und rund!

Ihm nahe, doch an lichtren Plätzen,
zu kleinen Trauben aufgereiht:
die Glöckchen, die besonders schätzen
als Sträußchen wir am Galakleid.

Mit welchem Eifer wieder jagen
die Schwalben nun von früh bis spät,
ihr Bröckchen Lehm dahin zu tragen,
wo Stück für Stück ihr Nest entsteht!

Und die, die ihnen ähnlich sehen,
die Mauersegler, gleichen Baus,
wie schrill sie auf Insekten gehen
in Lüften, die ihr Heim und Haus!

Ein andrer Mai-Gast, erdverbunden,
der patschend durch die Tümpel stakt,
laicht seine Eier jetzt, die runden,
was lauthals in die Welt er quakt!

Das gibt mir aber jetzt zu denken.
Tu ich’s dem Wasserfrosch nicht gleich?
So ziellos Zeilen zu versenken
in des Vergessens großem Teich!

Sonnenuntergang

SonnenuntergangWie dass ein schönres Bild sich böte:
Der Sonnenball versinkt im Meer,
und diese Spur der Abendröte
wie Purpurschnecken hinterher!

Und kaum noch Wind. Die Kapriolen,
mit denen Äolus sich als
Moriskentänzer just empfohlen:
versprengte Hüpfer allenfalls.

Gebändigt wiegen sich die Wogen,
erschöpft von ihres Tages Müh:
Nur immer, ach, den Hals gebogen,
nur rauf und runter, hott und hü!

Wie sacht sie ihm den Fuß umspülen,
dem Felsen, der am Ufer steht,
statt Sand wie sonst ihm aufzuwühlen,
der wolkig seine Knie umweht!

Und auf der fernen Gipfelkette,
die schärfer jetzt vom Himmel sticht,
als ob’s geschneit da oben hätte,
ruht schimmernd noch das letzte Licht.

Und während sie sich noch verdunkeln,
von Schatten mählich übermannt,
sieht man die ersten Sterne funkeln,
als Vorhut in die Nacht gesandt.

Wie selig, so dahinzuschreiten
in diesem Dämmer, der sich schon
vermählt dem Grau der Meeresweiten
zu einem deutlich tiefren Ton!

Und an das Heim dabei zu denken,
der Stuben steinernes Geviert,
dir Schutz in einer Welt zu schenken,
vor deren Schönheit es dich friert.

Am Strand

Am StrandBeschaulich einfach dazusitzen,
die Stirn der Sonne zugewandt,
in deren Glut die Wellen blitzen
wie ein gewalt’ger Diamant.

Und Möwen rings in losem Bunde
beweidend diese Meeresflur,
ihr Schrei verhallend in der Runde,
ihr Leib erzitternd im Azur.

Ein weißer Punkt im Dunst verloren –
ein Segel? Oder nur ein Trug?
Und pfeilschnell sich ins Wasser bohren
die Schwalben auf dem Beuteflug.

Ein leichter Wind behaucht die Wangen,
der würzig in die Nase sticht.
Man hat zu schlummern angefangen,
die Lider schwer von Salz und Licht.

Die Zeit, als wollte sie verweilen –
als ob im Rausch der Wiederkehr
der Wellen, die ans Ufer eilen,
ihr Ungestüm gesättigt wär.

Dann wendest du aus sanften Träumen
der Welt zu wieder deinen Blick:
„Da! Trawler, die die Flut durchschäumen,
‘ne Flatterwolke im Genick!“

Und die mit sengendem Gestrahle
noch eben vom Zenit gestiert,
die Sonne ist mit einem Male
fast bis zur Kimm schon abgeschmiert.

Die Möwen? Nachbarn nun am Strande.
Am Himmel keine einz’ge mehr.
So feierlich hockt diese Bande,
als ob’s ‘ne Kirchenvesper wär!

Dann heißt es auch schon sich erheben.
Die Nacht, sie ruft mich in die Zeit
zurück aus diesem süßen Leben –
in ihre eigne Ewigkeit.

Ortswechsel

OrtswechselGern wirst du, Leserin, mir glauben,
dass in die Küche mich’s verschlägt,
den Musen jenen Kuss zu rauben,
der Verse auf die Lippen legt.

Der Herd indes, an dem das Feuer
der Lyra-Leidenschaft ich schür,
liegt heut, o Urlaubsabenteuer!,
vor Malagas besonnter Tür.

Doch sind’s die gleichen Spezereien,
wie ich auch sonst sie stets verwend,
die Würze meinem Geist verleihen,
dass für Gedichte er entbrennt.

