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Schnappschuss-Impression

Schnappschuss-ImpressionenDa hinter des Gebirges Treppe
verschwand sie in ihr Schlafgemach;
nur ihre lange rosa Schleppe
weht eine Weile ihr noch nach.

Dann hat auch die sie eingezogen
wie’n Fischer seinen Tagesfang.
Der Himmel schwarz und schwarz die Wogen:
Die Welt nach Sonnenuntergang.

Ein Schauspiel, das seit Jahrmillionen
nicht anders aufgeführt als jetzt –
und scheint noch immer sich zu lohnen,
wird lange noch nicht abgesetzt.

Und droht mit Rache und Ranküne
auch keinem, der’s fotografiert,
was sonst verpönt ja bei der Bühne,
weil es die Mimen irritiert.

Die Sonne hat da nie Probleme,
bleibt unbeirrt bei ihrem Text,
und wenn die halbe Menschheit käme,
von ihrer Ausstrahlung behext.

Ich sah am Strand ein paar Gestalten,
als feurig noch das letzte Licht,
gespannt geduldig innehalten,
die Kamera weit vorm Gesicht.

Das ist nicht meine Art zu blicken:
Erinnerung per Tastatur.
In meinem Hirne soll es klicken,
wenn unauslöschlich da die Spur!

 

Mein Wecker

Mein WeckerWenn morgens ich aus tiefem Schlummer
zu meinem Müßiggang erwach,
begrüßt mich stets die gleiche Nummer:
im Atrium der Kinderkrach.

Es müssen ja die kleinen Lämmer
so schrecklich früh zum Unterricht,
da ich noch selig weiterdämmer
bis mir die Uhr ins Auge sticht.

Und wenn die ausgelassnen Rangen
ihr Pausenbrot verschlingen schon,
dann hat mein Tag erst angefangen –
ganz zwanglos ohne schul’sche Fron.

Nicht mehr von Stund zu Stunde hetzen
mit Schrader hier und Schrader da,
mit Schrader hoch! und Schrader setzen!
und all dem Pauker-Trallala!

„Herr Lehrer, ich! Die Alëuten
sind Inseln vor der Küste X.
Da gibt’s unendlich viel Kanuten“.
Wer das nicht weiß, der weiß ja nix.

Mit solchem Wissensschrott beladen
erlahmt des Kinds spontaner Geist –
und kriegt er keinen Dauerschaden,
wird er doch trüb und träge meist.

Ach, wie ich trotzdem sie beneide,
die vielgeplagte Schülerschar –
auf ihrer frischen Frühlingsweide
blüht alles noch so wunderbar!

Wahrscheinlich ortsfest

Wahrscheinlich ortsfestGanz anders als in frühren Zeiten,
da ich ein kurzer Urlaubsgast,
lass ich mich jetzt vom Motto leiten:
Ich bleib so lange, wie‘s mir passt.

Grad heut saß ich mit wem beim Schnacken,
der selbst schon wieder auf dem Sprung:
„Gleich morgen muss ich Koffer packen.
Und Schluss mit der Belustigung.“

So zwei, drei Wochen Strand und Sonne
sind beinah nicht der Mühe wert.
Kaum angelangt am Ziel der Wonne,
man ihm auch schon den Rücken kehrt.

Da hab ich endlich bessre Karten
als Rentner ohne Klotz am Bein;
kann bis zum nächsten Frühjahr warten –
und notfalls bis St. Nimmerlein.

Hängt ab nur von dem Wohlbehagen,
das ich verspür an diesem Fleck;
würd gleich mich in die Büsche schlagen,
wär’s eines Tages plötzlich weg.

Doch wenig scheint darauf zu deuten,
dass ich so schnell die Kurve kratz
und grade mich die Dinge reuten,
für die ich liebe diesen Platz.

Vorm Bauch die Berge und im Rücken
das graue, grenzenlose Meer:
Hier kann nach Lust den Tag ich pflücken,
als ob Horaz ich selber wär.

Etwas wetterfühlig

Etwas wetterfühligDa hat mir doch der erste Regen
heut meine Illusion geraubt,
weil ich der vielen Sonne wegen
schon fast nicht mehr an ihn geglaubt!

Doch war es nur ein kurzer Schauer,
der leicht aufs Pflaster sich gelegt,
dass umso linder und so lauer
die Lüfte sich danach geregt.

