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Der nächste Frühling

Der nächste FrühlingWie Wogen, die ans Ufer branden,
in Schaum zerfließend, her und hin,
so stetig mir die Jahre schwanden,
seitdem in dieser Haut ich bin.

Wie oft hat schon mit seinen Farben
der Frühling mir das Herz erfreut,
der Fluren raue Winternarben
mit Blütenpflastern überstreut!

Auch jetzt liegt er schon auf der Lauer
mit Knospen, winzig noch und fest,
die doch beim ersten Strahlenschauer
aus Scholle brechen und Geäst.

Wie schön, wenn er mit bunten Flicken
das graue Winterkleid besät,
und Blumen sacht im Winde nicken,
und sitzen doch wie angenäht!

Dann schwingen wieder die Narzissen,
der Krokus trinkt der Sonne zu,
den Wiesen wächst ein Kräuterkissen,
drin Bienen wühlen ohne Ruh.

Und was für lustige Gehänge
ihm baumeln dann, dem Haselstrauch –
Lametta von Gestalt und Länge
und festlich wie Lametta auch!

Dann setzen ihre Lampenschalen
Magnolien den Zweigen auf,
die so gewiss noch heller strahlen
als unser Stern im Mittagslauf.

Und wie die Luft in Haupteshöhe
von Mückenmassen nur so schwirrt,
die in der Flaute, in der Böe
zur Hochzeit tanzen unbeirrt.

Ja, auch den winterstummen Kehlen
der Vögel zögernd schon entflieht,
als Bräutigam sich zu empfehlen,
im ersten Rot ein Morgenlied.

Jetzt hab ich ihn doch glatt verloren,
den Faden meiner Litanei!
Es war doch nicht das Lob der Horen?
Ein kurzer Blick auf Strophe zwei …

Das ging ja gründlich in die Grütze,
ach, du mein lieber Kommherein!
Der Frühling als Gedächtnisstütze –
das kann doch nur was Gutes sein!

So will ich gerne ihn erhoffen,
der Frost und Finsternis vertreibt.
Hier, meine Türen stehen offen –
und dass er mir auch lange bleibt!

Wacker drauf

Wacker draufNoch kann ich einen Stoß parieren
und sei’n die Gegner auch zuhauf –
mon Dieu, gleich mit drei Musketieren
nehm ich, der Veteran, es auf!

Hab’ keine Angst vor großen Namen,
schon manchen hab ich kleingekriegt,
aus welcher Gegend sie auch kamen,
in zähem Kampfe sie besiegt.

Gascogner seid ihr? Meinetwegen.
Je kühner, desto lieber mir.
Nur immer fix mit eurem Degen,
wenn ich mich schon mal duellier!

Es folgt das übliche Massaker.
„Die Garde stirbt, ergibt sich nicht.“
Sie hielt sich, zugegeben, wacker –
so wie es halt der Traube Pflicht.

Der Traube? Nein, die grüne Flasche,
in die man ihren Saft vergor,
die legte ich in Schutt und Asche,
was nie gelang bei Glas zuvor!

Und die, auf ihrem Etikette,
als wäre es ein Wappenschild,
bekannte sich zu dem Terzette,
das seit Dumas uns teuer gilt.

Ich weiß, ich weiß, mit solchen Streichen
man besser hinterm Berge hält,
da sie nicht grad zum Ruhm gereichen
im „Preisverzeichnis“ dieser Welt.

Doch hier muss ich ihr widersprechen.
Dies eben find ich heldenhaft:
sich froh und friedlich zu bezechen,
im Rausche nur von Rebensaft.

Auch Athos ließ sich davon leiten
und Aramis und Porthos auch:
Stets für die gute Sache streiten –
des Sieges Sold gehört dem Bauch.

Schneeweiß

SchneeweißSo dicht ist heut der Schnee gefallen,
dass er die Straße ganz begrub,
und alle Laute dumpfer hallen
in diesem weißen Tidenhub.

