Archiv der Kategorie: Natur

Herbstmond

HerbstmondIn Nebel völlig eingesponnen,
in dem sein bleiches Licht verschwimmt,
sich weiter dürftig zu besonnen,
der Mond allmählich höher klimmt.

Schon sieht man weit ihn überragen
der Dächer schwindende Kontur
und seinen Schädelschleier tragen
gespenstisch durch die Himmelsflur.

Da schwebt er, zünftig zu beschließen
den Tag, der sanft und sonnig war
und ohne Wolken, die begießen
das dröge Erdeninventar.

Ja, mit den milden Temp’raturen,
dem Wind, der süßlich nur gehaucht,
kam noch mal richtig heut auf Touren
der Sommer gleichsam unverbraucht.

Und da zur Hälfte schon verstrichen
des neunten Monats Lebensfrist,
schätzt doppelt man den sommerlichen,
den Tag, der wie ein Glücksfall ist.

Doch mag man sich auch noch nicht sorgen,
dass dieser Sommer wankt und weicht:
Den Mond, der da im Dunst verborgen,
ihn hat der Herbst wohl schon erreicht.

Abkühlung

AbkühlungDer heut so hitzig angefangen,
er hat sich abgekühlt, der Tag.
Die Sonne ist ihm durchgegangen –
ich schätze, dass es daran lag.

Er hatte sie ins Herz geschlossen
und fest an sie geglaubt.
Wie elend ist er nun, verdrossen,
des Lebensmuts beraubt!

Sie hat mit ihm nichts mehr am Hute,
ihr reicht das kurze Rendezvous.
Das Feuer, das ihr wallt im Blute,
es treibt sie einem andern zu.

Ich kann es ihm gut nachempfinden,
dies abendliche Herzeleid,
würd mich ja selbst auch lieber binden
an eine Schöne lange Zeit.

So schleicht er stille denn von dannen
im schwarzen Überwurf der Nacht.
Man sieht das Himmelszelt sich spannen –
die Glut der Sterne rings entfacht.

Kleines Bestiarium

Kleines BestiariumEin Käfer, der die Sonne liebt,
gerad ‘ne ruh’ge Kugel schiebt
und rücklings auf ‘nem Kresseblatt
am Bauch ein schönes Kribbeln hat.

Dem naht sich aus dem Gräserwald
ein Frosch, der eher nass und kalt
und auch nicht sehr darauf erpicht,
dass ihn besagte Sonne sticht.

Und der, das sei damit gesagt,
auch niemals lange danach fragt,
was denn da so ein Käfer treibt,
bevor er ihn sich einverleibt.

So kam es, wie es kommen muss,
der Sumsemann, der Luftikus,
gar dämlich aus der Wäsche guckt,
als ihn der Pitschepatsch verschluckt.

Wes Aug sich jetzt in Tränen löst,
sei mit dem nächsten Vers getröst’t:
Der edle Rächer sich schon naht,
der diesem Schuft vergilt die Tat.

Ein ausgewachsner Storchenmann
stakt just auf dem Gestelz heran,
als der vertilgte das Insekt
genüsslich sich die Lippen leckt.

Und da er selbst auf Beute aus,
verschmäht er nicht den jähen Schmaus
und schnappt sich flink und gar nicht faul
den Braten mit dem Klappermaul.

Was Wunder, dass das Krötentier,
das eben noch auf Wolke vier,
den letzten Seufzer ausgequakt
und so sein Leben abgehakt.

Indes der Meister Adebar
ganz glücklich mit dem Dasein war,
das er dem Quaker doch bestritt,
und selbstzufrieden weiterschritt.

O dieser Sünder, den nichts reut,
auch er hat sich zu früh gefreut!
Denn wie er so am Boden geht,
des sichren Fluges er enträt!

Und einer, dem der Magen knurrt,
des Vorteils auch gleich inne wurd
und lautlos durch die Schneise schnürt,
die ihn direkt zur Mahlzeit führt.

