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Kurzer Wetterbericht

Kurzer WetterberichtNun ist es also losgegangen.
Die Wolken haben schwarz wie Rauch
längst übern Bergen schon gehangen
und tags dann überm Meere auch.

Und wie wenn wer mit einem Schlage
‘nen prallen Wassersack zerfetzt,
ergoss sich jäh ‘ne Regenplage
vom Firmament zu guter Letzt.

Und riss in ihrem blinden Sturze
auch gleich das Thermometer mit,
das eben noch im Lendenschurze
behaglich durch die Sonne schritt.

Man spannte Schirme auf zum Schutze,
ging hastig in den Wind gestemmt,
zog übern Kopf sich ‘ne Kapuze
und ‘nen Pullover übers Hemd.

Von oben Schauer volle Kanne,
von unten Spritzer vom Gestein –
dem heißen Fett gleich in der Pfanne,
nur kälter und ins Hosenbein.

‘nen Hund würd man hinaus nicht jagen.
Man bleibt zu Hause, wenn es geht –
denn besser als ein hoher Kragen
ist allemal ein Heizgerät.

Die ganze Wucht des Wetters spüren,
den bittren Kelch der Jahreszeit,
sie, die da vor den Ladentüren
als Bettler immer dienstbereit!

Abfallromantik

AbfallromantikEs war schon Abend und ich schnappte
den prallen Küchenbeutel mir,
den in der Tonne ich verklappte
in meinem hies’gen Müllrevier.

Was schwatzt der, mag nun mancher denken,
der hier nur Schutt und Abfall sieht;
füllt er mit Unrat und Gestänken
am Ende noch sein saubres Lied?

Im Gegenteil: Ich will euch zeigen,
wie schön man seine Reste räumt –
das Meer im Blick, den Wellenreigen,
die Brandung, wie sie schwillt und schäumt.

Und das vor nächtlicher Kulisse:
Der Himmel schwarz und sternbesonnt,
und auf der Fahrt ins Ungewisse
ein Schiff am dunklen Horizont.

Hell strahlt die Reihe der Laternen
am kleinen Strandweg, dicht an dicht,
und taucht die Häuser und Tavernen
in gelblich-grelles Geisterlicht.

Wo wären krasser die Kontraste?
Da brodelt uferlos die See,
und hier der Zipfel, den man fasste,
dass man auf festem Boden steh.

‘ne Grenzerfahrung sozusagen,
das heißt: kein geistiges Idyll.
Die Welt ist stets zu hinterfragen;
bei Nacht und Nebel selbst – und Müll.

Wieder Stubenarrest

Wieder StubenarrestMan hat nun mal nur dieses Leben
und weiß doch öfter nicht so recht,
womit sich sinnvoll abzugeben,
vor allem wenn das Wetter schlecht.

So platzte heut nach vielen Tagen
mit unverschämtem Sonnenschein
den Wolken schließlich mal der Kragen:
Sie nässten voll die Erde ein!

Und dieser Himmel, kaum zu trennen
von seinem blendenden Azur,
er war nicht wiederzuerkennen
in der verwaschenen Montur.

„Zu Hause bleiben!“ die Parole,
schön Kaffee trinken, Buch vorm Bauch;
das Meer, den Hafen und die Mole,
die gibt es morgen sicher auch.

Doch träge wälzen sich die Stunden,
wenn bloß man auf dem Hintern hockt,
und wollen nicht die Uhr umrunden,
selbst wenn mit süßem Schlag sie lockt.

Wie ist die Aussicht für das Wetter?
Auch morgen ziemlich regenfroh.
Doch tags darauf naht schon der Retter:
Der Himmel schickt Hoch soundso.

Ich kann es wirklich kaum erwarten.
Mehr Kaffee schaff ich einfach nicht.
Und Tag für Tag die gleichen Schwarten?
Dann lieber Sonne: Leibgericht!

Rot und Schwarz

Rot und SchwarzDie Dienerschaft ist schwarz gewandet,
der gute König ganz in Rot.
In welchem Reich sind wir gelandet,
wer singt hier ‘s Lied zu wessen Brot?

Wie eifrig wackeln die Lakaien
mit Tellern, Schüsseln auf dem Arm
zur Tafel hin der Faulen, Freien,
die brummen wie ein Bienenschwarm!

