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Spektakel

SpektakelNun ist das Feuerwerk verklungen,
der letzten Garbe Widerschein,
Gestirn nur pulst mit Lavalungen
Photonen rhythmisch aus und ein.

Die Dächer, die im Blitzgewitter
der Lichtfontänen aufgeloht,
wie starrn, von diesem Flammenflitter
entblößt, sie wieder taub und tot!

Und dieser bunten Schau Genosse,
der Krach, der ihr zu Füßen bellt’,
er liegt verendet in der Gosse,
nein, toter: wie vom Blitz gefällt!

Was für ein flüchtiges Vergnügen,
das ich so kläglich nachbekrächz:
Lärm inklusive Funkenflügen –
Spektakel beiderlei Geschlechts!

Und schätze höher doch die Stille,
der Maiennacht beseelte Ruh,
dass friedlich ich nach Wunsch und Wille
mir Verse mit ‘nem Fuß beschuh.

Nun ist das Feuerwerk verklungen.
Auf einmal Stille, die erschreckt.
Da hab ich schnell dies Lied gesungen,
dass es sie aus dem Schlummer weckt.

Das alte Lied

Das alte LiedVon Liebe würde gern ich singen,
aus vollem Herzen, abgrundtief,
ein Ständchen einem Engel bringen,
der stumm mich vor sein Fenster rief.

Die Lyra liegt mir schon in Händen,
dass ich die ersten Töne zupf,
das heißt aus meinen Restbeständen
Papier, auf das ich Lettern tupf.

Ich bräuchte nur noch loszulegen,
und gleich mit ganzem Schmelz und Schmer,
der Schönen Seele zu bewegen
zu möglichst schwacher Gegenwehr.

Schön wär’s. Die Luken sind geschlossen –
und klappt nicht einmal eine auf,
dass ich, mit Spülicht übergossen,
als Pudel durch die Gegend lauf.

Auf Null gefroren das Interesse,
das mir die Damenwelt noch zollt!
Mein Gott, wenn ich’s am Frühling messe,
der jetzt wie blöd vor Liebe tollt!

Huflattich sah mit goldnen Blüten,
dass er der Biene Rüssel reiz,
ein Mäuerchen ich grade hüten
in krausen Büscheln beiderseits.

Vom Flieder auch kann ich euch sagen,
dass er sein lila Lampenlicht
auf Zweigen, die’s wie Leuchter tragen,
ins Schattengrün des Laubes flicht.

Und der noch grad im ersten Flaume
der Knospen kahl sein Haupt gereckt,
der Ahorn ragt im Straßenraume,
in Blättern nun schon halb versteckt.

Ach, wär doch wie in alten Tagen
von Nymphen noch bewohnt die Flur,
ich pflückte, ohne lang zu fragen,
ein Mädchen mir aus der Natur!

Abgeblitzt

AbgeblitztTreff nächtens ich die Musen,
kann ich‘s mir nicht verknusen,
die göttlichen zu schmusen,
von Sangeslust beseelt.

Doch sie drehn die Gesichter,
o schrecklich strenge Richter!,
von diesem drögen Dichter,
der ihnen grad noch fehlt.

Das heißt, die Dinge enden,
wie stets in Männerhänden:
Dann muss man eben schänden,
vor Lust und Liebe blind.

Als Frucht seht diese Zeilen
dem Pinsel mir enteilen,
die auch beim besten Feilen
noch ungehobelt sind.

Die alte Leier

Die alte LeierIm Geist seh ich sie vor mir liegen,
die ich so häufig schon beschwor,
wenn zum Parnassus aufzufliegen
getummelt ich mein Tintenrohr.

Indes gewahr ich nur verschwommen
und düster nur sie von Gestalt,
die nie mir zu Gesicht gekommen
und nie noch wirklich mir erschallt.

Da ist was Rundes, will mir scheinen,
und was wie Hörner drauf am Rand,
dazwischen was wie Wäscheleinen,
wie Notenlinien eingespannt.

Und diese blässliche Schimäre,
und dieser ausgemachte Trug,
als ob ich nicht bei Sinnen wäre,
begeistert mich zum Höhenflug!

Wie andere mit heil’gem Schauer
beflüstern der Amati Wert,
rühm ich Apolls mich als Erbauer
der Leier, die mein Steckenpferd.

Mir gilt das Stück nicht minder teuer,
das nur mein innres Auge sieht,
weil ich mein Herz damit befeuer,
dass es mir schöne Verse schmied.

Gut. Darf ich nun im Stil der alten,
der Lieder, die am Schluss belehrn,
was von dem Ganzen hier zu halten,
im letzten Vierer euch erklärn?

Lässt von Vernunft der Mensch sich leiten?
Symbole lenken seinen Schritt.
Gib ihm ‘ne Handvoll Dreck – geweihten:
In jeden Krieg zieht er damit.

