Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Unerschöpflich

UnerschöpflichNun ist es plötzlich Mai geworden
und glühender der Sonne Strahl.
Von Blättern, Blüten überborden
die Straßenbäume auf einmal.

Und die so lange nackt gestanden,
der Winterkälte ausgesetzt,
die heiß ersehnten Kleider fanden,
erst da sie überflüssig – jetzt.

Doch darin mag auch Weisheit liegen,
damit der Lenz sein Soll erfüllt –
auch Menschen eh’r auf Formen fliegen,
die ein Gewand geschickt verhüllt.

Ach, der Natur geheime Pläne,
wer hätte je sie eingesehn?
Erfreun wir uns der grünen Szene,
auch wenn nicht alles wir verstehn.

Und ist es nicht auch gut zu wissen,
dass ja der Anfang erst gemacht?
Nach den Magnolien, den Narzissen,
was kommt da noch an Blütenpracht!

In unterird’schen Magazinen
liegt so viel Nachschub schon bereit,
den ganzen Sommer zu bedienen
und selbst den Herbst ein Stückchen weit.

Wie gerne würd ich doch besingen
jedwedes Blümchen im Gedicht!
In tausend Jahrn möcht’s wohl gelingen –
ich fürchte nur, ich hab sie nicht.

Imponierend

ImponierendWie klein doch, was man aus der Ferne
mit großen Augen selbst beschaut:
Nur Sommersprossen diese Sterne,
vor deren Nähe es mir graut!

Ihr seht, die Nacht ist fortgeschritten,
die Dunkelheit hat zugelegt,
und Morpheus sattelt seinen Schlitten,
auf dem er Säcke Sandes trägt.

Ich sitz noch wach in diesem Winkel,
den ich seit Jahren okkupier –
wo ich des Tags mit Kohl und Pinkel
und nachts mit Versen rumhantier.

Mein Musensüppchen heut zu kochen,
fällt allerdings mir ziemlich schwer,
denn dauernd werd ich unterbrochen
abscheulich von der Straße her.

So’n Psychpath mit ‘nem Boliden
jagt diesen ständig um den Block –
mit Vollgas durch den Abendfrieden,
auf dass er brave Bürger schock.

Da kommt er wieder um die Ecke,
rast bis zur Ampel, hält nicht groß,
nur kurz macht diese ihn zur Schnecke,
kaum gelb, schon rast er wieder los!

Was sind ihm Sterne, was Gedichte?
Dumm Tüch; wenn nur der Motor röhrt!
So donnert er durch die Geschichte:
kein Zweck, kein Ziel – doch weit gehört.

Zur Maifeier

Zur MaifeierMein träges Fleisch hielt in der Stube
den ganzen Tag mich heute fest
wie’n Häschen in der Wiesengrube,
das sich aus Furcht nicht blicken lässt.

Was in dem Sinn auch zu verstehen,
dass Menschenmassen ich nicht mag –
und dieses Kommen, dieses Gehen
zum Kirchen- und Gewerkschaftstag.

Geschirmt von dicken Altbauwänden
von dem, was im Quartier geschieht,
ließ ich die Ruhe mir nicht schänden
von Lohnappell und Lutherlied.

Doch hab ich schon auf meine Weise
des heut’gen Feiertags gedacht –
des Mittelstands, der still und leise
fast an den Bettelstab gebracht.

Und der Millionen, die gesunken
in den Schlamassel tiefer noch,
indes ein Häufchen von Halunken
sein Geld versteckt im Steuerloch.

Auch der Pastorn, die unverdrossen
erwärmen uns den gleichen Papp,
als wär viel Wasser nicht geflossen
den Jordan mit der Zeit hinab.

Na ja, das waren so Gedanken –
doch kam nicht auch was raus dabei?
Ein bisschen Stille wollt ich tanken –
und zapfte Zeiln zum 1. Mai!

Kleines Bekenntnis

Kleines BekenntnisAm Firmament die trauten Lichter
im rauen Hauch Gewölks erstickt;
der Himmel wie ein einz’ger Trichter,
aus dem die schwarze Tiefe blickt.

Was soll der Nacht ich abgewinnen,
wenn sie nicht funkelt und nicht blinkt;
wie meinen Musenfaden spinnen,
wenn mir kein Stern ‘nen Schimmer bringt?

