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Schweinekälte

SchweinekälteSibirien, sag ich nur, Sibirien!
Das nenn ich frieren Stein und Bein!
Wenn’s so was gäb wie Frostdelirien,
sie müssten glänzend jetzt gedeihn!

Ganz tief bis in den Keller runter
gefallen sind die Grade schon
und treiben’s Tag für Tag noch bunter
mit ihrer eis’gen Depression.

Im Minus stehen schon die Tage –
doch erst die Nächte: grauenhaft!
Ägyptisch, diese Kälteplage,
von bitterböser Götterkraft!

Die Hände rissig, voller Schrunden,
auch wenn man sie mit Krem bestreicht,
und grade diese winz’gen Wunden,
sie brennen wirklich furchbar leicht.

Zum Kolben aufgebläht die Nase,
die rot im schneid’gen Wind erglüht,
aus deren Löcher schmaler Vase
ein dauerhafter Tropfen blüht.

Schnell abgestorben sind die Ohren,
lässt man sie gänzlich ungeschützt,
und gehn womöglich noch verloren,
falls man sie zünftig nicht bemützt.

Und wie erst unsre Zehen leiden,
stets zu erfrieren in Gefahr!
Da hilft es nur, sie einzukleiden
gleich doppelt mit ‘nem Sockenpaar.

Zu Hause selbst, wo fleiß’ges Feuern
verhindert, dass die Kälte klirrt,
würd man nicht unbedingt beteuern,
dass richtig kuschelwarm es wird.

Am besten schnapp ich mir ‘ne Decke,
setze den Fuß nicht vor die Tür
und wart in meiner Rentnerecke
auf bessre Zeiten. Doch wofür?

 

Auf leisen Sohlen

Auf leisen SohlenGrad hab ich ihn doch noch gesehen
da oben ganz verhuscht und klein,
ein Nachtgespenst auf leisen Zehen
in seinem eignen Mondenschein.

Nun hat er sich davongeschlichen –
ich war inzwischen abgelenkt
von meinen lyr’schen Pinselstrichen,
hab keinen Blick ihm mehr geschenkt.

Und was er hinterließ, ist Leere,
in die er keine Spur geprägt!
Die Finsternis in ganzer Schwere
hat auf die Dächer sich gelegt.

Da sieht man keine Sterne glühen
wie Feuerqualln in salz’ger Flut,
wie Lilien, die im Meere blühen
von Gras mit chlorophyllnem Blut.

Schaute man näher, feine Schlieren
Gewölks man nur gewahren würd,
wie einen Kaffee sie auch zieren,
wenn schlechte Milch man drin verrührt.

Und hier die Stadt in einer Stille,
als ob man sie erdrosselt hätt,
als läge ohne Wunsch und Wille
sie auf des Asphalts Totenbett.

Der Ton, der jähe, ‘ner Sirene
auf Rädern wie Erlösung klingt –
was ich besonders hier erwähne,
weil er mich sonst zum Heulen bringt.

Ein bisschen Leben auf den Gassen
empfiehlt sich auch zur Abendzeit.
Man fühlt sich weniger verlassen,
auch wenn man ihm sein Ohr nur leiht.

Da blitzt’s auf einmal in der Weite
des Himmels wie ein Streichholz auf,
ein Flämmchen zieht sich in die Breite,
und, husch!, erlischt’s in seinem Lauf!

Als Wink nehm ich dies gute Omen
und komm herunter vom Parnass.
Drum tschüs, ihr Verben und ihr Nomen –
ich geh ins Bett und wünsch mir was!

 

Vom Vogelsang

Vom VogelsangDer Morgen stumm. Kein Tirilieren
versüßt das Ende dir der Nacht.
Noch weilt in seinen Notquartieren,
was sonst hier die Musik gemacht.

Denn die gefiederten Touristen,
die’s ewig schon nach Süden zieht,
sie zögern noch, sich einzunisten
erneut in ihrem Brutgebiet.

