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Landpartie

LandpartieKaum hatt‘ ich mich dem Pfühl entwunden,
als mir ein Anruf widerfuhr:
Heut soundso viel Sonnenstunden –
wie wär es mit ‘ner Autotour?

Obwohl ich müde noch und träge,
hab ich begeistert zugesagt,
denn nichts macht ja den Geist so rege
wie eine Aussicht, die behagt.

Die Uhrzeit will ich euch ersparen.
Wir trafen unten uns am Strand.
Und kaum dass wir davongefahren,
warn mitten wir im Hügelland.

Das Ziel: Knapp unter ihrer Spitze,
sechshundert Meter über See.
Ich saß auf meinem Krähensitze
und spähte scharf nach Luv und Lee.

Im Auf und Ab von Meereswellen
ergingen sich hier Berg und Tal,
ein grenzenloses Sinken, Schwellen,
doch fest, als wär’s erstarrt einmal.

Und von den sanft geneigten Hängen
bis in der Schluchten engen Raum
sah um die Wipfel man sich drängen
der Mandelbäume Blütenschaum.

Kein Wind blies, ihnen zu entreißen
auch nur ein einz’ges Flöckchen heut.
Still standen sie, die herrlich weißen,
und auch die roten, drin verstreut.

Routinesache

RoutinesacheAls heute ich zum Licht erwachte,
war alles Samstag ringsherum.
Ich weiß nicht, was ich dabei dachte,
ich machte nur den Buckel krumm

Mich aus den Federn zu erheben
und einzusteigen in den Zug,
der unterm Motto „Wacher leben“
sich in vertraute Büsche schlug.

Nachdem des Frühstücks Haltestelle
ich mit zufriednem Bauch passiert,
beguckte ich noch auf die Schnelle
das Kirchlein, das den Platz regiert.

Doch dass da so viel Leute standen,
erregte meine Neugier gleich –
ob sich zur Ehe grad verbanden
zwei Liebende, zum Himmelreich?

Die Kutsche, sie davonzutragen,
sah ganz und gar nicht danach aus:
ein schwarz lackierter Leichenwagen,
der frischen Toten flücht’ges Haus.

Den Mann da vorne am Altare
beneide ich nun wirklich nicht.
Ob Wiege, Brautbett oder Bahre –
breit ist das Spektrum seiner Pflicht.

Des Lebens wechselhaften Szenen
weiht ruhig er sein ernstes Wort.
Mir würden schon die Augen tränen,
schrie da ein Baby immerfort!

 

Ein bisschen Verskunde

Ein bisschen VerskundeLängst hat der Samstag angefangen.
So sitz ich denn seit gestern schon,
mir Zeilen aus dem Quell zu langen,
der heilig ist dem Helikon.

Ist gar nicht einfach mit dem Fischen,
Geduld braucht’s und ‘ne Menge Zeit,
um schließlich nicht bloß aufzutischen
den Beifang der Bequemlichkeit.

Denn so ein Vers wird rasch gefunden,
der rhythmisch schreitet und sich reimt,
und meist doch nicht als Kunst empfunden,
gedrechselt vielmehr und geleimt.

Ein Sinn soll auch noch darin stecken,
damit der Leser denkt: Genau!
Das heißt Verstand und Herz ihm wecken
genauso wie der Lesefrau.

Entscheidend auch die Wahl der Worte:
lebendig, klangvoll, stilgerecht,
con brio mal, mal mezzoforte,
so ähnlich wie beim Tongeschlecht.

Fehlt nur noch die gewisse Würze
fürn unverwechselbarn Genuss –
die aber in der Küchenschürze
nun mal verborgen bleiben muss.

Mein Grundrezept für Dichtprodukte.
Garant auch für den Meisterlohn?
Ach, mancher Sternekoch schon schluckte,
weil er verpfuscht die Kreation!

Ein Lichtblick

Ein LichtblickDen Anker schnell noch mal gelichtet
und einen Trip zum Meer gemacht.
Doch hab davon nicht viel gesichtet,
es war ja dunkel schon und Nacht.

Ich wusste nur, es lag begraben
in diesem Wust von Finsternis,
doch ohne einen Punkt zu haben,
in den mein Auge sich verbiss.

So lief ich an der Schweigemauer
ein ganzes Stückchen still entlang,
wohl eher wie ein Sargbeschauer
als ein Tourist auf Bilderfang.