Da heißt’s die eignen Kräfte sammeln
und höh’re Hilfe gern entbehrn –
aus voller Brust, und sei’s nur Stammeln,
sein schluchzend Herz nach außen kehrn.

Doch wem und was soll ich bekennen?
Das Feld der Liebe liegt ja brach,
und keine Leidenschaften brennen,
nicht einmal ältere noch nach.

Auch will ich Augustin nicht gleichen,
der Gott als Sünder sich bekannt
und noch die kleinsten Kellerleichen
demselben groß und breit genannt.

Doch liegt mir daran, zuzugeben,
was ich bisher verhehlt der Welt:
dass dieses müß’ge Rentnerleben
mir manchmal auf die Nerven fällt.

Am Tag erled’ge ich die Dinge,
wie sie im Haushalt stets getan;
zur Abendunterhaltung singe
ich Lieder mir als eigner Schwan.

Doch ist nicht Dichten so wie Golfen
ein Zeitvertreib gesetzter Herrn,
die lendenlahm und unbeholfen
sich gegen die Verrostung sperrn?

Wie gerne schlüg ich meine Zeilen
nicht ungelenk ins Blaue nur,
bloß um ein Steckenpferd zu reiten,
das angesehen und à jour!

Am liebsten wäre mir, sie schafften
in tausend Herzen es hinein,
um da wie Kletten anzuhaften
und ihnen Ohrwurm stets zu sein.

Das würd ein wenig mich versöhnen
mit dem Retour zum Kinderspiel:
Die Welt verbessern und verschönen –
ach, auch für Rentner noch ein Ziel!

Auf Etiketten achten

Auf Etiketten achtenWenn ich doch seine Kunst erreichte,
so innig und so delikat,
die Pinselführung, diese leichte,
die Töne fein, doch niemals fad!

Ein Meister unsrer alten Zeiten,
dem gern ich nachgeeifert hätt:
Da seh ich rot und schwarz sich breiten
den Namen auf dem Etikett.

Man hat ihn einem Wein gegeben –
sei’s, weil Int’resse er erregt,
sei’s, weil der stolze Herr der Reben
zufällig just den gleichen trägt.

Wie immer auch, der gute Tropfen
macht seinem Schöpfer alle Ehr;
den Keller damit vollzustopfen,
fürn Kenner keine Schande wär.

Im Übrigen hab ich befunden
in Colmar mich vor Jahr und Tag –
vor der Madonna, die umwunden
dornröschengleich im Rosenhag.

Womit nun endlich auch die Frage
geklärt wär, was geschrieben steht:
„Schongauer, Martin“. Beste Lage
für Traube und für Malgerät.

So möge er uns stets erhalten
lebendig im Gedächtnis sein –
wenn nicht als Meister unsrer Alten,
so wenigstens als guter Wein.

Rentner-Stillleben

Rentner-StilllebenDas Wetter: keine Eskapaden;
auch sonst nichts, was der Rede wert.
Den Tag geschaukelt ohne Schaden,
zumindest hier am heim’schen Herd.

Zum Einkauf kurz mal raus gewesen
und frischen Proviant gefasst;
viel Kaffeetrinken, Schmökerlesen,
auch Nachrichten mal abgepasst.

Und nachgeguckt, ob eingegangen
an Post was von Bedeutsamkeit –
auf analogem Weg, dem langen,
oder in Elektronenzeit.

Sonst auf dem Bärenfell gebettet,
von allerlei Motorn umröhrt;
nein, Wäsche zwischendurch geplättet
und dabei Händel zugehört.

Ein Auszug aus dem Rentnerleben,
der keine Überraschung birgt.
So oder ähnlich ist das eben,
wenn man am Tuch der Muße wirkt.

Man wird ja nicht mehr angetrieben,
ist auf Gelassenheit gepolt.
Was heute ungetan geblieben,
wird…irgendwann mal nachgeholt.

Das gilt nicht weniger fürs Dichten.
Bevor es mir Beschwerden macht,
will lieber ich darauf verzichten.
Man sieht sich, tschüs. Und gute Nacht!

 

Geleitzug

GeleitzugAls grad ich aus dem Fenster schaute,
nur einfach so und vor mich hin,
sah ich die Straße, die vertraute –
und jäh ‘nen großen Fisch darin.