Die Autos, deren starke Pferde
es lieben, auch mal durchzugehn,
sie tappen, Bauch fast an der Erde,
mit ihren Reifen wie auf Zeh’n.

Und wer mit Stiefeln auf der Reise,
der tastet, Füße hoch, sich fort,
dass seine Sohle nicht entgleise
zu unverhofftem Wintersport.

Des Straßenbaums entblößte Glieder,
bizarr im Kreise ausgestreckt,
da tragen sie ein hübsches Mieder,
kristallen weiß und unbefleckt!

Und dann der Parkplatz gleich daneben,
der Inbegriff urbanen Graus:
Wer kam, ein solches Tuch zu weben?
So sieht er ganz manierlich aus.

Ja, selbst der Häuser schlichte Kronen,
die Dächer, haben sich geschmückt
mit Hauben, wie sie sonst Matronen
in stolze Ehrbarkeit entrückt.

Ein bisschen Lack ihr aufgetragen,
‘nen frischen Anstrich ihr verpasst –
schon ändert sich das Unbehagen,
das sonst uns vor der Welt erfasst.

Der Schnee, er strahlt in unsre Seele,
beschämt sie, so von Makel frei,
als ob er heimlich ihr empfähle,
dass sie fortan ihm ähnlich sei.

 

Schwarze Nacht

Schwarze NachtIn einem Loch von Schweigen
und Schwarz versank die Welt.
Nur trübe daraus steigen
noch Fenster, die erhellt.

In einen Brunnen schaue
ich gleichsam, totenstill.
Kein Hauch, dass er ihn raue,
kein Kräuseln kommen will.

Noch grade, möcht ich schwören
Geräusche tausendfach,
jetzt lässt kein Laut sich hören,
und sei er noch so schwach.

So unbewegt auch droben
des Himmels dunkle Stirn.
In Wolken eingewoben
der Sterne Flut und Flirrn.

Wohin ist es entschwunden,
das Leben, das so laut
in all den Tagesstunden
an seinem Glück gebaut?

Und diese Vögel alle,
die eben noch gelärmt,
sind sie auch in die Falle
der Finsternis geschwärmt?

Ach, muss ich gar vermuten,
dass es ein Ende hat,
dass dunkel sich verbluten
die Welt und diese Stadt?

Und dass auch meine Klause,
die hell und freundlich noch,
lebendiges Zuhause,
versinkt in diesem Loch?

Dann will ich mich beeilen,
bevor dahingerafft,
und schließen diese Zeilen –
mit einem Wort: Geschafft!

 

Einkaufsausflug

EinkaufsausflugNur einmal hab ich sie verlassen,
die Bude heut. Aus gutem Grund:
Es galt den Kühlschrank anzupassen
mit Nachschub an den Nahrungsschwund.

Zum Auffülln also raus ins Leben –
das scheint mir übrigens nicht mehr
so richtig feindlich sich zu geben,
seitdem die Rente mein Salär.

(Der ew’ge Trott, die Morgenhetze
in des Büros papierne Haft –
dies abgehakt, hilft, wie ich schätze,
dass man sich Stress vom Halse schafft.)

Entspannt bin ich dahingeschritten,
die Einkaufstasche prall am Bein,
und niemand musst auf Knien mich bitten,
trotz Beutel unbeschwert zu sein.

Vorbei an den verharschten Haufen
des Schnees in Schmuddel und Zerfall –
doch ich kam grad vom Frühlingkaufen,
und trug bei mir die Nachtigall.

Vorbei an abgestorbnen Bäumen,
an des Geästs bizarrem Schrei –
ich sah sie schon in Blüten schäumen
und Licht durchfluten sie im Mai.

Und auch entlang an den Fassaden
mit ihren Tönen tristen Graus –
ich malte sie beim Sonnenbaden
mir schon ganz hell und freundlich aus.

