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Schneeschwemme

SchneeschwemmeVon Lava (weiß) gelähmt, erstickt
die Erde. Auf den toten Gassen
ruht fußhoch, milchig eingedickt,
der Schnee in kristallinen Massen.

Und wie zur Nacht der Alb sich hockt,
dass Brust und Träume er beklemme,
so liegt, dass uns der Atem stockt,
der Frost auf dieser Flockenschwemme.

Der Himmel, der zum Greifen dicht,
hat die Gardinen zugezogen.
Kein Stern als schwaches Oberlicht,
kein Mond glimmt aus den Wolkenwogen.

In sturmgepeitschten Schauern hetzt
es nicht um Köpfe mehr und Kronen.
Sporadisch leise Flocken jetzt
des Winters Gegenwart betonen.

Die ganze Stadt, geknebelt, schweigt.
Noch trüber ihre Lichter schimmern.
Und immer noch die Kälte steigt.
Ich gehe mir ‘ne Arche zimmern.

 

Auf Einkaufsjagd

Auf EinkaufsjagdNur immer von der Küche schwätzen?
Das geht mir langsam auf den Keks.
Auf Straßen spielt sich ab und Plätzen
das Leben – unterwegs.

Ich will euch einen Einkauf schildern,
der in die Welt hinaus mich trieb,
in einem Supermarkt zu wildern
nach Schätzen, die dem Bürger lieb.

Zunächst mal in den Einkaufswagen
ein kleines Lösegeld geschlitzt,
so hilft er mir, die Last zu tragen
bis da, wo man zur Kasse sitzt.

Vorbei dann an den fetten Ködern
von Käse, Wurst, Salat und Ei,
doch auch an magereren, schnödern –
Kartoffeln oder Babybrei.

Und wär es da nach mir gegangen,
ich hätte alles eingesackt:
die Äpfel mit den goldnen Wangen,
das Fleisch, das rosig kleingehackt

Den Rollmops mit der sanften Säure,
den Joghurt mit und ohne Frucht,
ja selbst den Sand, mit dem ich scheure
der Wanne winz’ge Badebucht.

Dass ich am Riemen mich gerissen,
gezügelt hab die will’ge Hand,
es lag nicht am Konsumgewissen,
nein, an der Börse Sachverstand

Die dringend riet, mich zu beschränken
und pfleglich mit ihr umzugehn.
Da musst ich an den Denker denken
auf jenem Markt einst in Athen

Der sich, genügsam, nicht bezwingen
von dem ließ, was sich lockend bot,
und seufzte: „Ach, von all den Dingen,
wie wenig tut mir davon not!“

So trug ich denn sokratisch heiter
die Beute aus dem Laden fort
und gab sie an die Küche weiter
(verzeiht mir noch mal dieses Wort!)

Nicht anders als auf Eiszeitfluren
der Jäger es zu tun gepflegt –
nur dass bei seinen Shoppingtouren
auf Frische er mehr Wert gelegt.

Dafür musst er auch mehr sich placken,
bevor gebrutzelt sein Ragout –
so’n Mammut hat ja seine Macken,
das will nicht immer so wie du.

Ne, ne, gewickelt und gewogen
hab lieber ich, was ich verzehr.
Bin auch nicht gut mit Pfeil und Bogen,
noch wen’ger mit dem „Rippenspeer“.

Für „leichte“ Kost, die in Geschäften
mit Schein und Münze man erjagt,
muss man sich nicht an Büffel heften,
nachdem die Geister man befragt.

Mir reicht schon so ein Abenteuer
im Dschungel unsrer Warenwelt,
wo alles besser, schöner, neuer –
und wo man andre Fallen stellt.

Kein Frühlingserwachen

Kein FrühlingserwachenNoch hält die Kälte an.
‘ne Hand voll Minusgrade
am Tag, und abends dann
beißt’s richtig in die Wade.

Gelegentlich noch Schnee,
doch wirklich nur in Maßen.
So tut er keinem weh.
Befahrbarkeit der Straßen.

