Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Kleiner Unterschied II

Kleiner UnterschiedJa, ja, ihr müsst euch nicht bemühen,
ich weiß schon, was ihr sagen wollt:
Dieselben Sterne sind’s, die glühen,
derselbe Mond ist’s, der da rollt.

Der Bruder und die tausend Schwestern,
natürlich bleiben die sich gleich,
sind selbst auch sie nicht die uns gestern
gestrahlt vom hohen Himmelreich.

Doch werden sie nicht drunter leiden,
dass wieder sie ‘nen Tag verlorn,
sie können ewig weiter weiden
und ewig weiter ungeschorn.

Die Schafe aber, die hienieden
das Bittergras der Erde kaun,
gehn ein bald in den letzten Frieden,
um weiß der Teufel was zu schaun.

Da drüben diese Hausfassaden:
wie Zeit, in Glas und Stein geprägt,
und hängt doch schon am seidnen Faden
ein jedes Herz, das da wo schlägt.

Das ew’ge Gleichmaß unsrer Tage,
die Stunde, die nur heimlich flieht,
verschweigen, dass die Lebenswaage
beständig uns zu Boden zieht.

Und eines Tags, die Sterne rollen,
der Mond glüht wieder rosig frisch,
ist der Poet im All verschollen.
Ein Weinfleck trocknet auf dem Tisch.

Nachbar Noah

Nachbar NoahDa liegen friedlich sie und schnarchen
sich von des Tages Sorgen frei
in ihren fest vertäuten Archen
fernab vom Immobilienhai.

Und keine Sintflut kann sie schrecken,
kein Blitz, der aus den Wolken fährt,
kein Donner sie aus Träumen wecken,
der sie das große Fürchten lehrt.

Die städt’schen Fluten eher nippen,
Naturgewalt ist zahm und matt;
kein Schiff zerschellt hier an den Klippen,
keins landet auf dem Ararat.

Die einzigen Erschütterungen,
die Angst bereiten und Verdruss,
entstehn, wenn höher sich geschwungen
die Miete, die man löhnen muss.

Was allerdings nach fester Regel
sie rhythmisch immer wieder tut,
indem ihr Spiegel und ihr Pegel
nach oben rückt in Richtung Flut.

So füllt der Hai sich seine Scheuer –
Tribut, dass er nicht tödlich beißt
und dieses Archenabenteuer
mit weitem Rachen nur umkreist.

Das Gute nur bei allen Lasten,
wie sie beharrlich sich erhöhn:
Ich halt’s wie Noah mit dem Kasten
und trink ihn mir mit Trauben schön.

 

Farbwechsel

FarbwechselBaron von Crailsheim, hab die Ehre!
Visitenkarte: Kabinett.
Ob ich den Zutritt ihm verwehre?
Geschmack macht Eitelkeiten wett!

Ein Müller-Thurgau, dröge Sorte,
in einem Beutel aufgebockt,
kam heut mir an die Musenpforte
der Küche, wo ich grad gehockt.

Ich hab ihn reserviert empfangen
und von der Seite erst beschielt,
weil meines Weines Farbverlangen
zurzeit ins Rötliche mehr spielt.

Doch soll man nicht zu kleinlich denken –
der Gaumen fäll das Urteil hier:
ob ihm das Gastrecht sei zu schenken,
ob man hinaus ihn expedier.

Und auch das Hirn soll bei der Sache
noch sprechen ein gewicht’ges Wort:
ob denn die Fantasie erwache
in seinem Oberstübchen dort.

Nach ein’gen Gläsern, die ich wegen
just dieser Frage nur probiert,
muss ich erkennen, dass der Brägen
wie auch die Kehle ihn goutiert.

Doch muss die Lyra drunter leiden?
Nun, was des Safts Ertrag betrifft,
magst du, Geneigte, selbst entscheiden –
lies einfach diese Niederschrift!

Nachwachsen

NachwachsenMit einem Mal ist es verschieden,
das Kerzchen, unbeachtet fast,
und aus dem wächsern-weißen Frieden
reckt sich des Dochts verkohlter Ast.

Was hab ich ihm nicht zu verdanken,
der kleinen Flamme treuem Wirt,
wenn nächtlich ich auf morschen Planken
durchs Meer der Fantasie geirrt!

So wie in Finsternis ein Feuer
den Weg uns weist zum sichren Strand,
so war es Stütze mir und Steuer,
damit ich immer Boden fand.

Doch nicht in ungewisser Weite
stand fest und segensreich es da,
es glomm mir ja direkt zur Seite,
rechts vor mir und zum Greifen nah.

Und nicht wie an der fernen Küste
der Leuchtturm nur die Richtung leiht –
mein Lichtlein stillte auch die Lüste
nach Wärme und Behaglichkeit.

Ist es auf ewig mir verloren,
dies Flämmchen, still und musenfromm,
dass ich nie wieder ungeschoren
in des Poeten Hafen komm?

Ein neues rasch ich mir erwähle
als meiner Fahrten Schirm und Schild –
auch dies der Glut in meiner Seele
sich stets verzehrend Ebenbild.

