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Möwenmesse

MöwenmesseMan geht sich höflich aus dem Wege,
belässt dem andern sein Revier.
Am Strande hocken sie gern träge,
die Menschen da, die Möwen hier.

Und ist die Dämmrung angebrochen
und Kühle kriecht dir ins Gebein,
trollst du dich heim, um Tee zu kochen,
und lässt die Möwen Möwen sein.

Wer wird schon mit der Flinte zielen
auf diesen Tran, der Flügel hat?
Nach Bessrem wird der Jäger schielen,
des Angel schon sardinensatt.

Man lässt sie ungeschoren harren
und stört sie nicht beim Nachtgebet.
Oh, wie aufs Meer hinaus sie starren,
bis dieses Licht da untergeht!

Tagsüber sich an Fischen labend,
die mühsam sie im Flug erjagt,
genießen sie den Feierabend
wie alle, die die Arbeit plagt.

Und auch wie alle, die in Muße
Gedanken endlich Raum gewährn,
stehn gleichsam sie in stummem Gruße,
des Daseins Wunder zu verehrn.

Ein Maß von Andacht und von Staunen,
dass unsre Ehrfurcht es erheisch.
Die Wellen selbst hört man es raunen:
Die Möwe, mehr als nur Gekreisch.

Viel Meer

Viel MeerFantastisch, sich das vorzustellen,
dass man das Meer im Rücken hat –
‘s ist einer von den Wunderfällen,
der Arche gleich am Ararat.

Man muss nur auf die Karte gucken:
Europa, ohne Ende Land.
Wohin da auch die Leute spucken,
es trifft auf Humus oder Sand.

Sie können weiß der Teufel laufen,
bis ihre Sohlen abgewetzt,
und werden doch kein Wasser saufen,
das salzig ihre Lippen netzt.

Das Meer, das sie vielleicht ersehnen,
weil es nach Fernweh riecht und Tang,
mag es auch noch so weit sich dehnen,
liegt ihnen fern ein Leben lang.

Um die Kontur rings seiner Küste
kann locker man ‘ne Linie ziehn –
‘nen Strich, nichts Dünneres ich wüsste,
den die Natur uns selbst verliehn.

Da hocken, wie die Griechen sagten,
sie wie die Frösche um den Teich;
doch warn’s ein paar nur, die einst quakten,
sind’s heut noch wen’ger im Vergleich.

Ich hab das große Los gezogen
wie in der Weihnachtslotterie:
‘nen Logenplatz an Welln und Wogen –
und eine Decke übers Knie.

Licht aufgegangen

Licht aufgegangenAllein, den Abend zu verdenken,
sitz in der Stube ich und sinn,
und grad so schön beim Hirnverrenken
treibt jäh es mich zum Fenster hin.

War es das Kirchlein gegenüber,
war es die flache Häuserfront?
Es kam mir vor wie’n Nasenstüber
mit einer Masse Kilopond.

Als ob ich eingeschlafen wäre
und dadurch plötzlich aufgeschreckt,
obwohl, bei meiner Dichterehre,
hellwach ich doch und aufgeweckt!

Na, kurz und gut, so hochgerissen
von irgendeinem Impetus,
will ich auch unverzüglich wissen,
ob irgendwas ich wissen muss.

Ich mache also lange Schritte
und renne auf das Fenster los,
wobei ich mir nach alter Sitte
das Knie an einer Kante stoß.

Doch statt erhoffter Sensationen
liegt friedlich nur die Straße da;
die Knochen hätt ich können schonen –
kein Jux und kein Allotria.

Das Kirchlein und die kleinen Katen
und, gelb gedämpft, Laternenschein.
O je, jetzt hab ich es erraten –
der wahre Grund, das muss er sein!

Wechselbäder

WechselbäderMan kann nur übern Himmel staunen,
wie gegen Stillstand er sich wehrt
und ständig uns mit seinen Launen
ein andres Wetterchen beschert.

Da schickt er heute uns die Sonne
und morgen einen Regenguss
und knickt auch den bald in die Tonne
aus Eifer oder Überdruss.

Dann wieder kleistert er mit Nebel
die Stadt mitsamt der Landschaft zu,
als hätte heimlich er ein Faible
fürs Autofahrer-Blindekuh.

