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April, April

April, AprilApril, April, ich muss dich loben!
Besiegst die eigene Natur!
Statt dich wie üblich auszutoben,
bist brav du und beständig nur!

Du lässt die liebe Sonne scheinen
vom allerblausten Firmament
und nicht wie sonst nur mal so einen,
nein, viele Tage, dass sie brennt

Als ob es lange Mai schon wäre,
so voller Inbrunst vor der Zeit
und machtest gar dem Juni Ehre
mit deiner steten Heiterkeit.

Vertraut mit deinen Kapriolen,
man sich verdutzt die Augen reibt
und fragt sich auch schon unverhohlen,
wo denn der Wind und Regen bleibt.

Du aber drehst uns eine Nase
und zeigst dich weiter wechsellos.
Drei Wochen ‘ne Schönwetterphase –
wo gäb’s denn das im Sommer bloß!

Und doch bist du dir treu geblieben
auf eine Art, die angenehm:
Noch nie, seit man dein Tun beschrieben,
warst du als Hitzkopf so extrem!

Nach dem Vollmond

Nach dem VollmondSchon ist der Vollmond durchgezogen,
und einsam wieder liegt und leer
im bleichen Schaum der Wolkenwogen
das sternenlose Himmelsmeer.

Und diese Stadt an seinem Grunde,
die tags von Leben nur so sprüht,
verkümmert jetzt zur Abendstunde
wie eine Blume, die verblüht.

Von Schatten völlig übergossen
der Häuser steinernes Gesicht.
Wie unter Lidern, halb geschlossen,
glimmt spärlich nur noch Stubenlicht.

Und wo auf gegenläuf’gen Bahnen
nie, scheint es, der Verkehr versiegt,
kann man die Straße nur noch ahnen –
ein Asphaltbett, das trockenliegt.

Wie tief ist dies urbane Schweigen,
in das nicht mal ein Hofhund bellt
und nicht einmal Zikaden geigen
ihr Nachtkonzert vom Trümmerfeld!

Ja, wenn ich es nicht besser wüsste,
ich käm wohl noch auf die Idee,
die ganze Welt ging nun zur Rüste,
dass nie sie wieder aufersteh.

So werd ich ruhig schlafen gehen,
bis Eos ihre Flügel reckt.
Soll doch kein Hahn dann nach mir krähen –
wenn sanft mich nur die Sonne weckt!

 

Auch ich in Arkadien

Auch ich in ArkadienDie Bäumchen, die den Weg hier säumen
in lichten, langgestreckten Reihn,
von Blüten förmlich überschäumen
wie junger Kirsch- und Mandelwein.

Und ihre morgenfrische Röte,
wie zünftig sie den Frühling ziert,
gleich dem Gezwitscher und Geflöte,
das aus der Luft ihn orchestriert!

Derweil aus wolkenlosen Weiten
die Sonne wieder freundlich sengt
und diese wintermüden Breiten
mit Wogen warmen Lichtes tränkt.

Ein leichter Wind verbreitet Kühle,
dass man nicht gleich in Schweiß gerät.
Balance zwischen Frost und Schwüle,
die mächtig zum Spazieren lädt.

Und wirklich wandeln auch Gestalten
durch diese Paradiesesflur –
doch zögernd irgendwie, verhalten,
und ohne Blick für die Natur.

Sie kommen aus den Klinkerklötzen,
die etwas abseits man gewahrt,
um sich im Freien zu ergötzen
auf diese seltsam stille Art.

Der Sache auf den Grund zu gehen,
tret an die Häuser ich ganz nah.
Da seh ich auch schon Schilder stehen:
STATION A, B et cetera.

In einem Meer von Lenzaromen
schwimmt heute hier das Hospital.
Fürs Leben wohl ein gutes Omen;
nicht zwingend für den Krankensaal.

Mein Mondlied

Mein MondliedKein Mond ist aufgegangen.
Der Himmel, dunstverhangen,
liegt bleich und sternenlos.
Die Straßen gottverlassen,
kein Hund mehr auf den Gassen,
des Windes Stöhnen bloß.

Es schweigen die Fassaden,
die ganz in Schatten baden,
wo Stubenlicht nicht starrt.
Ein Bus brummt hin und wieder,
der heim die müden Glieder
der Unentwegten karrt.

Der Tag in stiller Trauer,
dass von so kurzer Dauer
die Frist, die ihm gewährt.
Ich danke ihm den Frieden,
der mir dies Lied beschieden
und m e i n e Trauer nährt.