Zwar zeigte mir als Drohgebärde
der Himmel noch die Wolkenfaust,
doch hätten mich nicht hundert Pferde
gehindert, dass ich rausgesaust

Um dies und jenes zu besorgen,
wie’s grade mir der Bauch befahl
und was mit Sicherheit auch morgen
mich hätt erwartet im Regal.

Nun, um es unverblümt zu sagen:
Es war der Wein, der raus mich trieb,
weil ich mich gestern vollgeschlagen
und mir für heute nichts mehr blieb!

Ich wisst doch selbst, dass für die Ritte
auf Pegasus er Kraft mir schenkt
und just in des Parnassus Mitte
die irr’nde Fantasie mir lenkt.

Das regelmäß’ge Nachschubholen,
von daher ist es Dichterpflicht.
Mach morgen auch mich auf die Sohlen.
Ich hoffe nur, es regnet nicht.

Nur ein Traum

Nur ein TraumDas höchste Staatsziel: Kinderlachen,
verbrieft gesetzlich und bestimmt,
und dass sie tüchtig Streiche machen,
die keiner ihnen übel nimmt.

Dann: Dass den Bürger man belange,
des Lebensziel Profite nur
und dem des Armen hohle Wange
nie schmerzlich an die Nieren fuhr.

Und dass den Wahnsinn man verbiete,
man müsse höher stets hinaus
mit dem Gewinn und der Rendite
für dies gerupfte Erdenhaus.

Auch endlich mal vom Sockel holen
die ganze falsche Heldenbrut,
die schamlos, ihrem Gott befohlen,
gebadet nur in Menschenblut.

Bescheidenheit wär auch geboten,
wenn Stellung man zum Tier bezieht –
der Mensch geht auf den Hinterpfoten,
das ist der ganze Unterschied!

Denn fressen, wachsen, altern, sterben,
das macht ihn allen Wesen gleich;
doch blind sich brüstend will er erben
als Einziger das Himmelreich.

Den Herkules man wiederbringe,
um aufzuräumen mit dem Mist,
damit er endlich flöten ginge –
der alte Steinzeit-Egoist!

 

Späte Sonnenkraft

Späte SonnenkraftNicht nur das Hügelland der Wellen,
auch richt’ge Berge gibt es hier.
Ich muss mich nur ans Fenster stellen
und hab die Gipfel im Visier.

Natur in ihrer schönsten Fülle!
Und dieser Rentner mittendrin!
Totale (rechts und links) Idylle.
Und dann noch Sonne: Hauptgewinn!

Was will man denn noch mehr verlangen?
November zeigt doch schon die Uhr,
indes Bougainvilleen prangen
so frisch wie nach ‘ner Badekur.

Das heißt im Herbst nach Frühling haschen,
‘ne Kunst, die nur der Süden kennt –
zieht Sonnenschein auf Wärmeflaschen,
dass winters ihm der Bauch noch brennt.

Am Strand noch immer Leute liegen,
den Strohschirm übers Haupt gespannt,
um etwas Schatten da zu kriegen,
wo sonst nur ungeschützter Sand.

Die Berge selbst, dahin gerufen
von ihrem naseweisen Kap,
sie falln in immer sachtren Stufen
bis auf den Saum des Meeres ab.

Ich ließ mich heut ein wenig nieder,
bewundernd, was so wunderbar.
Da schloss die Sonne mir die Lider,
dass wirklich ich geblendet war!

Nachtwanderung

NachtwanderungHoch überm Meer des Mondes Sichel,
wie sie die Sterne niedermäht:
Ich hab’s gesehn, ein deutscher Michel,
beim Strandspaziergang heut noch spät.

Das Völkchen da auf meinem Wege,
es plauderte auf Spanisch meist,
indes auch fremder Mundart Pflege
beförderte der heil’ge Geist.

Der Abend lau und machte Ehre
dem Tage, den er schwarz beschloss.
Fern in die Bucht, am Kopf der Kehre,
der Sonne luft’ge Lava floss.

Es gingen Leute brav spazieren
und andre standen wie gebannt,
dies Lichtspiel filmisch einzufrieren,
Naturkost einst aus zweiter Hand.

