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Gewachsenes Papier

Gewachsenes PapierUm dieses Blatt hier zu beschmieren,
o welche Mühe hat’s gebraucht!
Erst musst ‘nen Baum man animieren,
dass hoch er in die Lüfte taucht

Und dabei nicht von seinem Wege,
das heißt vom graden Kurse wich,
kam ihm auch einer ins Gehege,
der einfach nicht die Segel strich.

Doch durfte ihm dann Hilfe leisten
ein Förster, eigens angestellt,
dass den Bedränger, diesen dreisten,
er kurzerhand zu Boden fällt.

So konnt das Bäumchen weiterwachsen,
bis fast es an den Himmel stieß,
indes das Harz zu seinen Haxen
sich immer seltner niederließ.

Kurzum, ein wahrer Waldesrecke,
den man da aufgepäppelt hat –
doch, wie gesagt, nur zu dem Zwecke,
dass Axt er spür und Sägeblatt.

Da stürzte er in hohem Bogen,
war ihm das Bein ja weggesackt,
und wurd die Haut ihm abgezogen,
in Stücke ihm sein Fleisch zerhackt!

Dass dies hier einmal Holz gewesen,
das nach der Sonne sich gesehnt –
wie kann man so was überlesen,
da selbst die Tinte es betränt?

Rentnerlook

RentnerlookVielleicht dass hier nur Rentner hausen,
die aus dem Norden hergeschwappt,
um sich den Winter durchzuschmausen,
weil das vom Preise her noch klappt.

Doch dass sie drum auch vom Gewande
als Einheit zu erkennen wärn,
gilt von der Stadt nicht und vom Strande,
noch irgendwo, wo sie verkehrn.

Die Kluft, in der sie promenieren,
ist aber Grau in Grau zumeist,
wohl um den Sinn nicht zu verlieren
fürs Land, aus dem sie angereist.

Ja, andre bringen mit den Blusen
auch gleich die Küstenheimat mit –
weißblaue Streifen überm Busen
und Skipperbüx von feinstem Schnitt.

Genauso findet man vertreten
die lumpig-läss’ge Eleganz,
die wedelt statt mit den Moneten
mit Halstuch und mit Glatzenschwanz.

Na ja, und auch noch andre Typen,
doch nur als Spurenelement,
so wie im Meer man auch Polypen
hier unter tausend Fischen kennt.

Mich selbst indes, an welcher Stelle
reiht mich mein Selbstverständnis ein?
Kein bunter Hund auf alle Fälle;
und kann doch auch ganz bissig sein.

 

In der Wintersonne

In der WintersonneEin Nachtrag hier zu dem Gedichte,
das neulich ich euch angetan:
Das Eigentliche der Geschichte –
die Sonne war’s als Kneipkumpan.

Des ersten Jahresmonats Ende –
und diese, sie verzehrt sich schier,
dass Runde sie um Runde spende
an Wärme zum gekühlten Bier!

Die Jacke um den Stuhl gewunden
und aufgekrempelt und –geknöpft
das Oberhemd für Mußestunden,
hab viel ich davon abgeschöpft.

Das Meer, es blinkte um die Ecke
und wippte mit dem Achterstert –
ich weiß zwar nicht, zu welchem Zwecke,
doch irgendwie war’s sehenswert.

Mit Sonne, See und Meeresfrüchten –
wie dass da einer Trübsal blies!
In diesen Winter sich zu flüchten:
Vertreibung in ein Paradies!

Man muss den Blick nur etwas wenden,
dass er ein Stück Gebirge fasst,
dann sieht man zu den lauen Stränden
die eis’gen Gipfel als Kontrast.

Und kann man seinen Augen trauen?
Ist’s nur der Kalkstein, weiß wie je?
O nein, wie seltsam anzuschauen –
da liegt, kein Zweifel, da liegt Schnee!

Vom Hundeleben

Vom HundelebenHab heute draußen mal gesessen –
hoch auf ‘nem Hocker vor der Tür
‘ner Schänke, dass ich währenddessen
der Sonne heißen Atem spür.

Zum Bier ‘ne Kleinigkeit gefuttert,
Kartoffeln und gegrillten Fisch.
Ein hübsches Kind hat uns bemuttert
und machte auch mal reinen Tisch.

