Archiv der Kategorie: Natur

Tapetenwechsel

imagesP5VRGHVFDrei Stunden durch die Luft getragen
auf Flügeln einem Adler gleich,
um sachte wieder aufzuschlagen
in diesem lichten Märchenreich!

Das Haupt, das eben noch dem Regen
die kahle Kuppe hingestreckt,
hält nun der Sonne sie entgegen,
die wohlig sie ihm trockenleckt.

An einem Strand, der ohne Ende,
an einer endlos blauen See,
wo Palmen hundertfüß’ge Hände
im Winde wiegen, Luv und Lee.

Wo von geräum’ger Promenade
man Buchten und Gebirge schaut
im Rauschen jener Serenade,
die mit den Wellen schwillt und flaut.

Und welche Früchte aus den Fluten
man hier für seinen Gaumen pflückt
mit Netzen und mit Angelruten –
ein Strauß, der jede Tafel schmückt!

Cigalas, Pintas und Polypen,
nur diese nenn ich aus der Schar
unzähl‘ger submariner Typen,
genießbar alle, roh wie gar.

Doch auch den Wein nicht zu vergessen
von Valdepeñas, Rioja her –
dem Meerestier so angemessen,
als ob er Neptuns Leibtrunk wär.

Den schlürfst du in bedächt’gen Zügen,
bequem in einen Stuhl gelehnt,
wo Kiele durch den Acker pflügen,
der schwankend sich ins Nirgends dehnt.

Und droben in der Bläue blinken
mal hier, mal da die Möwen auf,
die immer steigen, immer sinken
in immer wechselvollem Lauf.

Als wär er wieder angebrochen,
der Äon jener Goldnen Zeit!
Und ist doch auf zwei winz’ge Wochen
beschränkt in seiner Ewigkeit.

Darum genug der Pinseleien,
im Stübchen nicht vertan die Frist –
wie denn hier tote Striche reihen,
wo draußen alles Eden ist?

Und willst du, Les’rin, mich begleiten,
gern nehme ich dich bei der Hand:
Da vorn gleich kann man Wellen reiten –
und Verse fingern in den Sand!

 

Natur, dichtend

Stadt am AbendDer Himmel: Stimulans genug.
Die Erde: Ew’ge Kraft.
Darob des Mondes Wolkenflug,
der tausend Bilder schafft.

Und wenn der Abend schweigt: Die Stadt –
die Steine, der Asphalt,
Fassaden: Farben nimmer satt
wie Glut im Zauberwald.

Vom Pflaster hallt ein später Schritt,
ein Reifen pflügt das Feld –
da klingen schon die Verse mit
aus ihrer Musenwelt.

Ein Lichtlein glimmt zur linken Hand,
zur rechten funkelt Wein –
Dionysos schenkt unverwandt
mir Dithyramben ein.

Und wenn dann noch die Heizung summt,
der Kühlschrank wohlig schnurrt,
die Kunst des Dichters richtig brummt:
Mäeutik, Kopfgeburt.

Aus seiner Wiege von Papier
ein Liedchen plötzlich äugt.
Ich jauchze: Sei gegrüßet mir,
du, jungfernhaft gezeugt!

 

Kleiner Unterschied

Meer plus DampferAuch hier hör ich den Kühlschrank summen,
Geräusche von der Straße her,
Gelächter flammen und verstummen,
die Spüle gurgeln hohl und leer.

Auch hier hör aus dem Hause scharren
ich dann und wann des Nachbarn Schritt,
von irgendwo die Dielen knarren,
ein Husten und ein Räuspern mit.

Auch hier seh ich von mildem Scheine
die Küche wunderlich erhellt,
dass unversehens und alleine
die Lust zu dichten mich befällt.

Auch hier seh ich den Tisch bereitet
mit Griffel, Flasche und Papier,
bevor die Fantasie sich weitet
zum Ritt auf ihrem Flügeltier.

Und fühl auch hier den süßen Frieden
der häuslichen Geborgenheit,
ein himmlisch Zion schon hienieden,
enthoben quasi Raum und Zeit.