In den Mai gerutscht

In den Mai gerutschtBeinahe wär er mir entgangen,
so rasch der Wechsel und so still:
Der Mai hat wieder angefangen –
und nichts mehr mit April, April!

Brennt heißer nicht auch schon die Sonne,
von Wolken, schwarz und schwer, befreit?
O Mond du mit dem Beiwort „Wonne“,
willkommen deine Gnadenzeit!

Von Blüten schneeig übergossen,
verschleiert wie des Frühlings Braut,
erhebt sich, breit- und hochgeschossen,
der Weißdorn wieder übers Kraut.

Und abseits von den Schattenpfaden,
wo dunkel noch der feuchte Grund,
scheint süßlich er die Luft geladen:
Waldmeister wuchert rings und rund!

Ihm nahe, doch an lichtren Plätzen,
zu kleinen Trauben aufgereiht:
die Glöckchen, die besonders schätzen
als Sträußchen wir am Galakleid.

Mit welchem Eifer wieder jagen
die Schwalben nun von früh bis spät,
ihr Bröckchen Lehm dahin zu tragen,
wo Stück für Stück ihr Nest entsteht!

Und die, die ihnen ähnlich sehen,
die Mauersegler, gleichen Baus,
wie schrill sie auf Insekten gehen
in Lüften, die ihr Heim und Haus!

Ein andrer Mai-Gast, erdverbunden,
der patschend durch die Tümpel stakt,
laicht seine Eier jetzt, die runden,
was lauthals in die Welt er quakt!

Das gibt mir aber jetzt zu denken.
Tu ich’s dem Wasserfrosch nicht gleich?
So ziellos Zeilen zu versenken
in des Vergessens großem Teich!

Diskretion

DiskretionWill Achtung einmal dem bezeigen,
der eigentlich Gedichte schafft:
Vorm Blatt mich also hier verneigen,
das bleich mir vor der Feder klafft

Und mit dem büttenweißen Leibe
so willig mir vor Augen liegt,
dass, was auch immer ich ihm schreibe,
sein stilles „imprimatur“ kriegt.

Nie hat es was zurückgewiesen
von dem, was ich ihm aufgedrückt,
nicht einen Vers, und auch nicht diesen,
der mir, nun ja, nicht sehr geglückt.

So muss es auch den andern gehen,
die manchmal Sangeslust befällt:
Ihr Lied würd ungehört verwehen,
wär da kein Zettel, der es hält.

Papyrus, dir will Dank ich sagen,
dir, Schiefer, Ton und Pergament:
Statt Worte in den Wind zu schlagen,
man euch sie ins Gedächtnis brennt.

Die Sache hat nur einen Haken:
dass ihr euch nie dagegen wehrt.
Gleich gelten Zwitschern euch und Quaken,
die beide ihr mit Schweigen nährt.

So kommt denn manches euch zu Ohren,
womit man lieber euch verschon.
Auch ich, zum Sänger nicht geboren,
was schuld ich eurer Diskretion!

Sonnenuntergang

SonnenuntergangWie dass ein schönres Bild sich böte:
Der Sonnenball versinkt im Meer,
und diese Spur der Abendröte
wie Purpurschnecken hinterher!

Und kaum noch Wind. Die Kapriolen,
mit denen Äolus sich als
Moriskentänzer just empfohlen:
versprengte Hüpfer allenfalls.

Gebändigt wiegen sich die Wogen,
erschöpft von ihres Tages Müh:
Nur immer, ach, den Hals gebogen,
nur rauf und runter, hott und hü!

Wie sacht sie ihm den Fuß umspülen,
dem Felsen, der am Ufer steht,
statt Sand wie sonst ihm aufzuwühlen,
der wolkig seine Knie umweht!

Und auf der fernen Gipfelkette,
die schärfer jetzt vom Himmel sticht,
als ob’s geschneit da oben hätte,
ruht schimmernd noch das letzte Licht.

Und während sie sich noch verdunkeln,
von Schatten mählich übermannt,
sieht man die ersten Sterne funkeln,
als Vorhut in die Nacht gesandt.

Wie selig, so dahinzuschreiten
in diesem Dämmer, der sich schon
vermählt dem Grau der Meeresweiten
zu einem deutlich tiefren Ton!

Und an das Heim dabei zu denken,
der Stuben steinernes Geviert,
dir Schutz in einer Welt zu schenken,
vor deren Schönheit es dich friert.

Mondmanko

MondmankoIch wünschte, um was Recht’s zu dichten,
von Herzen mir den Mond sogleich –
doch nirgends ist der Kerl zu sichten,
da oben nicht und nicht im Teich.

Wo ist der Bursche bloß geblieben?
In welche Finsternis verweht?
Ich kann doch nicht den Himmel sieben,
damit er wo ins Netz mir geht!

