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Festtagsausfahrt

FesttagsausfahrtWie sie da hoch und höher ragten,
die Wellen außer Rand und Band,
und wutentbrannt ans Ufer jagten,
auf Klippen stürzend sich und Sand!

Und ständig diesen Sturm im Nacken,
der immer tiefer sich verbiss,
um Wunden ihnen einzuhacken,
dass Schaum sich von den Lefzen riss!

Ein ganzer Kranz von ihrem Geifer
fraß stetig in die Bucht sich vor
dank dieser Brandung Feuereifer,
der sich im Winde nicht verlor.

Mocht grade auch kein Regen fallen –
er drohte von den Bergen her,
wo Wolken sich in dicken Ballen
schon düster wälzten Richtung Meer.

Wir steuerten den kleinen Wagen
hart an dem Küstenstrich entlang,
wo vielfach auf der Fahrbahn lagen
die Meeresfrüchte Kies und Tang.

Kein Wetter zum Spazierengehen,
mehr was für Glotze und Kamin,
dem Sturm ‘ne rote Nase drehen,
die man ‘nem heißen Punsch entliehn.

Doch so die Landschaft zu verkosten
kommt mehr dem Autokino gleich:
Fällt selbst der Himmel aus den Pfosten,
man hockt am Lenker warm und weich.

Wetterumschwung

WetterumschwungNach dieser Flut von Sonnentagen
am Stück, so hinter‘nander weg,
ging’s doch dem Hoch mal an den Kragen;
der Wind blies, Regen im Gepäck.

Ganz sachte hat es angefangen,
nur hier und da ein Tropfen fiel
der Erde auf die heißen Wangen –
geheuchelt wie beim Krokodil.

Denn als der Dämmer erst verflogen
und Finsternis sie eingehüllt,
kam die Armada angezogen,
mit Spülicht bis zum Rand gefüllt.

Ich mochte wohl in Träumen baden
und wurd aus diesem Klang nicht klug –
der Regen war’s, der in Kaskaden
im Hof da auf die Steine schlug.

Als ich erwacht von diesem Rauschen
und erst begriff, wieso, warum,
gefiel es mir, ihm still zu lauschen,
dem Wasserfall im Atrium.

Der Weihnachtsbaum war umgefallen,
lag wie ‘ne nasse Ratte da,
die mit erschlafften Klunkerkrallen
dem Tod mehr als dem Leben nah.

Was für ein Sturm, was für ein Toben!
Choral, dem Himmel dargebracht:
Die Wetter, die den Schöpfer loben
auf ihre Art in heil’ger Nacht!

Schnellzugvögel

SchnellzugvögelHat alles seine beiden Seiten.
Der Süden glänzt mit Sonne satt,
dass selbst man noch in Winterzeiten
genug davon bei Tage hat.

Doch darf man auch nicht unterschlagen,
dass einen ‘s Zittern gleich befällt,
packt erst das Meer den Stern beim Kragen
und zerrt ihn in die Unterwelt.

Und da, wie alle hier beteuern,
das Klima mild und frühlingshaft,
gibt’s, um die Bude zu befeuern,
auch keine Heizung, die was schafft.

Im besten Fall ‘ne Wärmequelle,
für die man einen Stecker braucht,
damit elektrisch auf die Schnelle
asthmatisch dir ein Schornstein raucht.

Und da dies dürftig nur dem Zwecke
dient häuslicher Gemütlichkeit,
erlebt die gute alte Decke
aus Wolle wieder ihre Zeit.

Ich glaub, der Zug der Pensionäre
zweimal im Jahre, hin und her,
dass der noch zu verbessern wäre –
so denk und dichte ich mal quer!

Man müsste einen Dreh erkunden,
der diesen Wechsel leichter macht:
Im Süden nur die Sonnenstunden,
im Norden die beheizte Nacht.

 

Zu Gast im Gebirge

Zu Gast im GebirgeEin neuer Eintrag also heute
ins Tagebuch der Poesie.
Wir fuhren ins Gebirg, vier Leute,
Konserve Auto, Knie an Knie.

Im Dorf, in das wir aufgestiegen
und aus der Kiste uns gepult,
da konnten wir noch Futter kriegen
auf einem Fleck, der gut bestuhlt.

Genauer saßen wir im Freien
vor einem Pergola-Lokal;
ein Brünnlein ließ sein Wasser speien
in einem kurzen dicken Strahl.

Das stand auf einem kleinen Platze
nur ein paar Meter von uns weg,
dem Mittelpunkt von diesem Schatze
von einem Dorf im Bergversteck.

