Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Gleiche Wellenlänge

Gleiche WellenlängeNun kann ich mich an Wellen weiden,
umsonst und ohne Strandgebühr,
muss niemals Mangel daran leiden,
sie liegen mir ja vor der Tür.

Wenn hinten ich das Haus verlasse,
mein erster Blick nur ihnen gilt
und dieser wüsten Wassermasse,
die bis zur Kimm da oben quillt.

Darüber Wolken aller Arten –
in Streifen und als Berg, der ragt,
als Schäfchen im azurnen Garten
und regenschwer vom Sturm gejagt.

Und manchmal tief auch überm Rande
als dünner Ring am Horizont,
da wo vielleicht schon ferne Lande
ganz anders wolkig und besonnt.

Und dass man in der Mordskulisse,
wie die Natur sie aufgebaut,
Lebendiges auch nicht vermisse,
man hin und wieder Schiffe schaut.

Die kläglich allerdings wie Fliegen,
die in den süßen Rahm gefalln,
in dieser salz’gen Suppe liegen
und haben nichts, sich festzukralln.

An dieser grenzenlosen Weite,
die nichts dem Auge offenbart,
ich täglich meine Runden schreite,
beglückt durch ihre Gegenwart.

Schöne Nachtruhe

Schöne NachtruheNatürlich schweigt die Nacht hier tiefer,
so zwischen Berg geklemmt und Meer,
so zwischen Salz und Glimmerschiefer
und was da sonst zu finden wär.

Die Autos, nun, die hört man rauschen
gelegentlich noch gummileis,
doch muss man schon sehr lange lauschen
für diesen schwachen Hörbeweis.

‘s ist halt ein Städtchen an der Küste,
das friedlich früh sich schlafen legt
und seine lauteren Gelüste
nur heimlich unterm Laken pflegt.

Und was es hier, wie soll ich’s wissen,
an Kraken und Makrelen gibt,
schwimmt wohl schon in den Wasserkissen,
wo es ‘ne ruh’ge Kugel schiebt.

Vom Berg ist eh nichts zu erwarten,
der mausert zum Vulkan sich nie –
ein Tummelplatz für Kaffeefahrten
und winters für Seniorenski.

Nur in den Kneipen herrscht noch Leben,
wird noch getrunken und gelacht,
weil Fuchs und Has sich heiter geben,
eh sie sich sagen gute Nacht.

Dann paart sich Berg- mit Meeresstille,
dass man es kaum ertragen kann.
Ich rück zurecht die Lesebrille
und rufe meine Muse an.

 

Eine Art Kirchgang

Eine Art KirchgangWeit steht die große Pforte offen,
denn heute ist der Tag des Herrn,
und alle, die auf Christus hoffen,
besuchen ihn besonders gern.

Die kleinen Glocken hoch im Giebel,
sie sammelten die Schäfchenschar
so aufgeregt zum Wort der Bibel,
dass sie sich überschlugen gar!

Die eine klang ein bisschen heller,
die andre gab sich dumpf und tief –
und eiferten, wer denn wohl schneller
das Volk zur Frohen Botschaft rief.

Die Kirche, die von Wuchs bescheiden,
erweckt gleichwohl Bewunderung:
Die weißen Wände gut sie kleiden
und der Fassade kühner Schwung.

Die Glöckchen und das Kirchgebäude,
die ihr soeben kennen lernt,
sie stehn zu meiner großen Freude
nur einen Steinwurf weit entfernt.

Muss nur mich aus dem Fenster beugen,
und alles mir vor Augen liegt –
und kann der Muse so bezeugen,
dass blickfangfrische Kost sie kriegt.

Wird feindlich sie zur Kenntnis nehmen,
dass ich auf fremder Götter Spur?
Kein Grund, o Muse, dich zu grämen:
Mein Tempel heißt Architektur!

Leihlektüre

LeihlektüreSoll Unflat ich in Verse gießen,
mir Reime aus der Gosse holn,
dass auf dem Beet der Musen sprießen
Gewächse, die ‘ne Sau empfohln?

Zwar muss es mir nicht keimfrei bleiben,
was man zur Lyra singt, steril,
doch auch nicht jene Blüten treiben,
die seuchenhaft der Sex befiel.

Um es euch näher zu erklären:
Hier seht ihr der Lektüre Spur,
die, meine Leselust zu ehren,
von einem Freund mir widerfuhr.

Roman. Ganz oben auf der Liste,
die für Verkaufserfolg man führt.
Und doch die ewig gleiche Kiste,
geschickt nach Schema F geschnürt.

