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Herbststimmung

HerbststimmungWie aufgepflanzte Reisigbesen
stehn sie da starr in Reih und Glied,
Gefährte für die Hexenwesen,
die’s zu geheimen Treffen zieht.

Kein Blättchen baumelt an den Zweigen
als eines Sommers müder Rest.
Nur kleine Vögel manchmal steigen
wie Schatten ziellos durchs Geäst.

Daneben, seltsam kontrastierend
mit golden glänzender Montur,
die Farbe, nicht das Laub verlierend,
Gesträuch von anderer Natur.

Im krausen Dachgestühl der Kronen
nistet die Dämmerung sich ein,
da wo auch schon die Tauben wohnen
und andre flügge Mietpartein.

Indes hat sich zurückgezogen
der Wind, der nebelnass und kalt,
und tags, dass sich die Bäume bogen,
geblasen noch mit Sturmgewalt.

Wie’n Gottesacker liegt die Stätte
im Sterbekleid der Stille nun,
die Welt entleibt zur Silhouette,
um gleich im Grab der Nacht zu ruhn.

Mein Blick kehrt wieder heim ins Zimmer,
als ob er sattgesehn sich hätt.
Ein Lämpchen wirft mir seinen Schimmer
wie’n ew’ges Licht aufs Krankenbett.

Im Museumsdorf

Im MuseumsdorfDa lagen ringsum auf den Wiesen
des Abends erste Schatten schon,
die schweigend diese Stille priesen
als wohlverdienten Tageslohn.

Im Dämmer mählich schon versanken
der Katen kantige Konturn,
um die sich viel Geschichten ranken,
gewachsen hier auf diesen Flurn.

Nur Hühner gluckten noch im Freien
geschäftig gackernd vor dem Stall.
Ein Garten. Grade Beetereihen.
Und dürre Kräuter überall.

In ausgekühlten Bauernstuben
Alkoven, die mit Stroh gefüllt,
in das sich müde Glieder gruben,
in grobe Tücher eingehüllt.

Im Flett die beiden Feuerstellen,
getrennt zu dienen Alt und Jung,
die keine Flammen mehr erhellen,
wie Löcher in der Dämmerung.

Und Stimmen, die sich jäh erhoben,
dass ängstlich man zusammenschrak –
Gegrunze aus dem Schweinekoben,
der unsichtbar im Dunkeln lag.

Am Hügel eine alte Schmiede,
aus der kein Hammerschlag mehr hallt.
Hephäst geb ihrer Asche Friede!
Nach Eisen roch es, dumpf und kalt.

Nicht zu vergessen ein Gebäude,
wo wir am Firmenschild erkannt,
dass Schnapsgenießern hier zur Freude
der gute Heidekorn gebrannt.

‘n Schuppen hier und da ‘ne Scheune,
hier eine Werkstatt, da ein Stall,
aus Weiden die geflochtnen Zäune:
Nature morte. Doch ländlich prall.

Das wir uns nicht verlaufen haben
in diesem Fachwerk-Labyrinth!
Doch so, wie Pferde heimwärts traben,
so fanden unsern Weg wir blind.

Bald wieder vor des Ortes Toren,
begaben wir nach Haus uns brav.
Das Dorf, es lag schon traumverloren
in seligem Museumsschlaf.

Naturgewalten

NaturgewaltenIn unsren moderaten Breiten
gibt sich die Erde unterkühlt,
lässt kaum zum Zittern sich verleiten,
wenn Magma ihr im Magen wühlt.

Auch der Vulkane Flammenschmiede
schürt Glut nur noch von Zeit zu Zeit –
von Herzen ihrer Asche Friede
und dass sie ruh in Ewigkeit!

Allein in andren Regionen,
da kocht noch der Natur das Blut,
entlädt sie sich in Eruptionen
viel öfter der gestauten Wut.

Hier lässt die Erde sie erbeben
mit solcher ungestümen Wucht,
dass sich vom Grund die Mauern heben
und platzen wie ‘ne reife Frucht.

Da schleudert jäh sie ‘ne Fontäne
von Dreck und Feuer aus dem Bauch,
die – sei’s als Regen, als Moräne –
Verderben bringt mit Asch’ und Rauch.

Und Fluten schickt sie, salz’ge Wogen,
die Zähne schlagend tief ins Land,
das, so von Wasser überzogen,
ein einz’ger wüster Trümmerstrand.

