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Phasenweise

PhasenweiseDenn frisch gewagt, ist halb gewonnen –
ein neues Lied stimm ich hier an,
kaum dass das alte ich begonnen,
das rasch zu Versen mir gerann.

Der Mond hat mich dazu getrieben,
der lang nicht meine Nacht geteilt,
doch heut im Kreise seiner Lieben,
der Sterne wieder mal verweilt.

Wie hohl indessen seine Wangen,
wie bleich am dürren Leib die Haut,
die ich in ros’gem Gelb noch prangen
beim letzten Rendezvous geschaut!

Er kann es nun einmal nicht lassen:
Andauernd diese Licht-Diät –
nur halbe Ladung Sonne fassen,
auch wenn der Bauch nach mehr ihm steht.

Sich immer irgendwas verkneifen,
das macht doch keinen richtig froh.
Wann wird er je ihn bloß begreifen,
den Auf-und-ab-Effekt „Jojo“?

Nur ein paar schlappe Wochen weiter,
dann hat er wieder drauf den Speck –
und unser Mond, kein’ Deut gescheiter,
er hungert ihn sich wieder weg!

Doch wolln wir uns mal ehrlich fragen:
Gleicht er den Menschen nicht so weit,
dern voller oder leerer Magen
auch ewig so im Widerstreit?

 

Beste Lage

Beste LageDer Rote, den ich heut genieße,
wie zärtlich er die Kehle küsst,
statt dass nur rasch und rau er fließe
als nie zu stillendes Gelüst!

Natürlich wollt ihr gerne wissen,
was das denn für ein Tropfen sei
und wo ein solcher Leckerbissen
auf Bacchus’ Erde denn gedeih?

Nun, da ich keine Werbung schalte
im Handwerk, das ich hier betreib,
verzeiht, wenn ich’s für mich behalte
und flüsternd nur „Sizilien“ schreib.

Des Ätna Feuer in den Adern
und dennoch auch bukolisch mild –
doch will ich hier nicht groß salbadern,
was euren Durst ja auch nicht stillt.

Mit einem Wort, mich zu beflügeln,
kommt mir die Rebe grade recht
von ihren sonnetrunknen Hügeln,
wo Tyros’ Söhne schon gezecht.

„Schon fühl ich höher meine Kräfte…“,
wie Goethe sprach voll Dynamit,
dass ich mich an die Verse hefte
des alten Schäfers Theokrit

Und selbst auf dieser winz’gen Weide,
der Küche kachligem Geviert,
demselben nicht die Fülle neide
der Strophen, die er komponiert.

Denn grad im Fortgang dieser Flasche,
die unaufhörlich sich vertropft,
schwillt immer mehr des Waidmanns Tasche,
in die er seine Beute stopft.

Ich nehm dies als ein gutes Zeichen,
dass er ‘ne sichre Hand gewährt,
und werd das Zeug nicht eher streichen,
als bis es sich von selbst geleert.

Noch bleibt ja Zeit zu diesem Ziele,
noch steht die edle Flüssigkeit
hoch überm gläsern-runden Kiele
ich schätze mal drei Fingerbreit.

Das reicht ja noch für zwei, drei Zeilen,
selbst wenn ich zügig sie verzehr
und, ohne groß mich zu beeilen,
mit Sicherheit noch fürn paar mehr.

Doch will ich euch nicht weiter quälen
mit meinem Schaffens-Alphabet
und geh jetzt lieber Schäfchen zählen –
auch ich ein Pastoral-Poet.

Gastfreunde

GastfreundeDie gleiche Szenerie wie gestern,
vor-, vorvorgestern und, und, und…
Ich sitz bei meinen Musenschwestern
und pflege unsern Künstlerbund.

Denn wie sie’s immer schon gehalten:
Sie bringen Pegasus auf Trab
und steigen, göttliche Gestalten!,
in meiner dürft’gen Hütte ab.

Und so betretend meine Schwelle
und mein bescheidenes Gelass,
erheben sie zur Außenstelle
dasselbe gleichsam des Parnass.

Auch er muss mit der Zeit ja gehen,
dass er nicht Jüngerschaft verlier,
und nicht so kleinlich mehr drauf sehen:
„Was ist denn das für ein Quartier!“

Ich will dem Berge nicht bestreiten,
dass reicher er an Pomp und Pracht,
doch etliche Bequemlichkeiten
stehn nicht einmal in seiner Macht.