Wie gerne hätt ich euch besungen
des Guten stille Gegenwart,
als Vollmond oder, notgedrungen,
mit dunklen Flecken schon gepaart.

Ja selbst als Sichel meinetwegen,
die sich um seine Basis wellt,
als wär’s, am Fuß ‘ner Tür gelegen,
das Licht, das durch die Ritze fällt.

Die Sterne sollten mir genügen?
Da hab ich auch schon dran gedacht.
Ach, ihr mit euren Geistesflügen:
Kein Fünkchen ist da heut entfacht!

Drum seht ihr mich in echten Nöten:
Es sperrt der Kunst sich die Natur.
Der Stoff des Abends geht mir flöten:
Heut Finsternis am Himmel pur.

Indes will ich nicht länger klagen,
spür unterm Hintern schon den Stuhl.
Muss eben mal was andres wagen
aus des Poeten Themenpool!

Die Rebe hier vor meiner Nase,
war davon denn die Rede schon?
Schon öfter? Nun, ich glaub, ich grase
dann wohl in anderer Region.

Und die mir immer treu zur Seite,
die Kerze da, was ist mit der?
Schon tausendfach besülzt? O Pleite!
Mein Gott, hat man’s als Dichter schwer!

Ich werde also Mut beweisen
und werf die Flinte nun ins Korn.
Der Mond, er wird schon wieder kreisen –
das Ganze dann noch mal von vorn!

Beharrlichkeit

BeharrlichkeitDen Drang, ich bitt ihn zu verzeihen,
dass wieder ich und wieder schreib,
begierig, mir dein Ohr zu leihen
für meiner Feder Zeitvertreib.

Geduld hast, Les’rin, du bewiesen
mit meinem Dilettantentum,
gelauscht anstatt den Reimesriesen
der Grille ohne Rang und Ruhm.

Ein bisschen hat’s an dir gelegen,
die du mich nie entmutigt hast,
was doch zu tun die Leute pflegen,
wenn auch ein Pünktchen nur nicht passt.

Doch kann ich deine Gunst bewahren,
aus der sich diese Treue nährt,
lohn ich sie nicht nach all den Jahren
mit Versen, wie sie ihrer wert?

Mal unter uns, nicht weitersagen:
Glaub mir, ich fürchte mich davor,
man käm, sie bei mir einzuklagen,
die Kunst, die ich Euterpe schwor.

Ich steige auf der Jakobsleiter,
die in den Musenhimmel führt,
gewiss nicht bis zum Ende weiter,
wo Lorbeer mich zum Sänger kürt.

Hab dann und wann in braven Paaren
Gereimtes mir aufs Blatt gestreut
nach dem abab-Verfahren,
das Olim einstens schon bereut.

Und hab ich in die Furchen, Zeilen
der Strophen etwa Sinn gesät?
Gedanken, die im Geist verweilen,
gediegen und nicht überdreht?

Blabla. Nur diese Alltagspossen.
Abab. Nichts von Belang.
Doch eben deshalb unverdrossen
wie der Zikade Sonnensang.

Mag man für andres mich nicht preisen:
Beharrlich bin ich zweifellos.
Drum lass mich, Les’rin, nicht verwaisen:
Zieh weiter mich geduldig groß!

Am Strand

Am StrandBeschaulich einfach dazusitzen,
die Stirn der Sonne zugewandt,
in deren Glut die Wellen blitzen
wie ein gewalt’ger Diamant.

Und Möwen rings in losem Bunde
beweidend diese Meeresflur,
ihr Schrei verhallend in der Runde,
ihr Leib erzitternd im Azur.

Ein weißer Punkt im Dunst verloren –
ein Segel? Oder nur ein Trug?
Und pfeilschnell sich ins Wasser bohren
die Schwalben auf dem Beuteflug.

Ein leichter Wind behaucht die Wangen,
der würzig in die Nase sticht.
Man hat zu schlummern angefangen,
die Lider schwer von Salz und Licht.

Die Zeit, als wollte sie verweilen –
als ob im Rausch der Wiederkehr
der Wellen, die ans Ufer eilen,
ihr Ungestüm gesättigt wär.

Dann wendest du aus sanften Träumen
der Welt zu wieder deinen Blick:
„Da! Trawler, die die Flut durchschäumen,
‘ne Flatterwolke im Genick!“

Und die mit sengendem Gestrahle
noch eben vom Zenit gestiert,
die Sonne ist mit einem Male
fast bis zur Kimm schon abgeschmiert.

Die Möwen? Nachbarn nun am Strande.
Am Himmel keine einz’ge mehr.
So feierlich hockt diese Bande,
als ob’s ‘ne Kirchenvesper wär!

Dann heißt es auch schon sich erheben.
Die Nacht, sie ruft mich in die Zeit
zurück aus diesem süßen Leben –
in ihre eigne Ewigkeit.