Märzabschied

MärzabschiedEin Stückchen ist noch ungegessen
von diesem schönen Kuchenkranz,
der über dreißig mal besessen,
als er gebacken grad und ganz.

Doch auch das letzte wird noch landen
im ewig mahl’nden Maul der Zeit,
die nicht ‘nen Krümel lässt vorhanden
vom Tag in der Vergangenheit.

Dann ist auch dieser März zu Ende,
verblichen auf der Jahresuhr,
und bleibt als Nachhall im Gelände
nur noch der Blumen bunte Spur.

(Dass seiner Lebenslust entgegen
sein Name auch für Unheil steht,
ist ja nicht ihm zur Last zu legen,
nein, auf des Menschen Kappe geht

Der, den Instinkten treu geblieben,
die unverdunkelt vom Verstand,
von Macht- und Geldgier angetrieben
den Krieg sowie den GAU erfand.)

Wie’n frühlingslüftetrunkner Zecher
des Krokus Kelch nach Füllung schreit,
ein hochgereckter „Märzenbecher“ –
gäb’s dafür noch kein Copyright.

Mehr Blumen will ich nicht bemühen.
Was bräucht es auch ‘ne Inventur?
Seht sie mit eignen Augen blühen
selbst in der Stadt bescheidner Flur!

Dies Erbteil macht dem Monat Ehre,
gerecht für alle ausgestreut,
dass jeder ‘s mit dem Blick verzehre
und frohen Herzens wiederkäut.

Und wenn er selber längst entschwunden,
kein Hahnenfuß mehr nach ihm kräht,
dann wuchert noch mit seinen Pfunden
der Sommer, der sich drauf versteht.

Erst wenn im Herbst, im rauen Winde
an Ast und Halm verdorrt das Laub,
droht auch dem Blumenenkelkinde
des Frühlings dieser Erde Staub.

Geht’s so nicht auch den Menschenwesen,
die, kaum im schönen Dasein drin,
schon weggefegt von Chronos’ Besen –
und auch, was bleibt, fährt bald dahin?

Doch ob mit ihrem Schicksal hadern
die Blätter, die’s vom Stängel reißt?
Wer weiß, ob in den welken Adern
nicht längst schon neues Leben kreist.

Auf in den Frühling

Auf in den FrühlingAuf diesen Kerl ist in der Regel
nicht grade unbedingt Verlass –
doch heute stieg der Silberpegel
der Säule, dass er „14“ fass!

Und pünktlich mit dem ersten Tage,
für den sein Kommen avisiert,
verbessert sich die Wetterlage,
so wie sie einen Frühling ziert.

Wie wird die Krokusse das freuen,
die schon in kleinen Grüppchen stehn,
um Gelb und Lila einzustreuen,
wo sonst nur Wiesengrün zu sehn.

Sie haben lange zittern müssen,
dass Sturm sie nicht vom Stängel reißt
und ihnen Frost mit eis’gen Küssen
‘nen schlechten Liebesdienst erweist.

Auf einmal alles Schnee von gestern.
Jetzt schmiegt man sich voll Lebenslust
mit manchen andern Blumenschwestern
an eines Zephirs breite Brust.

O dieses Glück, es möge dauern –
und auch das unsre, lenzverliebt.
Doch munkelt man schon was von Schauern
und dass ein Tief sich näherschiebt.

Das wär dann wohl der Schnee von morgen –
der mich wie der verflossne schert.
Muss ich denn heute mich schon sorgen,
zerstören, was noch unbeschwert?

Ins Freie schnell hinaus, ins Grüne!
Und keinen Schal mehr um den Hals!
Ich stürze auf die Weltenbühne –
und bin Statist da allenfalls.

Die lauen Lüfte zu genießen,
ergeht sich schon das halbe Land,
beäugt von Krokussen, die sprießen
als Publikum am Wegesrand.

‘ne veritable Massenszene,
doch ohne Richtung und Regie.
Geordnet ziehen nur die Schwäne,
der Alster stolzes Federvieh.

Mit Müh ich mich und dicken Backen
durch diese Völkerwand’rung wühl.
Trät jetzt mir einer in die Hacken,
dann hätt ich gar ein Lenzgefühl!

Mondaufgang

MondaufgangSchon aufgefahrn ‘ne ganze Strecke,
kommt grad er hinter Dächern vor,
sieht aus mit seiner fehl’nden Ecke
wie Vincent mit verbundnem Ohr.

