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Nach der Reise

imagesRS45Q196So kommst du von der Reise wieder,
so trittst du in den Alltag ein.
Dein erster Eindruck lautet: bieder,
dein erster Wunsch: woanders sein.

Warum, zum Teufel, hat die Birne
nicht die Fassade weggeputzt,
die da mit flacher Klinkerstirne
der Baukunst guten Ruf beschmutzt?

Warum ist keine güt’ge Fräse
dem schwarzen Pamp zu Leib gerückt,
dass ich im Heimatblättchen lese:
„Deasphaltierungsplan geglückt“?

Und dieses Neonlichtgedröhne
beleidigt immer noch den Blick –
kein Volksbegehren für das Schöne
brach diesen Röhren das Genick?

An allen Ecken noch und Enden
das alte Propagandaspiel:
Konsumparolen, die dich blenden:
Der Supermarkt als Lebensziel!

Es ist wohl alles so geblieben
wie neulich, als ich abgereist –
bloß um zwei Wochen fortgeschrieben,
an Zeit gealtert, nicht an Geist.

Selbst meine lumpige Gardine
wellt immer noch ihr fades Grau
und dümpelt an der rost’gen Schiene
zur kleinkarierten Maschenschau.

Des Urlaubs Sonnenstrahlen fallen
hier grell in jeden Winkel ein,
und überall sich Stäubchen ballen,
die sichtbar erst in diesem Schein.

 

Gelb und rund

images98FAKHUIDa hockt sie gelb und rund,
die Kerze fürs Gemüt,
die heut ihr Viertelpfund
auf meinem Tisch verglüht.

Ich hör sie wieder mächtig schweigen,
ich sehe sie ins Leere starrn,
die Nacht. Und den Trabanten steigen
gemächlich über First und Sparrn.

In ihrem Widerschein,
drei Spannen weiter nur,
erglänzt der Rioja-Wein
wie goldener Velours.

Ein Martinshorn zerreißt die Stille,
und durch die Weite irrt ein Blau,
damit der Notfallhelfer Wille
sich nicht an Kofferräumen stau.

Dazwischen, kupferrot,
mein griechischer Krater,
der Wasser speit zur Not,
ist mir der Wein zu schwer.

Wenn ich den Blick nach oben richte,
ich glaub, die Sterne schlafen noch.
Nur eine Wolkendecke, dichte:
Scharpie auf einem schwarzen Loch.

Der Vorhang, lang und steif,
als wär‘s ein Säulenschaft,
wenn zum Parnass ich schweif,
verleiht mir Götterkraft.

Ein Fenster, das in Neonröhren
wie Jaspis, wie Achat gefasst,
bedeutet herrisch den Flaneuren:
Hier kauft ihr günstig – aufgepasst!

Wie oft ich wohl beschwor
den Kühlschrank linker Hand,
das schlichte Einfallstor
in mein Schlaraffenland!

Der Reifen gutturales Rollen,
des Gummis Reiben auf Asphalt,
wie aus dem Nichts da angeschwollen,
und wieder auch im Nichts verhallt.

Nicht minder auch den Herd
daneben, Wand an Wand,
der ebenso bewährt
als Speiselieferant!

O könnte ich des Schlafs entbehren,
ich wäre stets der Welt gewiss
und könnte meine Stunden mehren
um diese goldne Finsternis!

Die Kerze, gelb und rund,
bewahre mir ihr Licht
und wachs vom Viertelpfund
zum Zentner an Gewicht!

Bei Einbruch der Nacht

imagesD0O4FUZ0Längst sind die Lichter angegangen,
bestirnen diese kleine Stadt.
Der Tag, grad noch mit Rosenwangen,
hat schon sein Dasein satt.

Die Wellen, die so viele Stunden
im Kuss der Sonne sich gewiegt,
sind alle unbemerkt verschwunden,
versunken und versiegt.

Wo hat die Amsel hingetragen
der Syrinx süße Litanei,
und die wir kreisen sahn und jagen,
die Möwe, ihren Schrei?

