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Zeitgefühl

ZeitgefühlDie Kerze, die mir, wenn ich schreibe,
so still und freundlich zugewandt,
ist, sei sie stattlich auch vom Leibe,
halbwegs zu Boden schon gebrannt.

Ihr Flämmchen, das am spitzen Ende
des Dochtes durch die Lüfte ritt,
in seines Wachses weiche Wände
sich einen tiefen Krater schnitt.

Und statt dass es im Strahl, im reinen,
gebündelt könnt ins Weite ziehn,
hat es nun Mühe durchzuscheinen
durch dies verklumpte Stearin.

Du ahnst schon, Leserin, getreue,
was ich dir damit sagen will:
Die Stunde, der ich mich erfreue,
nicht ein Sekündchen steht sie still.

Und dass mir diese Urlaubstage
vergehn wie im berühmten Flug –
was ich auch, sie zu halten, wage:
Kein Unternehmen scheint genug.

Ob ich am lichten Strand spaziere,
im Bergdorf meine Tapas kau,
im Chor mich eines Doms verliere
zur Kreuz- und Tabernakelschau

Ob ich in maurischem Gemäuer
verspüre der Geschichte Hauch,
den von Gefahr und Abenteuer
in einer Brigg marodem Bauch

Ob ich mit Siebenmeilenreifen
und „autogenem“ Fensterplatz,
chauffiert, Gebirge zu durchstreifen,
erschauernd um die Kurven kratz

Wie leicht gelingt’s mir zu vergessen,
dass mir derweil die Zeit verrinnt.
Natürlich lässt sich so was messen.
Doch meine Uhr, ich glaub, die spinnt.

Ortswechsel

OrtswechselGern wirst du, Leserin, mir glauben,
dass in die Küche mich’s verschlägt,
den Musen jenen Kuss zu rauben,
der Verse auf die Lippen legt.

Der Herd indes, an dem das Feuer
der Lyra-Leidenschaft ich schür,
liegt heut, o Urlaubsabenteuer!,
vor Malagas besonnter Tür.

Doch sind’s die gleichen Spezereien,
wie ich auch sonst sie stets verwend,
die Würze meinem Geist verleihen,
dass für Gedichte er entbrennt.

Da ragt der Rebensaft zur Rechten,
Dionysos, in Glas gebannt,
den Dichterlorbeer mir zu flechten
an seines eignen Meeres Strand.

Da steht die Kerze gleich daneben,
die zum Altar mir weiht den Tisch,
dass ins Bacchantische der Reben
sich des Apollo Klarheit misch.

Ihr fragt, ob mich nicht auch beflügelt
die Bläue, die den Tag erhellt,
dem Maler gleich, der ungezügelt
dem Farbenrausch dabei verfällt?

Gewiss nicht, da ja die Gedanken,
aus denen er sein Ströphlein spinnt,
das Dichterherz schon fest umranken,
bevor es noch auf Sonne sinnt.

Und dieses Dichterherz, es weidet
auf allen Fluren dieser Welt –
falls sie mit Licht, in Wachs gekleidet,
und einem Fläschchen gut bestellt.

 

Am Meer

Schiff bei NachtVorm Hause hör ich Reifen rauschen,
und hinter mir, da stöhnt das Meer.
Der Wind nur lässt sich nicht erlauschen –
als ob er nicht bei Stimme wär.

Der gute Mond hat sich verkrochen,
die Straße döst im Lampenschein.
Sardinen, Hechte ihr und Rochen,
wie finster muss es bei euch sein!

Der alte Leuchtturm dort am Ufer,
der angestrengt ins Dunkel stiert:
Ein In-die-Wasserwüste-Rufer,
des Wink sich in die Nacht verliert.

Von Menschen leer die Promenade;
die Katzen liegen schon im Schlaf.
Die Wellen geifern ans Gestade
und kuschen immer wieder brav.

Da ist’s, als ob ein schwaches Blinken
ich im Gewölk vernommen hätt –
ein Stern wohl, gute Nacht zu winken,
bevor er schlüpft ins Himmelbett.

Nein, von der Kimm her kommt das Zeichen:
Ein Kahn, der schwankend fort sich schleppt,
das sichre Ufer zu erreichen,
bevor die Puste ihm verebbt.

Da wälzt er fern sich auf den Wogen
so einsam durch die Dunkelheit,
als wär’s ‘ne Seele, die betrogen
um Heimat in der Flut der Zeit.

Unabänderlich

SternenhimmelIst er der Schlimmste nicht von allen,
so gnadenlos und konsequent?
Hat mich schon wieder überfallen,
der Schurke, der sich Abend nennt!

Die schwarze Maske vorgezogen,
wie Usus bei ‘ner krummen Tour,
dass in des Auges Regenbogen
glühn nur Pupillen, Sterne nur.

Und wieder wird er mir entreißen,
was grad ich doch am liebsten mag:
Statt säuerlich ins Gras zu beißen,
den bittersüßen Lebenstag!

Wer hilft mit Piken und Pistolen,
mit Lanze, Dreizack mir und Netz,
mein gutes Menschenrecht zu holen
entgegen dem Naturgesetz?