Was soll ich von den Leuten sagen?
Das rannte, schubste, schimpfte, schrie –
und steigerte nur mein Behagen
an diesem Spiel der Fantasie.

So war die Tütentour geraten
zum Trip in eine Wunderwelt,
und mit ‘nem Schatz von Wurst, Tomaten
und Käse kehrte heim der Held.

Epilog

Zwar will ich’s nicht mit Maistre halten,
dem eine Reise schon genug
ums eigne Zimmer, zu entfalten
des Geistes Weit- und Höhenflug.

Doch muss man denn gleich Meilen schinden,
um jwd von Heim und Herd
das Abenteuer „Sein“ zu finden,
das jede Ecke uns gewährt?

Lieblingsbeschäftigung

LieblingsbeschäftigungMensch, hockst du noch in deiner Bude
und strafst die Welt mit dem Geklier
der Feder, dass sie krank und krude
das Blatt mit Versen malträtier?

Gewiss. Bin ich auch so ‘n Geselle,
der auf den Dingen nicht beharrt,
so gibt es doch im Fall der Fälle
mal eins, in das ich ganz vernarrt.

Der Muse würd ich nicht entsagen,
selbst wenn sie mir die Gunst verwehrt –
wird doch des Liebenden Behagen
von Neigung, nicht Erfolg genährt.

Ich brauch nun mal die stille Stunde,
den Kitsch von Kerze, Lampenschein,
um mit ‘nem Becherchen im Bunde
von Kopf bis Fuß entspannt zu sein.

Und dabei helfen auch die Zeilen,
die dem Papier in anvertrau –
sie wollen nicht im Hirn verweilen
als lästiger Gedankenstau.

Sie wollen in die Welt sich wagen
den Kindern gleich von Fleisch und Blut
und auch wie diese sich nicht fragen,
ob sie misslungen oder gut.

Da gibt es also nichts zu rütteln –
liebt meine Leier, liebt sie nicht.
Ich werde weiter Reime schütteln:
Durchs Sieb fällt auch mal ein Gedicht.

Land unter

Land unterLand unter!
Die Welt ersäuft in Schnee.
Das hat es lange nicht gegeben.
Wenn überhaupt, einmal im Leben.
‘s geht drüber und drunter.
Ein einz’ger weißer See!

Die Züge fahren nicht mehr.
Womit soll man reisen?
Die Schienen vereisen.
Zig Autos sind stecken geblieben.
Da half auch kein Schieben.
Nur noch die Feuerwehr.

Ein Chaos ohnegleichen.
Zum Glück noch keine Leichen.
Flughäfen gesperrt.
Verspätet oder ausgefallen
die Flüge. Und Warten in Hallen,
das an den Nerven zerrt!

Ja, ganze Dörfer abgeschnitten.
Rings haushoch zugeweht.
Man kommt nur vorwärts mit dem Schlitten.
Oder auf Skiern. Doch im Norden
sind sie ja seltener geworden.
Das Wetter, völlig durchgedreht.

Und noch zu allem Überfluss
‘ne Sturmflut an der Ostseeküste.
Das Meer gibt seinen Judaskuss
den Ufern, Stränden, Deichen,
die teils schon Wurmfraß gleichen.
Fürs Schlimmste man sich rüste!

Schneefräsen und -pflüge
und schweres Gerät.
„Ich“, sagte der Landrat, „verfüge:
An den und den Orten kein Unterricht.
Die Sicherheit hat höchstes Gewicht.“
Oder sagte er: Priorität?

Nein, Schnee in diesen Massen!
Nur die Älteren erinnern sich noch:
Das war, das war – wann war das doch?
Da war auch alles so zugeschneit,
die Straße nur noch zwei Finger breit.
Da galt’s die Schippe zu fassen!

Entwarnung erst für morgen.
Solang heißt’s sich sorgen.
Das Radio lasst eingeschaltet.
Wo fällt die Schule aus?
Wo rechnet man mit Staus?
O wie der Winter waltet!

