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Abgesang

HermesJetzt hat er sich gelegt, der Regen,
und auch der Wind gibt endlich Ruh,
im Geisterhaus der Nacht bewegen
sich nur die Sterne ab und zu.

Und manchmal huscht an den Fassaden
gespenstisch noch ein Licht dahin,
als wären rhythmisch sie geladen
und flössen Teilchenschauer drin.

Nun, um’s prosaischer zu sagen:
Von Autos stammt der schöne Schein,
die nächtlich noch ein Tänzchen wagen
auf nimmermüdem Gummibein.

Ich aber lausche den Gedanken
und feil an meinen Versen fort,
die immer dichter sie umranken
und immer fester mit dem Wort.

Die Kerze wieder treu zur Seite,
als ob sie mir ein Leuchtturm wär,
dass heil sie mich ans Ufer leite
durchs unwegsame Musenmeer.

Und Wein muss mir den Rum ersetzen,
des Seemanns festen Stern und Pol –
doch um des Geistes Saat zu netzen,
reicht schon der kleine Alkohol.

Ein bisschen ist schon aufgegangen
von diesem Samen, wie man sieht:
Die Zeilen, die ins Dasein sprangen
schon jetzt, vorm Ende von dem Lied.

Hier sitz ich, wie ich stets gesessen,
und streue Verse mir aufs Blatt.
Es wurde dunkel unterdessen,
der Tag sah sich an Sonne satt.

Schon will auch ich nicht weiterschreiben,
da Müdigkeit mein Lid beschwert.
Ich eile denn, mich zu entleiben
in Schlummer, der nicht ewig währt.

Als letzten Gruß will ich noch sagen:
Lebt wohl denn, meiner Kunst beraubt.
Da kommt er schon mich fortzutragen,
der Bursche mit dem Flügelhaupt!

Alles schläft

imagesZFHYDQD7Bis Mitternacht nur noch Minuten,
dann hat er ausgedient, der Tag.
Ich lausche, hör die Zeit verbluten
im kurzen, harten Zeigerschlag.

Nun werden alle schlafen gehen,
nun werden alle müde sein,
auch wenn sie über andern stehen
so hoch wie dieser Mondenschein.

Er wird ihn in die Ecke schmeißen,
den heil’gen Hut, der Kardinal,
um wieder Jupp und Joe zu heißen
für Freunde seiner engsten Wahl.

Er wird den Knoten wieder lösen
des Binders, unser Präsident,
dass ohne Haken er und Ösen
ganz frei durch seine Träume rennt.

Und der den Vorsitz innehatte
in höchstgerichtlicher Instanz,
er schiebt sich auf die Schlummermatte
mit eingezognem Schwalbenschwanz.

Dem größten auch der Potentaten,
an Macht und an Moneten schwer,
scheint Wechselkurs jetzt angeraten –
in Federn schwelgt der Aktionär.

Sogar die höchsten Offiziere,
die unverbesserlich man glaubt,
beziehen ihre Nachtquartiere
total entblättert und entlaubt.

Da röcheln sie in ihren Kissen
die weltbekannte Melodie,
und würde man’s nicht besser wissen –
man hielte glatt für Menschen sie.

Kalte Schulter

imagesWTR51VEMKalt hast du, Hamburg, mich empfangen,
obwohl ich dir doch immer treu,
gabst mir nicht Küsse auf die Wangen,
nein, Tritte in den Mors. Ahoi!

Wie anders soll ich es denn nennen,
dass, kaum auf deinem heil’gen Grund,
mir Tropfen übern Schädel rennen,
so schauderhaft wie ungesund?

Und dass du wie ein Hausverwalter,
der mit dem Haus auf Kriegsfuß steht,
grad jetzt den Himmelsheizungsschalter
so ziemlich bis auf Null gedreht?

Lässt du von Eifersucht dich leiten,
missgönnst mir, dass ich ungeniert
zu deinen Nies- und Nebelzeiten
ein bisschen Sonne mir spendiert?

Gefallen hat’s mir, zugegeben,
dass ich dem Herbst ein Schnippchen schlug
und wie ein Vögelchen mal eben
nach Süden zog im Charterflug.

November! Und die Leute lagen
mit nackten Bäuchen noch am Strand,
indes mein warmes Wohlbehagen
ich züchtig im Spaziergang fand.

Willst diesen Spaß du mir verübeln?
Das wäre, mit Verlaub, nicht fair.
Du lässt es gießen wie aus Kübeln,
als ob ich Vater Noah wär.

Hab ich denn jemals dich gescholten,
verleugnet gar dich irgendwann?
Du hast mir stets als Gott gegolten –
so nimm auch jetzt mich gnädig an

Da aus der Fremde heim ich kehre
als flüchtig dir verlorner Sohn.
Ruhm sei, Hammonia, dir und Ehre –
mir zehn Grad mehr, als Finderlohn!

Austauschbar

imagesN7YIJK0NDu, Kerzlein, du erinnerst mich
an deine Schwester sehr,
die dir bis auf die Schnuppe glich,
als ob sie du nun wär.