Da schweigen blöde die Fassaden,
da glotzt die Straße stumm wie Stein:
Das sind mir schöne Kampfbrigaden –
martialisch wie ein Betverein!

Doch wenn ich zweimal überlege,
kommt mir so dumm das gar nicht vor –
was nützt es, wenn ich mich errege,
ich, ein pascalsches Binsenrohr!

Den Kosmos kann man nicht verbiegen,
der hält an seinem Stiefel fest,
im Staube heißt es vor ihm liegen,
so wie ein Schaf sich scheren lässt.

Ach, wenn auch dies ich recht bedenke:
Tut er nicht selbst nur, was er muss?
Nun denn, mir süßen Schlummer schenke –
doch vorher noch ‘nen Musenkuss!

Übers Blatt gebeugt

Übers Blatt gebeugtErneut des Abends nobles Schweigen,
erneut der der Sterne schlichter Glanz.
Wer könnt sich noch geschäftig zeigen
nach dieses Tages Kälbertanz?

Wie heimelig die Lichter glimmen
aus finsterer Fassadenfront,
dahinter stumm wie Fische schwimmen
die Fernsehfreaks bei Bier und Bond!

Der Wagen Gummihufe preschen
nur selten noch zum Stall vorbei.
Die Tanken zu, die Autowäschen.
Die Pisten wieder unfallfrei.

Der Mond geht seine Wächterrunde,
beinah von keinem Mucks gestört –
von dem nur, den aus aller Munde
man rhythmisch als Geröchel hört.

Ich steche mit den Gabelzinken
genüsslich in das Kräuterbett,
aus dem wie grüne Bojen blinken
Oliven, feucht von ihrem Fett.

Und fasse mit der andern Pfote
nicht weniger beherzt das Glas,
dass mit dem Gaumen ich erlote,
wie tief darin der Sauser saß.

Ach, zu vollenden diese Stille,
bräucht’s nur noch wie von fern Geläut,
ein Glöckchen, das wie eine Grille
sein feines Zirpen wiederkäut.

Man kann indes nicht alles haben –
die Ruhe ist auch so perfekt.
Den Stift hör übers Blatt ich schaben
so sacht, dass er nur Verse weckt.

Modernes Küchenstück

Modernes KüchenstückAm liebsten würd ich, Leserinnen,
von euch berichten hier allein,
ihr wisst ja, tief im Herzen drinnen
bin ich, nein, möcht ich schüchtern sein.

Mich selbst nicht an die Rampe rücken,
dem Publikum mich präsentiern
als einen, den in allen Stücken
die schönsten Geistesgaben ziern.

Doch leider weiß von eurem Wesen
und Wandel ich die Bohne nicht,
dass weniger für die, die lesen,
als eben den, der plaudert, spricht.

Nun gut. Erinnert euch der Küche,
der Wiege meiner Schaffenslust,
wo ich sie klopfe, diese Sprüche
mir aus der bleichen Dichterbrust.

Ich werd mich hier mal kürzer fassen
in puncto Möblemang und so,
bis hin zu Töpfen und zu Tassen
kennt ihr ja längst mein Fressbüro.

Die Kerze will ich nur erwähnen,
die mir zur Seite sich verzehrt
und mit der Wachsflut ihrer Tränen
den Boden schon der nächsten nährt.

Dazu auch noch den schmalen Streifen,
den mir der Himmel zugedacht,
wo Sterne aus dem Dunkel reifen
wie Erze aus der Flöze Nacht.

(Der will mir hier zum Raum gehören
wie irgend sonst ein gutes Stück –
wie Hirsche, die im Rahmen röhren
für unsrer Spießer Stubenglück.)

Und schließlich noch die stille Größe
der Bordelaise vis-à-vis,
die ich nun peu à peu entblöße,
indem ich ihr den Saft entzieh.

So weit denn meine Musenhöhle,
für meinen Pegasus der Stall,
wo ich mein frisches Liedchen gröle
und säusele von Fall zu Fall.

Mehr will ich aber auch nicht sagen,
wo ihr doch eh schon alles kennt.
Soll Eulen nach Athen ich tragen,
dass man mich einen Schussel nennt?

Ich wollte euch nur kurz berichten,
dass ich der alten Kunst noch frön,
ein Lebenszeichen quasi dichten.
Hier bitte. Und nun schlaft mal schön.

Friedliche Nachbarn

Friedliche NachbarnMan möchte an den Frieden glauben,
wenn nächtlich man die Stadt so sieht:
Motoren, die gedämpfter schnauben,
verstummt der Tauben Gurrelied.

Es knallen keine Autotüren,
es schlägt kein Martinshorn Alarm –
so dicht kann man die Stille spüren
wie einen Körper weich und warm.

Millionen Münder hört man schweigen,
als hätten sie sich ausgebrüllt
nach ihres Tags Achtstundenreigen,
der monatlich ihr Säckel füllt.

Am Pflaster nicht mehr eine Sohle,
die klappernd in die Ohren klingt.
Es scheint, dass unsre Metropole
ganz suutje in die Pfühle sinkt.