‘ne Piepe jetzt nur noch im Munde,
dann wär die Illusion perfekt,
dass in des Monds sensiblem Runde
vergöttlicht unser Maler steckt.

Na ja, wer wird an Wunder glauben –
ein Spiel nur müß’ger Fantasie;
der über Firste steigt und Gauben
schon manchem sein Gesicht verlieh.

Das scheint ihn aber nicht zu scheren –
er spult sein Pensum ruhig ab,
die pflichtgeflognen Meiln zu mehren
in stetigem Trabantentrab.

Man meint, er hätte keine Eile,
wenn man nur flüchtig ihn gewahrt –
begafft man ihn indes ‘ne Weile:
„Na, der ist aber fix in Fahrt!“

Jetzt ist er schon ein Stück gestiegen
und treibt im offnen Himmelsmeer.
Wie fern ihm schon die Dächer liegen,
o Küste ohne Wiederkehr!

Dann ist der Spuk auch schon verschwunden,
der Ozean hat ihn verschluckt –
Beginn der langen, langen Stunden,
in denen man ins Leere guckt.

Die Nacht, sie macht mir Angst und Bange,
glimmt traulich nicht ein Lämpchen wo –
als wäre heimlich was in Gange,
als ob ein Ungewitter droh!

Im Kosmos meiner kleinen Kammer
ist stets ein Lichtlein aufgestellt,
verscheucht mir solchen Katzenjammer,
wenn mondgleich es mein Blatt erhellt.

Keine Ahnung

Keine AhnungAls Literat geht an der Nase
‘ne Menge einem doch vorbei.
Was weiß von Säure ich und Base?
Was weiß von Kobalt ich und Blei?

Was von den andern Elementen,
aus denen sich erbaut das All?
Und wie sich einten oder trennten
die Teilchen nach dem Großen Knall?

Was weiß ich denn schon von der Rose,
die an verborgner Hecke blüht
und wie im Gras die Herbstzeitlose
sich standhaft durch den Sommer müht?

Was weiß von Esche ich und Eiche,
dern Stamm hochauf zum Himmel ragt,
was von dem Weidenbaum am Teiche,
der stumm ihm seine Trauer klagt?

Was weiß ich von den trauten Tauben,
aus Klüften stammend, wüst und wild,
in Giebeln hausend jetzt und Gauben,
der Felsenheimat Ebenbild?

Ja, nicht einmal die Stubenfliege
ist mir des Näheren bekannt,
obwohl ich doch schon in der Wiege
begafft ihr Krabbeln an der Wand.

Und die da treiben, die Gestirne,
in ihrer tödlich eis’gen Nacht,
was haben in der Dichterbirne
sie an Erleuchtung schon entfacht?

Sei’s selbst der treueste Begleiter
der Erdenheimat, unser Mond –
was weiß ich denn schon von ihm weiter,
als dass er übern Wolken wohnt?

Die Welt spricht mit Millionen Zungen,
so wie im Wind der Wipfel Laub –
doch wie gesprochen, so verklungen:
Dies Rauschen macht die Ohren taub.

Nur so ein klitzekleiner Fetzen
der kosmischen Beredsamkeit
pflegt in die Seele sich zu setzen,
die ihm auch prompt ihr Leben weiht.

Doch müssen des wir uns nicht schämen
(fürs Ganze fehlt uns das Organ),
den Krümel für den Kuchen nehmen,
den Tropfen für den Ozean.

Und mit Nichtwissen uns begnügen
wie einst ein Weiser in Athen,
statt in die Tasche uns zu lügen:
„Man muss nur wollen, wird schon gehn.“

He, stopp! Was soll das Räsonnieren!
Wie mich doch stets der Hafer sticht,
mich in Sentenzen zu verlieren.
Mach Lyrik, Mann, kein Lehrgedicht!

Lass lyrisch wenigstens noch enden,
was so gedankenvoll begann:
Streu unbesehn mit vollen Händen
noch Verse, die der Bauch ersann!

Just steigt der Mond aus Himmelstiefen,
von Licht erfüllt das ganze Rund,
wie einer, den Schamanen riefen
beschwörend mit geweihtem Mund.

Vom unt’ren Rand indes der Scheibe
kriecht schwärzlich was wie Rauch empor,
dass es den schönen Glanz vertreibe,
und schiebt sich schließlich ganz davor.

Ach, Himmelsfreund, die dunklen Schwaden
verdarben dir den Lichteffekt –
wie soll die Nacht im Vollmond baden,
wenn kläglich er in Wolken steckt?