Der Fuchs – der in die Luft sich schwang
und jenem an die Gurgel drang,
in die er blutig sich verbiss,
bis dem der Lebensfaden riss.

An diesem kleinen Beispiel schon
zeigt sich des Friedens Illusion:
Die Wiese, schönes Blütenreich,
kommt eher einem Schlachtfeld gleich.

Es müht sich dort im Lebenskampf
ein jeder, dass er’n andern mampf,
wobei stets der, der größer ist,
mit Haut und Haar den Klein’ren frisst.

Was allerdings man doch erspart
dem Schwächeren der eignen Art.
Zwar gibt es auch mit dem Verdruss,
doch selten bis zum Exitus.

Der Mensch indes als Karnivor
nimmt sich auch seinesgleichen vor,
das heißt er zieht ihn sich nicht rein,
doch schlägt ihm gern den Schädel ein.

Das macht den Unterschied zum Tier!
Und dünkt sich doch der Erde Zier
und nennt sich Gottes Ebenbild –
ein Wesen, das aufs Töten wild!

Da lief in der Natur was schief,
dass den sie grad zum Herrn berief!
Wir hätten’s Paradies hier glatt,
wär es die Kuh an seiner Statt!

Rosa Wölkchen

Rosa WölkchenRosa, rosa Wölkchen wiegen
schwebend sich im blassen Blau,
Schwebebahnen, Schwebefliegen,
schwebend Schwere zu besiegen,
Lämmer auf der Himmelsau.

Einsam flötet noch ein Sänger
lockend wo aus dem Geäst,
Müßiggänger, Rattenfänger,
dass er eine Amsel schwänger
hoch in seinem Vogelnest.

Längst sah unsern Stern man gleiten
wendig hintern Horizont,
Meeresweiten, Wellenreiten,
wo er schon in andern Breiten
eine Frühe frisch besonnt.

Dunkler schon die Hausfassaden,
wie anämisch lichtentleert,
Wasserschaden, Nebelschwaden,
Schatten werden abgeladen
auf die Wand, die sich nicht wehrt.

Alles aber Ouvertüre
zu der Nacht gewalt’gem Part,
Liebesschwüre, Seidenschnüre,
dass sie sacht uns dahin führe,
wo das Dunkle unser harrt.

 

Stunde des Sandmanns

Stunde des SandmannsWie gedämpft von einem Deckel,
leise tönt der Stadt Gebrumm.
Und mit prallgefülltem Säckel
geht auch gleich der Sandmann um.

Licht begeistert noch die Dächer,
denen es den Scheitel wärmt.
Noch ist nicht der schwarze Rächer,
ist die Nacht nicht ausgeschwärmt.

Würden Glocken jetzt noch läuten,
wär das Stimmungsbild komplett.
Ähnlich mögen Moslems deuten
ihren Ruf vom Minarett.

Wie verträumte Lämmer treiben
Wolken wollig noch im Blau.
Staub auf meinen Fensterscheiben
färbt sie fälschlich mittelgrau.

Irgendwo aus fernen Ecken
flötet noch ‘ne Amsel her,
weiß der Teufel wen zu wecken,
dass er Antwort ihr gewähr.

Ganz hat sich von der Laterne
dieser Tag noch nicht getrennt,
die indes nur in der Ferne
hinterm Horizont noch brennt.

Alles in gewohnter Weise,
Säkulum für Säkulum
die berühmte Tagesreise
einmal um den Pudding rum.

Komisch, dass die olle Szene
dennoch nichts an Reiz verliert
und mich wie die Hippokrene,
Musenquelle, inspiriert.

Ach, die größten Wunder kriegen
eh wir im Gehirn nur mit,
so: dass wir auf Erden fliegen
im Kanonenkugelritt.

Und dass ohne Ziel wir sausen
auf dem Kreis verwandter Bahn,
Sonnenwinde um uns brausen
mörderisch als Lichtorkan.

