Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Treue Freunde

Treue FreundeEin Freund, der ohne viel zu fragen
sein eignes Wohl nach hinten stellt
und dir in allen Lebenslagen
voll Opfermut die Stange hält?

Den Typen muss man lange suchen,
da läuft man sich die Hacken wund.
Und hätte allen Grund zum Fluchen?
O nein, da gibt es doch den Hund!

Den, der dir deine Beletage
als treuer Zerberus bewacht,
und das für eine Tagesgage,
für die kein Mime Männchen macht.

Doch jenen auch, der einer Dame
possierlich auf dem Schoße hockt
und ihrem männerlosen Grame
ein Lächeln aus den Falten lockt.

Und dann des Hofes strengen Hüter,
der klirrend eine Kette trägt
und dennoch zartere Gemüter
grr!, knurrend aus dem Felde schlägt.

Denk auch an den in Künstlerkreisen,
der gegen seine Art dressiert,
und sich als artig zu erweisen,
die Faxen seines Herrn kopiert.

Auch kann gewiss ein Lied dir singen
vom braven Hund die Polizei:
„Wie oft wir erst zur Strecke bringen
Verbrecher, wenn der „Rex“ dabei!“

So auch der Waidmann, dem zur Seite
das kluge Tier die Beute spürt
und, dass er zur Vollstreckung schreite,
ihn rasch zu Meister Lampe führt.

Ja, selbst die durch die Straßen streunen
und nie an einer Leine gehn,
sie lebten gerne hinter Zäunen,
mit Futter und ‘ner Pflicht versehn.

Ein Wesen, dem wir viel verdanken!
Dabei fällt mir was andres ein:
Wenn’s sie nicht gäb, die Artenschranken,
welch Sorte Hund möcht ich wohl sein?

Nicht einer, den ich angegeben,
das tu ich hier entschieden kund.
Hätt ich die Wahl fürn Hundeleben –
dann wär ich gern ein bunter Hund!

 

Die mit Amtsgewalt

Die mit AmtsgewaltWenn einer mit bescheidnem Posten
ein Plätzchen kriegt am Tisch der Macht,
dann will er mehr oft davon kosten,
als eigentlich ihm zugedacht.

Für Ordnung und für Recht der Streiter,
Inspektor sei er, Kommissar,
steht hoch nicht auf der Hühnerleiter,
doch in der Gunst als Medienstar.

Er muss sich mit den Schurken schlagen
oft heldenhaft von Mann zu Mann,
damit in allen Lebenslagen
der Bürger ruhig schlafen kann.

Doch was im Grunde so nach Ehren
und schönster Anerkennung schreit,
mag manchmal auch Gefühle nähren
von Arroganz und Eitelkeit.

Das geht schon los mit den Kostümen:
‘ne Uniform verleiht Respekt –
und wie viel mehr, kann sie sich rühmen,
dass ihr ein Colt im Futter steckt.

„Tach, Polizei. Ausweiskontrolle.“
Und keiner, der da widerspricht.
Der Status spielt hier keine Rolle.
Den Weidebullen reizt man nicht.

Noch wen’ger aber den Hopliten,
der knüppel-, helm- und schildbewehrt
gern Demonstranten die Leviten
mitsamt der Kunst des Wassers lehrt.

Gerät er mal in die Malesche,
weil er den Falschen schlug zu Brei,
wirft gleich der Staat sich in die Bresche
und schützend vor die Polizei.

Mit solchem Freibrief ausgerüstet,
kann er nach Gusto operiern
und, wenn es ihn danach gelüstet,
auch mal die rechte Spur verliern.

Tatütata über die Piste,
als ging’s um Leben oder Tod!
Doch Endstation ‘ne Futterkiste:
„Zwei Döner, Chef, mit Fladenbrot!“

Das mag wohl unter „Streich“ noch fallen,
‘nem Spaß, der aus dem Ruder lief –
doch anders, jemand abzuknallen
aus Notwehr, die nur putativ.

Tja, mag auf Erden auch kein Richter
die Guten vor die Schranken zerrn,
um wie viel länger die Gesichter,
stehn einst sie vor dem Höllenherrn!

Da helfen Koppel nicht und Keule;
der stößt sie waffenlos und nackt,
so blaugefrorn und mit Geheule
in seinen sand’gen Kellertrakt.

Dann liegen sie in der Parzelle
zu unbegrenzter Dunkelhaft.
Gleich nebenan der Kriminelle –
na denn, auf gute Nachbarschaft!

Zurück zum Mond

Zurück zum MondZurück zum Mond. Denn grade eben
seh ich ihn hoch auf seiner Bahn
durch schwarze Wolkenbänke schweben
als finstrer Fluten goldnen Kahn.