Nachtfantasie

NachtfantasieAls ob’s ein Riesenraubtier wäre,
hat sich der Bau, von nichts bewegt,
in seiner ganzen schwarzen Schwere
zur Nacht aufs Trottoir gelegt.

Kein Zucken zittert in den Flanken,
kein Härchen kräuselt sich im Fell,
nur über ihm ein leises Schwanken
von Sternen, die mal trüb, mal hell.

Die gelben Katzenaugen lauern
noch hier und da, verlöschend schon,
doch wo kein Fenster in den Mauern,
füllt Finsternis die Region.

So wird er bis zum Morgen liegen,
bis ihn der kühle Dämmer weckt,
und er, um wieder Licht zu kriegen,
den Scheitel in die Sonne reckt.

Na ja, ihr wisst schon: die Fassade
der Häuser, die vom Musensitz
ich abends sehe, wenn ich grade
mir Verse aus den Rippen schwitz.

„Die Nacht schuf tausend Ungeheuer“ –
das, was ein Dichter einst empfand
bei einem Liebesabenteuer,
es narrt noch heute den Verstand.

Man muss nicht mal durch Wälder jagen,
dass einen Angst vor Schatten packt –
auch Städte schlagen auf den Magen
mit mancherlei Gebäudetrakt.

Erst wenn der Tag mit seiner Funzel
entlarvend vor dem Monster kniet,
verkehrt die Furcht sich in Geschmunzel,
dass man so schnell Gespenster sieht.

Soll ruhig es da drüben liegen,
das Ungetüm aus Glas und Stein,
sich selbst in dunklen Träumen wiegen –
und Hüter auch der meinen sein.

 

Kurz nachgedacht

Kurz nachgedachtDer Abend ruht in seiner Stille,
von allem Lärm des Tags befreit,
ein Wesen ohne Wunsch und Wille
im Schattenarm der Dunkelheit.

Erloschen ist der Sonne Funken,
der tags noch glomm im Wolkenmeer,
das selber nun ins Nichts versunken,
als ob es nie gewesen wär.

Und war kein Stern mehr, ihm zu dienen,
verlor sich aus der Kammer auch
der trüb den Tag mir heut beschienen,
der Dämmer wie ein feiner Rauch.

Ein letzter Stummel von dem Kranze,
den lieb wer zum Advent mir wand,
erhellt mir dürftig nun das Ganze,
das jäh sich so verfinstert fand.

Grad hört ich noch die Reifen flitzen,
raubeinig rüttelnd am Asphalt –
jetzt leis nur, wie auf Zehenspitzen,
als hätte man sie angeschnallt.

Die Flagge auch, die sich zu sträuben
es liebt im kraulenden Südwest,
als würde jemand sie betäuben,
klebt willenlos am Maste fest.

Am Fuß der düsteren Fassaden
gleißt nackt und kalt das Neonlicht –
doch statt zum Kaufen einzuladen,
rät’s eher zum Konsumverzicht.

Und droben diese Himmelsbühne
soeben unser Mond betritt!
Wie blass wirkt aber heut der Kühne
und wie viel dünner als im Schnitt!

So kann man ihn am Morgen sehen,
wenn übernächtigt er und bleich
im Lichte muss des Sternes stehen,
der auffuhr aus dem Schattenreich.

Dann kitzeln auch der Sonne Küsse
mein Aug, das noch nach Träumen jagt,
dass sacht sie mahnen mich, ich müsse
hinaus ins Leben unverzagt.

Wie fern ist, ach, schon dieser Morgen,
da ich gehadert mit dem Tag
und, etwas Aufschub mir zu borgen,
noch lange faul im Kissen lag!

So rasch zerfließen diese Stunden,
die mit dem Zifferblatt man misst.
Die Zeiger drehen ihre Runden
so stur wie’n Gardeinfant’rist.

Wie anders, wenn wir ewig wären:
Wir lachten uns ins Fäustchen nur,
würd greinend wer sein Aug entleeren
in eines Heute flücht’ge Spur!

Doch so, wie auf der Zeit wir treiben
in unaufhaltsam stetem Fluss –
was hilft’s, dagegen anzuschreiben
im Stile eines Sisyphus?

Genug! Wir wolln die Lider schließen
vorm hellen Licht der Grübelei
und diesen Augenblick genießen
bei Gläschen Nr. 1 und 2…

Da hab ich einen Wonnetropfen,
der wohlig mir die Seele netzt.
Ich glaube (rasch auf Rebholz klopfen!),
ich glaub, die Ewigkeit ist jetzt.