Und lass auch hier mit gutem Schwunge
die Mine kreisen übers Blatt,
zu zeigen, was die Seelenzunge
an Schönem auf dem Herzen hat.

Doch würdet ihr mich deshalb fragen,
was überhaupt denn anders wär:
Die Welln, die hinterm Hause schlagen,
die Weite, die es schaut, das Meer!

Lebendig immerhin

KosmosIhr fragt mich, wer am besten dichtet?
Der Abend, der da draußen schweigt!
Sein Sinn auf Höh’res nur gerichtet,
den Mond, der fällt und steigt!

Wie kann man dem das Wasser reichen,
der mit dem Kosmos selbst im Bund?
Ein Musenmeister ohnegleichen
schrieb sich die Finger wund!

Man muss auf wen’ger sich beschränken,
hat dieses Sandkorn nur zur Hand,
des, ha! als „Welt“ wir stets gedenken,
wo’s besser „Nichts“ genannt!

Warum sich dann mit Reimen placken,
warum in tausend Farben rührn,
Gestalten aus dem Marmor hacken,
con brio Töne schürn?

Warum? Weil solche klugen Fragen
das Hirn sich nur zu stellen weiß.
Dem Finger gilt nur eines: wagen –
auf seines Bauchs Geheiß!

Er wird zwar niemals Sphärenklänge
erzeugen wie die Sternenschar,
für immer dieser Erdenenge
verfalln mit Haut und Haar.

Doch dieser Drang schon ist zu preisen,
dass man Gefühl zur Kunst erhebt.
Unsterblich mag der Himmel kreisen –
hat er denn je gelebt?

Inzwischen weiter aufgestiegen,
nahm merklich ab des Mondes Rund.
Da sieh sie, deine Zeit verfliegen –
spricht so der Abendmund.

Novemberstille

lonely_nightNovemberstille. Von den Straßen
des Abends Schweigen widerhallt.
Als ob die Leute sie vergaßen:
verstreute Pfützen im Asphalt.

Kein Wind reißt von den schwarzen Zweigen
jetzt Laub noch fort zum Totentanz.
Feucht pappt es auf den Bürgersteigen,
verfault in seinem letzten Glanz.

Ein märchenhaft gewebter Schleier,
so fein, dass man ihn kaum erahnt,
wie Dunst umspinnt des Waldes Weiher,
wenn schon der Mond den Weg sich bahnt

Umhüllt das schattende Gemäuer,
das keine Sonne mehr erhellt,
und liegt wie Rauch von einem Feuer
aschfahl um First und Giebelfeld.

Die hundert Sterne, die wir sehen
am trüben städt’schen Firmament,
so sicher heut wie Rabenkrähen
bei Nacht und Nebel man erkennt.

Schließ ich die Augen, um zu lauschen:
O welche Klänge der Natur –
der Kühlschrank: reinstes Wipfelrauschen,
die Heizung: Bächlein in der Flur!

Auch meine Mine, die ich reibe
in flinken Zügen am Papier:
Heut kann ich hören, was ich schreibe –
es schabt wie dieses Küchentier!

Vollkommen aber macht die Stille
das Flämmchen, an den Docht gepflockt,
das da so ohne Wunsch und Wille
ergeben auf der Stelle hockt

Und hin und wieder nur ganz träge
geschmeidig sich zur Seite biegt,
so wie ein Boot am Landungsstege
sich träumend in den Tauen wiegt.

Mit seines Fadens schwarzer Tülle
sank tief es in den Turm schon ein,
dass durch der Kerze dünne Hülle
es glüht mit glasig-grünem Schein.

Und welcher Duft, wenn man die Nase
ein wenig länger horchen lässt:
Geschmolznes Wachs, Aromagase
als Vorgeschmack aufs Weihnachtsfest.

Kurzum, es hält das Jahr nun inne,
bevor’s ertrinkt im Meer der Zeit,
dass traurig es noch einmal sinne
über dies Los: Vergänglichkeit.

Der erste Herbst

herbstDer erste Herbst, den ich erlebe,
seitdem ich aus der Mühle raus
und wohlig noch im Kissen klebe,
geht – klippklapp – alles aus dem Haus.