Ja, einen von der Riesensorte,
der gerne mit Gorillas schwimmt,
das heißt mit Bodyguard-Eskorte,
adrett auf Reih und Glied getrimmt.

Er also sicher in der Mitte,
geschützt wie’n Steinzeit-Unikat,
und rings (nur fähige und fitte)
die Bulln auf ihrem Blaulicht-Krad.

Und schon vorbei die Karawane,
Sekunden währte nur der Spuk –
es düst mit einem Affenzahne
wer weiß wohin der bunte Zug.

Der muss an keiner Ampel halten
und treibt die Schafe aus dem Weg –
so sah ich ‘nen Gewalt’gen walten
mit allem Pomp und Privileg.

Ich konnt ihm nicht ins Auge blicken,
zu weit war ich von ihm getrennt.
Doch wer denn sonst macht solche Zicken,
wenn nicht der höchste Präsident?

So einen kann man nur beneiden;
sein Abgang selbst wird einmal stark:
In Schwarzrotgold wird man ihn kleiden,
ein Adler hüten seinen Sarg!

Kürzer treten

Kürzer tretenOh, alles kann man kürzer sagen –
doch gilt das auch für ein Gedicht?
Informationen übertragen –
so dröge ist sein Zweck doch nicht.

Zwar will es etwas uns verkünden,
doch nicht als Fakt wie’n Paragraf
und auch nicht wie ein Herr von Pfründen
dem frommen Volk im Kirchenschlaf.

Es will sich nur der Dinge freuen,
nicht nüchtern und nicht salbungsvoll,
ein Sträußchen bunter Blumen streuen
ins strenge Lebensprotokoll.

Sollt aber dies ihm kurz gelingen,
dann zügle es der Verse Lauf!
Euch reicht es schon mit meinem Singen?
Hurra, dann höre ich jetzt auf!

Störenfriede

StörenfriedWohl zigmal hat die Uhr geschlagen,
ich hab es aber nicht gehört.
Ein Reimwort lag mir auf dem Magen.
Brauch wohl ‘ne Kuckucksuhr, die röhrt.

Ein Wunder, dass so weltvergessen
ich überhaupt hier hocken kann!
Die Gegend habe ich gefressen
(des Lärmes wegen) dann und wann.

Nicht nur, dass die normalen Kisten
hier in der City grad sich scharn,
nein, hier verlaufen auch die Pisten
für Flitzer, die mit Blaulicht fahrn.

Und sei das Licht auch noch so leise,
umso gewalt’ger dröhnt das Horn –
und kaum verklungen diese Weise,
beginnt da hinten sie von vorn!

Am liebsten würd ich mir verstopfen
die derart malträtierten Ohrn;
doch wär mit so ‘nem Abstellpfropfen
ja auch das Telefon verlorn!

Das ist der Stoff für Trauerspiele:
Mach, was du willst, es ist verkehrt.
Selbst in ‘nem andren Domizile,
wer weiß, was da dir widerfährt!

Du musst dich in dein Los ergeben,
in alles auch, was trüb und trist.
Der wunde Punkt, das ist das Leben;
es juckt, bis es zu Ende ist.

Kontraste

KontrasteJa, wenn ihm so die Backen schwellen,
von Licht gefüllt bis an den Rand,
dann heißt es, dass die Hunde bellen –
aus Gründen, die noch unbekannt.

Und dass sensiblere Naturen,
so habe selber ich’s gehört,
schon öfter aus den Träumen fuhren,
weil dieser Schimmer sie gestört.

Dann soll es sogar Fälle geben,
auch dies ist kein Geheimnis mehr,
die aus den Federn sich erheben
und gehn dem Leuchten hinterher.

So wird noch dies und das gemunkelt,
was abergläub’sche Furcht verrät
und seinen guten Ruf verdunkelt,
grad wenn er sich am schönsten bläht.

Doch weckt er uns nicht auch Gefühle
von wunderbarer Seligkeit?
Da unten bei der Wassermühle,
da oben, wo der Adler schreit…

Und hier, wo ich ein Wesen halte
umschlungen mit der Liebe Arm –
o dass er nimmermehr erkalte,
des Silberlichts betör’nder Charme!

Romantik – doch für Wald und Heide!
Hier in der Stadt ist das nicht drin:
Der Vollmond, sonst ‘ne Augenweide,
tappt trostlos über Dächer hin.