Bedenklich nach wie vor
bleibt’s auf den Bürgersteigen.
Wo nicht vor Tür und Tor
geräumt, noch Stellen zeigen

Den Altschnee, der zumeist
in Gänze überfroren
und solcherart vereist
an Haftung viel verloren.

(Auf Deutsch: Wer ihn betritt,
geht gleichsam wie auf Eiern,
besorgt bei jedem Schritt,
schon morgen krankzufeiern.)

Der Himmel Grau in Grau.
Die Sonne? Kurzvisite.
Wie’n Hauswirt, dass er schau
an Ultimo nach Miete.

Nichts schwerer liegt zurzeit
uns allen auf dem Magen:
Die Welt im Winterkleid –
das längst nicht aufgetragen!

Soll nicht der Frühling schon…?
Nichts scheint ihn anzudeuten,
der Glöckchen heller Ton
noch unterm Gras zu läuten.

Wie sollte aus dem Frost
auch Leben wieder keimen?
Der Wind weht noch von Ost.
Den Rest kann man sich reimen.

Doch seltsam: heute Nacht
im Traum ein leises Klingen.
Da bin ich aufgewacht –
und hörte Vögel singen!

Tagesausklang

TagesausklangSchon wieder machen diese Fühler,
die schwarzen, vor der zwölf sich breit,
der kleine und der große Wühler
im unsichtbaren Fluss der Zeit.

Drehn übers Ziffernblatt die Runde
wie’n Esel, der im Göpel geht,
wie’n Sünder mit geöltem Munde
verbüßt sein Rosenkranzgebet.

Auch ihren Hufschlag kann man hören,
der von des Ganges Gleichmaß spricht:
ein dumpfes Ticken, zu beschwören
den Wurm, der durch die Bohlen bricht.

Auf ihrem gut markierten Wege
(wie Steine stehn die Zahln Spalier)
geraten just sie ins Gehege
dem letzten Möchtegern-Menhir*.

(*Ein Fußnotvers: Das ist ein Brocken,
der mächtig in die Höhe ragt,
indes bei Galliern, unerschrocken,
als Spielzeug manchmal nachgefragt.)

Jetzt aber einmal Klartext reden:
Bis Mitternacht fehlt nicht mehr viel.
Der Tag schließt seine Fensterläden –
und morgen dann das gleiche Spiel.

Bei Licht besehn wärn Schwermutsschübe
in dieser Lage nur normal.
Doch da es (Kerze!) bei mir trübe,
verschont mich diese Seelenqual.

Der Bardolino wird mir schmecken
und was ich sonst noch so verdrück.
Mich soll hier nichts und niemand schrecken
in meinem Küchenwinkelglück.

Bin ich mit Göttern nicht im Bunde?
Den Musen, des Parnasses Stolz?
Die Zeiger drehen ihre Runde.
Ich sehe einfach weg, was soll’s.

 

Hinter den Kulissen

Hinter den KulissenIch: „Auf ‘nem Kamm könnt ich nicht blasen
und ‘ne Palette hielt ich krumm:
Was liegt da näher als mit Phrasen
es zu versuchen? Eben drum.“

Danach ein Schwenk auf meine Küche:
„Das Umfeld, das ihn inspiriert.
Nicht Quell nur mancher Wohlgerüche
und Kammer, wo man Brote schmiert.

Nein, hier, wie er uns gern berichtet,
sitzt abends oft er stundenlang,
dem Geist der Poesie verpflichtet,
und feilt an seinem Versgesang.

Wie jetzt. Wir wollen kurz ihm gucken
über die Schulter auf das Blatt.
Und sehn schon: Bis zum „reif fürs Drucken“
gibt’s erst mal Korrekturen satt.“

Dann wird der Kühlschrank eingeblendet.
Der Herd. Die Spüle (Abflussloch!).
Kein Kommentar. Die Botschaft sendet
das stumme Bild beredter noch.

