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Goldene Gaben

Goldene GabenHeut ist der Tag der heil’gen Weisen,
der Kön’ge aus dem Morgenland,
die zünftig auf Kamelen reisen,
Vehikeln für den Wüstensand.

Einst kamen Kaspar und so weiter,
von ihrem guten Stern geführt,
ans Ende seiner Strahlenleiter,
wo sie die Krippe aufgespürt.

Und brachten diesem winz’gen Knaben,
der da in Windeln eingerollt,
die stolze Fracht der Königsgaben
von Weihrauch, Myrrhe und von Gold.

Ob diese er zu schätzen wusste,
erscheint zumindest zweifelhaft,
denn Milch war’s, was er haben musste,
den mütterlichen Lebenssaft.

Und auch in seinen Mannesjahren,
wie jedes Kind inzwischen weiß,
verschmähte Güter er und Waren
und sang der Armen Lob und Preis.

Doch hatte er nichts einzuwenden,
wenn man Bedürft’gen etwas gab –
nicht weil sie einst als Kön’ge enden,
doch sonst vielleicht am Bettelstab.

Die kleinen Weisen heutzutage,
die sammeln gehn fürn guten Zweck,
die sind von echtem Königsschlage –
sie haben’s Herz am rechten Fleck!

Südliche Wärmelehre

Südliche WärmelehreMan kommt hier mit den Jahreszeiten
so recht nicht weiter, wie man’s kennt
aus seinen borealen Breiten,
wo scharf man ihre Herrschaft trennt.

Hier reichen sie das Zepter weiter
diskret, als wär’s ein Löffel nur,
was offensichtlich alle heiter
und gleich stimmt in der Prozedur.

Werdet ihr’s glauben, wenn ich sage,
der Januar hat sich aufgerafft,
und dennoch ist die Wetterlage
noch/schon/und immer frühlingshaft?

Seit Wochen herrlich helle Bläue
sich ungetrübt am Himmel spannt,
in die die Sonne stets aufs Neue
als flücht’gen Fleck sich eingebrannt.

Nur manchmal sich zusammenrotten
zu Haufen, schwarz und schwer im Wind,
die Wolken, des Azurs zu spotten
mit Regen, der schon rasch verrinnt.

Doch seltner noch sieht man hier blitzen
des Schnees kristallisch-klare Glut,
die auf den höchsten Bergesspitzen
und nur im tiefsten Winter ruht.

Und so mit immer warmen Ohren
behaglich durch das Jahr man wallt.
Die Grenzen haben sich verloren –
die Nächte nur sind winterkalt.

 

Kurzfristig verschoben

Kurzfristig verschobenEin Bergdorf stand heut auf der Liste,
das längst besuchen wir gewollt;
so wartete ich auf die Kiste,
die mich dahin kutschieren sollt.

Der Tag war wie dazu geschaffen,
dass raus man in die Hügel fuhr,
um unverhohlen zu begaffen
den prallen Busen der Natur.

Die Sonne hatte schon am Morgen
den Himmel blitzeblank gefegt,
so dass wir ohne Regensorgen
im Freien hätten uns bewegt.

(Wenn man das stundenlange Sitzen
auf ‘ner Terrasse, die besonnt,
und Häppchen zwischendurch stibitzen
noch sich bewegen nennen konnt!)

Doch diese prächt’ge Perspektive
für ‘nen genießerischen Tag
und meine Freude, die naive,
erhielten plötzlich einen Schlag.

Der Wagen, mich zu transportieren
mit zwei Personen im Verein,
war plötzlich angefüllt mit vieren –
‘ne fünfte passte nicht mehr rein!

Ich schluckte die Enttäuschung runter,
erholte mich vom ersten Schreck
und sagte mir, schon wieder munter:
Die Berge laufen ja nicht weg.

Nicht risikofreudig

Nicht risikofreudigAm Meer, was für ein buntes Treiben!
Die halbe Welt zieht es dahin,
um in ihr Tagebuch zu schreiben:
Jetzt bin ich, wo ich glücklich bin!

Zwar sind verschieden die Int’ressen
bei dieser hormonellen Kur,
doch geht es meist ums Kräftemessen
mit den Gewalten der Natur.

Da ist der Fischer, der die Netze
um das Getier der Tiefe schlingt
und zum Gewinn der schupp’gen Schätze
mit Stürmen um sein Leben ringt.