Es dunkelt noch. Die Morgenkühle
kriecht schlangenhäutig übern Leib –
nur dass ich selber sie nicht fühle,
weil ich im warmen Winkel bleib.

Der Nebel will sich nicht zerstreuen
und trübt das Aug auf lange Sicht.
Was soll’s, mag er noch dichter dräuen,
dann mach ich halt im Stübchen Licht.

Ein Windstoß, und die Blätter stieben,
gigant’sche Flocken, vom Geäst.
Parole: Hinterm Herd geblieben,
ein Hoch dem sturmerprobten Nest!

Natürlich, dieser ew’ge Regen,
der macht die Jahreszeit komplett.
Man glitscht in Laub auf allen Wegen –
ich surf stabil im Internet.

Man würd nicht mal ‘nen Köter jagen
vor diese sprichwörtliche Tür;
der Mensch muss seine Pflicht ertragen
wo immer – vor der Rentnerkür.

Jetzt weiß ich richtig erst zu schätzen,
dass frei verfüg ich übern Tag
und muss nicht durch die Gegend hetzen
bei Hagel, Blitz und Donnerschlag.

Das Feindbild, das vom Herbst ich hatte,
hat sich in Wolken aufgelöst –
hockt man erst einmal weich in Watte,
tut’s nicht mehr weh, wenn jemand stößt.

Nur schade, dass die Uhr des Lebens
uns nach der Winterzeit schon tickt,
bevor denn dieser Herbst vergebens
mit seinen Fratzen uns erschrickt.

O dass man diesem Hamsterrade
der Arbeit möglichst früh entflieht,
damit die letzte Zielgerade
man nicht schon nach der Kurve sieht!

(Ein frommer Wunsch in einem Lande,
das mit „gerecht“ nicht viel am Hut,
regiert von einer Heuchlerbande,
die alles für die Bosse tut.)

Mag’s draußen noch so stürmen, toben,
wenn man nicht ins Getümmel muss!
Mich bringen von dem Fleck hier oben
zehn Pferde nicht. Nur Pegasus.

Alles blau

SoUnbenannt blau seh ich, so blau sich dehnen,
so unermesslich blendend blau,
die Bucht als Bucht, entblößt von Kähnen,
dass Wasser blauen Bluts ich schau.

Sie dehnt und streckt sich in die Weite,
bis sie der Felsen Fuß erreicht
und ihre Flanke, die beschneite,
die einer Wand aus Watte gleicht.

Und hier und da am Ufersaume,
wie Blumen, die der Frost bedroht,
blühn Hütten von geringem Raume
gleich Mohn in ihrem Falunrot.

Ein Wind, wenn überhaupt, der säuselt,
ein Himmel drüber von Azur,
nur heller noch und ungekräuselt,
verglichen mit der Wellenflur.

Welch kühle Schönheit zeigt der Flecken,
und welche Würde strahlt er aus!
Der Berge kant’ge Schläfen recken
sich grau meliert in beide Blaus.

Und ringsherum das tiefste Schweigen,
auf dass nichts stör die Majestät,
die diesem mag’schen Ort zu eigen,
wo Thor noch manchmal sich ergeht.

So deutlich hab ich dies vor Augen,
so glänzend und verführerisch –
‘s möcht gut und gerne dazu taugen,
dass ich einmal in Fjorden fisch.

Die Szene, die ich hier beschreibe,
hab leider ich nicht live erlebt –
ich seh sie durch die Fensterscheibe,
wie drüben an der Wand sie klebt

Als Poster an der Hausfassade,
so eins vom XXL-Format,
dass für die kälteren Gestade
erwärme sich der Hanseat.

Norwegen, Werbetrommel rührend.
Mit Landschaft lockend und Natur.
Die Lust auf Meer und Gipfel schürend.
Und auf dies Blau. Rund um die Uhr.

Gewölk

vollmondWie sie ihm um die Fersen hetzen,
sehn sie wie Höllenhunde aus,
so brandig schwarz die Wolkenfetzen,
so geifernd da im Sturmgebraus!