Zumindest könnte ich mir denken,
dass so begänne ein Report.
Ein kurzer (Werbung nicht verschenken!),
und auch erst spät (nach Sex und Mord).

Doch immerhin. Daran gemessen,
dass Dichter füllen keine Halln,
solln dankbar sie die Krümel fressen,
die mal vom Tisch des Cutters falln.

Indes auch dies bleibt Hypothese,
zumindest, was mich selbst betrifft.
Wie könnt es sein, dass dieser Käse
die Klippen der Kritik umschifft?

Viel besser ist er aufgehoben
an seinem angestammten Platz:
der Küche (Näh’res siehe oben),
die schlicht zwar – doch nicht für die Katz.

Tauwetter angesagt

NTauwetter angesagta, so um null das Thermometer.
Mal leicht im Minus, mal im Plus.
Nicht Haxe und nicht Hackepeter.
Wie seine Flüssigkeit: im Fluss.

Das kann nicht ohne Folgen bleiben
für unsern Gang, der aufrecht heißt:
Wenn Gletscher auf dem Gehweg treiben,
geht jeder krumm, wo es vereist.

Doch gibt’s auch Stellen da, die tauen
und wo in Mulden Wasser steht –
auch denen sich nicht anvertrauen,
dass man nicht, schwupps!, koppheister geht!

Musst wo durch Matsch indes du tappen,
entfällt die leid’ge Rutschgefahr.
Du fühlst es um die Füße schwappen
und schreitest steif wie Adebar.

Heißt: Jedes In-das-Eismeer-Stechen
birgt ein gewisses Risiko.
So könnte man den Hals sich brechen,
sich blaue Flecken holn am Po.

Den Knöchel könnt es einem knicken.
Man könnte auf die Nase falln.
Es könnten, wo die Schläfen ticken,
sich Stürze gar zu Beulen balln.

Begreift ihr endlich, was ich wage,
wenn dennoch ich nach draußen lauf
und tapfer trotz der Wetterlage
das Nötigste – den Wein – mir kauf?

Und zwar ‘nen „Eiswein“ sozusagen,
auch in Beziehung auf den Preis:
des Abenteurers Unbehagen,
der nicht der Sache Ausgang weiß.

Seitdem ist schon ein Tag verflossen.
Drum: „Allen, die mir nahestehn:
Expedition gut abgeschlossen.
Den vierten Zweiten zwanzigzehn.“

 

Trüber Abend

Trüber AbendVerlassen liegt nun schon die Straße
im trüben Schein der Häuserfront.
Der Himmel schimmert in dem Maße,
wie mählich ihn Gestirn besonnt.

Der Mond (von dem uns Gogol sagte,
dass er in Hamburg hergestellt)
erleuchtet (was er auch beklagte)
nur geisterhaft die Nächtewelt.

Vereinzelt sieht man Pfützen blinken
und Reste von verrußtem Schnee.
Und Dächer, die in Dunst versinken,
je mehr sie schon in Himmelsnäh.

Mir gegenüber aus den Waben,
die unsres Volkes Hauptquartier,
erglimmen honiggelb die Gaben
der Stromerzeuger da und hier.

Nichts Lärmendes ist noch in Gange.
Der Wind, er hätte keine Last.
Drum hockt wie’n Huhn auf seiner Stange
er still auf ‘nem Platanenast.

Ein solcher Friede nun auf Erden –
man hört das Herz gar, wie es schlägt.
Ich will nicht melancholisch werden,
doch so viel Ruhe, die bewegt.

Auf einmal vor den Neonröhren
zwei Schatten drüben eilig gehn.
Zwei Burschen, und ich könnte schwören,
ich werd sie nie mehr wiedersehn!

 

Frühling spielt auf

Frühling spielt auf„Frühling“ heißt die blaue Band,
die wir sehnlichst schon erwarten.
Wer sich zu dem Sound bekennt,
hat gewiss schon lange Karten.

Wie die fetzen, Mann o Mann –
hab sie öfter schon gesehen.
Wer da ruhig sitzen kann!
Alle auf den Stühlen stehen!