Da ist der Seemann, der die Fluten
als Handelsweg zu nutzen pflegt
und dem auf bodenlosen Routen
Freund Hein schon mal ein Schnippchen schlägt.

Da ist der Sportler, Jachtbesitzer
oder ‘nes Surfbretts Eigner nur,
der mit dem flotten Wellenflitzer
schon manch riskante Kurve fuhr.

Was aber von den Kreuzlern sagen?
Schippern sie still und sicher nicht?
Ihr Abenteuer ist der Magen:
ob er’s behält oder erbricht.

So oder so mich zu bewähren,
dagegen bin ich wohl immun.
Die See mag gähnen, sie mag gären –
ich lass den Blick nur auf ihr ruhn.

 

Abseits des Strandes

Abseits des StrandesObwohl direkt am Meer ich hause,
hab ich es heute nicht gesehn
und war doch raus aus meiner Klause,
auf Wochenzeitungspirsch zu gehn.

Hab halt den Strandweg nicht genommen,
lief nur die Avenida lang,
auf der ich auch zurückgekommen –
kein Meerblick und kein Wellenklang.

Nur ein paar Schritt entfernt vom Strande
ist’s aus mit all der Herrlichkeit.
Da döst das Dörfchen im Gewande
des Städtebaus moderner Zeit.

Die Häuserzeilen – strammgestanden!
Die Einzelblocks – in Reih und Glied!
Und präsentiert, soweit vorhanden,
den Klinkerstein – sonst Eternit!

Dem Meer läuft jämmerlich zur Seite
der ganze Schund, der menschgemacht;
Mixtur aus Hässlichkeit und Pleite,
der Gier nach Mammon dargebracht.

Und um das Bild noch zu verschärfen,
im Hintergrund dies Bergmassiv,
das wohlgeübt im Faltenwerfen,
natürlich, nobel und sportiv.

Das Meer besinnlich anzuschauen
wird mancher ja wohl niemals satt.
Vielleicht weil jene Art zu bauen
er dann nur noch im Rücken hat.

Feste Obergrenze

Feste ObergrenzeDass mir auch auf die Zunge rutschen
die frommen Sprüche, höchst profan,
hab ich ein Mittel, leicht zu lutschen
und wirksam wie ein Talisman.

Die zwei, drei Leser, die mich kennen,
verstehen diesen Wink sofort:
Ein Gläschen nur, und munter rennen,
Gedanken meinem Dööts an Bord.

Nicht immer glücklich (siehe oben),
dafür jedoch in großer Zahl,
dass für die Schweine ich im Koben
noch Reste habe jedes Mal.

Beim zweiten Gläschen sie schon purzeln
wie Eicheln herbstlich mir ins Hirn,
dass ich vom Wipfel bis zur Wurzel
so voll mich fühl wie eine Stirn.

Ich müsste zwanzig Arme haben,
damit ich diese Früchte pack
und allesamt als Göttergabe
in meine Musentruhe sack.

Und wenn ich nun zum nächsten griffe
und endlos sich die Flut ergießt?
Ach, die Natur kennt da so Kniffe –
an mir sich niemand überliest!

Beim dritten Gläschen, müsst ihr wissen,
ist er auch schon vorbei, der Spuk.
Dann bin ich reif fürs Ruhekissen –
und mit mir der Gedankenflug.

Neujahrsgedanken

NeujahrsgedankenHat er verheißungsvoll begonnen,
der erste Tag im neuen Jahr?
Als Herold ungezählter Wonnen,
die jede einzeln wunderbar?

Nun, ruhig ist er schon gewesen,
denn schließlich war er arbeitsfrei.
Und mancher schwang wohl seinen Besen
zum Kehraus nach der Feierei.

Das Wetter fand ich ganz passabel.
Zwar lachte heut die Sonne nicht,
doch auch der Regen hielt den Schnabel
und fiel nicht aus der Wolkenschicht.

Ein wenig kühler, will mir scheinen,
war’s doch als gestern noch bei Tag –
es fröstelte mich an den Beinen,
wenn ich so auf dem Sofa lag.

Von bösen Omen nicht die Bohne.
Kein schwarzer Kater ließ sich sehn.
Kein Käuzchen, das mit hohlem Tone
die Jahre zählt, die noch vergehn.