So im Meer der Sternenfeuer
als ein Stäubchen rumgeschwenkt,
leiden wir ein Abenteuer,
das man besser nicht bedenkt.

Und was uns die Pfaffen weisen
als Mirakel, gottgesandt,
dient nur, Schafe abzuspeisen,
die genügsam an Verstand.

Dass wir stets den Blick verschließen
vor der kosmischen Gefahr,
blindlings unser Glück genießen:
kaum zu glauben, aber wahr.

Wie die Straßen friedlich liegen,
feierlich im Abendlicht!
Sandmann, lass so still auch wiegen
uns in Schlaf und Traumgesicht!

 

Sommersonnenwende

SommersonnenwendeWie eine Binde, lichtgesponnen,
die straffgespannt die Stirn bedeckt,
die Abendstrahlen noch besonnen
die höchsten Giebel mit Effekt.

Indes am Fuße ihrer Mauern
schon Schatten hocken wie zum Sprung,
die auf den großen Auftritt lauern
im Maskenspiel der Dämmerung.

Die Sonne, die davongeschlichen,
ließ nur noch eine weite Spur
von Strahlen, die schon halb verblichen
auf der verwaisten Himmelsflur.

Nur hier und da noch Wölkchen treiben
von blassem Rosa oder Grau,
um bald jedoch sich aufzureiben
im Winde, der jetzt resch und rau.

Der Tag will gar kein Ende finden.
Wie der doch den Kalender kennt!
Die Stunden mögen noch so schwinden –
schon Nacht, und nicht ein Lichtlein brennt!

Doch kann man auch die Augen schließen,
dass friedlich man entschlummern mag,
die Nacht in Träumen zu genießen
an dieses Jahres längstem Tag?

Nun, gleich werd ich es selber wissen.
Ich jumpe jetzt mit einem Satz
vom Musenross ins Ruhekissen –
selbst wenn ich hier den Schluss verpatz!

In die Nacht versunken

In die Nacht versunkenVon blassem Blau der Himmelsbogen,
Gewölk aschfahl ihm eingebrannt.
Und Rosa, um den Rand gezogen
der Sonne, die nie tiefer stand.

Es spielt noch Wind in den Platanen,
wirr flattern Blätter ums Geäst.
Die auf dem Nachbardach, die Fahnen,
bläst er beharrlich nach Nordwest.

Unmerklich steigt um die Gemäuer
der Finsternis verzehr’nde Flut.
Die Sterne schüren schon ihr Feuer,
für Stunden reichen muss die Glut.

Die Stille fängt sich in den Ohren,
dass es darinnen raunt und rauscht.
Man hört die Totenuhr wohl bohren,
wenn tief man in die Schränke lauscht.

Nur schade, dass der Amsel Kehle
nun keine Lieder mehr entfliehn,
wie hätten sie der Stille Seele
die schönste Stimme doch verliehn!

Indes ich so in Geistesfernen
den Musen eifrig ging zur Hand,
versah mit tausenden von Sternen
die Welt ihr schwarzes Nachtgewand.

Und wie ich staunend noch vermerke,
wie ungestüm der Fluss der Zeit,
befällt mich schon mit sanfter Stärke
das süße Gift der Müdigkeit.

Was noch zu glätten wär und feilen,
ich heut nicht mehr erled’gen muss.
Nur noch zum Zähneputzen eilen –
prosaisch jedes Mal der Schluss.

In die Dämmerung geschrieben

In die Dämmerung geschriebenWie rasch da die Fassaden bleichen,
die eben rosig noch geglüht –
kaum dass Sekunden nur verstreichen
und schon der ganze Charme versprüht!

Der Dämmer leckt mit Windeseile
vom Putz das schöne Abendrot
und raspelt mit der Zungenfeile
die Mauern blitzeblank und tot.