So müssen wir uns denn begnügen
(den Freund des Vogelsanges graut’s)
mit denen, die sich diesen Zügen
verweigern: Eule oder Kauz.

Dern dumpfes Hu durchhallt die Wälder
gespenstisch in der Dunkelheit,
melodisch wie ein Feuermelder,
der manisch seine Warnung schreit.

Dafür in kürzeren Kadenzen
die Krähe unsre Stille trübt –
gewiss tat sie die Schule schwänzen,
als den Belcanto man geübt.

Man sieht sie stromern auf den Äckern
und in den Städten hier und da.
Oft hat die Gute was zu meckern,
dann zwitschert sie im Bass: krakra.

Mann, einen hätt ich fast vergessen,
der auch die weite Reise scheut –
ein Hänfling, an Statur gemessen,
der unser Ohr doch hoch erfreut!

In Schnee und Eis lässt ja erklingen
der Zaunkönig sein süßes Lied,
so warm, um bald zum Blühn zu bringen,
was jetzt den frost’gen Tag noch flieht.

Wie einsam singt er und verlassen –
doch mit Gewissheit nicht mehr lang:
Die Amsel wird ein Herz sich fassen,
zurückzuschlagen mit Gesang!

Eingeschränkte Haltbarkeit

Eingeschränkte HaltbarkeitDas wird nicht lange liegenbleiben,
zu fadenscheinig ist die Schicht.
Die Wärme wird sie rasch vertreiben,
bis Abend, glaub ich, hält das nicht.

Hübsch macht es sich ja, zugegeben,
dies himmlisch-makellose Weiß –
‘s ist schade um sein kurzes Leben,
wie oft es, ach, der Schönheit Preis!

Allmählich auf den größren Flächen,
wo’s Plätze oder Wiesen deckt,
wird Zephir jene Blume brechen,
die ihm kristalln im Herzen steckt.

Und wo es gleichfalls unverhohlen
direkt auf einem Gehweg weilt,
zertreten es die blinden Sohlen
des Bürgers, der vorübereilt.

Indes auch in der Ziegel Senken
der höchsten Dächer eingeschmiegt,
wird keine Macht ihm Dauer schenken,
selbst wenn es langsam nur versiegt.

Noch wen’ger wird’s Besitz ergreifen
vom vielbefahrenen Asphalt –
da schmelzen es die heißen Reifen
und machen, mit Verlaub, es kalt.

Eins muss man allerdings ihm lassen,
ist’s dünn auch wie ein Negligé:
Zum ersten Mal liegt auf den Gassen,
liegt heuer hier ein Hauch von Schnee!

Mangelware Schnee

Mangelware SchneeWo bleibt denn bloß der Schnee, ihr Lieben?
Wir haben schließlich Januar –
da müsste man in Massen schieben
das weiße Zeug vom Trottoir!

Nicht eine Flocke ließ sich blicken,
seitdem der Winter eingekehrt,
das Pflaster mit Kristalln zu spicken,
darauf die Sohle Schlitten fährt.

Meist tief und dicht von Dunst verhangen,
schien oft der Himmel gleich zu schnein.
Dann hat’s zu regnen angefangen
aus Wolken, die nur Wasser spein.

Und wieder fiel nicht der ersehnte,
die Welt verklärnde Niederschlag,
nein, weiter jene nackt sich dehnte
mit ihrem schmutzigen Belag.

Und dass die Winde stürmisch blasen,
passt auch in dies gestörte Bild
von der Natur verschobnen Phasen,
bei denen keine Regel gilt.

Sie jagen keine Kälteschauer
uns übers zitternde Gebein,
ach, linder wehen sie und lauer
als in des Frühlings Sonnenschein.

Den wir als harten Burschen schätzen,
der sich bei Frost am wohlsten fühlt,
und selbst wenn eis’ge Stürme fetzen
gelassen bleibt und unterkühlt

Ist er verweichlicht gar am Ende,
gebrochen seine frühre Kraft,
der stolze Fürst der Sonnenwende
zu einem Winterchen erschlafft?