Kraftvoll und doch virtuos,
wie sie in die Saiten greifen!
So was können Meister bloß,
die schon zur Vollendung reifen.

Leidenschaft die Zunge löst
farb’gen Tönen zu Millionen,
dass die Kunst an Grenzen stößt,
hinter denen Götter wohnen.

Auch der Zusatz passt – und wie!
So entfesselt spieln die „Blauen“,
dass den Instrumenten sie
sozusagen Veilchen hauen.

Und die Stimmung dann im Saal –
wie in einer Hexenküche!
Lichter zucken Strahl für Strahl,
Jubel, Klatschen, Schweißgerüche!

Ja, die Fans sind hin und weg
bei den ersten kruden Klängen,
dass beim jährlichen Comeback
sie sich an den Kassen drängen.

Freut euch also, denn im März
solln die Typen endlich kommen.
Wie? Das hab ich, Hand aufs Herz,
dem Tourneeplan so entnommen.

Schneegestöber

SchneegestöberNach diesen unterkühlten Tagen,
erstarrt in Frost und Trockenheit,
da hat es, wundersam zu sagen,
aus heitrem Himmel heut geschneit.

Und was das gleich für Schauer waren,
und wie sie stoben wüst und wild!
Die Autos sah man zwanzig fahren –
mit Häubchen auf dem Nummernschild.

Das war vielleicht ‘ne Karawane,
die über Schnee sich schob und Eis –
es fehlte nur die Deutschlandfahne
für einen Staatsakt ganz in Weiß.

Noch spät gewahrte Trauergäste
gemessen ich im Zuge gehen,
und auch die Flocken fieln noch feste,
dass schaurig schön es anzusehn.

(Glaubt nicht, dass ich euch jetzt besinge
die Welt mit Puderzucker überstäubt –
nein, meine zarte Dichterschwinge
vor diesem grausen Bild sich sträubt.)

Wie soll ich mein Gefühl euch schildern?
Was mich ergriff, was war es nur?
Ja, plötzlich wie auf alten Bildern
die Stadt, nun wieder ganz Natur!

Ach, wie nach Klarheit wir verlangen,
nach einer unverstellten Sicht –
doch grade die, zementverhangen,
gewährt uns diese Bauwut nicht.

Wir sehen nur die Wucherungen
aus Glas und Plastik, Stahl und Stein
und halten sie für höchst gelungen
als Dreh- und Angelpunkt fürs Sein.

Und wiegen uns im falschen Glauben,
dies mache unsre Welt schon aus.
Mag ihn der Schnee von heute rauben:
Der Kosmos unser Treppenhaus!

 

Später Ausritt

imagesQZ8J0EF1Schon wird die Stille dichter
um Straße und um Haus.
Am Himmel erste Lichter.
Der Abend klimpert aus.

Ich schnapp mir die Latüchte,
was meine Kerze ist,
und ziehe wieder Früchte
auf meinem Geistesmist.

Will heißen, ich beharke
hier meines Blatts Geviert,
auf dass es große, starke
Gewächse mir gebiert.

Das übliche Ambiente.
Die Küche Klause mir
als Schmiede der Talente
und Musenjagdrevier.

Und Nektar soll beflügeln
die Fantasie, die faul,
sie fesseln nur mit Zügeln
an Pegasus, den Gaul.

Als Basislager, glaube
ich, gut wie irgendwas –
mit Tupper und mit Traube
am Fuße des Parnass.

Jetzt nur noch rauf zum Gipfel.
He, ihr im Göttersaal,
gleich hab ich euch beim Zipfel,
den Lorbeer holt schon mal!

Ach, alles nur Schimären,
entrückt und erdenfern.
Den Aufstieg wird man wehren
dem grünen Möchtegern.

Wie kann ich sie besiegen,
die Schwestern, die mich scheu’n?
Wenn sie auf sonst nichts fliegen –
vielleicht auf Strophe neun?