Ein bleicher Mond hat sich erhoben,
dem schon ein Teil des Schädels fehlt,
in leichten Dunst wie Mull verwoben,
der kaum die Wunde hehlt.

Kein Lüftchen regt sich in der Runde,
des Äthers Atem stockt und steht.
Der Wind, der tags in aller Munde,
hat endlich ausgeweht.

Vom Leuchtturm ab und zu ein Zeichen –
Signale an die Meeresnacht.
Geb Gott, dass sie Jan Maat erreichen,
da einsam auf der Wacht!

Und ich, der ich grad aufgestanden
und just begrüßt den jungen Tag –
wo werd ich gleich schon wieder landen?
Im Daunensarkophag!

Mondschein

Mond über MeerHoch ist er übers Meer gestiegen
und hat ihm alles Licht gesandt,
in Glanz die Wellen ihm zu wiegen,
in Schimmer seinen dunklen Strand.

Doch meiner guten Promenade
war dieser Mond noch nicht genug:
Laternen reiht‘ sie ans Gestade,
die jede eine Fackel trug!

Und auch das Städtchen in der Ferne –
von Flammen tausendfach beseelt:
Ein Haufen eingestürzter Sterne,
der schrill in seiner Asche schwelt.

Bisweilen ließ sich auch da oben
ein Flugzeug wie ein Fünkchen sehn,
vom Winde langsam fortgeschoben,
um in den Wolken auszugehn.

Und hier, wo ich nun Verse schmiede,
beflügelt mich Semeles Schein?
Ein Kerzlein leuchtet mir zum Liede,
ein Klümpchen Wachs zum Musenhain!

Die Funzel könnten wir entbehren,
die trüb sich oft am Himmel härmt –
doch wie viel kälter Herzen wären,
die so ein Vollmond nicht erwärmt!

Tapetenwechsel

imagesP5VRGHVFDrei Stunden durch die Luft getragen
auf Flügeln einem Adler gleich,
um sachte wieder aufzuschlagen
in diesem lichten Märchenreich!

Das Haupt, das eben noch dem Regen
die kahle Kuppe hingestreckt,
hält nun der Sonne sie entgegen,
die wohlig sie ihm trockenleckt.

An einem Strand, der ohne Ende,
an einer endlos blauen See,
wo Palmen hundertfüß’ge Hände
im Winde wiegen, Luv und Lee.

Wo von geräum’ger Promenade
man Buchten und Gebirge schaut
im Rauschen jener Serenade,
die mit den Wellen schwillt und flaut.

Und welche Früchte aus den Fluten
man hier für seinen Gaumen pflückt
mit Netzen und mit Angelruten –
ein Strauß, der jede Tafel schmückt!

Cigalas, Pintas und Polypen,
nur diese nenn ich aus der Schar
unzähl‘ger submariner Typen,
genießbar alle, roh wie gar.

Doch auch den Wein nicht zu vergessen
von Valdepeñas, Rioja her –
dem Meerestier so angemessen,
als ob er Neptuns Leibtrunk wär.

Den schlürfst du in bedächt’gen Zügen,
bequem in einen Stuhl gelehnt,
wo Kiele durch den Acker pflügen,
der schwankend sich ins Nirgends dehnt.

Und droben in der Bläue blinken
mal hier, mal da die Möwen auf,
die immer steigen, immer sinken
in immer wechselvollem Lauf.

Als wär er wieder angebrochen,
der Äon jener Goldnen Zeit!
Und ist doch auf zwei winz’ge Wochen
beschränkt in seiner Ewigkeit.

Darum genug der Pinseleien,
im Stübchen nicht vertan die Frist –
wie denn hier tote Striche reihen,
wo draußen alles Eden ist?

Und willst du, Les’rin, mich begleiten,
gern nehme ich dich bei der Hand:
Da vorn gleich kann man Wellen reiten –
und Verse fingern in den Sand!