Die Sonne lugte durch die Äste
und streckte ihre Hände aus,
als wollte unsrer Mahlzeit Reste
sie wärmen noch zu eignem Schmaus.

Wir glaubten, dieses Wohlbehagen
sei heute unser größtes Glück
und steuerten mit sattem Magen
den Viererbob ins Tal zurück.

Doch nach der Sonne schönem Sengen
nahm nun die Dämm’rung ihren Lauf –
und eins ums andre an den Hängen,
wie flammten da die Lichter auf!

Vor meinem Geburtstag

Vor meinem GeburtstagDer heil’ge Abend sozusagen
vor meiner eigenen Geburt:
Die Heizung knistert Wohlbehagen,
so ähnlich wie ‘ne Katze schnurrt.

Mein Stall ist dicht und fest verschlossen,
lässt Wind und Wetter nicht herein.
Hab mir ein Tröpfchen eingegossen,
das funkelt schön im Kerzenschein.

Ich muss nicht in ‘ner Krippe liegen;
die Koje für den müden Geist
wird mich hernach in Träumen wiegen,
aus denen mich kein Strohhalm reißt.

Zwar fehlt es mir nicht an dem Sterne,
der Wandrern Richtung gibt und Sinn –
hell strahlt die Venus als Laterne,
doch führt zu mir sie niemand hin.

Nicht mal ‘nen König oder Weisen
mit Grüßen aus der Mongolei,
obwohl bequemer doch das Reisen
als damals für die heil’gen drei.

Dagegen muss ich nicht verzichten
auf Ochs und Esel mir zur Seit.
Doch sind sie draußen mehr zu sichten
und machen überall sich breit.

Nun ja, es lässt sich nicht verschleiern:
Geburtstag ohne Festbezug.
Doch warm und trocken ihn zu feiern –
ist das nicht Wunder schon genug?

Immer Meer

Immer MeerNoch immer scheint es mir ein Wunder,
als hätt mich Zauberei versetzt,
dass ich statt bei der Nordsee-Flunder
bei Austern und Sardinen jetzt.

Ich hör das Meer im Rücken rauschen,
wenn nächtlich ich die Ohren spitz,
als würde ich der Elbe lauschen,
an deren Strand ich gerne sitz.

Bloß dass ich hier der Wogen Nähe
nicht hin und wieder nur mal such:
Schon wenn ich nur die Nüstern blähe,
spür ich erfrischend ihrn Geruch.

Die See liegt täglich mir zu Füßen,
und nirgends hat das Auge Halt;
kein Land, von ferne es zu grüßen,
kein Fels, der seine Faust ihm ballt.

Nur diese bodenlose Weite,
die nicht die Tiefe ahnen lässt –
die dunkle, unsichtbare Seite,
der nach dem Komma ries’ge Rest.

Wir schöpfen ja von seinem Himmel,
so wie er auch die Möwen lohnt,
den Rahm nur ab aus dem Gewimmel,
das runter bis zum Grunde wohnt.

Doch nun mal weiter nicht geklügelt,
Schluss mit dem geist’gen Höhenflug!
Hör ich das Meer nicht ungezügelt?
Natur hat Poesie genug.

Echter Landgewinn

Echter LandgewinnJa, größer ist es schon geworden,
Europa, einig Vaterland.
Von Ost nach West, von Süd nach Norden
wie’n Riesenlaken ausgespannt.

Schön bunt und mit ‘ner Masse Falten,
die irgendwie da reingeknickt,
in denen hartnäckig sich halten
die Wanzen, die kein Finger zwickt.

Die meisten hocken unzufrieden
in irgendeinem Winkel rum
und hadern mit dem Los hienieden,
das ihnen kein Elysium.

‘ne Handvoll krabbelt unverdrossen
geschäftig übers Tuch dahin,
weil es der andern Blut genossen
und neue Beute schon im Sinn.

Doch jene, die man angebissen,
die liegen ausgelaugt und bleich
schon halbwegs auf dem Sterbekissen
und warten auf den Zapfenstreich.

Die Beißer gehn jetzt größre Wege,
weil es sich lohnt für ihre Gier,
denn aus dem einstigen Gehege
wurd ja ein mächtiges Revier.

Die Wächter aber, Oberwanzen,
die der Gesamtheit dienen solln,
beeifern sich, nur zuzuschanzen
den Beißern, was sie immer wolln.

