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Abendfrieden

images95P9ELDWWie einsam liegen nun die Straßen,
wie still im Häusermeer,
als ob die Menschen sie vergaßen!
Die Schritte hallen schwer.

Die Möwen, die da kreischend flogen,
die Krähen eben noch,
sind, was weiß ich, wohin gezogen,
verkrochen in ihr Loch.

Kein Täubchen pickt sich von den Steigen
geduldig noch die Krümel auf.
Die Elstern und die Amseln schweigen.
Die Nacht nimmt ihren Lauf.

Vom trüben Himmel droben schweben,
von Sternenschimmer matt geweißt,
die duft’gen Schleier aus Geweben,
die keine Hand zerreißt.

An Füßen, unbeschuht von Socken,
reibt schlangenzüngig ihren Schlund
die Kälte, eher feucht als trocken,
bis alles rot und wund.

Nun sind es nur noch wen’ge Tage,
bis Ochs und Esel wieder stiert
aufs Wunder jener alten Sage:
Die Jungfrau, die gebiert.

Ich würd so gern an Weihnacht glauben:
Ein Zeichen müsste dazu her!
Doch, Herr, bloß keine Friedenstauben –
ein Engel, bitte sehr!

Anleitung

DichtkunstNoch ist es ziemlich unbeschrieben,
das Blatt, das ihr hier seht,
werd’s ändern und mit Pinselhieben
es nehmen ins Gebet!

Und dankbar seid, ihr Leseratten,
dass es mir heut gefällt,
euch Schnuppernasen zu gestatten
den Duft der Dichterwelt!

Alsdann die erste der Lektionen:
Wählt euch ein Thema frei –
und ohne Pegasus zu schonen,
gepeitscht zu Strophe zwei!

Der Rest ergibt sich von alleine.
Seid schön in Schwung ihr erst,
dann tragen besser euch als Beine
die Füße, die geverst.

Indes die Regeln auch beachten:
Stürmt blind nicht einfach fort –
die Les’rin, lasst sie lieber schmachten
am vagen noch, am Wort!

Doch dann wie Jerichos Trompeten
lasst schmettern es zum Schluss,
dass wie aus allen Nähten
die Pointe platzen muss!

So weit hier nur in groben Zügen
die altbewährte Rezeptur –
nun eilt, mit mir das Feld zu pflügen
der schönen Musenflur!

Nur Mut! Sie lassen Milde walten,
Götter verzeihn ja gern.
Wie sonst, dass sie nicht öfter schalten
den Roth, den Morgenstern?

Sie hatten schon mal bessre Zeiten,
genügsam sind sie heut.
Lasst uns darum den Flieger reiten,
auf und gereimt, ihr Leut!

Herbstnebel

images3P4VUYHIMit feisten Fingern greifen
nun Nebel in den Raum,
in Schwaden und in Streifen
um Borke und um Baum.

Und schleppen auch die Krähen
auf ihrem Buckel her,
die Felder zu besäen
mit Schwingen schwarz und schwer.

Aus Erdentiefen wallen
um Fessel und um Fuß
fühlt man wie Feuerquallen
der Kälte feuchten Gruß.

Die alten Eichen starren
wie Geister aus dem Brei,
verhoffen und verharren
gesammelt vor dem Schrei.

Der Himmel ist verschlossen
mit einer Wolkenwand,
und Petrus hält verdrossen
den Schlüssel in der Hand.

Ersoffen sind die Sterne,
ersoffen ist der Mond –
wie nah die graue Ferne
jetzt auf den Dächern thront!

Wie unter einem Schleier
liegt alles stumm und still,
dass sogar meine Leier,
psst!, nur noch flüstern will.

Was soll ich auch noch dichten?
Die sterbende, die Welt,
will Prosa, Herbstgeschichten –
seht her: Mein Blatt, es fällt!

Keine Zeit

imagesD2H59OU7Zu wenig Zeit, ach, Zeit!
Und dann sich Hoffnung machen?
Als hätt man alle Ewigkeit –
zum Lachen!

Gesine, komm,
wir wolln ein Tänzchen wagen!
Doch diese, fromm,
hat’s mit dem Magen.

Der Hinnerk will das Weib erkunden
und hat ein Schnäppchen vor.
Gehauen ward er binnen Stunden
aufs Ohr.

Lauf in den Disco-Schuppen,
sieh, was sich machen lässt!
Na, nix – die besten Puppen
ha’m schon ihr Nest.

Du baggerst an der Haltestelle
‘n süßen Engel an:
Im Bus hockt schon für alle Fälle
ihr Göttermann.