Die selber wir nur Gäste waren
bekamen bald ‘nen Untergast –
‘nen Hund mit seidenweißen Haaren,
der unser Mahl ins Aug gefasst.

Wir ließen uns nicht lange lumpen
und luden ihn zum Essen ein.
Es gab für ihn Kartoffelklumpen,
die er manierlich nahm und fein.

Da war der andre Kerl schon rauer,
der unversehns dazugetappt,
ein größerer und dunkelgrauer,
der sich die Bissen barsch geschnappt.

Was soll man denn nur dazu sagen?
Der Straßenhund, der Hunger spürt,
weiß sich erzogner zu betragen
als „Robin“, den sein Frauchen führt!

Ich will jetzt keine Schlüsse ziehen;
es fiel mir halt nur mal so auf.
Ihr wollt Vergleiche, Theorien?
Dann macht euch selbst ‘nen Reim darauf!

Kleine Fische

Kleine FischeNie war den Fischen ich so nahe
wie jetzt drei Schritt entfernt vom Strand,
dass nur Jan Maat an Mast und Rahe
mit ihnen besser noch bekannt.

Natürlich kann ich nicht erlauschen,
was sie da tuscheln, tief im Meer,
doch höre ich die Wellen rauschen,
als ob es ihre Stimme wär.

Auch sind sie niemals zu erspähen,
wie sehr ich auch die Flut fixier –
nur wenn sie in die Netze gehen
und dann in Kisten ruhn am Pier

Als glitschig-glimmernd tote Masse,
entrissen ihrem Element,
Sardinensilber für die Kasse
des Fischers, der die Gründe kennt.

Und niemand, der sein Beileid sendet.
Gelebt, gestorben anonym.
Obwohl Organe sie gespendet
mehr als genug, dass man sie rühm.

Es ist halt so, dass große Fische
sich gerne von den kleinen nährn.
Gefühle fegen sie vom Tische –
das, was man speist, muss man nicht ehrn.

Im Übrigen: Mit seinesgleichen
hält es der Mensch ja ebenso.
Fürs Fressen geht er über Leichen.
So bleibt es stets auf Meer‘sniveau.

Raus in die Fische

Raus in die FischeFrühmorgens, wenn noch alle schlafen
genau wie ich in diesem Haus,
verlassen sie schon ihren Hafen
und jagen auf das Meer hinaus.

Es muss wohl an den Fischen liegen,
die stets geneigt zur Schwärmerei
und sich nicht mehr im Schlummer wiegen
schon vor dem ersten Knurrhahnschrei

Dass Fischer in die Stiefel fahren
im trübsten Morgendämmerlicht,
um sich die Chance zu bewahren
auf einen Fang von Schwergewicht.

Wenn endlich dann wir Hausgenossen
erwacht, gegürtelt und gestylt,
sehn wir die fleiß’gen Kielkarossen
weit übern Horizont verteilt.

Erst nachmittags fährt sich die Flotte,
die träge, plötzlich wieder warm,
und wie das Licht umschwirrt die Motte,
umkreist sie dann ein Möwenschwarm.

Mit schweren, ausgedehnten Schritten
zerpflügt sie die bewegte Flur –
der Markt lässt sich nicht lange bitten:
Versteigerung ab 18 Uhr.

Ein harter Arbeitstag zu Ende.
Die tausend Tampen sind vertäut.
Die Fischer reiben sich die Hände.
Dat langt ja woll noch mal. Für heut.

 

Erstaunliche Faszination

Erstaunliche FaszinationDas Unbeschreibliche beschreiben:
Hier noch ein kläglicher Versuch.
Ich soll bei meinem Leisten bleiben?
Ja, Tinten- und Papiergeruch!

Wie Salz und Wind die Nüstern locken
des Typen, der zur See geborn,
so muss ich in der Stube hocken,
den Ruf der Musen in den Ohrn.

Und Antwort geb ich immer wieder,
weil sie es wünschen, per Gedicht,
bis endlich mal eins dieser Lieder
dem göttlichen Geschmack entspricht.

Vom Meer ich heute ihnen künde,
da zieht‘s mich oft am Abend hin.
Als ob ich vor ‘nem Teerfass stünde –
ach was, schon eher mittendrin!

‘ne Finsternis vor meinen Augen,
dass Kohle selbst davor verblasst!
Am Rand nur wie bei Seifenlaugen
ein bleicher Schaum, der Fuß nicht fasst.

