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So seht mich denn

So220px-Oliva seht mich denn den Musen singen,
wie ich vor meinen Blättern hock
und, um das Hirn in Fahrt zu bringen,
es just befüll mit „Languedoc“.

Der Vorhang ist zurückgezogen,
vor meinen Augen liegt die Welt,
d. h. von den Milliarden Wogen
das Tröpfchen, das man dafür hält.

O wie gewaltig die Fassaden,
die da in stummer Majestät
den Scheitel in den Wolken baden,
die aus dem Nichts herangeweht!

Und diese Straße, deren Breite
gleich einem schiffbar großen Fluss,
der hinterm Eck sich in die Weite
wer weiß bis wo ergießen muss!

Der Fenster gelbe Tigeraugen,
die lüstern lauern schon zum Sprung,
dass sie dem Rachen, Blut zu saugen,
gleich leuchten durch die Dämmerung!

Und immer wieder, welche Wunder!,
blick wie ein Kind ich staunend hin
und weiß doch, dass der ganze Plunder
so groß, weil ich so winzig bin.

Womit wir Menschen überragen
den Käfer, der durchs Kraut sich zwängt:
„Die Säulen, die den Himmel tragen“ –
so denkt er, wenn er Halme denkt.

Doch selbst wenn’s nur ein Pixel wäre,
in dem sich mir die Welt enthüllt –
was soll’s, da Fantasie die Leere
des Blattes ja mit Versen füllt!

Danach indes, wenn ausgedichtet,
erhebt sich erst die schönste Zeit:
der Schlaf, der sich zum Traume lichtet,
das Schnarchen der Zufriedenheit.

Oft geht’s

OftimagesNLD8VIGA geht’s mir wie den Fernsehsendern:
Ich wiederhol den alten Mist.
Nicht weil die Gucker sich verändern –
weil’s bill’ger und bequemer ist.

Warum sich aus den Fingern saugen
‘ne Story, die Erfolg verspricht,
wenn auch die alten dafür taugen,
dass der Rekord der Quoten bricht!

Na ja, von Letztrem bin ich ferne,
das ist nun mal der Lyrik Los;
besing ich heut indes die Sterne,
brauch ich geringen Aufwand bloß.

Wieso? Na, weil ich sie besungen
was weiß ich nicht wie häufig schon
und alles, was da mitgeklungen,
sich leicht vereint zu neuem Ton.

Und außerdem: Der Sternenhimmel,
er ist des Deutschen liebstes Kind.
Selbst Kant bewies ja diesen Fimmel –
und sich auch sonst als hochgesinnt.

Wenn aus den Weiten, die da dunkeln
in göttlich-graus’ger Majestät,
Millionen goldner Fischlein funkeln,
erwacht in jedem der Poet.

So kann denn auf Gehör ich hoffen,
wann immer ich die Netze spann
in diesem Ozean, der offen
seit je in unsre Herzen rann.

Genug! Der Fischzug soll beginnen.
Schon werf die Fantasie ich aus,
mir fangfrisch Strophen zu gewinnen –
und zieh es gleich auch wieder raus!

Das hieße wohl im Trüben fischen!
Kein Fünkchen seh ich weit und breit,
nur Grau mit Grau sich endlos mischen
zum nahtlos groben Wolkenkleid.

Und ohne meine Hauptakteure
klappt auch ‘ne Wiederholung nicht:
‘s ist ‘ne Konserve bei der Röhre,
doch Frischkost immer beim Gedicht!

Ich mag wohl manches zweimal sagen,
doch mit den gleichen Worten nie,
und brauch, um Verse auszutragen
mein „Lustobjekt“ stets vis-à-vis.

So bleibt denn heute unverrichtet,
o straf mich, Muse, nicht mit Zorn!,
was ich Gemütern hätt gedichtet
von echtem Schrot und Doppelkorn.

(Ob das im Erbe der Kulturen
wohl als Verlust zu Buche schlägt?
Das sei hier den AuGURUguren
als Mandala ans Herz gelegt.)

Doch wie es heißt, ist „aufgeschoben …“,
na ja, ihr wisst schon, was ich mein,
und wird das Wolkenschott da oben
nicht ewig so verrammelt sein.

Sobald auch nur ein Spalt zu sehen,
durch den ein Sternennäschen guckt,
lass alles liegen ich und stehen
und dichte, übers Blatt geduckt

In des Franziskus schöner Weise
der tausend Sonnen Nachtgesang,
dass so ich alle Sterne preise
wie einen er im Überschwang.