Der Herrscher hat zum Mahl gebeten.
Der Festsaal ist gerammelt voll.
Schön schlucken und die Bissen kneten,
mehr fordert nicht das Protokoll.

Die Schwarzbehemdet, -hosten hasten,
der Rotrock schreitet wie ein Pfau.
Nicht ein Geladner soll mir fasten –
macht einen drauf und morgen blau!

Er hat die Helfer an der Leine,
belauert alle wie ein Luchs,
macht noch dem Schnellsten manchmal Beine,
der dann noch zulegt ohne Mucks.

Wie stehn sie unter seiner Knute,
wie scheucht sie Seine Majestät!
Doch mancher Gast verzieht die Schnute:
Wo bleibt denn nur mein Fresspaket!

Ein Sonntagmittag auf dem Lande.
In der Taverne geht’s hoch her.
Der Wirt kommt königlich zu Rande.
Die Kellner tragen alle schwer.

 

Ausflug zum Sonntagsmahl

Ausflug zum SonntagsmahlEin Städtchen wo in Küstennähe.
Am Mittag, und die Sonne scheint.
Da liefert man sein Wohl und Wehe
‘ner Schenke aus. Zu viert. Vereint.

Erst muss man sich ‘nen Platz ergattern,
das ist schon eine Heldentat.
Dann hockt man Kopf an Kopf mit Vattern –
des Stuhlbeins wegen im Spagat.

Und statt dass man gemütlich klönte,
schrie seinem Nachbarn man ins Ohr,
weil ja von überall her dröhnte
der Gäste A-capella-Chor.

Da muss man es ein Wunder nennen,
dass man bekam, was man bestellt –
was an den Kellnern lag, die rennen
geschickt durch jedes Minenfeld.

Zu winzig für die leckren Proben
der Küche sich der Tisch erwies.
Doch pfiffig hin- und hergeschoben
kein Teller wo ins Leere stieß.

Dann hat mit angelegten Armen
man sein Gericht sich einverleibt,
so wie auf manchen Hühnerfarmen
dem Flügel auch kein Spielraum bleibt.

Um es mit einem Wort zu sagen:
Man saß ein bisschen angeschmiert.
Doch der, um den es ging, der Magen –
der hat sich köstlich amüsiert!

Längerer Tapetenwechsel

Längerer TapetenwechselNoch niemals war ich wohl so lange
getrennt von meiner Heimatstadt –
zwei Monate an Stück und Stange,
zwei Seiten vom Kalenderblatt!

Das ist nun mal ‘ne andre Nummer,
als wenn man zwei, drei Wochen bloß
zu hektischem Erholungsschlummer
vorübergehend „arbeitslos“.

Den flücht’gen Urlaubsgast vergessen,
den eiligen Touristen kann,
wer länger hier schon eingesessen
und dennoch nicht auf Rückkehr sann.

Ist es der Sonne zu verdanken,
die frostige Gefühle schmelzt,
dem Meere, wie’s mit leichtem Schwanken
sich offen in die Weite wälzt?

Sind es die alten Fischerkaten,
die hart an Gischt und Brandung stehn
und aus der Fassung nicht geraten,
wenn Stürme ihre Stirn umwehn?

Ist es der Berge mass’ge Mauer,
die aus dem Hinterlande steigt
und die dem staunenden Beschauer
das Gegenbild des Wassers zeigt?

Wie alles dies mich schon erfreute
und lieber wird von Tag zu Tag!
Ein Vivat drum auf Land und Leute –
und dass auch mich man mögen mag!

Richtiges Urlaubswetter

Richtiges UrlaubswetterDa sitzt ihr alle schon und wartet
auf meinen täglichen Bericht,
der offen und nicht abgekartet
hier von der Wetterlage spricht.

Nun ja, ‘ne kleine Stufe runter
ging’s mit der Tageswärme heut,
obwohl bei 16 Grad mitunter
nicht unbedingt der Winter dräut.

Das war es, wenn ich mich nicht täusche,
denn alles andre blieb konstant.
Der Himmel ohne Wolkenbäusche
und von der Sonne blaugebrannt.

Der Wind nur mäßig und verhalten
wie auch schon seit geraumer Zeit.
Ich wiederhole mich: Beim Alten
die ganze Wetterherrlichkeit.