 

Mobil

MobilBisweilen wälzen sich noch Wagen
die asphaltierte Piste lang,
um Leute durch die Nacht zu tragen
mit ungebrochnem Tatendrang.

Oder, was weiß ich, auch nach Hause,
wo ihre Puschen deponiert
und man die Feierabendpause
mit einem Gruselfilm goutiert.

In jedem Fall, die Blechschatulle,
von jedermann geschätzt wie Gold,
gemütlich oder volle Pulle
die Menschheit durch die Gegend rollt.

Bequem, mit wetterfester Haube,
erreicht sie Ziele nah und weit –
daher der immobile Glaube
an ihre Unentbehrlichkeit.

Doch bringt sie leider auch Blessuren
bis hin zur letzten, die entseelt;
in unsern Städten, unsern Fluren
ruhn ihre Opfer ungezählt.

Und wie sie die Natur zerschnitten
mit tausend Wunden kreuz und quer,
dass Mensch und Tier darunter litten,
als ob’s nicht mehr die ihre wär!

Doch davon will man lieber schweigen,
nur ihres Nutzens eingedenk –
und sich trojanisch dankbar zeigen
für Daimlers Danaergeschenk.

Mal raus

Mal rausEin wolkenloser Himmel spannte
sich faltenfrei und seidenblau
von einer bis zur andern Kante
des Horizonts als Unterbau

Und lag in selbstvergessner Wonne
in alle Winde ausgestreckt,
und nur das Flammengold der Sonne
hat brandig ihm sein Fell befleckt.

Noch hauste Schnee an vielen Stellen,
wo das Gestirn ihn nicht erreicht,
doch wo die Strahlen dichter quellen,
war alles matschig aufgeweicht.

Die ersten Haselkätzchen hingen,
der lichten Seite zugewandt,
doch noch mit frostig-steifen Schwingen
in diesen kühlen Hauch gebannt.

Noch hat er seine Friedenstaube
dem milden Frühling nicht geschickt,
noch herrscht der Winter in der Laube,
die grämlich übers Ufer blickt.

Doch trocken war’s, und tausend Füße
sich tummelten auf Stock und Stein –
wie sollt ich auf des Bummelns Süße
denn da nicht auch begierig sein?

‘ne Mütze Frischluft um die Nase,
‘nen Kaffee dann im Hähnchengrill.
Da saß der Ostermontagshase
beim Eiergrog. April, April!

Innovation

InnovationNun bin ich ja schon dreißig Jahre
an diese Bude angedockt,
die mir nicht nur die meisten Haare,
auch manchen Seufzer schon entlockt.

Der größtenteils indes gegolten
Erscheinungen der Außenwelt,
die mich nicht leben lassen wollten
so ungestört, wie’s mir gefällt.

Hier drinnen, muss ich ehrlich sagen,
da drückte weniger der Schuh
und förderte mein Wohlbehagen
die wandellose Friedhofsruh.

Doch heute in des Tages Helle
und nicht gehemmt von Damm und Deich,
schlug über mir ‘ne Mikrowelle
zusammen, ‘nem Kaventsmann gleich.

Gestiftet von ‘nem lieben Wesen,
das immer Gutes nur im Sinn.
Nun muss ich Instruktionen lesen,
damit ich nicht ersauf darin!

Was ich schon jetzt begriffen habe:
Geht es um Reis und um Ragout,
braucht’s mehr als nur die schlichte Gabe
des „Klappe auf und Klappe zu“!

Da ist ein Arsenal von Knöpfen,
mit denen klug sich’s reguliert,
was, wann, wie, wo in welchen Töpfen
man richtig mikroonduliert.

Und lang die Liste der Vergehen,
die enden in ‘nem Strafgericht –
da kann man Würstchen platzen sehen
und wie ‘nem Ei die Pelle bricht!

Da überschäumen tolle Tunken
mit hitz’ger Wut den Tellerrand,
da liegt, zum Häufchen eingesunken,
des Sauerbratens Leichenbrand!

So’n Apparat zu kommandieren
geht nicht mal eben hoppla hopp;
man muss ein Weilchen drauf studieren,
und selbst als aufgeweckter Kopp.

Drum lässt in diesen schönen Zeiten
man auf Gedeih sich und Verderb
vom Bruder Digitalis leiten,
dass man der Technik Himmel erb.

Doch bald werd selber ich begreifen,
wie sich’s korrekt erhitzt und grillt.
Der Dichter muss zum Fachmann reifen,
damit er seinen Hunger stillt!

Nur auf dem Musenticket reisen
bringt heute höchstens Kohldampf ein.
Im Leben muss man sich beweisen –
poetisch wie ein Sparverein.

Vorgefühl

VorgefühlSchon liegt der Schmelz der Osterfeier
balsamisch auf der stillen Stadt,
die nur Verstecke noch für Eier
im auferstandnen Glauben hat.

Karfreitag morgen. Heil’ger Name
und Eingangstor zum großen Fest,
da uns der buntgemalte Same
des Huhns Erlösung hoffen lässt.

Erstorben schon die dunklen Pfade,
auf denen sich der Mensch ergeht,
und damit auch die Blechblockade,
in der so viel er sitzt und steht.