So manches Mal sie vor mir stand
zur späten Abendstund,
und ging allmählich dann im Brand
ihr weißer Leib zugrund.

Sie strahlte, ach, wie du so hell
und flackerte so froh,
wie nur des Feuers reinster Quell
entflammt so lichterloh.

Dass Zauberkräfte sie besaß,
da bin ich mir gewiss:
Wann immer ich auch Verse maß,
in Reime mich verbiss

Hat still und unbemerkt sie mir
ein Fünkchen zugesandt,
weil je und je auf dem Papier
ich was geschrieben fand.

Sie fehlt mir und sie fehlt mir nicht –
du gleichst ihr ja aufs Haar.
Da sieh: Sechs Strophen, ein Gedicht!
Das machst du wunderbar!

Sublimation

imagesX93CY41UDa hast du’s, Freund, ich sublimier,
verdränge im Gedicht,
indem ich tausend Reime schmier
und tausendmal Verzicht.

Dem Flug der Taube seufz ich nach,
der Möwe dort im Wind,
doch ohne, dass das Herz mir brach
wie für ein schönes Kind.

Und sieh, mit wie viel Zärtlichkeit
die Rose ich liebkos –
doch wär mein Sinn so wild und weit
für eine Blume bloß?

Der Himmel, der sich gleich dem Meer
ins Uferlose spannt,
ach, gibt der nur die Hälfte her
so einer süßen Hand?

O wie ich jauchzend sie umarm,
die herrliche Natur –
und ist doch nicht von Blut so warm
mein Herz, von Tinte nur.

Und dieses, welches mir ja hier
so manche Strophe nährt,
ist’s nicht Metapher, Floskel, Zier,
ein Muster ohne Wert?

Doch wenn die Dichter glücklich wärn:
Wer nähme sie noch wahr,
die Welt, die doch in allen Ehrn
so weiblich wunderbar?

 

November

imagesE5U148G3Am schönen Ort der Muße endlich wieder.
Im Flug hat mich die Kiste hergebracht.
Drei Stunden auf metallischem Gefieder.
Und dann die Landung, supersacht.

Als erstes wieder: Torre, Promenade
am Meer, am rauschenden, am Meer!
Und hui, wie peitscht entfesselt grade
der Wind die Wellen vor sich her!

Im Sonnenschein. Aus blau entblößten Weiten,
an denen hier und da Gewölk noch klebt.
Azur, das ohne Zucken und Gezeiten
kristallen überm Chaos schwebt.

Das Wollene kannst du vergessen,
so wohlig liegt die Wärme auf der Haut.
Nein, Dünnes ist hier angemessen.
Ich sag es ja: Der Himmel blaut.

O diese Tage, herbstzeitlose
nenn ich bewundernd sie,
der ich wie weiland Vater Mose
aus meiner Kälte Knechtschaft flieh.

Nur wenn, gleich einem heißen Eisen
ins Bad getaucht, der Ball verglüht,
mag dir ein Frösteln wohl beweisen:
Es wintert auch, wo Lorbeer blüht.

Und wo die, die nach Sonne hungern,
gesättigt jüngst sich noch am Strand,
sieht man zuhauf nun Möwen lungern
wie eine Plage, gottgesandt.

Nein, eher wie zur Andachtsstunde
man schweigend sich zu sammeln pflegt,
so schaun sie, wie das große Runde,
der Sonnengott sich schlafen legt.

 

Der Flammenpfeil

RodinDer Flammenpfeil im roten Köcher,
am Docht er zieht und zerrt –
ich starrte ihm schon tausend Löcher,
doch er bleibt eingesperrt.

Es hält ihn seine Plastikhülle
wie eingemauert fest,
dass diese flackernde Idylle
mich fast schon gruseln lässt.

Genau: In jenen Augenblicken,
wenn auf vom Blatt ich schau,
Gebete zum Parnass zu schicken
um weiteres Know-how.

Sporadisch zwar wie untertage
glimmt draußen nur das Licht:
Poet vom alten Schlage,
geh nachts ich ja auf Schicht.

Doch schwillt mir von der Straße
herauf so mancher Laut,
dass just in diesem Maße
mein Hirn am Nagel kaut.

Die Musen sind wie Schnecken
so fühlsam und so fein,
im Winkel sich verstecken,
haut wild Hephästos drein!

Nun kratz ich mir die Birne,
schürf nach Gedankengold,
das hinter hoher Stirne
ich sicher finden sollt.

Doch wieder Pustekuchen –
so krieg ich das nicht hin!
Muss also tiefer suchen
und grüble Hand am Kinn.

Da kann ich sie begrüßen,
vom Himmel mir geschickt,
Ideen auf Trippelfüßen –
ach, nur die Uhr, die tickt!