 

Garstig Lied

imagesQZTHSZBHHe, du, kannst du politisch dichten? –
Wer, ich? Fällt mir im Traum nicht ein.
Gehört’s nicht zu den Bürgerpflichten? –
Wie’n Furz auf Krankenschein!

Und überhaupt: Was soll das heißen,
politisch – auf den Punkt gebracht?
Tyrtaiisch mit Tiraden reißen
Epheben in die Schlacht?

Den Samier beim Worte nehmen,
der hasenfüß’ge Verse schrieb
und, statt der Feigheit sich zu schämen,
nur Spott mit Ares trieb?

Soll in des Mantuaners Spuren
ich streuen meiner Strophen Saat,
zu adeln meine Heimatfluren:
Frucht einer Heldentat?

Wie Alighieri in Terzinen
verdammen alle, die ich hass,
dass ewig sie der Hölle dienen,
sie ew‘ger Schreck erfass?

Vielleicht den Umsturz gar besingen,
des Paradieses Morgenrot,
der heischt, Kulaken umzubringen,
ein ganzes Volk zur Not?

Soll ich dem Fuße Flügel leihen,
dem trommelnden, dem dumpfen Schritt,
der Mann an Mann in grauen Reihen
im Marsch die Erde tritt?

Zuallerletzt will ich verkünden,
was Mächtige schon vorgekaut:
„Gemeinwohl“? – Synonym für „Pfründen“ –
ein Narr, wer ihnen traut!

Politiker sind Existenzen,
bei denen Vorsicht angebracht:
Wenn die mit großen Plänen glänzen,
dann, Michel, gute Nacht!

Doch könnte ich dem nicht entrinnen,
dass Reiter nenne ich und Ross –
ich müsste mich nicht lang besinnen:
Vers 3, Archilochos.

Natur, dichtend

Stadt am AbendDer Himmel: Stimulans genug.
Die Erde: Ew’ge Kraft.
Darob des Mondes Wolkenflug,
der tausend Bilder schafft.

Und wenn der Abend schweigt: Die Stadt –
die Steine, der Asphalt,
Fassaden: Farben nimmer satt
wie Glut im Zauberwald.

Vom Pflaster hallt ein später Schritt,
ein Reifen pflügt das Feld –
da klingen schon die Verse mit
aus ihrer Musenwelt.

Ein Lichtlein glimmt zur linken Hand,
zur rechten funkelt Wein –
Dionysos schenkt unverwandt
mir Dithyramben ein.

Und wenn dann noch die Heizung summt,
der Kühlschrank wohlig schnurrt,
die Kunst des Dichters richtig brummt:
Mäeutik, Kopfgeburt.

Aus seiner Wiege von Papier
ein Liedchen plötzlich äugt.
Ich jauchze: Sei gegrüßet mir,
du, jungfernhaft gezeugt!

 

Aus der Klause geschaut

imagesO86UN3NKDa drüben vor den Häusermauern,
da stockt die Stille schwarz und schwer,
dem Tiger gleich scheint sie zu lauern
und glüht mit Argusaugen her.

Würd ich die Hände von mir strecken
und taucht‘ sie in das Dunkel ein,
ich glaub, sie kämen voller Flecken
und rußgeschwärzt mir wieder rein.

Und unten, wo die Steine landen,
birst Licht aus Röhren, neonweiß,
die frohe Botschaft zu umranden:
„Matratzen hier zum Sonderpreis!“

Ein feiner Dunst umgarnt die Szene
wie Rauhreif, zum Gewölk gewebt,
noch eh sich die kristallne Träne
des Winters aus dem Pfühl erhebt.

Da kommt auch schon, ein fahler Flecken,
der Sternenherde treuer Hirt,
der Mond, der ohne Stab und Stecken
im Niemandsland des Himmels irrt.

Es mag kein Lüftchen sich mehr regen,
kein Wurm sich winden im Revier –
auch meine Feder, wohl deswegen,
streift sachter über ihr Papier.