Glück endlich – Tusch und Himmelschöre!
Mein Typ! Und fliegt auf mich!
Und alle andern. Diese Göre
geht auf den Strich!

Zu kurz, zu kurz die Jahre,
die wir gekriegt!
Hätt gleich doch mit ‘ner Bahre
man uns gewiegt!

Das Leben ist die Summe
verpasster Chancen nur,
egal ob auf die krumme
oder die biedre Tour.

Und was uns einst verheißen
als Allerletztes Ding?
Warum ins Gras dann beißen?
Hic Rhodus, Schöpfer, spring!

Mit diesem bisschen Leben
fang einer etwas an!
Zu wenig Zeit, ach! Eben:
Die frisst der Sensenmann!

Dazwischen bleibt indessen
noch Raum für etwas Spaß,
dass wir die Welt vergessen,
die selber uns vergaß.

Des Tages Neige

imagesSMNLU6LRSchon wieder geht zu Ende
ein Zipfelchen der Zeit,
entgleitet mir behände
ein Lebtag fingerbreit.

Die Straßen plakatieren
mit Finsternis den Fall.
Darüber amüsieren
die Sterne sich im All.

Geräusche lärmen leiser.
Gedämpfter dämmert Licht.
Die Welt scheint älter, weiser:
Apollo, Delphi spricht.

Orakelt mir derweilen
der Flaschengeist ins Ohr
die meisten dieser Zeilen,
die ich ans Blatt verlor.

Gesegnet du, o Stätte,
o Feuer du und Herd!
Hier prasse ich und plätte
und steig aufs Musenpferd!

Soll Küche ich dich schelten?
Du bist das Heiligtum,
mein Scherflein abzugelten
für späten Dichterruhm.

Da seht das Flämmchen funkeln
der Kerze, wie geweiht
in einem Dom, im Dunkeln,
vor Gottes Ewigkeit.

Da seht die Kanne ragen
mit ihrer feuchten Fracht,
die wie in Hellas‘ Tagen
den Trank mir dünner macht.

Und wie vorm Fenster fließet
und schön in Falten fällt
der Vorhang, der erschließet
das Wunder dieser Welt.

So selig geht zur Neige,
so feierlich der Tag.
Ich gehe mit und schweige.
Im Daunensarkophag.

Kein Hagestolz

imagesF5WRN7L5Kein Weibchen kreuzt hier meine Kreise,
bin ganz auf mich gestellt –
wie Robinson auf seiner Reise
fernab von Watt und Welt.

Die Kerze muss mir hier ersetzen
den Leuchtturm, der zur Küste führt,
mein Blatt die weißen Wolkenfetzen,
wo Horizont man spürt.

Auch hab die Buddel ich zu Händen
mit rosenfarbnem Most –
werd sie geleert den Musen senden:
gereimte Flaschenpost.

Man möge mich nicht missverstehen:
Ich jammer nicht herum.
So’n Weib kann auf die Nerven gehen,
ist ohne besser drum.

Wenn ich mir nur vor Augen halte:
Da feudelt wer und fegt
und fidelt auf der Bügelfalte,
bis sie die Luft zersägt.

Und haut mir Eier in die Pfanne,
betüpfelt Blech mit Teig,
mit Ata meine Badewanne,
dass REINER ich entsteig.

Und streicht mir morgens gute Butter
auf Schnittchen fürs Büro,
dass es mich seltsam an die Mutter
erinnert, na, und so.

Doch vollends würde mich erschrecken,
dass es den Schlaf mir raubt,
wenn Lockenwickler sie bestecken
wie ein Gorgonenhaupt.

Mit einem Wort: Ich sehne
mich nach ‘ner Weibsperson,
nicht Mäuschen, nicht Hyäne,
mehr so ein Zwischenton

An Schönheit und Gebärden,
an Liebreiz und Verstand –
grad um verrückt zu werden,
dass solchen Schatz man fand!

Doch Dichter, ach, begreife
im Wunsche deinen Wahn:
Den Vamp mit Mädchenschleife
gibt’s nur im Arztroman.

Und außerdem bedenke:
Was hälst denn du bereit
der Göttin zum Geschenke,
die so ‘nen Daddy freit?

An diesem Punkt gelandet,
versagt die Fantasie.
Wie oft bin ich gestrandet –
ein Busen war es nie!

Meine Werkstatt

imagesE8XAPEHFIhr solltet mich mal sitzen sehen
in meiner kleinen Küchenwelt,
die Musen um Erleuchtung flehen,
dass Vers für Vers der Groschen fällt!