Noch sieht man sich die Wipfel wiegen,
dies stolze Grün noch nicht entbehrn,
doch längst schon auf der Lauer liegen
die Schatten, die es gleich verzehrn.

Und hinter mancher Fensterscheibe
glimmt trübe schon das Stubenlicht,
dass es erhell des Bürgers Bleibe,
wenn er sein Brot zur Vesper bricht.

In diesen flücht’gen Augenblicken
vor Einbruch einer schwarzen Nacht
scheint rascher jene Uhr zu ticken,
die hoch am Himmel angebracht.

Und scheinen diese wackren Pferde,
die unsern Sonnenwagen ziehn,
dass endlich Feierabend werde,
jäh hintern Horizont zu fliehn.

Gern nutze ich noch diesen Schummer,
dass er natürlich’ Licht mir leih,
vollende dann die Sangesnummer –
und spare auch noch Strom dabei.

Auf dem Feldweg

Auf dem FeldwegEin Feldweg. Und zu beiden Seiten,
mannshoch gereift, ein Ährenwald.
Die Halme sacht vorübergleiten,
wie Spieße starrn bei jedem Halt.

Das Haupt dem Horizont entgegen,
folg ich des Pfads zerfurchtem Lauf.
Die Schritte flücht’ge Spuren prägen
und wirbeln feine Stäubchen auf.

Vom fernen Hofe Hundebellen.
Am Feldrain blauend Rittersporn.
Die Luft zerfließt in Fieberwellen
vibrierend über Kraut und Korn.

Insekten überm Weizen wallen
wie Spreu, die auf dem Winde tanzt.
Die Lerche lässt ihr Lied erschallen,
das weit sich in den Himmel pflanzt.

Geraschel hier und da bisweilen,
doch weiß man nimmer was und wie –
vielleicht ein Mäuschen im Enteilen,
dass tiefer es ins Dickicht flieh.

Im Schweiß sich Hand und Stirn verschwistern.
Wie, sinkend schon, die Sonne sengt!
Und immer wieder dieses Knistern:
Die Frucht, die ihre Hülle sprengt.

Es duftet wie in tausend Mühlen,
wenn ächzend sich der Läufer dreht
und aus der Säcke weichen Pfühlen
bei jedem Ruck ein Wölkchen weht.

Auf Meilen keine Menschenseele.
Wie sprechend aber die Natur!
Millionen Stimmen in der Kehle
und doch ein einz’ger Wohlklang nur!

Mag sein, ich gehe so seit Stunden,
und doch, es wird mir nicht zu viel!
In Schwielen schreibt mein Fuß und Schrunden:
„Der Weg“, so schreibt er, „ist das Ziel“.

Maiennacht

MaiennachtNa, endlich, nach der Tageshitze,
dringt etwas Kühle, heiß ersehnt,
erfrischend durch die breite Ritze
der Küchentür, die angelehnt.

Auf ihren leicht bewegten Schwingen
führt sie die Abendstille mit:
Geräusche, die im Nu verklingen,
verhallend rasch ein eil’ger Schritt.

Von Licht gesprenkelt die Fassaden,
Laternen, die schon glasig glühn.
Ein erster Hauch von Nebelschwaden
scheint Grau im Raume zu versprühn.

Mit tausend aufgeregten Händen
fuchteln die Bäume noch im Wind,
die längst mehr keinen Schatten spenden
und selber nur noch Schatten sind.

Schon züngelt auch die Kerzenflamme,
bedächtig, wie man Eiskrem leckt,
auf ihrem wächsern weichen Stamme,
der schmelzend sich vom Teller reckt.

Von Zeit zu Zeit ein dumpfes Fauchen,
das doch der Heizung nur entfuhr,
und plötzlich auf dem Brenner rauchen
zig Flämmchen wie auf einer Schnur.

Es wird ein langer Dämmer werden.
Erst hier und da ein Stern entfacht.
Die Uhr zeigt wohl schon Nacht auf Erden –
die Helle einer Maiennacht.