Und wenn nicht hin und wieder Wagen
bezeugten einen Rest Verkehr,
man spürte wohl ein Unbehagen,
als ob die Stadt gestorben wär.

So sammle zu der späten Stunde
ich die Gedanken ungestört,
die ihr aus meinem Strophenmunde
hier lautlos zu euch sprechen hört.

Den Musen scheint es zu gefallen,
wenn Kränze still Eirene flicht –
das Laute, mag’s im Lärm verhallen!,
erreicht ihr Ohr, das feine, nicht.

Stille, trügerisch

imagesK9MTL79HO Stille du, voll Spott und Hohn
dein schwarzer Judasmund –
du narrtest mich so häufig schon
um diese späte Stund!

In Frieden lulltest du mich ein,
in süße Harmonie
in diesem Turm von Elfenbein
mit Namen Poesie.

Den Rädern da auf dem Asphalt
hast du den Lauf verwehrt,
damit ins Hirn mir heller hallt
das Schweigen, das dich nährt.

Hast wieder mir die Himmels-Au
ganz spärlich nur besät,
dass wenn ich zu den Sternen schau,
mein Blick ins Leere geht.

Dem Nachbarn träufeltest du auch
‘ne Mütze Mohn aufs Lid,
dass er entgegen seinem Brauch
auf Ruhe heute sieht.

Ja, selbst den Wind, der ohne Rast
durch alle Ecken streicht,
hast du wie einen Köter fast
wohl angeherrscht: Es reicht!

Die Kerzenflamme, lang und schmal
so wie ein Lebensbaum,
sie brütet über ihrem Pfahl
und regt und rührt sich kaum.

Ach, wenn nur dieses da nicht wär,
vollkommen wär die Ruh –
doch lärmt es aus dem Busen her
ganz lautlos immerzu.

Wie es da brodelt, wie es wallt,
wie es im Wechsel schreit:
„Ich mag sie!“ und „Sie lässt mich kalt!“
in wüstem Widerstreit.

Wenn doch in Blitz und Donner nur
dies Schweigen sich verlör,
dass ich im Wüten der Natur
mein eignes Herz nicht hör!

Nach der Feier

images3YT5WWBTNoch gestern saß in froher Runde
im Gasthaus ich zum Wiegenfest,
jetzt, zu der gleichen Abendstunde,
wie’n Vögelchen allein im Nest.

„Na, einen könn‘ wir noch vertragen“,
dies Motto hatte Konjunktur,
dass mordsgeräumig denn der Magen
manch Schnäpschen in die Scheuer fuhr.

Was keineswegs die Stimmung trübte –
im Gegenteil, sie stieg noch grad
im Maß, wie man das Prosten übte
mit seinem Tresterdestillat.

Wie ging es da so ausgelassen,
so herzerfrischend fröhlich zu –
beim Schmausen wie beim Hoch-die-Tassen
erwärmte sich das Ich am Du!

Nun hocke ich beim Wermutstropfen:
dem grauen Alltag hinterher –
und höre nur den Zeiger klopfen,
als ob da noch ein Herz wo wär.

Ihr kennt sie ja, die alte Leier:
mein Opferritus stets zur Nacht –
Gedichte, die in schlichter Feier
den Musenschwestern dargebracht.

Und über die gibt’s nichts zu klagen –
sind sie doch allezeit geneigt,
will ich auf flottem Versfuß wagen
ein Tänzchen, das die Lyra geigt.

Wo also wahre Freude finden?
Am Stammtisch zwischen Hahn und Fass?
Da, wo das Flug-Ross anzubinden,
am Dichterluftschloss, am Parnass?

Ach, ich bin hin- und hergerissen
vom einen zu dem andern Pol:
Bei dem muss ich die Künste missen,
bei diesem – alles andre wohl.

Die Dinge glücklich zu verknoten,
kam dieser Trick mir in den Sinn:
Ich schlürf genüsslich meinen Roten
und streu den Göttern Blüten hin.