Ihr aber wollt von Stürmen hören,
die aufgewirbelt Meer und Sand
und heulend wie in Teufelschören
die Küstenstriche überrannt?

Nein, damit kann ich euch nicht dienen;
was aber ganz und gar nicht heißt,
dass Petrus uns nicht solche Minen
mal in die stillsten Lüfte schmeißt.

Das wäre, im Jargon zu bleiben,
zum Beispiel ‘ne Gewitterfront.
Auch die würd ich euch gern beschreiben –
dass euer Neid sich darin sonnt!

 

Nach dem Fest

Nach dem FestJetzt sind die Lichter ausgegangen,
die da so glänzend und so bunt
die ganze Weihnachtszeit gehangen
paar Meter überm Straßengrund.

Und ausgebrannte Birnen dümpeln
nun nutzlos im verspielten Wind,
bis jemand kommt, sie zu entrümpeln
samt Krippe und samt Jesuskind.

Es klingen keine Weihnachtslieder
mehr durch die offne Kirchentür,
mit gläub’ger Inbrunst, fröhlich-bieder
gejauchzt, gejubelt für und für.

Und auf den hölzern-harten Bänken,
die Menschen trugen dicht wie Laub,
in ihr Gebet sich jetzt versenken
nur Stille, Dämmerung und Staub.

Es drängt nicht mehr mit festem Schritte
der Christ in den geweihten Raum,
dass in der Mitgeschwister Mitte
er fromm erhasche Gottes Saum.

Verriegelt steht die hohe Pforte,
dem Blick entzogen der Altar,
verklungen sind die Weihnachtsworte,
versiegelt für ein ganzes Jahr.

Ist das nicht wie mit Raritäten,
die man dem Volk nur selten zeigt?
Dann kommt’s zuhauf auch ungebeten
und vor dem Wunder sich verneigt.

 

 

In Klausur

In KlausurNach draußen ich mich heut nicht wagte
trotz Sonnenscheins im Überfluss,
weil es ein Zaubrer mir versagte –
Spezialgebiet: der Hexenschuss.

Ein falscher Schritt und meine Lenden
durchzuckte jäh ein dumpfer Schmerz.
Ich konnt nicht drehen mich und wenden,
stand angewurzelt wie aus Erz.

Durchs Fenster lachte mir die Sonne
so recht verführerisch ins Haus
und kam ich doch wie Mönch und Nonne
aus meiner Zelle nicht heraus.

Mal langsam vor mit kleinen Schritten –
wie fühlt ich mich der Schnecke nah,
die Stund um Stunde fortgeglitten
und irgendwie noch immer da!

Und plötzlich wieder dieses Zucken,
das mich zu Salz erstarren lässt –
ich hielt mich ohne groß zu gucken
am ersten besten Strohhalm fest!

Statt meiner war der Tag gelaufen –
der kränkelt nicht in Ewigkeit,
fegt unentwegt zu Abfallhaufen
Momente abgelebter Zeit.

Ich wand mich irgendwie ins Kissen
und rührte mich nicht mehr vom Fleck.
Dann ist der Faden mir gerissen –
ein Horrortraum nahm mich hinweg.

Göttliche Muße

Göttliche MußeMan kann noch immer draußen sitzen,
die Sonne heizt noch tüchtig ein;
Pulloverfreunde müssen schwitzen,
nur wer ein Hemd trägt, der hat Schwein.

Das Meer liegt einem vor der Nase
mit seinem trägen Wellenspiel.
Man döst sich in die Schlummerphase
und hofft auf Bronze fürs Profil.

Dies ist die Art, sich zu entspannen,
hat grade man ein Meer zur Hand.
Die Götter, die es einst ersannen,
haben’s wohl ebenso verwandt.

Indes der Fischersmann sich plagte
für seine dürre Flunderfracht
und notfalls an den Gräten nagte,
hat ihm der Fang nichts eingebracht

Und auch die Möwe nur mit Mühe
sich über Wasser hielt und Gischt,
indem sie in der blauen Brühe
beharrlich nach dem Fleisch gefischt

Sich jene auf die Liege streckten,
um diesen müßig zuzuschaun,
wobei sie auf der Zunge schmeckten
geharzten Nektar an Kapaun.

Gedanken, die mich so beschleichen,
wenn faul ich in der Sonne hock.
Dass heut gar Rentner ihnen gleichen –
wie leben Götter mit dem Schock?