Sie jagt die Menschen aus den Betten,
macht unbehaust sie, unbedacht,
ins Freie flüchtend, sich zu retten,
bevor der Bau zusammenkracht.

Für viele gibt es kein Entrinnen.
Denn ohne Warnung kommt der Tod –
ein Tier im Sprung und wie von Sinnen
berauschend sich an blut’gem Rot.

Am Ende zählt man seine Toten
und schließt sich stumm in Trauer ein –
in Furcht, dass diese Höllenboten
bald wieder ihren Geifer spein.

Gewiss, bei solchen Katastrophen
sagt auch der „Moderate“: Mist.
Und zeigt sich, wohlig hinterm Ofen,
„betroffen“. Wo er’s gar nicht ist.

 

Ende Oktober

Ende OktoberNur immer kürzer diese Tage
und immer trüber nur erhellt.
Und Krähen krächzen ihre Klage
ins heimatlose Stoppelfeld.

Es mehrt die Kälte sich, der Regen.
Am Morgen ziehen Nebel auf.
Der Wind, er will sich kaum noch legen
und steigert sich zum Sturmeslauf.

Von Feuchte glänzend auf der Erde
der Bäume ganzer Staat und Stolz.
Am Firmament die Wolkenherde
zu einem grauen Leib verschmolz.

Die Luft, die wir zum Atmen brauchen,
reibt kalt und rau die Kehle wund,
dass wir mehr bellen oder fauchen
als Laute formen mit dem Mund.

Am Strauch verdorrt die Sommerrose,
die Lilie von Staub gedeckt;
nur noch die bleiche Herbstzeitlose
den nackten Kelch zum Himmel reckt.

Vergeblich suchte man noch Beeren.
Aus weicher grüner Hülle bricht
am Fuß der hohen Koniferen
der Pilz dafür ans Tageslicht.

Und manchmal lässt im Dämmer hören,
dass es durch Mark und Bein dir geht,
der Hirsch sein schaurig-schönes Röhren,
das brünstig um ein Weibchen fleht.

Klingt es nicht auch wie eine Klage,
aus tiefster Seele ausgeschrien,
dass dieses Herbstes zähe Tage
noch schneller als die andern fliehn?

So wie die Dinge rings zerfallen,
so, scheint’s, zerfällt uns auch die Zeit.
Üb in der Kunst dich, Schnee zu ballen,
‘ne Handvoll Wochen, und es schneit!

O welche Trübsal der Gedanken
in eines warmen Stübchens Schoß –
an dieser Quelle, Kraft zu tanken
für mehr als diese Herbste bloß!

Herbstliches Gedenken

Herbstliche GedankenBald wird der Seelen man gedenken,
die schon verlassen diese Welt,
und schleppend seine Schritte lenken
zu ihrem Heim im Gräberfeld.

Entfärbte Blätter auf den Wegen
und eine Luft, die kalt und rau,
und überall schlägt dir entgegen
Geruch nach Moder, faulig-flau.

Zu Thuja- und zu Eibenhecken
mit ihrem trüben Immergrün,
wo unsre Toten wir verstecken,
muss sich der Trauernde bemühn.

Dann steht er vor dem stummen Steine,
der eines Lieben Namen trägt
und deckt die bleichenden Gebeine,
die hier zur ew’gen Ruh gelegt.

Vielleicht wird er ein Grübchen scharren
und setzt ein Licht hinein, das rot;
vielleicht wird er nur still verharren
im Angesicht von Zeit und Tod.

Ganz gleich indes, auf welche Weise
man an die letzten Dinge rührt –
es ist der Erde große Reise,
die jährlich uns zum Friedhof führt.

Denn wenn im Herbst sie angekommen,
Millionen Meiln vom Sommer fort,
macht sie uns traurig und beklommen,
dass wir uns sehnen nach dem Ort.

November. Alles abgestorben.
Im Nebel alles, Grau in Grau.
Die Stimmung, sonnig sonst, verdorben.
Wann, wenn nicht jetzt, zur Leichenschau?

Warm einpacken

WinterschalNach goldenen Septembertagen
der Sturz ins kalte Kellerloch!
Kann denn der Sommer Wurzeln schlagen?
Der Herbst kommt einmal doch.