Ob sich denn in des Heil’gen Geiste
nicht auch ein andres Thema böt?
„O Schwester Wolke, weitgereiste …“ –
ach ne, das klingt mir doch zu blöd!

Die Bäume

DieimagesH6SS5IBV Bäume nur noch Schattenrisse
im Kunstlicht der urbanen Nacht.
Platanen vor der Hauskulisse,
die drüben die Beleuchtung macht.

Doch statt wie sonst sich zu versenken
in regungslose Stille ganz:
Was ist das für ein Ästeschwenken?
Der wildeste Moriskentanz!

Im luftigen Gerüst der Kronen
was fürn Gezerre und Gezieh!
Die Blätter wirbeln zu Millionen –
des Chaos Choreografie!

Längst hat die Sonne sich verzogen,
ging seufzend ihr der Dämmer nach.
Was hat wohl diesen Wind bewogen,
dass er den Abendfrieden brach?

Doch sollte grade ich das fragen,
der ich doch selbst zu später Zeit
statt in die Büsche mich zu schlagen
beherzt auf Musenpfaden schreit?

O lieber will ich ihn beneiden,
dass ungestüm er und spontan
und, als der blind’re von uns beiden,
so unbeirrt auf seiner Bahn!

Drum bring ich jetzt in Windeseile
die letzte Strophe aufs Papier.
Hier habt ihr schon die dritte Zeile
und – Ende, Aus! – hier Nummer vier!

Azur, Azur

Azurimages4I3R7NA6, Azur! Und weiße Streifen
Gewölks am fernen Horizont,
die Binden gleich zum Schutz umgreifen
die Stirn, die ihm zu sehr besonnt.

Ein gutes Stück schon hochgeklommen
den steilen Aufstieg zum Zenit,
hat er an Kraft noch zugenommen,
der Stern, der uns mit Licht versieht.

Schon fächeln sich da die Platanen
mit breiten Blättern Kühlung zu.
Kaum ist der Mittag erst zu ahnen,
lechzt alle Welt nach Schattenruh.

Getüncht von frischem Glanz die Mauern –
wie freundlich sind sie anzusehn!
Statt hinter ihrem Grau zu kauern,
wolln lieber sie spazieren gehn.

Und wie viel schärfer die Konturen:
wie Schnitte in den luft’gen Grund.
Die Laute selbst, die wem entfuhren –
Getön wie aus Titanenmund.

So lebt man sich gewiss entgegen
‘nem Sommertag aus Glut und Staub.
Und doch vergilbt auf allen Wegen
schon hier und da Oktoberlaub.

Alle Wetter

IchimagesS6H8UEDX weiß nicht, wie viel trübe Tage
sie nicht mehr auf den Pelz gebrannt,
doch gestern, schwupps!, mit einem Schlage
die Sonne da im Blaumann stand.

Und strahlt’, als wollte sie beweisen
mit ‘nem besondren Akt der Kraft:
Zählt mich noch nicht zum alten Eisen,
seht her, ich steh noch voll im Saft!

Man muss es beinah tragisch nennen,
wie heftig sie sich aufgebäumt,
um noch mal höllisch heiß zu brennen!
Heut hat sie schon das Feld geräumt.

Von morgens an die Wolkendecke,
geschlossen, wie es ausgekräht
das Radio in der Zimmerecke
als wetterwendischer Prophet.

Darunter liegt er wohl begraben,
der gute Sommer für dies Jahr,
weil wir ja längst September haben –
da klappert nicht nur Adebar.

Ein frischer Wind hat sich erhoben
und treibt den Regen vor sich her.
Der Herbst beginnt mit seinen Proben,
denn die Premiere rückt schon näh’r.

In meiner Arche will ich trotzen
den Stürmen dieser Jahreszeit.
Mag sie mit ihnen noch so klotzen,
ich kauf ihr ab den wind’gen Schneid.

Soll nichts und niemand mir erschüttern
dies Bild von häuslich sattem Glück,
gemalt, mir eh’r den Geist zu füttern
anstatt des Bauchs: mein Küchenstück.

Doch heißt es stets in Übung bleiben,
weshalb ich grad den Ernstfall test
mit Kerze, Chips und Käsescheiben.
Ein Mosel, Riesling, krönt das Fest.

Nicht einmal das

imagesOW9AHOUSNicht einmal das: ein warmer Regen,
nein, schwere Tropfen, schwer und kalt,
und Wind treibt sie mit kurzen Schlägen
in Schwärmen über den Asphalt.