Doch plötzlich, mehr zu meiner Linken,
der uferabgewandten Seit,
sah ich es tausendfältig blinken
aus ebensolcher Dunkelheit.

Das stammte aber von den Bergen,
dern Fuß sich bis zur See erstreckt,
als ob da bei den sieben Zwergen
die Grubenlampen angesteckt.

Doch sind’s die Häuser an den Hängen
mit ihren Leuchten, matt und mild,
die schimmernd sich zu Haufen drängen
wie Gold, das aus den Felsen quillt.

Da in die Hügel sie sich ducken
des Meeres wegen und der Sicht.
Da kann ich ja noch besser gucken:
Sie sehen Schwarz. Ich sehe Licht!

Ziemlich untypisch

Ziemlich untypischMir scheint, bin wieder mal der Letzte,
der hier im Hause noch nicht ratzt.
Wo eben die Musik noch fetzte,
allein mein Plastikpinsel kratzt.

Ja, der Poet in seiner Kammer –
an sich schon ein poetisch Bild,
vor allem, kommt dazu der Jammer,
der seinem Dichterelend gilt.

Doch kann mit Letztrem ich nicht dienen,
denn meine Klause hat Komfort.
Von Sonne winters noch beschienen,
durchglüht sie auch ein Heizungsrohr.

Der Wind pfeift mir nicht durch die Ritzen,
das Dach ist dicht und „waterproof“;
ich kann hier warm und trocken sitzen
und notfalls so, wie Gott mich schuf.

Und muss auch keinen Hunger leiden,
nach harten Krusten mich verzehrn,
kann Supermärkte stets beweiden,
von ihren Früchten mich zu nährn.

Poetisch ist wohl nur die Stunde –
da ganz in Schweigen liegt die Welt
und aus der Seele stummem Munde
noch hier und da ein Verslein fällt.

An den Kriterien gemessen
erring ich Ehre nie und Ruhm.
„Hat ‚warm und trocken‘ stets gesessen!
‘ne schöne Kunst – aus Spießertum!“

Nachschubprobleme

NachschubproblemeAuf einmal wurd ich wieder munter,
stieg in die Schuh, beim Bett geparkt;
die Sonne ging am Kap schon unter,
ich in den nächsten Supermarkt.

Der Ausflug hatte gute Gründe:
Mein flüss’ger Vorrat war erschöpft,
was, zugegeben, meine Sünde,
da alle Buddeln ich geköpft.

Tyrannenwerk gewissermaßen ?
‘ne Psyche, die so um sich schlägt,
dass keinen lässt sie mit sich spaßen,
weil selbst sie nicht zu lachen pflegt?

Dass da ein Trieb dahintersteckte,
erscheint mir doch sehr zweifelhaft.
Natürlich, dass der Wein mir schmeckte –
wie jeder bessre Traubensaft!

Nein, hehrer war mein Unterfangen,
nicht schnöde Lust bracht es hervor –
denn permanent parnassisch klangen
die Musen mir mit „Sing!“ im Ohr.

Wer wird sich denen widersetzen?
Was Götter fordern, ist Gebot.
Und ihnen nach dem Mund zu schwätzen,
hilft ja der Nektar, weiß und rot.

Zum Glück war er noch auf, der Laden.
Ich schnapp die Flasche mir – und weg!
Ließ meine Fantasie drin baden
ausschließlich, äh, zu diesem Zweck!

 

Teilweise still

Teilweise stillNoch ist der Tag nicht ausgeklungen,
obwohl das Ende schon in Sicht.
Die Stille hat sich eingesungen
und nur mit einer Stimme spricht.

Wie’n Gleis, das längst nicht mehr befahren,
verliert im Nichts sich der Asphalt.
Am Kirchlein drüben offenbaren
die Türen ihre Schließgewalt.

Wir müssen nicht am Frieden sparen.
Grad abends herrscht da Überfluss.
Genauso wie an Essenswaren
von Nudeln bis zum Negerkuss*

Auch steht uns ständig zu Gebote,
was an Getränken so gefällt;
zum Beispiel Wein wie dieser rote,
der heute mir die Stange hält.

Und Sonne satt an jenen Tagen,
die unter Winter hier firmiern,
befördert nur das Wohlbehagen,
am Fuß von Palmen zu spaziern.