Und wie sie plötzlich alle fallen,
die Hemden mit dem kurzen Arm,
im Wäscheschrank gehäuft sich ballen,
bis es im Frühjahr wieder warm!

Mir scheint, sie lässt sich doppelt spüren,
die Kälte, die so jäh begann.
Verstopft die Fenster und die Türen,
sie fällt euch auch zu Hause an!

Und raus nun mit den woll’nen Socken
aus ihrer faulen Sommerruh,
auf dass der Fuß stets warm und trocken
sich schmiege in den feuchten Schuh!

‘s ist wieder Zeit für dicke Jacken,
die man zunächst noch offen trägt.
Doch zieht es erst an Hals und Nacken,
‘nen Schal man um den Kragen schlägt.

Man crem auch häufiger die Pfoten,
dass rau und rissig nicht die Haut.
Memento mori, denk der Toten –
kurz auch am Grab vorbeigeschaut!

Jetzt heißt es, sich die Wärme schaffen,
die uns versagt die Jahreszeit,
mehr Röcke um die Leiber raffen
wie’n Tier sein haar’ges Winterkleid.

Doch schützt das auch vor allen Übeln?
Gewissheit gibt es letztlich nie.
Noch immer schüttet’s wie aus Kübeln.
Des Himmels Herbstmelancholie.

Im Wildpark

Im WildparkVertreter aller Waldestiere
vereint im Bestiarium,
und dass sich keins daraus verliere,
beschließt ein Zaun es ringsherum.

Wie auch die einzelnen Gehege
die Vorsicht säuberlich getrennt,
damit nicht Beutegier sich rege
bei freiem Streifen durchs Geländ.

Den Bären wäre nicht zu trauen
mit ihrer ungestümen Kraft,
den Luchsen minder nicht und Sauen
und nicht der Wölfe Bruderschaft.

Unüberwindlich sind die Schranken,
in die man die Instinkte wies,
dass sich die Biester nicht verzanken
und leben wie im Paradies.

Da tritt ein Steinbock an das Gitter
gemächlich vor die Raufe hin,
blickt düster wie ein Leichenbitter
und muffelt die Kastanien drin.

Und da auf der geneigten Fläche
ein Wildschwein, das sich sauwohl fühlt,
versinkt sein Lauf in dem Gebräche,
das er sich selber aufgewühlt.

Zwei Otter, die noch jung an Jahren,
sie rutschen auf dem Fels heran
wie Mimen, publikumserfahren,
und schaun die Gaffer grinsend an.

Da krümmt sich auch der Namensvetter,
die Otter sich zur Kreisgestalt,
dies herrliche Septemberwetter –
es lässt ja so’n Reptil nicht kalt.

Und auf des Tales tiefstem Grunde,
am Weiher, wo ihr Hüttchen steht,
hockt friedlich in gesell’ger Runde
die Graugans wie zum Nachtgebet.

Auch Käuze regungslos verharren
auf kahler Äste Hochgericht,
und ihre blinden Augen starren
gespenstisch aus dem Haargesicht.

Im Schatten an der Kote Seite
Wapitihirsche, groß und klein,
die Kuh hier, hier der stolz Geweihte,
und da die lieben Kälberlein.

Gewiss ‘ne Truppe von Exoten
in diesem deutschen Waldrevier,
doch immerhin des Nordens Boten
und so gesehn auch heimisch hier.

Da fallen eher aus dem Rahmen,
man findet sie hier reichlich auch,
die aus dem schwülen Asien kamen,
die Schweine mit dem Hängebauch.

Sie streunen rings auf allen Wegen,
tun grunzend ihr Behagen kund,
da sicher sie vor Schicksalsschlägen
trotz Migration als Hintergrund.

Auch Basken, Briten, Balten
baut Zäune groß und stark –
der Hass wird bald erkalten,
die Welt zum Freizeitpark!

Ein Meilenstein

Ein MeilensteinNun hat auf ihren Wanderungen,
von deren Pfaden sie nicht weicht,
die Erde wieder notgedrungen
des Herbstes Meilenstein erreicht.

Und weil sie’s immer so gehalten
am Grenzpunkt einer Jahreszeit
wie hier beim Übergang zur kalten,
wechselt auch diesmal sie ihr Kleid.