Aussicht auf Sonne? Kein Gedanke.
Gewölk macht alles pottendicht.
Nicht weiter, halt! Photonenschranke.
Zerschmettert liegt das Tageslicht.

Wie jetzt die Bäume leiden müssen,
so hilflos allem ausgesetzt –
dem frühen Dunkel, eis’gen Güssen,
dem Sturm, der durch die Blätter fetzt!

Ob hinter ihren klob’gen Schläfen
sich eine Ahnung wohl schon regt,
dass Dinge hier zusammenträfen,
wie sie der Herbst zu schätzen pflegt?

Nun aber Ross und Reiter nennen:
Der Wetterfiesling heißt August,
der lässt den Himmel endlos flennen
und raubt uns alle Lebenslust.

Für Hitze also Aus und Ende?
Für dieses Glühen auf der Haut?
Für T-Shirts und für Badestrände?
Für Würstchen, angekohlt gekaut?

Mal sehn. So wie bei allem Eifer
‘ne Schwalbe keinen Sommer macht,
so hat auch noch kein Regenpfeifer
die dritte Jahreszeit gebracht.

Es kommen wieder bessre Tage
– ist ja ein stetes Hin und Her –
‘ne schön stabile Wetterlage,
der Himmel blau und wolkenleer.

Inzwischen saut es erst mal weiter,
oder, gepflegter ausgedrückt:
Vorwiegend heute nicht so heiter.
Der Erntemonat spielt verrückt.

Zum Glück hab ich, mir Trost zu spenden,
ein kleines Wärme-Notdepot:
im Glase hier in meinen Händen
die rote Sonne aus Bordeaux.

Grauschleier

InimagesJD5WMF1I graue Schleier eingesponnen,
die feiner Nebel ihm gewebt,
hat seinen Aufstieg er begonnen,
der Mond, der übern Dächern schwebt.

Ihm scheint der Dunst nicht zu behagen,
verzerrt er doch sein Angesicht,
das just in diesen letzten Tagen
so schön erblüht im Sonnenlicht.

Prost Mahlzeit! Plötzlich abgehauen,
grad wie vom Firmament verschluckt!
Da kann ich noch so lange schauen,
kein Schimmer durch die Wolken zuckt.

Man soll es nicht für möglich halten,
mit einem Schlage war es Nacht,
als ob, den Dämmer abzuschalten,
hätt einfach jemand schnipp! gemacht.

Und schon erhebt des Sturmes Schlange,
der Ruh, geringelt, jäh beraubt,
dass sanften Seelen angst und bange,
ihr züngelndes Medusenhaupt.

Und fast im gleichen Atemzuge
beginnt es schon zu schütten auch,
als feuerte aus jeder Fuge
der Himmel mit ‘nem Gartenschlauch.

Na, mocht es jetzt auch noch so toben,
das Ganze legte sich schon bald.
Kein Wind, kein Regen – und da oben
der Erdtrabant als Lichtgestalt!

Grad wie ein Phönix aus der Asche
flog auf der Mond zu neuem Glanz –
vom Schleier nicht mehr eine Masche,
kein Fädchen trüb im Strahlenkranz.

Doch richtig mag ich ihm nicht gönnen
die ganze unverhüllte Pracht.
Werd ich denn heute schlafen können?
Mir graust’s schon vor der Vollmondnacht!

Wetterwendisch

Schonimages9C953OV8 werden kürzer diese Tage.
Die Stadt verbleicht so gegen neun.
Dann stirbt auch fast mit einem Schlage
der Lärm, als würd er’s Dunkel scheun.

Der Mensch genießt des Heimes Frieden
in seines Bildschirms trübem Licht,
das flackert wie in Eisenschmieden,
doch kalt und blau und flammend nicht.

August. Und nichts von Sommerwetter.
„Ein Mix aus …“. Also wechselhaft.
Vielleicht wird’s nächste Woche netter.
Vielleicht. Noch hat die Sonne Kraft.

Miteins erhellt ein Blitz das Zimmer,
in grelles Licht die Dächer hüllt,
verhält, entlädt sich wieder, schlimmer,
bis er den ganzen Himmel füllt.

Indes mit dumpfen Trommelschlägen
der Donner wandert übern First,
verstummt – um sich zur Ruh zu legen?
Nein, dass er jäh zur Bombe birst!

In diesen Licht- und Klangvisionen
des Regens Generalbass rauscht,
das Schauspiel sanfter zu betonen,
dem mancher nur mit Schrecken lauscht.

August. Da muss sich Petrus irren
mit seiner Monatsrezeptur.
Es sollten doch die Lüfte flirren
vor lauter Hitze im Azur.