Denkt euch den Dämmer fortgeschritten:
In rauch’gem Schwarz erstickt die Stadt.
Den Wanst gefüllt mit Vesperschnitten,
glotzt Fiete sich die Iris satt.

Getüpfelt sind von blauem Schimmer
die finstren Fronten überall,
es scheint, in jedem Fernsehzimmer
käu’n Bullen jetzt an ihrem Fall.

Und auf dem Bürgersteig flanieren
Gestalten nur noch dann und wann –
mir recht, um Löcher drauf zu stieren,
wenn mal mein Stift nicht weiterkann.

An Sterne dürft ihr noch nicht denken,
so zeitig ist das noch nicht drin.
Es buckelt hinter Wolkenbänken
der Mond sein Lämpchen nur dahin.

So etwas wie die blaue Stunde,
so was wie Munch stellt euch nur vor –
bis auf die Kiefern in der Runde,
dafür Antennen volles Rohr.

Tja, also just in dem Ambiente,
das ich euch hiermit nahgebracht,
entfalt ich meine Reimtalente
prosaischer als ihr gedacht.

Mag’s auch die Illusion euch rauben,
entlarven jenen falschen Schein,
Poeten turtelten wie Tauben
in Türmen, die aus Elfenbein.

Denn seht, auch zwischen nackten Mauern
erhebt manch Blümchen sich zum Licht,
zu schön, um einsam zu versauern
nur in der Schöpfers Angesicht.

Kapiert? Dann wäre nicht verloren,
was heut ich mir im Hirn gebraut.
O Freunde ihr, hochwohlgeboren,
recht fleißig nur vorbeigeschaut!

Zeitsprung

Blüten im MaiTatsächlich – schon ein Jahr vorbei,
unglaublich rennt die Zeit!
Wie gestern war’s, da lag der Mai
gleich heut im Blütenkleid

Und wiegte in dem heißen Strahl,
der wohlig ihn umfing,
die Welt der Wesen ohne Zahl,
die ihm am Busen hing –

Dieweil ein Lächeln mich erhellt –
was braucht ich sonst an Licht?
Ach, wo ich Rosen einst bestellt,
blüht nun Vergissmeinnicht!

Erloschen, was den Acker nährt,
auf dem die Liebe sprießt,
dass selbst mein gutes Musenpferd
hier Tränen noch vergießt.

Ein Fünkchen aber glimmt und glost
und geistert noch umher –
Pandoras allerletzter Trost,
wenn ihre Büchse leer.

In einem Jahr kann viel geschehn –
und auch das nächste rennt.
Wer weiß, ob nicht im Handumdrehn
die Hütte wieder brennt!

Regentage

images7XI8TI4CSchon wieder Regen, Regen.
Aus allen Himmelsporn.
Und wie im Herbst, da fegen
dir Winde um die Ohrn.

Bei Regen aus dem Hause,
bei Regen auch retour.
Nicht eine Regenpause
in dieser Regenkur.

Im Pulsschlag der Fontäne,
die rhythmisch steigt und sinkt,
gehn Schauer nieder, jene,
nach denen man sich wringt.

Seht nur die Wolken jagen
im bleichen blinden Flug –
die kriegen wohl den Magen
nie Regens voll genug!

Der Lenz hat keine Eile:
Er hält sich noch bedeckt.
Vom Sonnenliebespfeile
ist erst Narziss erweckt

Auf traurigen Rabatten
inmitten von Asphalt,
den Pfähle nur beschatten
als öder Schilderwald.

Die Erde scheint zu schwimmen,
glänzt wie ein Regenfass –
da heißt es Höh’n erklimmen:
Hinauf denn zum Parnass

Dass ich mit trocknen Füßen
mich über Wasser halt.
Die Musen lassen grüßen:
O Kunst, Naturgewalt!

 

Gespenstisch

SchattenrisseIm Schoß der Nacht bewegten sich
die Wesen eilig fort,
eins nach dem andern, Strich um Strich
wie Schatten, ohne Wort.

Und sollten doch wohl Menschen sein
nach Größe und Gestalt,
Geschöpfe, deren Fleisch und Bein
gewöhnlich widerhallt.

So lautlos huschten sie dahin,
so leicht und ungesäumt,
dass ich nicht einmal sicher bin,
ob ich sie nicht geträumt.

Dies unbedingt ich wissen muss –
so schoss es mir durchs Hirn,
doch saß ich leider weit vom Schuss
mit meiner Denkerstirn.

Mocht ich den Hals auch noch so drehn –
vergeblich nachgeguckt!
Ich werd sie niemals wiedersehn.
Die Nacht hat sie verschluckt.