Ein feiner Dunst hüllt wie ein Schleier
das glänzend kahle Haupt ihm ein,
das jetzt in manchem dunklen Weiher
sich kräuselt als sein Widerschein.

Schon muss den Kopf ich etwas recken,
dass meinem Blick er nicht entgeht,
denn er bewältigt große Strecken,
obwohl man meinen sollt, er steht.

Sein Antlitz, das so oft verschlossen
in wechselhaften Schatten scheint,
ist ganz von Licht nun übergossen,
die Züge öffnend und befrei’nd.

Wie heiter blickt er auf mich nieder,
mit wie viel Wohlgefalln dabei!
Ich glaube fast, er mag die Lieder,
die ich ihm hin und wieder weih.

Das kann ihn aber nicht verleiten,
mir etwas länger zuzusehn.
Sein Fahrplan fordert feste Zeiten,
von A sich bis nach B zu drehn.

Jetzt ist er mir davongeflogen
wie’n Luftballon, der sich entriss,
von Winden hastig hochgesogen,
und kleiner, kleiner, kleiner, bis …

Dahin wie Gummi, aufgeblasen
zu voller fadenschein’ger Pracht.
Und freun uns dennoch seiner Phasen –
wie’n Kind, das dicke Backen macht!

Bei den alten Göttern

Bei den alten GötternBis an den Rand gefüllt die Schale
des Monds mit goldnem Nektarglanz
als würd’gem Trank beim späten Mahle
der Götter jenes fernen Lands.

Und wie mit unsichtbaren Händen
behutsam man dieselbe hält,
um keinen Tropfen zu verschwenden,
der ungeschlürft zu Boden fällt!

Ich seh sie da am Himmel wandern
(ein Dach verschluckt sie mir zuletzt)
von einem Göttermund zum andern,
der nippend sich die Lippen netzt.

Das ist heut sicher kein Gelage;
beim Trinken geht’s gesittet her,
denn an so manchem andern Tage
sah ich die Schale auch schon leer.

Oder zur Hälfte ausgetrunken,
dass nur ein blässlich trüber Rest,
der seitlich auf den Grund gesunken
erinnert noch ans Götterfest.

Der Mond schleppt, Ganymed, den Becher
allabendlich im Göttersaal
vom einen zu dem andern Zecher
mit Säften aus dem Tempe-Tal.

So können wir an ihm erfassen
die Stimmung im Elysium –
ob nüchtern oder ausgelassen,
bedröppelt oder dideldum.

Heut jedenfalls, so will mir scheinen,
ist feierlich man dort gestimmt,
weil jeder einen Schluck, nur einen,
bedächtig aus der Schale nimmt.

Wollt ihr nicht einmal Mäuschen spielen
und sehn, was wirklich da passiert?
Die Tickets gibt’s zu allen Zielen
beim Dichter hier, der auch kassiert.

400 000 Kilometer,
die sind doch kaum der Rede wert
für so ‘nen weltgewandten Städter,
der nach Exotik sich verzehrt!

Na bitte! Kaum an Bord gegangen
(„Willkommen bei Air Pegasus!“),
hat auch die Landung angefangen –
ganz sanft statt à la Ikarus.

Da soll mich doch der Affe lausen –
hier tobt nun wirklich nicht der Bär!
Nicht Götter, die genüsslich schmausen;
wohl Krater, aber kein Krater.

Wie trostlos alles, gottverlassen!
O Mensch mit deiner Fantasie,
die glaubt, dein eignes „Hoch die Tassen!“
teilt gleich die ganze Galaxie!

Zurück nun wieder auf der Erde:
Die Poesie gestürzt vom Thron?
Ihr Platz, der bleibt am Götterherde –
was wär sie ohne Illusion?

Kurze Unterbrechung

Kurze UnterbrechungDer Mond: Wie lange nicht besungen!
Auch heut sah ich ihn flüchtig nur;
hat schnell sich übers Dach geschwungen,
und schon verlor sich seine Spur.

Er mochte wohl Modell nicht sitzen
der Hand, die nur in Zeiln geübt
und, statt Pigmente zu verspritzen,
das Blatt mit bloßer Tinte trübt.

Nicht mal Ersatz hat er gelassen.
Kein Fünkchen glimmt am Firmament.
Gewölk nur, das auf tristen Trassen
in ungewisse Fernen rennt.

Nur von der Straße zuckt bisweilen
bengalisch es herauf zu mir
von Einsatzwagen, die da eilen
mit Blitz und Donner durchs Quartier.