Doch unserm Hoch-und-Tief-Verwalter
verüble man nicht solchen Flop!
Er ist ja längst im Rentenalter,
macht schon Jahrtausende den Job!

Wir müssen weiter wohl ertragen
die Wechselbäder seiner Kunst
und können gar von Glück noch sagen
wenn er nicht jeden Tag verhunzt.

Na also, wieder abgezogen –
Blitz, Donner, Wolkenbruch passé.
Die Nase hoch und eingesogen
o diese Luft, so rein wie Schnee!

Da steigt er

mondDa steigt er lautlos auf die Dächer,
als wär er auf ‘ner Diebestour,
doch, tödlich für Gesetzesbrecher:
Beleuchtet seine Kletterspur!

Ich red vom Mond. Der schwebt da grade
mit seinem Lampionsgesicht
gemächlich über die Fassade,
als scherte ihn Entdeckung nicht.

Trotz seiner vorgerückten Jahre
wirkt er gelenkig und agil,
dass er beim Fitness-Seminare
gewiss nicht durch die Prüfung fiel.

Ihr hättet ihn mal sehen sollen,
wie er die Nase erst gereckt
da übern First und dann geschwollen
zu voller Größe ist – Respekt!

Das alles ist so schnell gegangen
wie bei der Sonne, wenn es tagt.
So einer, ne, lässt sich nicht fangen,
und wenn die ganze Welt ihn jagt.

Und wie ich dieses nun so schreibe
(was länger dauert, als ihr denkt),
hat unsre dubiose Scheibe
zum Abstieg sich auch schon gesenkt.

Was sie nun wirklich da getrieben,
es ist mir, ehrlich, schleierhaft,
man sieht ja nicht, wie sonst bei Dieben,
was sie an Sore aufgerafft.

Das muss an diesem Lichte liegen,
am blendenden und seiner Flut,
dass wir nicht einen Schimmer kriegen
von dem, was sich dahinter tut.

Die Dächer liegen wieder dunkel,
doch drüber, anders als vorher,
am ganzen Himmel Sterngefunkel,
als ob er voller Brillis wär.

Ach, darum also ging’s beim Stehlen!
Jetzt fällt es mir auch wieder ein:
Man sieht ja niemals Sternjuwelen
grad rund um diesen Mondenschein!

Das muss dem Nachtschwärmer man lassen,
so ausgebufft wohl keiner ist.
Er klaut die Klunker nicht in Massen,
nur so, dass man sie nicht vermisst.

Denn immer noch genügend bleiben,
uns Sternenspanner zu erfreun,
heißt: die Astronomie wir treiben,
heißt: Dichter, die das Licht wir scheun.

Dämmerung

daemmerungNoch ist der alte Häuserhaufen,
den ich vom Küchenfenster seh,
gut mit den Augen abzulaufen –
vom Fuße bis zum Dach juchhe.

Und quer bis an die Straßenecken,
die diesem Putz- und Klinkerblock
die asphaltierten Grenzen stecken,
ihn säumen, wie es heißt beim Rock.

Doch wird es nicht mehr lange dauern,
bis dieses bleiche Dämmerlicht
sich von den Wangen löst der Mauern –
und dann ade, du schöne Sicht!

So, damit hab ich euch verklickert,
wann unsereiner dieses schreibt:
Da Wein mir in die Kehle sickert
und Pegasus sein Wesen treibt.

Und „dies vorausgeschickt“ (hier mache
zunutz ich mir den Schriftverkehr
des Parlaments) komm ich zur Sache:
Kein Schweiß seit heute Morgen mehr!

Damit will dunkel ich bedeuten:
Die Temp’ratur fiel spürbar ab –
kein Sturz, kein Grund zum Glockenläuten,
ein Stolpern nur, doch nicht zu knapp.

Die Stirn, die biete ich dem Winde,
den Hals, der endlich nicht mehr spürt
den Kragen, der als feuchte Rinde
wie einen Stamm ihn eingeschnürt.

„Durchatmen“ heißt jetzt die Parole,
wer weiß, wie lange es so bleibt.
‘s ist Juli erst, und reichlich Kohle
hat Helios sich einverleibt!

Grad weil dem Frieden nicht zu trauen,
genieße ich den Status quo.
Die Welt mit kühlem Kopfe schauen
macht richtig unternehmungsfroh.

Schnell weg von dieser Reim-Routine!
Mit einem Satz bin ich im Schuh.
Der kaltgestellten Windmaschine
werf einen letzten Blick ich zu.