Die Damen scheinen es zu schätzen,
wenn’s auch zu sagen sie sich ziern,
dass selbst in ihren dünnen Fetzen
im Winter sie bei mir nicht friern.

Kamin und Scheite? Nicht vonnöten.
Nur Heizungsrippen, steif und stumm,
die sich zwar nicht romantisch röten,
doch Wärme streuen ringsherum.

Anstatt der Flammen, züngelnd, zischend,
anstatt des Spans, der knirscht und knackt,
glüht hier ein Lichtchen, das erfrischend
gedämpft an seinem Dochte zwackt.

Auch Nektar heißt’s hier nicht entbehren,
wenn auch nicht echt nach Götterart,
doch nach den Flaschen, die sie leeren,
trifft sie der Unterschied nicht hart.

So plaudern wir ‘ne ganze Weile
an meines Heims Elekroherd,
bis unvermittelt, Zeus!, zur Eile
das Trüppchen treibt sein Flügelpferd.

Und schon sind sie davongeflogen,
kaum dass sie noch Adieu gehaucht,
und neunfach fühl ich mich betrogen
um diese Muse, die man braucht

Um sich was Feines auszudenken,
das kunstvoll man in Zeilen gießt,
es einem Publikum zu schenken,
das es begeistert lobt und liest.

Nur Leergut hat man hinterlassen
an Buddeln, Gläsern und so fort;
jetzt erst einmal ‘nen Feudel fassen
und rundherum klar Schiff an Bord!

Weg mit den Resten und den Flecken –
anstatt des Stifts herrsch nun das Tuch!
Den Barden morgen wieder wecken,
am Abend, wenn sie zu Besuch!

Weitermachen

WeitermachenVersteht den Zauber dieser Stunde:
In schwarzen Flor gehüllt die Nacht
und auf dem feingewirkten Grunde
Millionen Perlen angebracht

Die endlos goldne Funken sprühen –
wie Sonnenstrahlen auf dem Meer,
bevor im Dämmer sie verglühen
oder in See, vom Winde schwer.

Der Mond natürlich, die Laterne
in seiner bleichen Knochenhand,
wie er da sucht im Wust der Sterne
nach seiner Piste unverwandt.

Und unterm himmlischen Geschehen,
das in erhabnen Sphären spielt,
lässt sich ein Stückchen Erde sehen,
das träge schon nach Träumen schielt.

Die meisten Lider sind geschlossen
in der Fassade Steingesicht,
nur hier und da noch ausgegossen
Gevierte mit getrübtem Licht.

Mit diesem Dunkel, aufgezogen
wie ein Gewitter aus dem Nichts,
ist auch die Wirklichkeit verflogen
zu einem Bild des Weltgerichts.

Muss man nicht umso schneller dichten,
von banger Ahnung so bedrängt?
Papier will auf Papier ich schichten,
bis man die Bäume höher hängt!

Nachtlied

NachtliedIm Haus hier alles stumm geschaltet.
Mensch und Gerät, sie ruhn zur Nacht.
Mein Stift nur, der noch nicht erkaltet,
unhörbar die Geräusche macht.

Die Nachbarn, jünger noch an Jahren,
sind schon zum Schlafen abgetaucht,
denn früh heißt’s in die Puschen fahren,
weil irgendwo ein Chef sie braucht.

Doch der Maloche schon entbunden,
kann ich noch etwas müßig gehn
und ganz entspannt in diesen Stunden
den Nachtdienst am Parnass versehn.

So hock ich, um das Bild zu wechseln
vom ew’gen Griechisch und Latein,
heut Abendmahl beim Versedrechseln
in der Poeten Bambushain

Und schlürf mit lieben Gleichgesinnten
ein Schälchen Reiswein ab und zu,
den Pinsel tunkend in die Tinten,
dass Zeichen er und Wunder tu.

Seht selbst, was dabei rausgekommen –
die Strophen liegen euch nun vor;
und bitte lasst, ihr Musenfrommen,
sie freundlich ins geneigte Ohr.