So kann man keine Schlüsse ziehen,
so bleibt die Zukunft rätselhaft.
Werd summend ich in Blumen knien?
Schmeck ich sokratisch Bilsensaft?

Wozu indes soll ich mich sorgen?
Es bleibt doch alles wie bisher.
Ist nicht der Schnee, der Schnee von morgen,
der gleiche wie von gestern der?

 

Möglichst mit Meerblick

Möglichst mit MeerblickIch weiß nicht, was die Leute haben –
die wollen immer nur das Meer
so eigensinnig wie die Knaben
ihr allererstes Schießgewehr.

Was gibt es denn da groß zu gucken?
Geplätscher bis zum Horizont;
und wenn die Winde es mal jucken,
dann brodelt es auf breiter Front.

Dazu die Emmas, wie sie trudeln
mit viel Gewese und Gekreisch
und die, wie mancher Typ auf Nudeln,
ganz jieprig auf Sardinenfleisch.

Und täglich dieses Häufchen Dampfer,
das eifrig in die Fische geht
wie unsereins in’n Sauerampfer,
wo hier und da ein Pilzchen steht.

Wär auch die Sonne noch zu nennen,
die theatralisch oft versinkt –
der halbe Himmel scheint zu brennen,
wenn sie um ihren Abgang ringt.

Mehr hat der Zuber nicht zu bieten
mit seinem ganzen Wasserzeug.
Warum sie da ‘ne Bude mieten,
dass man ihn Tag und Nacht beäug?

Doch wie soll grade ich das wissen?
Muss für befangen mich erklärn.
Mocht schon als Kind das Meer nicht missen –
das scheint wohl nicht mehr zu verjährn.

An Ultimo

An UltimoBrauch aus dem Supermarkt ich Trauben
als Kost für jeden Glockenschlag,
dem neuen Jahr das Glück zu rauben
beim Ausklang am Silvestertag?

Und ob ich mir die Beern erspare!
Vergoren sei’n sie mir verzehrt –
und als Willkommensgruß zum Jahre
mehr als der zwölfe Gegenwert!

Ansonsten deuten wenig Zeichen
voraus auf die bewusste Stund;
paar Kerls nur durch die Gegend streichen
und geben sie mit Schüssen kund.

Sonst liegt die Stadt im schönsten Frieden.
Die Festbeleuchtung schwankt im Wind.
Vorm Kirchlein, Gottes Haus hienieden,
glühn Lämpchen bunt als Jesuskind.

Die Uhr ist elf. Das große Schweigen.
Nur noch ein Stündchen für das Jahr.
Was mag hier in den Himmel steigen?
Ein Feuerwerk? ‘ne Engelsschar?

Im Haus ist nicht ‘ne Maus zu hören.
Kein Jauchzen, keine Zecherei.
Ja, selbst das Meer ließ sich beschwören
und gibt sich seltsam stürmefrei.

Ich hab da so’n Gefühl im Magen
wie’n Wächter nachts auf seinem Turm.
Die Stille will mir nicht behagen –
ist das die Ruhe vor dem Sturm?

Längerer Suchvorgang

Längerer SuchvorgangWas macht man, wenn in fremden Breiten
die Technik mal zusammenbricht
und statt dich an dein Ziel zu leiten,
das Navi keine Silbe spricht?

Man lässt zuerst den Zufall walten
und saust aufs Gratewohl so fort,
um wo ‘nen Hinweis zu erhalten
auf den gewünschten Anfahrtort.

Doch nichts. Und schließlich das Empfinden,
das dumpf sich in den Magen senkt:
Mit jedem Kilometer schwinden
die Chancen, dass man richtig lenkt.

Die nächste Tanke angesteuert,
da wird man sicher gut belehrt!
Man hat den Sprit uns nicht verteuert
und freundlich uns den Weg erklärt.

So haben wir denn hingefunden
nach primitiver Väter Art
und kamen an wie andre Kunden,
die größre Touren sich erspart.

Ihr seht, es ging hier um ‘nen Laden,
in dem man tausend Dinge kriegt
und dem man auch mit Navi-Schaden
noch gerne aufs Gelände biegt.

Das Erste, was wir da erstanden:
‘ne Box, die uns nach Hause bringt.
Zurück indes auch so wir fanden –
doch wollten hörn, wie’s Navi klingt!