Und aus den zitternden, den Flanken
des Meers gebar sich eine Jacht,
zum Hafen bangen Bugs zu schwanken,
wo fest sie ihre Träume macht.

Kein Untier hob sich aus den Tiefen,
kein Donner das Idyll zerriss.
Die Fische und die Sterne schliefen
in ihrer eignen Finsternis.

Auf festem Boden mit den Hufen;
doch neben ihnen, zwei, drei Schritt,
ein Friedhof, den die Stürme schufen.
Und lauernd ging er immer mit.

 

Herzlich willkommen II

Herzlich willkommenWie schön, euch heute zu begrüßen
in meinem Urlaubsdomizil!
Ihr seht, ich bin auf Pferdefüßen
als Barde immer noch mobil.

Denn Pegasus, den ich geritten
begeistert in der Heimatstadt,
den musste ich nicht lange bitten,
dass er mich hergeflogen hat.

Gefährt ist er mir und Gefährte –
der Gleichklang drückt wohl treffend aus,
wie hoch ich ihn auch hier bewerte,
zweitausend Meilen von zu Haus.

Am Abend, wenn die rosa Flammen
der Sonne schon gelöscht vom Meer,
schwing ich mich auf und, hopp!, zusammen
geht’s hinter flücht’gen Versen her!

Seht hier den Hauptteil schon der Strecke:
Fünf Strophen, schön in Reih und Glied,
bracht ich per Blattschuss um die Ecke,
für sie das Ende schon vom Lied.

Doch ist mein Jieper auf die Beute
mit dieser Quincunx nicht gestillt,
denn zu erlegen grade heute
bin ihrer sieben ich gewillt.

Ich hoff, ihr werdet’s nicht bereuen,
dass ihr so fern mich heimgesucht:
Sollt heitrer Dichtung euch erfreuen –
drum hab den Süden ich gebucht!

Späte Freuden

Späte FreudenKann das die Heimat jetzt noch bieten?
November herrscht da, nass und grau.
Doch hier folgt Petrus andren Riten,
macht noch die große Sonnenschau.

Mit blauem Himmel und so weiter,
dem ganzen Sommerinventar,
gibt sich der Monat richtig heiter
und spottet jeder Frostgefahr.

Macht Spaß, am Strand entlang zu bummeln,
zu lauschen leichtem Wellenschlag,
den Möwen, die sich kreischend tummeln,
da wo der reichste Fischertrag.

Die Nase in den Wind zu recken,
der lau und lind vom Wasser weht,
und mit den Augen es zu schmecken,
wenn rot die Sonne untergeht.

Wie stolz sieht man sie da versinken
in ihrem weiten Wasserbett,
den Leuchtturm hinterher ihr winken,
als ob er noch ‘ne Nachricht hätt.

Dann legt die Nacht mit ihrem Dunkel
sich über Himmel, Meer und Strand;
und aus der Tiefe steigt Gefunkel
so hell und klar wie Diamant.

Die Schiffe wiegen sich im Hafen.
Der Tagesfang ist längst von Bord.
Des Schreibens müde, will ich schlafen.
Und morgen geht die Reise fort.

Mobiles Dichten

Mobiles DichtenMag in der Fremde man auch landen,
man richtet sich doch häuslich ein.
Kommt dir die Heimat mal abhanden,
es bleiben Kerze, Stift und Wein.

Das Handwerkszeug der stillen Nächte,
da ich gehämmert und gehaun,
dass Selbstgezimmertes ich brächte
den kunstbeflissnen Musenfraun.

Wie leicht lässt es auch hier sich finden
und sich verwenden zu dem Zweck;
mir scheint, man liebt es, loszubinden
den Pegasus an diesem Fleck!

Ein Grund mehr, Mühe mir zu geben
in diesem stummen Sängerstreit,
um mich von allen abzuheben,
von allen andalusienweit.

Warn es nicht maurische Poeten,
dern Lied hier ewig lang geblüht,
dieweil in Liebe zum Propheten
und mancher Schönen sie geglüht?

Nun, beides ist nicht meine Sache
(das Letztre unfreiwillig nur!),
so dass ich meine Glut entfache
zumeist zum Lobe der Natur.

Da gibt’s genug Gelegenheiten:
Soeben kehr ich heim vom Strand –
des Abendhimmels rosa Zeiten,
das ganze Mittelmeer in Brand!