Wenn Licht und Lärm so plötzlich schwellen,
fährt mir der Schreck durch Mark und Bein.
Doch bald schon glätten sich die Wellen,
und tiefer noch kehrt Stille ein.

Die Feder aber, die geschwiegen
in diesem lähmenden Moment,
ich lass mit Schwung sie wieder fliegen
über mein hölzern Pergament.

Doch schon ‘ne schnöde Strophe später
geht leider ihr die Puste aus,
und langsam nur noch, Zentimeter,
verschiebt die Spur sich ihres Blaus.

Hat sie womöglich mehr gelitten,
sensibel, wie sie nun mal ist,
unterm Radau der Sheriff-Schlitten,
den wohl kein Dezibel mehr misst?

Würd man wie einst aus Holz sie bauen
anstatt aus diesem Plastikschrott,
ich würd ein wenig darauf kauen,
und, hü!, mein Pegasus, und hott!

Sie ändern aber sich, die Zeiten,
und vornean die Technik mit.
Poeten, die auf Pferden reiten,
wie hielten sie mit jenen Schritt?

Der Dichterfürst

Der DichterfürstNun, wer es auf poet’schem Felde
zu ein’gem Ruf und Ruhm gebracht,
dass selbst er mit verlegtem Gelde
noch locker seinen Reibach macht

Wie zierlich wird er sich bewegen,
damit, der ihm die Schläfe ritzt,
der Lorbeer auch bei Wind und Regen
ganz sicher auf der Platte sitzt!

Mit Sprüchen wird er, mit Sentenzen
als literar’scher Oberhirt
den Nimbus schöner noch beglänzen,
der schön ihm schon zu Häupten schwirrt.

In Sachen Kunst wird er so richten,
dass für ein Salomo er gilt –
mit weisem Urteil sie gewichten,
indem er lobpreist oder schilt.

Und diesem Urteil ist zu eigen,
dass es kein „teils und teils“ enthält.
Um unbestechlich sich zu zeigen,
wird’s rasch und in Schwarzweiß gefällt.

Da mögen auch mal Köpfe rollen,
Karrieren in die Krümpe gehn,
in unsres Richters Protokollen
ist „Irrtum“ gar nicht vorgesehn.

Von des Olymps erhabnen Höhen,
von eines Papsts sakralem Stuhl
gestattet er sich, durchzuflöhen
der Mitpoeten Versepool.

Da sieht er keine großen Fische.
Der einz’ge Hecht im Karpfenteich
er selbst, der bei Apoll zu Tische
und diesem auf der Leier gleich.

Und wie’s so geht in diesen Zeiten,
da man vor großen Namen kniet:
Mag er sich zig Mal auch verreiten:
„Ein Ass auf seinem Fachgebiet!“

Das Bändchen, das in jedem Jahre
er produziert an Poesie,
gilt denn auch stets als erste Ware
und Meilenstein für sein Genie.

Wer aber käme ihr denn näher,
unsterblicher Unsterblichkeit,
als so’n versierter Wortverdreher,
der täglich um die Muse freit?

Und dem im Melos süßer Aulen,
umschmeichelnd seinen Götterrang,
des Höllenhundes dumpfes Jaulen
nie schaurig in die Träume klang?

Was aber, wenn er eingetreten,
der Fall, den er nicht vorgesehn,
und plötzlich mit Gerichtstrompeten
die Todesengel vor ihm stehn?

Wird er wie weiland Orpheus singen,
dass er das Grab zu Tränen rührt,
und so der Aufstieg ihm gelingen,
der ihn zurück ins Leben führt?

Schluss mit den lyrischen Ergüssen!
Schweig, wenn’s Gericht, das Jüngste, tagt!
Du wirst nun damit leben müssen,
dass hier dein Urteil nicht gefragt.

Ins Schwitzen gekommen

Ins Schwitzen gekommenAuf einmal spürte ich die Hitze;
das Hemd ward mir zum Hindernis,
dass ich es halb noch auf dem Sitze
energisch mir vom Leibe riss.

Wie Adam einst in Gottes Garten
in aller Unschuld nun entblößt!
Besucher warn nicht zu erwarten,
kein Stoffel, der sich daran stößt.

Auch wüsste ich nicht, dass die Musen
‘ne Kleiderordnung festgelegt,
wonach nur mit bedecktem Busen
der Sänger seine Laute schlägt.

Genauso wenig wie sie wollten
(ich glaub, das wär der größre Schock),
dass Ordenssterne glühen sollten
auf des Poeten Bratenrock.

Nun denn, in luftigem Gewande,
vom nassen Baumwolltuch befreit,
kommt da nicht besser auch zu Rande,
was so beherzt nach Versen schreit?