Ach was! Er meidet nur die Breiten,
die als gemäßigt ihm bekannt,
entfaltet seine Fähigkeiten
im Norden und im Bergesland.

Doch kommt der Berg nicht zum Propheten,
muss dieser halt zum Berge gehn:
Am liebsten wär im schneeumwehten,
ein Urlaub mir im Pleistozän!

Ein Hoch dem Herbst!

Ein Hoch dem Herbst!Schon ist es wieder Herbst geworden,
und traurig stimmt sein trübes Grau.
Die Luft, sie reizt und riecht nach Norden,
da Winde wehen frisch und rau.

Längst haben sie schon kahlgeblasen,
was selig einst geschwelgt in Grün,
und den Hautgout noch in den Nasen
von tausend Blättern, die verblühn.

Verwesung wabert in den Wäldern,
als feuchter, unsichtbarer Rauch,
und Krähen huschen auf den Feldern
gespenstergleich im Nebelhauch.

Viel heller nun die Sterne funkeln
und weitaus mächtiger an Zahl,
da Schleier sie nicht mehr verdunkeln
von Dunst, der sich zum Himmel stahl.

Als läg das Jahr schon auf der Bahre
unheilbar krank, dem Tod geweiht,
verfaulte, abgelaufne Ware,
die auf den Kehricht kommt der Zeit!

Und doch will ich Partei ergreifen
für dieser Tage finstren Flor –
wie Phönix aus der Asche reifen
ja Früchte auch daraus hervor!

Nicht nur dem Wild zur Freude Eicheln
und Rosskastanien ebenso –
nein, auch die unserm Gaumen schmeicheln,
sei’n sie vergoren oder roh.

Ist’s nicht die hohe Zeit der Trauben,
die aus dem Rebenfeld man liest,
des süßen Safts sie zu berauben,
der schäumend aus der Kelter fließt?

So birgt des Herbstes dunkles Wesen
doch manchen angenehmen Zug.
Auch mir gefällt es jetzt zu lesen –
hab ich denn Früchte nicht genug?

Trüber Tag

Trüber TagEs ist erst gar nicht hell geworden.
Im Dämmerlicht der Tag verrann.
Mit tausendfältigen Akkorden
gab Grau in Grau den Ton heut an.

Und hin und wieder Nieselregen,
der kraftlos auf die Erde sank,
zu schwach, um wo sich einzuprägen
mit Wasserflecken, schwarz und blank.

Der Bäume traurige Gerippe,
sie standen seltsam still und stumm.
Der sonst riskiert ‘ne große Lippe,
der Wind trieb sich woanders rum.

Wer weiß, wo er die Backen blähte
und Frösteln in die Fluren blies,
für diese Jahreszeit, die späte,
er nichts als Wärme hinterließ.

Man konnt mit offnem Kragen gehen.
Man hat die Heizung abgestellt.
Man glaubte nicht mehr an die Krähen
auf neblig hart gefrornem Feld.

Ein Thermometer kann nicht lügen.
Die Säule ragte, dorisch schlicht,
unwiderruflich zu verfügen,
was doch dem Frühling nur entspricht.

Ach, Blumen werden uns nicht sprießen,
denn die Natur kennt ihre Zeit.
Es werden Monate verfließen,
bis ihrer Brut sie sich befreit.

Doch auch die an den Fensterscheiben
im eis’gen Hauch des Frosts gedeihn,
wir müssen in den Wind sie schreiben –
es friert nun mal nicht Stein und Bein!

Will den Kalender mal befragen,
der kennt sich ja gut aus im Jahr.
Das Datum also aufgeschlagen:
Vom Winter spricht es klipp und klar!

Hier Wettergott, hier Jahreszeiten:
Der Widerstreit ist oft enorm.
Was bräucht’s, ein End ihm zu bereiten?
Ich fürchte, ‘ne Naturreform!

 

Dezemberabend

DezemberabendDezemberabend. Ringsum Schweigen.
Vom Dunkel jeder Laut erstickt.
Die Stadt, erschöpft vom Zähnezeigen,
ist endlich wieder eingenickt.