Da ragt der Rebensaft zur Rechten,
Dionysos, in Glas gebannt,
den Dichterlorbeer mir zu flechten
an seines eignen Meeres Strand.

Da steht die Kerze gleich daneben,
die zum Altar mir weiht den Tisch,
dass ins Bacchantische der Reben
sich des Apollo Klarheit misch.

Ihr fragt, ob mich nicht auch beflügelt
die Bläue, die den Tag erhellt,
dem Maler gleich, der ungezügelt
dem Farbenrausch dabei verfällt?

Gewiss nicht, da ja die Gedanken,
aus denen er sein Ströphlein spinnt,
das Dichterherz schon fest umranken,
bevor es noch auf Sonne sinnt.

Und dieses Dichterherz, es weidet
auf allen Fluren dieser Welt –
falls sie mit Licht, in Wachs gekleidet,
und einem Fläschchen gut bestellt.

 

Am Meer

Schiff bei NachtVorm Hause hör ich Reifen rauschen,
und hinter mir, da stöhnt das Meer.
Der Wind nur lässt sich nicht erlauschen –
als ob er nicht bei Stimme wär.

Der gute Mond hat sich verkrochen,
die Straße döst im Lampenschein.
Sardinen, Hechte ihr und Rochen,
wie finster muss es bei euch sein!

Der alte Leuchtturm dort am Ufer,
der angestrengt ins Dunkel stiert:
Ein In-die-Wasserwüste-Rufer,
des Wink sich in die Nacht verliert.

Von Menschen leer die Promenade;
die Katzen liegen schon im Schlaf.
Die Wellen geifern ans Gestade
und kuschen immer wieder brav.

Da ist’s, als ob ein schwaches Blinken
ich im Gewölk vernommen hätt –
ein Stern wohl, gute Nacht zu winken,
bevor er schlüpft ins Himmelbett.

Nein, von der Kimm her kommt das Zeichen:
Ein Kahn, der schwankend fort sich schleppt,
das sichre Ufer zu erreichen,
bevor die Puste ihm verebbt.

Da wälzt er fern sich auf den Wogen
so einsam durch die Dunkelheit,
als wär’s ‘ne Seele, die betrogen
um Heimat in der Flut der Zeit.

Bei Einbruch der Nacht

imagesD0O4FUZ0Längst sind die Lichter angegangen,
bestirnen diese kleine Stadt.
Der Tag, grad noch mit Rosenwangen,
hat schon sein Dasein satt.

Die Wellen, die so viele Stunden
im Kuss der Sonne sich gewiegt,
sind alle unbemerkt verschwunden,
versunken und versiegt.

Wo hat die Amsel hingetragen
der Syrinx süße Litanei,
und die wir kreisen sahn und jagen,
die Möwe, ihren Schrei?

Ein bleicher Mond hat sich erhoben,
dem schon ein Teil des Schädels fehlt,
in leichten Dunst wie Mull verwoben,
der kaum die Wunde hehlt.

Kein Lüftchen regt sich in der Runde,
des Äthers Atem stockt und steht.
Der Wind, der tags in aller Munde,
hat endlich ausgeweht.

Vom Leuchtturm ab und zu ein Zeichen –
Signale an die Meeresnacht.
Geb Gott, dass sie Jan Maat erreichen,
da einsam auf der Wacht!

Und ich, der ich grad aufgestanden
und just begrüßt den jungen Tag –
wo werd ich gleich schon wieder landen?
Im Daunensarkophag!

Mondschein

Mond über MeerHoch ist er übers Meer gestiegen
und hat ihm alles Licht gesandt,
in Glanz die Wellen ihm zu wiegen,
in Schimmer seinen dunklen Strand.

Doch meiner guten Promenade
war dieser Mond noch nicht genug:
Laternen reiht‘ sie ans Gestade,
die jede eine Fackel trug!

Und auch das Städtchen in der Ferne –
von Flammen tausendfach beseelt:
Ein Haufen eingestürzter Sterne,
der schrill in seiner Asche schwelt.

Bisweilen ließ sich auch da oben
ein Flugzeug wie ein Fünkchen sehn,
vom Winde langsam fortgeschoben,
um in den Wolken auszugehn.

Und hier, wo ich nun Verse schmiede,
beflügelt mich Semeles Schein?
Ein Kerzlein leuchtet mir zum Liede,
ein Klümpchen Wachs zum Musenhain!

Die Funzel könnten wir entbehren,
die trüb sich oft am Himmel härmt –
doch wie viel kälter Herzen wären,
die so ein Vollmond nicht erwärmt!