Ne! Sollte, könnte, dürfte, müsste –
es herrscht da kein Kausalgesetz.
Nur konjunktivisch sind die Brüste,
an denen meinen Geist ich netz.

Ja, von Minute zu Minute
fühl ich mich schlimmer nur noch dran,
dass ich mit flauer fließ’ndem Blute
mich kaum noch konzentrieren kann.

An Hals und Nacken laue Feuchte.
Ein Rinnsal wandert übern Grat
des Rückens, wie ‘ne Schnecke kreuchte
auf endlos schleim’gem Felsenpfad.

Ob oben oder unten ohne –
hier geht’s um mehr als nur die Kluft.
Kein Tag für Canto und Canzone.
Für Leiern nicht. Gewitterluft.

Überlebenskünstler

ÜberlebenskünstlerMan möchte sich die Augen reiben,
so ungewöhnlich ist das Bild:
Obwohl Zweitausendx wir schreiben,
putzt wer da noch sein Wappenschild!

Noch Majestäten auf den Thronen,
als ob sich nichts geändert hätt!
Und zum Gebrauch noch liegen Kronen
in ihrm Kleinodienkabinett!

Die stülpen sie auf ihren Schädel,
um extra würdig auszusehn
in Lebenslagen, die so edel
wie Hochzeiten und Jubilä‘n.

Der Geist verflossener Monarchen
wie Heinrich, Henry und Henri,
die längst im Sarkophag schon schnarchen,
führt schaurig wieder dann Regie.

Sie stehn auch sonst in erster Reihe,
Dekor für einen guten Zweck,
denn der kriegt erst die rechte Weihe
mit einem König vorneweg.

Nebst Stehen lieben sie auch ‘s Schreiten
entlang ‘ner Ehrenformation,
wahlweise sie auch abzureiten –
das „hohe Ross“ hat Tradition.

Man sieht sie öfter auch auf Reisen
in alle Länder dieser Welt,
um auf Empfängen gut zu speisen
für gutes Steuerzahlergeld.

Kein Wunder, ihr Terminkalender
ist eine hochkompakte Schrift,
zumal auch oft ein Vierzehnender
drauf wartet, dass der Fürst ihn trifft.

Doch auch die wen’gen freien Stunden
gestalten fruchtbar sie fürs Land –
nicht mit Kusinen, knackig runden,
nein, heute auch mal linker Hand.

Und wird ein Kindlein dann geboren,
landauf, landab juchhe, juchhu!
Die Herde, die man einst geschoren,
blökt ihnen auch noch heute zu.

Indes das Volk zu drangsalieren,
die Zeit ist Gott sei Dank passé.
Die vormals Mächt’gen amüsieren
dafür mit Pomp und Portepee.

Doch diese flittrigen Vergnügen,
archaisch, obsolet, gestellt,
dem adelsstolzen Sinn genügen,
dass er sich für was Bessres hält.

Die Macht perdu, zurückgeblieben
der Dünkel, der ihr einst entsprang.
Hat man Geschichte nicht geschrieben?
Lebt man nicht fort im Heldensang?

Man hat, gestützt auf seine Stärke,
gebrannt, geschändet und gerauft
und dann mit frommem Stiftungswerke
‘nen Platz im Himmel sich erkauft.

Das müsst heut billiger gelingen,
da man doch abgeschworn dem Schwert:
So zwei bis drei Choräle singen,
und auf die edle Seele fährt!

Besitzstandwahrung: Wer hienieden
‘ne richtig große Nummer war,
der hockt auch dort im ew’gen Frieden
bei Petrus an der Cocktailbar?

Was gibt das für ein bös Erwachen,
wenn man erst aus dem Leben trat:
Kein Paradies mit scharfen Sachen –
nur Finsternis, und faulig-fad!

Und dann, mit Blindheit nicht geschlagen,
der Würmer unpartei’sche Brut:
Millionen, lustvoll zu zernagen
den Mythos, ach, vom blauen Blut!

Maß voll

Maß vollDer Ingenieur von Gottes Gnaden:
Nichts wen’ger als ein Geistesgnom!
Er hat studiert, er kennt den Laden.
Geprüft, besiegelt per Diplom.

Das lässt er gern auch alle wissen,
Bescheidenheit ist nicht sein Ding.
Auf keinem Schriftstück möcht er missen
das stolze Kürzel Dipl.-Ing.

Nun ja, so kleine Eitelkeiten,
die liegen allen uns im Blut.
Doch hat er auch noch schlimmre Seiten –
zum Beispiel die Erklärungswut.