Kein Reifen reißt sie aus dem Schlummer,
kein Streithahn kräht sie zeternd wach.
Der Wind selbst, tags ‘ne große Nummer,
er atmet kläglich jetzt und flach.

Kein Stern schwimmt in den Wolkenwogen
als traulich-trüber Feuerschein,
die auch das Mondlicht aufgesogen
wie Mark aus bleichendem Gebein.

Kein Vogel flattert seine Runde,
kein Köter, der noch blafft und bellt.
Die Stille red’t der Nacht zum Munde.
Das Schweige-Barometer fällt.

Man spürt in diesem Winterfrieden
schon jenes Festes Gegenwart,
wenn sich die halbe Welt hienieden
um ein geschmücktes Bäumchen schart.

Nur noch die Federn müssten fliegen,
die schüttelnd uns Frau Holle schickt
und die in heil’gem Weiß dann liegen,
so weit geblendet ‘s Auge blickt.

Denn diese sind’s, die uns beschwören
der schönen Ruh Vollkommenheit:
den stummen Sang von Engelschören,
kristallnen Tons herabgeschneit.

Man muss sich überraschen lassen.
Man kriegt nicht alles, was man will.
Sind sie auch grau, die Straßen, Gassen,
sind sie doch wunderbar auch still.

Schneegeschnupper

SchneegeschnupperMit Flocken, wässerig und träge,
der erste Schnee in diesem Jahr.
So rasch indes er fiel und rege:
Kaum Spuren auf dem Trottoir.

Er flog in aufgeregten Schauern,
vom Wind wie Federvieh gescheucht,
nichts aber haftet an den Mauern
in Wattebäuschen frostig-feucht.

Und um die Dächer, die Fassaden,
was für ein wüster Schleiertanz –
doch von den wirbelnden Kaskaden,
kaum blieb davon ein nasser Glanz.

Als wär’s ein weißer Ascheregen,
von einem Krater ausgespien,
so schlug er auf auf allen Wegen,
nur um wie Rauch sich zu verziehn.

Was war’s, was ihn so rasch besiegte?
Kam da ein Heißsporn reingeschneit,
der plötzlich kalte Füße kriegte
vor seiner eignen Dreistigkeit?

Ich glaub, die Lage zu erkunden,
hat kurz der Winter reingeschaut
und hat’s wohl noch zu warm empfunden,
dass gleich er wieder weggetaut.

Er wird sich wieder blicken lassen,
der Bursche ist bekanntlich zäh.
Dann weh uns: wiederum in Massen,
doch wellend, weißend, würgend: Schnee!

 

Vor dem Sturm

Vor dem SturmNoch liegt die Stadt im schönsten Frieden,
an dem nicht mal ein Lüftchen nagt,
und weiß nicht, was ihr gleich beschieden,
denn Sturm ist angesagt.

Schon hörte mehrmals ich die Schüsse
als Warnung dumpf vom Hafen her,
dass der Nordwest jetzt in die Flüsse
entfesselt peitscht das Meer.

Vertäut die Schiffe und die Schuten!
Und alles aus der Gegend raus,
die flach genug, zu überfluten,
ersäufend Mann und Maus!

Und schließt die Fenster und die Türen,
dass sie an Böen nicht zerschelln,
die Salz als Treibgut mit sich führen
und hohl wie Geister gelln!

Noch liegt die Stadt im schönsten Frieden,
doch glaubt mir, dieser Schein, er trügt:
Durchs Marschenland der Hesperiden
Okeanos sich pflügt!

Und wälzt, sich auf- und niederbäumend
wie ein Reptil in blinder Wut,
das Maul von Gift und Galle schäumend,
hammoniawärts die Flut.

Ich aber bleibe unerschrocken,
hock ich doch sicher auf der Geest,
in jedem Falle hoch und trocken,
wie stürmisch es auch bläst.

Der trockne Riesling, den ich trinke,
soll mir ein gutes Omen sein,
dass, wenn ich wirklich denn versinke,
in Fluten nur von Wein.