An seinen grummeligsten Tagen
versucht er es mit Schnee und Eis –
wem da die Beine mal versagen,
der landet sicher auf dem Steiß.

Den Wind benutzt er wie ‘nen Dimmer,
fährt gleichsam mit ihm Achterbahn:
von „langsam“ bis zu „kaum noch schlimmer“,
vom Lüftchen rauf bis zum Orkan.

Zumindest muss man anerkennen,
dass er aufs Handwerk sich versteht
und auf die Kunst, geschickt zu trennen,
was je nach Höhenlage geht.

Zum Beispiel heute an den Stränden
nichts als der strahlendste Azur;
doch unter schwarzen Wolkenwänden
die Gipfel, wenig weiter nur!

Letzter Dämmer

Letzter DämmerSo’n Sonnenabgang, meine Fresse,
das ist kein ew’ges Einerlei:
Heut Flammen, morgen Totenblässe;
nur Rosa jedes Mal dabei.

Gern würde ich euch hier beschreiben,
wie ich erlebt ihn eben jetzt –
doch will ich auf dem Teppich bleiben,
weil mir die Worte fehln zuletzt.

Nur dass von Farben überflutet
der Himmel, der so schön geblaut,
und aus ‘ner Wunde hat geblutet,
die mir der Horizont verbaut.

An langgestreckten Wolkenstreifen
hielt sich ein müdes Gelb noch fest,
das sich entschlummernd ließ umgreifen
von andrer Ockertöne Rest.

Das schwebte wie ein Regenbogen,
doch breiter und nicht ganz so bunt,
und waagerecht dahingezogen
weit übers nasse Erdenrund.

Dies aber lag in tiefem Staunen,
die Kiefer aufgesperrt zum Rand,
und zeigte mit ‘nem leichten Raunen,
wie rührend es das alles fand.

Ja, ist denn gegen solche Szenen
nicht mal der Ozean gefeit?
Ein ganzes Meer von Tränen,
das täglich er der Sonne leiht.

Alles lecker

Alles leckerSo kommt man Stück für Stück sich näher,
indem man jede Kost probiert
und sich als guter Europäer
und Küchenkenner profiliert.

Was heute Abend ich genossen
war zwar nicht spitzendelikat,
doch auch nicht blutig hingegossen
als rüde Speisemissetat.

Für ‘ne bescheidene Taverne
im Fischerviertel irgendwo
lag, unterhalb der Köchelsterne,
sie auf erstaunlichem Niveau.

Das Essen, es geriet zum Schlemmen:
Salat, Tostadas, Huhnragout –
kaum konnt den Appetit ich hemmen
und kriegte kaum die Kiefer zu.

Und das im schlichtesten Ambiente,
im anspruchslosen Kneipenlook –
‘ne Kutte statt der Paramente,
wenn ich es christlich mal beguck.

Am Tresen lümmelten sich Leute,
im Fernsehn lief ein Fußballspiel;
es ist ja schließlich Freitag heute
und das Lokal sein Pilgerziel.

Und um die Sache abzurunden,
an der ich mich so delektiert,
hab ich Geschmack auch noch gefunden
am Wesen, das sie hübsch serviert.

Schön finster

Schön finsterSpät hat es mich noch rausgetrieben,
ich weiß nicht, wieso grade heut;
es war gewiss schon weit nach sieben,
verklungen längst das Kirchgeläut.

Und längst in Finsternis versunken,
was hier auf engem Raum sich drängt –
die Berge oben, meerestrunken,
das Meer, das füßelnd sie empfängt.

Wortwörtlich wurd mir schwarz vor Augen.
Die Skala: Kohle, Pech, Asphalt
selbst schien mir nicht so recht zu taugen
für diesen dunklen Sachverhalt.

Es war, als ob sich eine Binde,
wie man sie braucht beim Blindekuh,
ganz fest um meine Schläfen winde
und hielte mir die Augen zu.

Durch diesen grässlich großen Rachen
zog zitternd sich ein helles Band,
dem blinden Wandrer klarzumachen
die Grenze zwischen Meer und Land.

Wie Hunde, die in wilden Sätzen,
vor weißem Geifer schäumend scharf,
vergeblich nach der Beute hetzen:
Die Flut, die sich aufs Ufer warf!