Ich hoffe, dass mit diesen Zeilen
ich irgendwie ins Schwarze traf.
Obwohl…ich musste mich beeilen –
auch Dichter brauchen ihren Schlaf.

 

Ferne Nähe

Ferne NäheDie ich da gestern schon gesehen
und viele Jahre schon zuvor –
die Häuser drüben stehen, stehen,
nie schwätzend, aber immer Ohr!

Kein schöner Blickfang: Mauern, Mauern,
Beton und Ziegel, Grau in Grau.
Vier Stockwerke, die reglos kauern
und ohne Ausdruck: Billigbau.

Mit wie viel Liebe ich euch hasse,
mit wie viel Hass ich euch verehr:
Tagtäglich diese finstre Masse,
allnächtlich dieses Lichtermeer!

Mal stürzen Schauer sich wie Brecher
auf diese Klippen, die bewohnt,
mal geistert über ihre Dächer
zyklopenäugig hin der Mond.

Mal breitet sein gebläutes Laken
der Himmel ihnen übers Haupt,
mal sieht man da die Sonne staken,
mit einem Kranz von Gold belaubt.

Kein Wandel sonst, nur tote Hose;
Paroli jedem Sturm der Zeit.
Im Schlaf das Ganze, in Hypnose.
Nur Wände, schweigend lang und breit.

Bisweilen öffnet sich ‘ne Luke
und zeigt ‘ne menschliche Kontur;
doch kaum gefragt, wer denn da spuke,
klappt zu sie wie ‘ne Kuckucksuhr.

Distanz? So an die fünfzig Meter –
was ja fast null Entfernung ist,
die nur ein schlapper Teppichtreter
als rühmenswerten Weg bemisst.

Des ungeachtet Welten trennen
uns von dem Nachbarn im Quartier,
von dem wir die Fassade kennen,
doch weiter nichts im Jetzt und Hier.

Und ist doch Zeit- und Weggenosse
auf dieser Nonstop-Erdenfahrt
und spielt die gleiche Lebensposse
im kurzen Stück der Gegenwart.

Vielleicht in irgendwelchen Fernen,
in denen sich der Urlaub lohnt,
vielleicht, dass wir da kennenlernen
Frau X, die gegenüber wohnt!

So ist das mit den Städtern eben:
Fast auf den Hacken man sich steht
und möcht um Gottes Willn doch leben
in völl’ger Anonymität.

Geht mir ja auch so, unbestritten.
Drum bleibe weiter stumm und still
der Bau, wo unhörbar inmitten
der Mauern man Kontakt nur will.

Dass er sich an den Hut doch stecke
Mischpoke, die mich eh nicht juckt!
Nun ja, den Hals ich schon mal recke,
wenn sie da aus dem Fenster guckt.

Unter Christen

Unter ChristenWie oft mir nicht schon Zweifel kamen,
ob wirklich christlich sie agiert,
wenn die Partei mit diesem Namen
sich nur für Reiche engagiert!

Doch dass ich da in falschem Gleise
gedacht, hab endlich ich erkannt:
Auf äußerst raffinierte Weise
reicht sie dem Armen so die Hand!

Der Reiche, wie wir alle wissen,
lebt mit dem schrecklichen Malheur,
die ew’gen Freuden einst zu missen
wie das Kamel vorm Nadelöhr.

Drum muss er eben schon auf Erden
die goldnen Schätze an sich ziehn,
um glücklich mit ‘nem Gut zu werden,
das nur auf Lebenszeit verliehn.

Dem Armen andrerseits verheißen
Entschädigung in Eden ist –
er muss sich nur am Riemen reißen
für diese kurze Erdenfrist.

Und ist nicht sel’ger denn zu nehmen,
wenn man das Wen’ge von sich gibt?
Der hies’gen Not muss sich nicht schämen,
wer droben nie mehr Kohldampf schiebt.

Drum weiter so, ihr Christparteien,
dass ihr nur blüh’nde Beete netzt
und des verdorrnden Volks Gedeihen
dem Himmel auf die Rechnung setzt!

Mit Recht könnt ihr darauf verweisen,
dass ihr nie elitär gedacht
und weiten, ganz normalen Kreisen
den Zugang dazu leicht gemacht.

Ja, grade in den letzten Jahren
(das lass euch der polit’sche Neid)
sie ganz besonders fruchtbar waren,
die Werke der Barmherzigkeit.