Um sich als Kenner auszuweisen,
verhackstückt er von A bis Z
zu Teilchen, die um Teilchen kreisen,
Probleme, die man sonst nicht hätt.

Und da er sich gefällt im Schwatzen,
hält er auch sonst nur selten still.
Vom Dache pfeifen es die Spatzen,
dass keiner ihn mehr hören will.

Die Crux indes, beim Archimedes!,
er glaubt sich wissend rundherum,
mischt sich in jedes Thema, jedes!
O litterae, o saeculum!

Da kann es häufiger passieren,
dass man an „sus Minervam“ denkt –
so, wenn er, um zu imponieren,
Historiker auf „Issos“ lenkt.

Oder wenn er als kunstbegeistert
dem Vis-à-vis sich präsentiert
und Verse, die dahingekleistert
von Meister Knittel, deklamiert.

Sein Ansehn weiter noch zu heben,
streut gern er mal ein Fremdwort ein:
tough, roundabout – na, Englisch eben
wie auch sein Techniker-Latein.

Aus seines Geistes dürft’ger Quelle
saugt er die kleinsten Tröpfchen auf
und stellt bei schönster Sonnenhelle
sie als Juwelen zum Verkauf.

Ihm ist, als ob er alles wüsste.
Die ganze Welt sein Fachgebiet.
So kreuzt er kühn vor jeder Küste,
weil er die Klippen gar nicht sieht.

Mit diesem Dünkel mag befahren
er hoch zu Ross die Lebensfrist.
Indes wird der ihm nicht ersparen
die Grube, die man gleich bemisst.

Dann aber wird sein Herz gewogen.
Und dumpfe Ahnung ihn beschleicht.
Die Waage ward noch nie betrogen:
Die ist hier höllisch gut geeicht!

Gemein wohl

Gemein wohl„Liebes Kind“, sagte Goethe, „ein Name ist
nichts Geringes. Hat doch Napoleon eines
großen Namens wegen fast die halbe Welt in
Stücke geschlagen!“

Johann Peter Eckermann, Gespräche mit Goethe
in den letzten Jahren seines Lebens, unter dem
6. April 1829

So recht persönlich kenn ich keinen.
Sie halten ja auch gern Distanz,
obwohl das Volk sie lassen meinen,
sie wärn vertraut mit Hans und Franz.

Sie baden manchmal in der Menge
und geben sich ganz jovial;
doch diese Nähe, diese enge,
entspringt nicht ihrer freien Wahl.

Sie müssen den Kontakt ja suchen
(„…um Ihren Sorgen nah zu sein!“),
dass viele Stimmen sie verbuchen
beim Kreuzen auf dem Auswahl-Schein.

Dem dienen auch die Sonntagsreden,
die so ergreifend sind wie platt,
dass selig sie betäuben jeden,
der noch ein Herz im Hintern hat.

Man brüllt der Masse nach dem Munde,
schimpft des Rivalen Meinung „Mist“
und heuchelt in der Podiumsrunde:
„Pragmatiker, nicht Populist!“

Die Maske lassen sie erst fallen,
ist ihre Wiederwahl perfekt.
„Woher solln wir’s denn nehmen? Allen
der Esel sich nun mal nicht streckt“.

Die Leute glaubhaft zu belügen:
Das ist des Profis täglich Brot.
Dabei Entspannung in den Zügen
und nicht ein Hauch Gewissensnot.

Politiker. Dazu geboren,
die andern übers Ohr zu haun.
Und von den Wölfen auserkoren,
sich nach den Schafen umzuschaun.

Die Herde weiß er wohl zu weiden.
Sie beugt sich blökend seiner Macht
und mag gar noch den Hirten leiden,
der augenscheinlich sie bewacht.

Der schwebt indes in andern Sphären.
Nicht nach Behüten steht sein Sinn.
Er will die Armen tüchtig scheren,
denn ihre Wolle bringt Gewinn.

Nicht für die eigne nur, die dicke,
die Börse, staatlich* garantiert,
nein, auch fürs Ansehn in der Clique,
die von ihm für ihn profitiert.

*svw. stattlich

Ihm macht es Spaß, so mitzumischen,
Schicksal zu spieln fürs ganze Land.
Mag auch die Meute manchmal zischen –
er führt sie doch am Gängelband.

Erreicht! Er ist ein großer Macker.
Karriere, Knete – alles stimmt.
Da holt die Sense ihn vom Acker,
was ihn unendlich wunder nimmt.

War er nicht grad noch frisch und munter?
Und jetzt, im Dröhnen des Geläuts,
ganz dumpf: Zur Urne da hinunter.
Wir kümmern uns auch um das Kreuz.