Vor uns die schönen freien Tage,
enthebend uns der sauren Pflicht
und nur des Eis versteckte Lage
uns angenehm den Kopf zerbricht.

Noch hält mit heißen Frühlingsgrüßen
die Sonne launisch sich zurück,
doch tilgte unter unsern Füßen
den Schnee sie schon ein gutes Stück.

Man wird sich um die Feuer drängen,
die lodernd in die Flur gestreut
wie Vieh mit rotbunt-blut’gen Fängen,
das glüh’nde Gräser wiederkäut.

Man wird die Tücher enger schlingen,
um einen warmen Hals bemüht,
und manchmal in die Kehle zwingen
ein Tröpfchen, das sie rasch durchglüht.

Man wird die Scheite knistern hören,
da fröstelnd man die Hände reibt,
und sehn, wie Geister sie beschwören,
die Schatten, die das Licht beschreibt.

Man wird mit aufgerissner Seele
in dieses Flammenwunder stiern
und wünschen, dass es weiterschwele,
wenn wir im Alltag uns verliern.

Indessen wo mich selber finden
in diesem monotonen „Man“?
Mitmachen oder mich entbinden,
weil dieses Ostern mich mal kann?

Ich werd’s auf meine Weise ehren
mit Inbrunst und Genuss dabei –
und werd beim Morgenmahl verzehren
Café und Fünf-Minuten-Ei!

Stillleben

StilllebenSäh mich ein alter Niederländer,
er hielt gewiss sich nicht zurück,
griff Leinwand sich und Staffelständer
und malte mich als Küchenstück.

Ein Tisch mit glattgewachster Decke,
die speckig glänzt im Kerzenschein,
mit Würfelmuster, ohne Flecke,
blitzblank geputzt und besenrein.

Darauf, auf zinnernem Tablette,
die Flasche mit dem Rebensaft,
aus wohlbekannter Anbaustätte
vom Mittelmeer herbeigeschafft.

Ein Glas, nach älteren Begriffen
bescheiden eher, ohne Zier,
steht gleich daneben, ungeschliffen,
doch mit dem feinsten Elixier.

Und rings um diese lichte Insel,
die sacht sich wiegt im Strom der Zeit,
bleibt unsres Meisters kund’gem Pinsel
nur noch das Lob der Dunkelheit.

Doch was an Leben fehlt dem Tische,
den nur der Stille Hauch umweht,
legt jener funkelnd und mit Frische
in seiner Stoffe Qualität.

Gut, dass nur tote Gegenstände
auf diesen Schöpfungen zu sehn:
Betracht ich meine Dichterhände –
was wär an Falten fotogen?

Hoch hinaus

Hoch hinausNun, die bedeutendsten Figuren
auf diesem ganzen Erdenball
sind Investoren, deren Spuren
von großem Eindruck überall.

Nicht dass sie Kuhlen hinterließen,
zwar sichtbar, doch wie Füße klein,
nein, Häuser, die zum Himmel schießen,
den Babyloniern nah zu sein!

Und zwar so hoch, dass sie verdunkeln
die Sonne uns am lichten Tag –
was mehren soll, wie manche munkeln,
des Architekten Reinertrag.

Politiker, seit ew’gen Zeiten
dem Kolossalen sehr geneigt,
mit Steuergeldern gern bestreiten,
was sich an Folgekosten zeigt.

Raff der Investor Geld in Haufen,
sie kommen damit gut zurecht;
Leuchtturmprojekte, die verkaufen
im Wahlkampf nämlich sich nicht schlecht.

Konsens herrscht also, zuzupflastern
Natur, zum Bauland degradiert,
und den zu rühmen in Katastern,
der mit dem Bagger gern hantiert.

Erbau’n, verkaufen und vermieten:
der Investoren Lebenstraum
vom Glück der steigenden Renditen
für Fläche und genutzten Raum.

Dass Lebensraum sie so vernichten,
der Wesen angestammten Platz,
sie meinen, locker es zu richten –
mit ein paar Blümchen als Ersatz!

Der Bürger, der im Angesichte
des steinernen Kolosses wohnt,
begreift sehr schnell, dass die Geschichte
für ihn sich auch nicht grade lohnt.

Ließ sonst er gern die Blicke schweifen
bis weithin übers Häusermeer,
muss Fernsicht er sich nun verkneifen,
ein Riesenklotz kommt ihm da quer.

Und während so des Städters Kehle
stets wen’ger Luft zum Atmen hat,
erfrischt der Bauherr seine Seele
am weiten Strand von Trinidad.

Doch was, wenn jemand seiner Güte,
das heißt nur auf Profit bedacht,
der Insel unberührte Blüte
zum Opfer seiner Baulust macht?

Wahrscheinlich würd er sich empören,
dass man sein Paradies ihm klaut,
obwohl im Paradies-Zerstören
er selbst doch reichlich vorgebaut.

Und wenn verbraucht einst das Gelände
und nichts mehr bleibt zum Betoniern?
Was soll’s! Dann wird er halt am Ende
in Dachbegrünung investiern!