Man kann sie kaum in Worte fassen,
so ungeheuer ihre Zahl:
Verwirklicht endlich für die Massen
des Christen Armutsideal!

P. S. Für diesen Ansturm nicht gerüstet
wurd’s Himmelreich zum Notquartier:
Die, die’s nach Paradies gelüstet,
auch da sie leben von Hartz IV!

Ausweg

AuswegAn allen Ecken, allen Enden
macht sich in Fetzen Schnee noch breit.
Noch hält die Erde nicht in Händen
des Frühlings bunt geblümtes Kleid.

Der Frost hat noch mal zugeschlagen
mit winterlicher Urgewalt –
wie’n Boxer in des Gegners Magen,
genauso tückisch und so kalt.

Er bläst mich durch die morschen Ritzen
des Altbaus so verbissen an,
dass ich am Ende nur noch flitzen
und dicke Socken holen kann.

Er treibt mir Schauer übern Nacken –
verbrannte Erde: Gänsehaut,
dass vom Genick bis zu den Hacken
es vor dem Knochenmann mir graut.

Er lässt mich Trost im Roten suchen,
dass er die Glieder mir durchglüh –
und mit ‘nem spött’schen „Pustekuchen!“
mein Musenpferd ich ent’re: Hüh!

Das hat ‘ne wärmende Schabracke
und Hufe, die mit Spikes bestückt,
so dass die klirrende Attacke
dem Sibirjaken hier missglückt.

Um zum Parnassus aufzusteigen,
ist immer irgendwo ein Pfad.
Man muss sich nur geduldig zeigen,
dann geht es aufwärts, Grad für Grad.

Ausgebremst

AusgebremstDie Buddel geht mir schon zur Neige,
und kürzer tritt die Kerze auch –
als ob die Nacht mir riete: Schweige,
und in den Pfühl des Schlummers tauch!

Doch dieser Wunsch, er wird verhallen:
Ich sitz putzmunter noch am Tisch,
den Stift entschlossen in den Krallen,
mit dem ich übern Bogen wisch.

Im Übrigen: Fürn Kerzenstummel,
der kaum mehr als sein Flämmchen wiegt,
mach gern ich mal ‘nen kleinen Bummel
zum Schapp, in dem der Nachschub liegt.

Genauso wenig plagt mich Kummer,
dass er versiegt, der Flaschenwein –
komm ich doch ohne Wartenummer
stets in die Speisekammer rein.

Nichts steht damit jetzt noch im Wege
dem passionierten Abendlied
und dieser Art der Musenpflege,
die immer erst nach neun geschieht.

Nun hört mich also bitte singen,
verfolgt mit mir den schönen Text,
der wie auf Odinsrabenschwingen
von Vers zu Vers an Weisheit wächst.

Doch angesichts der zweiten Flasche
und eines Wachslichts, frisch entbrannt,
legt plötzlich lähmend sich wie Asche
doch Müdigkeit auf meine Hand!

Grabpflege

GrabpflegePrämisse: Eine Großbaustelle,
die jede Menge Geld verschlingt
und doch an der Vollendung Schwelle
um weitere Millionen ringt.

Prämisse: Wenn total verfahren
die Lage bis zum Gehtnichtmehr,
holt man, Millionen einzusparen,
sich ‘nen gewieften Sparfuchs her.

Schluss: Unser findiger Experte
verhandelt erst mal sein Salär,
das wegen der Millionenwerte
auch seinerseits millionenschwer.

Nun fängt er an, den Job zu machen,
für den man ihn ja eingekauft,
und lässt die Geistesblitze krachen,
dass jeder sich die Haare rauft.

Und wie zu Hornberg dieses Schießen
geht dann die ganze Sache aus:
Millionen müssen weiter fließen.
Da spricht der Fachmann. Gut. Applaus.

Die Staatsmacht ist aktiv gewesen,
hat Kosten nicht und Mühn gescheut.
Und kaum vom letzten Schlag genesen,
zahlt hier das Steuervolk erneut.

Von unserm Freund, dem anonymen,
nur dies ich noch zu sagen hab:
Wenn er einst stirbt, kann er sich rühmen
fürn doppeltes Millionengrab.