Doch mochte auch die Brandung toben,
die Nacht mich in die Hölle sperrn:
Ein Feuer stand, ein Leuchtturm droben,
ein Superlicht: der Abendstern.

 

Farbenspiel

FarbenspielMehr als ein Witz – ‘ne Katastrophe:
Ein Dichter, der in Wolken fliegt,
geladen hoch zum Musenhofe –
wobei die Tinte ihm versiegt!

Im Anflug auf parnass’sche Ehren,
da Pegasus so schön in Trab,
muss er das Wichtigste entbehren
und bricht die Reise erst mal ab.

Beginnt ‘ne fieberhafte Suche
(„Da muss doch wo ein Stift noch sein!“),
und nach dem üblichen Gefluche
fällt endlich ihm sein Standort ein.

Ich wusst es doch, hier dieser grüne
(„Wieso hab je ich Grün gewählt?“)
verhindert glücklich, dass der kühne
Gedankenflug sein Ziel verfehlt.

Heut muss ich mit dem Griffel leben,
doch morgen, wenn der Mittag graut,
sobald sich meine Lider heben,
wird nach ‘nem blauen ausgeschaut.

Am besten werd ich zwei erwerben,
dass ich auf Nummer sicher geh;
wird sich der eine dann entfärben,
na, wie ich dem ‘ne Nase dreh!

Ob da wohl falsche Töne schwangen
an dieser malerischen Naht?
Nein, offensichtlich gut gegangen –
das erste Lied im Farbspagat!

Schöner Standortwechsel

Schöner StabdortWenn ich den Blick mal nicht erhebe
und lass ihn auf den Block gebannt,
dann weiß ich nicht, was ich erlebe:
zu welcher Zeit, in welchem Land.

Die Perspektive war schon immer
am Abend mir aufs Blatt verkürzt,
dass ich von sonst nichts einen Schimmer
mich auf die Musen nur gestürzt.

Und ringsherum die Welt vergessend,
die weich sich um den Körper schlang,
nur Silben und nur Strophen messend
um ausgebuffte Reime rang.

Ein Weiser schon in alten Tagen,
der Feindschaft und Verbannung litt,
sprach: Aus dem Land könnt ihr mich jagen,
doch meinen Geist, den nehm ich mit.

Um wie viel mehr, möcht ich ergänzen,
wenn selbst man sich dazu entschließt
und weit von seinen Heimatgrenzen
der Fremde schönen Reiz genießt!

Ihr glaubt, jetzt habt ihr mich beim Wickel,
weil ich mir selber widersprech:
Die Welt vergess ich wie ‘nen Pickel,
wenn Gold ich aus dem Hirn erbrech.

Nein, dies fantastische Ambiente –
es wirkt ja heimlich, unbewusst,
und stärkt dem Sänger, der in Rente,
die alte Hieroglyphenlust!

 

Beinahe paradiesisch

Beinahe paradiesischEs hat mir immer schon gefallen,
wenn alles in den Federn liegt,
den Musen noch herauszulallen
ein Lied, das sie in Schlummer wiegt.

Doch fühl ich diesen Drang noch stärker,
seitdem ich von zu Hause fort,
entflohn dem nordisch kühlen Kerker
an diesen winterwarmen Ort.

Wir schreiben jetzt Novemberende,
für Nass und Nebel ja bekannt;
‘nen Regenschirm ich drauf verpfände:
Auch morgen sonnt man sich am Strand.

Statt dass Gewölk am Himmel wallte,
betupfen Schäfchen den Azur;
hoch in den Bergen der geballte
gewitterschwarze Nebel nur.

Von Kribbeln lediglich durchzogen
des Meers gewohnte Gänsehaut,
die statt bewegt in mächt’gen Wogen
von kurzen Wellen aufgeraut.

Seit Tagen keine starken Winde.
Die Palmen: Ohren angelegt.
Ein Lüftchen, friedlich und gelinde,
dass es noch Rosendüfte trägt.

So gleicht der Fleck dem Paradiese
in unsern Träumen wunderbar.
Indes nicht völlig ohne Krise –
‘nem Windstoß oder Schauer gar!