Sie trennt beherzt sich von dem Laube,
das grün im Sommer sie erfreut,
und lässt es welk dem Wind zum Raube,
der’s weithin auf die Wege streut.

Sie macht, dass die behalmten Fluren,
die ährenschwer der Sichel harrn,
nach deren Schnitten und Blessuren
verstümmelt aus den Stoppeln starrn.

Umwindet sich mit Nebelschleiern
wie eine Dame mit ‘nem Flor,
die statt des Lebens lust’gen Feiern
dem Witwenstande sich verschwor.

Trägt nächtlich goldene Pailletten,
die funkeln eisig klar wie Firn
und sich zu Bildern oft verketten
wie dem vom Siebenergestirn.

Dies könnt ich bloßen Augs erkennen,
da sich auch hier der Himmel spannt
und unbesehn sein Licht lässt brennen
wie über Stadt, so über Land

Läg tausendfach im Lampenscheine
nicht jegliche Fassade da,
verschlingend alles Ferne, Kleine
und übergroß dem Blicke nah.

Und Felder, deren stolze Triebe
zu bloßen Stümpfen man zerhaun,
ich kann sie hier bei aller Liebe,
in meinem Wohnquartier nicht schaun.

Drum herbstlich also nichts empfunden,
ganz eingestellt auf Sommer noch?
Ach, an des Tages kürzren Stunden
spür schmerzlich ich sein Nahen doch!

Abgetrocknet

AbgetrocknetBisweilen riss die Wolkendecke
ein wenig auf wohl hier und da,
so dass man kurz an solchem Flecke
das kühle Blau des Himmels sah.

Die Lüfte frisch, doch ohne Kälte.
Kein Blättchen zitterte im Wind,
nichts, was die letzten Pfützen wellte,
die auf den Wegen blank und blind.

Und sollt man nach der Sonne trauern,
da doch kein Tröpfchen Regen fiel?
Nach all den Stürmen, all den Schauern
lag endlich mal die Welt auf Kiel!

Welch klare, heitre Atmosphäre!
Und schärfer jegliche Kontur,
als ob nun alles greifbar wäre,
was gestern grade sichtbar nur!

So auch die Ruhe, auch der Frieden,
den uns der Wettergott gewährt,
der seinen Zorn zum Blitz zu schmieden,
jetzt andre Gegenden beehrt.

Mein Herz, es müsste sachter schlagen
in heiterer Gelassenheit –
doch grad an solchen stillen Tagen:
Wie die Erinn‘rung darin schreit!

Herbstlich beizeiten

Herbstlich beizeitenFür unsre Spatzen kaum noch Krumen,
statt Rosen Astern in der Flur:
Aus Vögeln redet sie, aus Blumen,
und immer ehrlich, die Natur.

Sie sagt: Der Sommer ist gewesen.
Sie sagt: Das Jahr nimmt seinen Lauf.
Im Süden heißt es Trauben lesen,
im Norden: Spannt die Schirme auf!

Herr Celsius muss kürzertreten,
doch dicke tut sich Herr Beaufort:
Der platzt vor Stolz aus allen Nähten
und orgelt sich in jedes Ohr.

Die Heizung langsam höherschrauben.
Den Pulli plätten und den Schal.
Bei Sturm empfohlen: Regenhauben,
die lege man zurecht schon mal.

Im satten Grün der Eichenkronen,
im mild’ren, das die Linde ziert,
sieht immer mehr man Motten wohnen:
die Blätter, die zu Braun mutiert.

Und auch an roten wird’s nicht fehlen,
sofern man auf ein Ahorn trifft,
die diesem nichts an Schönheit stehlen,
sind fürs Gedeihn sie ihm auch Gift.

Man sollte sich nicht unterstehen
dem Laub, das auf dem Weg verstreut,
bedenkenlos zu Leib zu gehen,
das hat schon manchen Fuß gereut

Der unversehns den Halt verloren,
weil ihn die Bodenhaftung floh
auf Blättern, die gegerbt, gegoren
in Schauern, Morgentau & Co.

Und dann der Lüfte kühles Schweigen,
wenn morgens dämmernd man erwacht –
kein Zwitschern hört zum Himmel steigen,
nur Lärm man, den die Mülle macht.

So muss er notgedrungen kommen,
der Herbst, wie er uns prophezeit.
Da seh ich ihn auch schon verschwommen –
im Fenster da, im Nebelkleid!