Dies rauschten mir die Rundfunk-Wellen.
Ich nahm den Sauser in die Pflicht,
die Stimmung mir nicht zu vergällen,
und schrieb dies trockene Gedicht.

Vor Mitternacht

Vor MitternachtNun denn, so ist des Tages Reise
beinahe schon vollbracht.
Doch diesmal wohl auf andre Weise?
Das haste dir gedacht!

Der alte Trott, die alten Riten.
Kein Stern vom Himmel fiel.
Sie hatte wieder nichts zu bieten
als Pamp und Pappenstiel.

Das Beste waren noch die Flocken,
die wirbelten so frei,
dass ich beim schönsten Stubenhocken
gewollt, ich wär dabei.

Das andre musst ich selbst besorgen.
Und faul wollt ich nicht sein!
Drum flog ich, Lyrik mir zu borgen,
hinauf zum Musenhain.

Doch wird’s für diesen Tag auch reichen,
dass man ihn nicht vergisst?
Ein klitzekleines Markenzeichen?
Ein Fähnlein, das man hisst?

Ich weiß nicht, ob dies Lied gelungen,
ob Unsinn Blüten treibt –
doch hab ich es mir abgerungen.
O dass die Kampfspur bleibt!

Vorfrühlingstag

VorfrühlingstagZumindest weht kein Wind.
Die schwarzen Äste der Platanen,
die ihren Frühling noch nicht ahnen,
wie regungslos sie sind!

Noch sind die Wege weiß.
Der Schnee, der anderntags gefallen,
liegt noch in Bahnen und in Ballen.
Die Schritte knirschen leis.

Wie feucht die Straße blinkt!
Die Glätte der vergangnen Tage
zerschmolz bei dieser Wetterlage.
Das Thermometer sinkt.

Trotz Wolken dicht an dicht
kommt’s heute nicht zu Niederschlägen.
Und wenn: Wär’s Schnee dann oder Regen?
Vielleicht, vielleicht auch nicht.

‘s ist nicht mehr kalt wie Sau.
Die Finger, sonst stets eingerieben,
sind schutzlos an der Luft geblieben –
gerötet nur, nicht rau.

Ist’s mit dem Winter aus?
Ergibt er sich schon, hoch die Hände,
an diesem Jänner-Wochenende
der sanften Kraft des Taus?

Die Hoffnung scheint gewagt!
Drum wolln die Milde wir genießen
wie Blümchen, die zu zeitig sprießen –
beglückt und unverzagt.

Kreisläufe

KreisläufeNur diesem Römer noch die Ehre,
dann flutscht der Vers mir wie geschmiert,
dass fließbandmäßig ich vermehre,
was Büchmann einmal breit zitiert.
Nur diesem Römer noch die Ehre!

Nur diesem Blatte noch die Freude,
dass ich es voll und ganz beschreib
und nicht ein Fitzelchen vergeude
von des Geschöpfes schönem Leib.
Nur diesem Blatte noch die Freude!

Nur diesen Zeilen noch die Pflege,
wie Musenkindern sie gebührt,
bevor ich sie beiseitelege,
von ihrer Reife selbst gerührt.
Nur diesen Zeilen noch die Pflege!

Nur dieser Flasche noch die Muße,
damit ich ihren Grund erreich
und meiner Gründlichkeit im Fuße
des Verses auch das Schlucken gleich.
Nur dieser Flasche noch die Muße!

Nur dieser Nacht noch schnell das Schlafen,
dann läuft mit der Aurora-Flut
in ihres Tags gewohnten Hafen
die Sonne mit bewährter Glut.
Nur dieser Nacht noch schnell das Schlafen!

Nur diesem Tag noch seine Pflichten,
und mag der Zeit er Flügel leih’n,
bis wir uns wiedersehn – beim Dichten,
bei Römer, Mond und Träumerei’n.
Nur diesem Tag noch seine Pflichten!