Nichts kann die Blicke auf sich lenken.
Das Schwarz reicht bis zum Himmel rauf.
Nur draußen an den Muschelbänken
blinkt müde noch ein Lichtchen auf.

‘ne wässrig-wüste Langeweile,
die langsam an der Nacht erstickt.
Warum denn bloß ich zu ihr eile?
Weil meine Uhr genauso tickt?

Störgeräusche

StörgeräuscheIm Hause hör ich’s ständig husten,
so laut, als wär da keine Wand.
Wie gerne würd gesund ich pusten
den Nachbarn, der mir unbekannt.

Dass unverzüglich er entbunden
von seinem bösen Rachenreiz
und in des Abends Plauderstunden
nicht länger mit der Stimme geiz.

In diesem Wunsch, ich will’s gestehen,
verbirgt sich noch ein andrer Zweck,
denn wirklich auf die Nerven gehen
Geräusche, kriegt man sie nicht weg.

Weil sie ja leider dazu neigen,
wenn mehr und mehr sie angehäuft,
den Pegel selbst zu übersteigen,
bei dem die Galle überläuft.

Doch nun mal ruhig, ganz gelassen,
und nicht auf andere gezeigt!
Muss selbst mich an die Nase fassen,
da auch mein Hals nicht immer schweigt

Und häufig sich zur stillsten Stunde,
wenn jeder Winkel Ohren hat,
vernehmlich kundtut in die Runde
so lieblich wie ein Sägeblatt.

Hat jemand, den’s im Schlummer störte,
mir einen Vorwurf je gemacht?
Und sicher ist, dass man es hörte –
bin selbst ja schon davon erwacht!

Relativ ruhig

Relativ ruhigHeut wird die Stille unterbrochen,
die sonst im Hause ich erlebt.
Geräusche stets ans Ohr mir kochen,
wie’s Blasen aus der Pfanne hebt.

Es muss an diesem Freitag liegen,
der voll aufs Wochenend gestimmt
und möglichst viel davon zu kriegen,
sich jetzt schon jede Freiheit nimmt.

Ringsum was für ein Budenzauber;
das kichert, schwatzt und quietscht nur so,
und zwar je später, desto tauber
fürs angemessne Lärmniveau.

Das ist wohl kaum zu übertönen,
von Menschen schwerlich jedenfalls;
der Himmel nur kann mächt’ger dröhnen,
wenn er mal brüllt aus vollem Hals.

Und prompt, als wollte er’s beweisen
der übermüt’gen Erdenbrut,
schickt Blitz und Donner er auf Reisen
in finstrer, jäh erwachter Wut!

Ist das ein Flackern und ein Krachen
da übern Bergen, überm Meer,
und stürzt sich noch mit hundert Sachen
‘ne ganze Sintflut drüber her!

Mir wird ein bisschen flau im Magen.
Im Hause herrscht nun Stille pur.
Ach, lieber sein Gekreisch ertragen
als diese Hölle der Natur!

 

Eingeschrumpft

EingeschrumpftEs ist hier wirklich nur ‘ne Klause,
‘ne Villa nicht und kein Palast,
ja, selbst verglichen mit zu Hause,
das doppelt so viel Zimmer fasst.

Indes hab ich herausgefunden,
dass diese Enge halb so wild
und dass mir in den Mußestunden
als Höchstes doch die Stille gilt.

‘ne Kerze ziemlich vor der Nase
und nebenan ein kleines Glas,
das gibt mir für die Musenphase
genau das richt’ge Flächenmaß.

Das ist ja grad das Paradoxe,
dass dir, wo immer du auch seist,
und wär’s im Joche wie ein Ochse,
im Kopf ein Universum kreist.

Warum denn mit Palästen protzen,
erfüllt ein Hüttchen auch den Zweck –
solln andre goldne Brocken kotzen,
sie produzieren doch nur Dreck!

(Reißt Neid mich hin zu diesen Zeilen?
Verbirgt sich Ärger hinter Freud?
Ich werd an meiner Psyche feilen –
doch später einmal, nicht grad heut.)

Und überhaupt, in solchen Sälen,
wo alles glitzert, glänzt und glüht,
wird es an Fantasie mir fehlen,
die aus dem Mangel doch erblüht!