Na ja, so mag es vielleicht gehen
bei dieser eklen Kreatur,
doch weil wir Menschen höher stehen,
kann der Vergleich doch hinken nur.

Nie würden wir verkommen lassen
ein Wesen unsrer eignen Art,
nur um im Großen zu verprassen,
was dieses sich vom Munde spart.

Grad in Europa der Gedanke
schlug Wurzeln schon vor langer Zeit,
dass statt des Löwen rauer Pranke
auf Erden walte Menschlichkeit.

Und dann die vielen, vielen Jahre
mit Kyrie und Requiem –
wie dass ein Christenmensch verfahre
so käferhaft mit irgendwem?

Und kommt uns doch einmal zu Ohren,
dass Groß-Europa oft bereut –
Gerüchte nur, aus Neid geboren,
von richt’gen Wanzen ausgestreut!

Stabwechsel

StabwechselDevot, kritiklos und beflissen –
mir fällt nichts andres dazu ein,
dass alle Medien hingerissen
vom neuen Kabinettsverein!

Nach etlichen Verhandlungstagen
steht nun die Turnerriege fest.
Mir dreht sich alles um im Magen,
dass man sich davon blenden lässt.

Das ist doch die normalste Chose;
als ob daran was Neues wär!
Die schmeißen sich in Heldenpose
und wurschteln weiter wie bisher.

Als würd bei denen, die da schlittern
in einen Posten, hoch dotiert,
das Herz auf einmal heiß erzittern
vor Mitleid für das Volk, das friert!

Doch dieses Wurschteln, wie ich’s nannte,
heißt ja nicht, dass man was verpfuscht:
Es ist ‘ne Art, ‘ne elegante,
mit der man seinen Kurs vertuscht.

Der lautet schon seit ew’gen Zeiten
bei dem, den an die Macht es treibt,
für sich und die Gefolgschaft streiten –
der Rest soll sehen, wo er bleibt.

Und kaum am Ruder, neue Pfründen
als Spitzenämter man erschuf.
Und schämt sich nicht mal seiner Sünden?
Nein, alles Christen von Beruf!

Auch Schafe zählen

Auch Schafe zählenEuropa ist ‘ne feine Sache,
zumindest doch von Fall zu Fall.
So hocken Jüte und Walache
jetzt friedlich ja in einem Stall.

Und können sich da frei bewegen,
nach Lust und Laune rumspaziern,
bei Sonnenschein und Sturm und Regen
und wenn die Beine fast gefriern.

Doch jene, die den Stall behüten,
die haben noch den meisten Spaß.
Sie lassen jeden Mist vergüten
sich nach des Eigners Extramaß.

Und da ja nun aus allen Landen
man emsig wandert kreuz und quer,
besagte Eigner niemals fanden
besagten Stall von Schafen leer.

Gesund ha’m längst sie sich gestoßen,
gesichert ihren goldnen Schatz,
und pofitieren nun im Großen
von ihrem größren Futterplatz.

Die Schäfchen aber wandern weiter
und suchen ihr bescheidnes Grün
am Fuße einer Hühnerleiter,
wo Frust und Bitterkeit nur blühn.

Und immer größer wird die Herde,
die um das Nötigste gebracht.
O dass doch ein Europa werde,
das nicht nur Wölfe fetter macht!

Am Scheideweg

Am ScheidewegDas Wasser erst und dann die Säure,
so hat’s uns die Chemie gelehrt,
denn sonst geschieht das Ungeheure –
ich weiß nicht was, o Leser wert!

Denn in der Schule alten Zeiten,
der Wissbegierde Frühlingstag,
beim Elemente-Zubereiten
ich stets in leichtem Schlummer lag.

Ob mit dem ethischen Empfinden,
das eben bei mir Wurzeln schlug,
dies wahlverwandte Sichverbinden
selbst atomar sich nicht vertrug?

Hantiern mit Kolben und mit Tiegeln,
mit Stoffen wie Metall und Gas
war mir ein Buch mit sieben Siegeln,
aus dem ich keine Früchte las.

Und mit den Laugen das und Basen
und dem berühmten Lackmus-Test
verstärkte nur die Dämmerphasen
bis hin zum Schlaf, der tief und fest.

Nur mit dem Schwefel diese Nummer,
die flößte stets Respekt mir ein –
bei dem Gestank konnt ja von Schlummer
nun wirklich keine Rede sein.

Hätt damals ich am Bunsenbrenner
des Flämmchens Zauber nur gewahrt:
Ich wäre ein sublimer Kenner –
und euch der blaue Dunst erspart!