Man nehme reichlich Mittelalter,
bekannte Größen ihrer Zeit,
Halunken, Huren, Schatzverwalter,
‘ne Untat, die zum Himmel schreit

Sowie ‘nen Bock, der seinen Ständer
in jede keusche Jungfer schiebt,
‘nen bullenmäß’gen Samenspender,
der’s allen geilen Müttern gibt

Und zu ‘ner Story es verrühre,
die ein’germaßen glaubhaft klingt –
wie dieses Helden Wahrheitsschwüre,
die erst die Folter ihm erzwingt.

Ja, außer den besagten Samen
muss literweise fließen Blut,
denn nur in diesem feuchten Rahmen
macht so ein Bestseller sich gut.

Gern wird der Leser auch verkraften,
der ja viel Krauses schon verdaut,
Verschwörungen und Bruderschaften,
die kaum der Autor selbst durchschaut.

Am Ende löst in der Schmonzette
in Wohlgefalln sich alles auf.
Bewegt begibt man sich zu Bette
und träumt gewiss vom Folgekauf.

Als früher man noch gut geschrieben,
warn solche Szenen ein Skandal.
Heut kräht kein Hahn nach diesen Trieben.
Doch heißt die Kunst jetzt: trivial.

Schreibblockade

SchreibblockadeDa hab ich mich so schön gebrüstet,
als ob ein Klacks das Dichten wär –
und jetzt, da’s mich danach gelüstet,
wird plötzlich mir der Griffel schwer!

Die Worte wolln so recht nicht rollen
und stecken wo im Brägen fest –
statt auf dem Blatt herumzutollen,
verharrn im Hirn sie, ihrem Nest.

Heraus da, he, ihr faulen Brüder,
man braucht euch doch auf dem Parnass;
die Musen werden sonst noch prüder
und husten meinen Künsten was!

Indes Minuten ich vergrübel,
bring keinen Satz ich aufs Tapet.
Ob das der Anfang ist vom Übel,
dass alles mal zu Ende geht?

An der Umgebung kann’s nicht liegen,
die ist so, wie sie immer war:
Ein Wein, um tüchtig Dampf zu kriegen,
und eine Kerze. Sonderbar …

Muss ich mir ernstlich Sorgen machen
um meine werte Schaffenskraft?
Nein, da, sie scheint mir aufzuwachen,
sie flackert, glüht, hat wieder Saft!

Jetzt wird es wieder flotter gehen,
Schluss mit der öden Wurschtelei.
Mal schnell noch auf die „Strecke“ sehen –
o je, nun ist die Hatz vorbei!

 

Ein Rollentausch

Ein RollentauschDie Themen muss ich mir nicht suchen,
die gehn bei mir so aus und ein.
‘ne Flaute manchmal? Pustekuchen –
Verkehr wie beim Gesangsverein.

Kaum hab den Griffel ich gehoben,
da will er runter schon aufs Blatt,
sich gleich mit Versen auszutoben,
die so noch niemals man … ach, watt!

Im Notfall stürzt er sich aufs Wetter,
das bietet sich ja förmlich an,
weil es mal böser und mal netter,
dass schön man drüber schludern kann.

Zum Beispiel heute … Nicht schon wieder!
Das hatten wir so häufig schon!
Was Neues mal und nicht zu bieder –
‘ne lyrische Revolution!

Das ist nichts für den Kugelschreiber.
Zwar läuft er sich fast täglich heiß,
doch nur als geist’ger Sitzenbleiber,
der grade mal das Gröbste weiß.

So produziert er mir in Massen
das schönste Blech aus einem Guss.
Soll ich ihn deshalb fallen lassen?
Zur Antwort, bitte, lest den Schluss.

Will nicht den ersten Stein erheben
gegen dies Graue-Maus-Gekreiß;
ihr weiterhin ‘ne Chance geben
für eine Berggeburt – wer weiß.

Kleine Sinnkrise

Kleine SinnkriseRein gar nichts hast du um die Ohren,
nichts treibt dich morgens aus dem Bett.
Die ganze Welt hat sich verschworen,
dass sie dich nicht mehr nötig hätt.

Da dümpelst du in deinen Stunden
so ohne Halt und ohne Ziel,
an einen Anker angebunden,
der höchstens noch ein Pappenstiel.

Und krabbelst nur noch, um zu leben,
hältst aus Gewohnheit dich in Gang,
kannst nichts mehr aus den Angeln heben
mit Ehrgeiz und mit Tatendrang.