Was mag ihr hinter den Fassaden
an Träumen nur im Schädel schwirrn,
was in die Ruhe sich entladen
an Bildern aus dem müden Hirn?

Ergehen, ganz in Weiß gewandet,
Schalmei und Laute griffbereit,
den Leib von Wogen Lichts umbrandet,
sich Engel in der Ewigkeit?

Wo endlos Wiesen sich erstrecken,
ein Affodill- und Lilienmeer,
und Flüsse an den Ufern lecken
mit Zungen milch- und honigschwer?

Sind’s eher höllische Dämonen,
die grausig aus den Grüften starrn,
dem Trauerzuge beizuwohnen,
wenn DICH sie an die Grube karrn

Und während dich die Schlünde schlucken
in bodenlose Finsternis,
siehst einen letzten Blitz du zucken,
als ob des Himmels Tuch zerriss?

Ich ahn wohl Menschen in den Zimmern
mir gegenüber des Gebäuds.
Doch seh ich stets nur Lichter schimmern
und drüber schwarz ein Fensterkreuz.

Festtage

FesttageMan kann es förmlich spüren,
dass dieser Tag was hat –
‘ne Stille zum Berühren
erfüllt die ganze Stadt.

Auf Pflaster, das getreten
von Hacken sonst zuhauf:
Nur Zettel, die verwehten,
nicht eine Sohle drauf.

Wo sind sie nur geblieben,
die Meiers überall,
was hat sie heut getrieben
wie Hühner in den Stall?

Als ob die ganze Sippe
da wo zusammengluckt
und futtert an der Krippe,
wenn sie nicht grade schluckt.

Ein Länderspiel von Klasse?
Ein Film mit Mord und Schreck?
Was saugt die Menschenmasse
so von der Straße weg?

Ihr habt es schon erraten –
der Tannenbaum ist schuld
und dieser Gänsebraten,
der seit St. Martin Kult.

Man hockt in trauter Runde,
genießt so allerlei
und lauscht der frohen Kunde
gerührt nach Lukas 2.

Man achtet nicht der andern,
aufs Fest so konzentriert –
heut müsst sie weiterwandern,
die Jungfrau, die gebiert.

Verrammelt wie vor Dieben
die Tore aller Welt.
Der Sinn für seine Lieben –
schön, wenn er länger hält!

Geburtstag

GeburtstagIst schon ein Wandel eingetreten?
Ist schwärzer die Dezembernacht?
Die Himmelsau‘n, die sternbesäten,
sind glühender sie nun entfacht?

Was ist mit diesen Häuserfronten,
die ewig mir den Blick verbau‘n?
Die nie und nie sich bücken konnten –
kann über sie hinweg ich schau’n?

Und unten, die vernarbte Wunde
der Straße, die Asphalt bedeckt
wie Schorf: Dreht plötzlich sie ‘ne Runde,
wo sonst sie sich am Schnürchen streckt?

Auch die gestählten Mottenfänger,
die Köder aus Laternenlicht –
sind ihre Neonhälse länger,
als es der deutschen Norm entspricht?

Die Fenster auf der andern Seite,
wohin’s das Auge oft verschlägt –
ob sie nach Länge oder Breite
vielleicht schon etwas zugelegt?

Nein, nirgendwo kann ich erkennen,
dass sich was ändert von Belang.
Ein Jahr muss ich mich älter nennen.
Denn auch die Uhr geht ihren Gang.

Geduldiges Papier

imagesSEZVFP33O du, gezeichnet und geschunden,
du mein geduldiges Papier,
wenn ich in fleiß’gen Mußestunden
mit Tinte voll dich tätowier!

Nie hab ein Stöhnen ich vernommen,
nie deines Unmuts barschen Laut,
dass meine Feder unwillkommen,
wenn Zeichen sie ins Fell dir raut.

Und sind doch Tausende gewesen,
seitdem ich mich der Kunst geweiht!
(Kein Schwein kann diesen Kappes lesen,
der förmlich nach Vergessen schreit.)

Du hast nur immer still gelegen,
ergeben, stumm, bereit.
Wie Jakob vor dem Vatersegen,
wie Lot vor Übelkeit.

Warum zum Teufel so gelitten,
so klaglos unterm blut’gen Blau?
Weil Zeilen in die Haut geschnitten,
dass sie die Nachwelt schau?

Vielleicht aus einem andern Grunde?
Womöglich auch aus Stolz?
Ach, fühllos du bei jeder Wunde –
ist denn dein Herz aus Holz?

Wie immer – dieses schöne Schweigen
erleichtert mein Geschäft:
Die Lyra kann ich auch vergeigen,
kein Zerberus, der kläfft.

Kann unbehelligt weiterspinnen
den Faden meiner Griffelspur,
mir ständig Schnörkel neu ersinnen
auf makelloser Flur.

Drum wünschte ich mir, o Schimäre!,
zög je ‘nen Leser ich an Land,
dass er wie diese Blätter wäre –
so herrlich tolerant.