Doch lässt der Mond sich nicht beirren,
so wenig wie ein gutes Pferd,
das mitten in der Treibjagd Wirren
der Meute nicht die Kruppe kehrt.

Ganz unbekümmert nimmt er Strecke
um Strecke unter sein Geläuf,
dass er zu seines Umlaufs Zwecke
die Meilen, die ihm nötig, häuf.

Wie’n Reiter, der im Goldgewande
erhaben sich im Sattel hält,
sticht er hervor aus dieser Bande,
die wild zu seinen Füßen bellt.

Sehnlich erwartet,
dass in der Herbstnacht Öde
strahl heller mein Lied,
geht, ach, umjagt von Wolken,
ein düsterer Vollmond auf.

Der Stern

SoimagesTE3WWC8K muss er ausgesehen haben,
einst über Bethlehem der Stern
bei der Geburt des Christusknaben,
der Hirten rief und große Herrn.

Wie der jetzt über meiner Klause
auf schwarzem Grunde glänzt und gleißt –
ob er vielleicht zu mir nach Hause
auch Wanderern die Richtung weist?

Er thront ja übern Himmelsweiten
in so erhabner Majestät,
gebietend gleichsam, loszuschreiten,
Tribut zu zollen und Gebet.

Ach, als die Sterne Götter waren,
ihr ganzes Wesen Geist und Licht,
wie traten da die Völkerscharen
so schauernd vor ihr Angesicht

Dass dem, der seine Schafe hütet,
und dem, der seinen Schatz bewacht,
es beiden in der Seele wütet
und Kribbeln in den Füßen macht!

Schnitt. Zweimal tausend Jahre später.
Der Strahler, der da oben steht –
nicht das Mirakel unsrer Väter,
nein, nur die Venus, ein Planet.

Zweihundertfünfundzwanzig Tage
genügen ihm für seine Tour
rund um das Zentrum, dessen Lage
ihm näher als der Erdenspur.

Und auch wie er, der ohne Feuer,
ein Ansehn, sternengleich, sich schafft,
hat der Erkenntnis Abenteuer
enträtselt als der Sonne Kraft.

Doch sind wir darum wirklich schlauer
als jene Hirten auf dem Feld
und jene andern Kindsbeschauer
in ihrer Wunderglaubenwelt?

Solln Engel in den Sphären kreisen,
Dämonen, Götter, Seelen bloß,
des Alls Mysterium zu beweisen?
Fantastisch. Doch ideenlos.

Längst sind die Götter ja gestorben,
und auch der große Pan ist tot.
Doch haben Gleiches wir erworben,
das wir missachten ohne Not

Des Sisyphus gewalt’ge Steine,
die auf und ab am Himmel rolln,
titanenfrei, von ganz alleine:
Dem Wunder heißt es Ehrfurcht zolln!

Erleichtert liegt

ErleichtertSternenhimmel-300x200 liegt im Abendfrieden
die Stadt, zerschlagen, ausgebrannt.
Geparkt die Möchtegern-Boliden.
Die Stille klingt wie auf dem Land.

Wenn’s ein paar Fenster wen’ger wären,
in denen trüb ein Lichtlein welkt,
man könnt es auch als Schein erklären
vom Kuhstall, wo noch einer melkt.

Der Straße graue Tummelwiese
verödet und verlassen jetzt,
als hätte ‘ne Bewegungskrise,
was sonst so rüde drüberhetzt.

Kein Auto blökt sein Missbehagen,
kein Schwein quiekt quasselnd in die Welt.
Mensch und Maschine fortgetragen
und artgerecht wo abgestellt.

Nicht mal der Wind mag sich noch mucken,
der doch so gern die Wipfel zaust,
dass sie sich immer tiefer ducken
vor seines Atems Pressluftfaust.

Noch tiefre Stille würd’s bedeuten,
käm jetzt ein Laut von irgend her
wie Krähen, Bellen oder Läuten –
doch nur von fern und ungefähr.

Egal. Wie eine Käseglocke
schließt schwarz der Himmel alles ein.
Doch seht, es schneit! Die erste Flocke!
Ach, Quatsch! Das muss die Venus sein!