Am Meer, das raunend sich und rauschend
aufs willenlose Ufer wälzt
und, sich zu flachen Bogen bauschend,
mit schaum’gen Borten es bepelzt.

Dies muss der einz’ge Eindruck bleiben,
denn Finsternis ist seine Fracht.
Ob darin wohl auch Boote treiben,
Vertriebene in Flut und Nacht?

*Aus ethischen Gründen geschwärzt.

 

Kurz vor Mitternacht

Kurz vor MitternachtDes Tages letzte Staffelstunde
biegt in die Zielgerade ein.
Paar Schritt noch auf dem Ziffernrunde,
dann streift die Zwölf ihr Zeigerbein.

Das Publikum ging meist schon pennen
und suchte seine Träume auf.
Int’resse fürn Routinerennen
nicht so wie beim Silvesterlauf.

Das große Schweigen der Tribüne.
Die Einsamkeit der Aschenbahn.
Er kämpft für sich, der Zeitenhüne,
doch nagt auch mit ‘nem Affenzahn.

Bin ich denn heute gar der Letzte,
der zusieht, wie er rastlos rennt?
Zumindest einer, der ihn schätzte
als Streiter stets, der konsequent.

Das Zielband Mitternacht zerrissen,
und er stürmt weiter ohne Halt.
Kein Läuferlohn im Ruhekissen,
kein Korken, der dem Sieger knallt.

Ein bisschen kann ich nachempfinden,
wie jener sich wohl fühlen muss,
da mir hier auch die Stunden schwinden
in dunklem, unbemerktem Fluss.

Ich hock im dämmerigen Zimmer,
in das sich kein Besuch verirrt.
Von draußen nur Laternenschimmer;
‘ne Motte nur, die mich umschwirrt.

Fassadenpflege

Fassadenpflege2Und immer nur die gleichen Sachen,
und immer nur das gleiche Spiel!
Am Morgen Katzenwäsche machen,
‘ne Putzwurst auf den Bürstenstiel

Den Trockner auf die Platte halten,
den Kamm durch dürre Furchen ziehn,
mit Fest’ger das Toupet verwalten
und vor dem Gott der Öle knien –

Bis man dann endlich hergerichtet,
dass man der Welt sich zeigen mag,
mit Crèmes und Wässerchen beschichtet,
die haften garantiert ‘nen Tag.

Ging früher so was in Minuten,
braucht’s heute Stunden fast dafür,
dass man ins Netz der Faltenrouten
den Asphalt der Kosmetik rühr.

Doch dieses Dekoriern und Richten
macht erst das Maß so richtig voll:
lässt aufgehübscht noch besser sichten,
was es doch schön verdecken soll.

Was hilft’s indes – des Menschen Wille
ist, wie es heißt, sein Himmelreich.
Brav schluckt er die Placebo-Pille,
und sieben falln auf einen Streich.

So geht die Prozedur denn weiter,
so lange, wie man sie noch schafft.
Heut sah ich Surfer, Wellenreiter –
was für ‘ne unverfälschte Kraft!

Mein Zeitvertreib

Mein ZeitvertreibDer Himmel blau und ich zu Hause.
Mein Fuß verließ die Stube nicht.
Ich machte mal ‘ne Sonnenpause,
so wie man fastet als Verzicht.

Was sollt an ihre Stelle treten?
Braucht man nicht irgendeinen Grund,
die Zeit vom Halse sich zu beten
wie mit ‘nem Rosenkranz im Bund?

Der erste Einfall hieß Lektüre.
Die „Armen Leute“ las ich fort –
als ob man in den Abgrund führe
der Menschenseele Wort für Wort!

Das war nicht lange auszuhalten.
Ein Ausgleich musste dringend her:
Dogmatik bis zum Haarespalten.
Tat auch mich mit der Kirche schwer.

Dann lieber doch ins Lehrbuch schnüffeln
und Spanisches sich einverleibt.
Doch ewig kann man auch nicht büffeln –
es ist die Zeit, die dich vertreibt.

Indes ein Glücksfall ohnegleichen
sich für den frühen Abend fand:
Im Fernsehfilmmenü der Leichen
auch ‘ne lebend’ge Doku stand.

So sind die Stunden hingegangen,
bis zehn die Uhr dann schließlich schlug.
Da durft zum Musenross ich laufen,
das schnaubend zum Parnass mich trug.