Für Kenntnisse und Qualitäten
hat man Jahrzehnte dich geschätzt;
nun bist mit Pauken und Trompeten
du in den Laienstand versetzt.

Darfst täglich deine Bude putzen,
füllst wöchentlich die Wäsche ein –
und kannst dein Staatsdiplom benutzen
als längst verblassten Heil’genschein.

Ein Leben wie an diesen Strippen,
die’s künstlich dir verlängern nur,
genauso gut, es wegzukippen
und auszulöschen seine Spur.

Wie aber sinnvoll es gestalten,
wo es an Pflicht doch fehlt und Fleiß?
Lass Geist und Körper nicht erkalten –
und mach dir nicht die Hölle heiß!

Alles schön

Alles schönIst das heut ein Pullover-Wetter –
im Hemd friert man sich einen ab!
Der Wind bläst richtig mit Geschmetter
und bringt den halben Strand auf Trab.

In Wolken fegt dir um die Ohren
der Sand, den fliegen er gelehrt –
wärst als Beduine du geboren,
du hättest dich nach Haus verzehrt.

Dabei ist wenig zu empfehlen
‘ne längre Reise übers Meer –
die Wellen starrn mit offnen Kehlen
und in der Brandung geht’s hoch her.

Was hat mich bloß hinausgetrieben
in diesen gänsehäut’gen Frust?
Wär in der Bude ich geblieben,
ich hätt so bibbern nicht gemusst.

Den Kopf bis in den Rumpf gezogen,
ertrug ich stoisch Korn um Korn.
Und immer neben mir die Wogen,
und immer schäumend wie vor Zorn.

So ist das halt mit den Touristen:
Kaum dass sie wo im Süden sind,
wolln auch ein Dasein sie dort fristen,
das für die Schattenseiten blind!

Will man nicht stets nach Hause melden,
wie man sich’s wohlergehen lässt?
Da ziehn sie als des Glückes Helden
doch gerne auch den Schal mal fest.

Bei Vollmond

Bei VollmondAls könnt man ihn mit Händen fassen,
so groß kommt heut der Mond daher.
Schon hat die Berge er verlassen
und schwebt verträumt in Richtung Meer.

Was mag wohl in ihm vor sich gehen,
wenn unter ihm dies schwarze Nichts,
in dem nur hier und da zu sehen
ein winz’ges Schiff als Pünktchen Lichts?

Wird er wie ich die Weite fühlen
und jener Wesen Einsamkeit,
die schwer sich durch die Wogen wühlen,
nur Wind und Wasser zum Geleit?

Doch wie? Muss er nicht selber kreisen
in noch viel größren Sphären da,
und ist kein Leuchtturm, ihm zu weisen
ein Ufer, heimatlich und nah?

Wir schwimmen ja auf schmalen Planken
mit etwas Dusel heil nach Haus
und solln dem Schicksal dafür danken.
Der Mond, der fährt nur immer aus.

Was will mir aber mehr gefallen:
zu leben für ‘ne Galgenfrist
oder als Klotz dahinzuwallen,
der nirgendwo zu Hause ist?

Ich werde sicher davon träumen,
dass mir der Schlaf sein Urteil spricht –
vom Mond in seinen ew’gen Räumen,
vom Kahn, der einmal wo zerbricht.

Still am Strand

Still am StrandWarum denn in der Bude hocken?
Zur Straße runter und zum Strand!
Noch kann der Sonne man entlocken
genügend Hitze für ‘nen Brand.

Gemächlich lässt die Blicke schweifen
man übers muntre Wellenspiel,
um nichts zu denken, nichts zu greifen,
wie eine Möwe ohne Ziel.

Bisweilen sieht man in den Fluten,
wie auf der Kimm ein Dampfer kraucht,
als wär’s ein Käfer, der Minuten
fürn halben Zentimeter braucht.

Doch immerhin ein Lebenszeichen
aus dieser Wüste, die da fließt.
Man lässt sich noch ein Bierchen reichen,
weil das Ereignis man genießt.

(Erkenntnis: Grad die kleinen Dinge
verschaffen uns den größten Spaß.
Nicht Löwenklau und Adlerschwinge,
die Maus bestimmt der Freude Maß!)

Wie immer wird die Zeit verrinnen,
auch wenn man nur so träge stiert,
dieweil bei jeglichem Beginnen
man unvermeidlich sie verliert.

Doch springt man hektisch nicht im Kreise
und rennt wer weiß was hinterher.
Behaglich döst der alte Weise
auf seinem Landsitz: Strand und Meer.