Was soll ich mich noch quälen?
Es läuft nicht immer leicht.
Geh eben Schafe zählen,
wenn es für sonst nichts reicht …

Ungewissheit

images6LRIUYNDSchon wieder, Mann, auf Freiersfüßen?
Hört das bei dir denn gar nicht auf?
– Ach was! Sie tat mich lieblich grüßen –
ich gab nur freundlich Antwort drauf.

Lieg ohne Schuld in Liebesbanden,
mit denen fest sie mich umwand,
auch wenn ihr zur Verfügung standen
nur Blicke, zärtlich ausgesandt.

– Na, typisch! Büschen Augenschmachten,
und schon ist dir der Kopf verdreht!
Versuch mal, so es zu betrachten:
Sie will nur wissen, ob’s noch geht

Das Flirten. Ob die alte Masche
noch bei den Kerls verfängt,
und högt sich eins in ihre Tasche,
hat sie ’ne Pumpe angesengt.

– Du bist nur neidisch! Willst nicht glauben,
dass wer wie ich noch Chancen hat.
Zwar hängen hoch die Liebestrauben,
doch manchmal machen sie noch satt!

Nun ja, man wird den Streit nicht schlichten,
bevor sich Klarheit eingestellt –
soll denn das Leben drüber richten,
wer von uns beiden Recht behält!

Mein letztes Hemd würd ich verwetten,
dass diese Schöne ernst es meint,
die ist kein Typ für Amouretten,
die ist so ehrlich, wie sie scheint.

Gewissheit werd ich mir verschaffen,
gleich morgen, ha, und wie!
Werd meinen Mut zusammenraffen:
„Sie scherzen nur. Gestehen Sie!“

Und so gezwungen zu bekennen,
was sie beharrlich mir verschweigt,
wird „Schuft“ sie oder „Schatz“ mich nennen –
wie sich mein Schicksalsschälchen neigt.

Ich werd sofort dir Nachricht geben,
ob’s Cannae war, ob Austerlitz:
als Heros oder Depp erheben
mein nächstes Lied zum Musensitz.

Der alte Trott

imagesGXZ31RDZUm sechs so aus dem Bett gekrochen,
wonach ich mir die Augen rieb.
Danach ins Unterholz gebrochen
des Barts, der fröhlich Stoppeln trieb.

Den Zähnen dann zu Leib gegangen
mit widerborst’gem Instrument,
vergurgelt hinter dicken Wangen
die Paste, die nach Minze brennt.

Hernach war auch die Stund gekommen,
da man der Brille sich bedient –
ich lass das hier mal so verschwommen,
damit mir keiner dreckig grient.

Dies alles glücklich denn vollendet,
begann die schöne Frühstückszeit,
und hab dem Magen zugewendet,
wonach er morgens knurrt und schreit.

Paar Zeilen auch noch überflogen –
am besten bilde man sich früh! –
und dann die Jacke angezogen:
Auf zu des Tages Last und Müh!

Dasselbe Ziel, dieselbe Strecke,
so geht es wohl tagein, tagaus:
Gebäude, Büsche, Straßenecke –
und Büsche, Straßenecke, Haus.

So wieder denn an Ort und Stelle.
Gestempelt. In den Fahrstuhl rein.
Und ohne großen Zwischenfälle
tritt ins Martyrium man ein.

PC gestartet und so weiter.
Acht Stunden sich im Joch verzehrt.
Schnitt. Abschied von der Hühnerleiter.
Haus, Büsche, Ecke – umgekehrt.

Zu Hause wieder eingetroffen,
im Feierabend, Gott sei Dank!
Das ganze Leben steht mir offen
hier – fern von Pult und Aktenschrank.

Erst beugt und streckt man seine Glieder,
vom vielen Sitzen etwas steif,
dann („Sicher nur Reklame wieder!“)
ist für die Tagespost man reif.

Hier eine Rechnung, da ein Schreiben,
das an dein Mitleid appelliert,
ein Anruf auch, nicht arm zu bleiben:
„Wer diese Aktie kauft, kassiert!“

Erledigt. Radio angeschmissen.
Was ist denn in der Welt so los?
Ach, besser wär’s, es nicht zu wissen –
man fasst sich an die Birne bloß.

Da lässt es sich schon wieder hören,
das Telefon mit schrillem Schrei
(„’ne Meinungsforschung, würd ich schwören!“) –
ach, Hilke, du, ich freu mich, hi!

Dann endlich ist die Zeit gekommen
fürs Beste, für das Abendmahl –
hätt nicht den Appetit genommen
mir dieser letzte Fleischskandal.

Und schon ist wieder angebrochen,
die Stunde, sich aufs Ohr zu haun.
Um elf bin ich ins Bett gekrochen –
um sechs beginnt das Morgen-Graun.

Tagesbilanz

imagesSQTS972IPaar Zeilen noch vorm Schlafengehen,
dann ist auch dieser Tag vorbei
und wird in seiner Chronik stehen,
dass da nichts groß zu sagen sei.

Ich glaub, die Sonne hat geschienen,
nein, wart’, es regnete gewiss –
was man so sieht durch die Gardinen
aus dieser Küche Düsternis!

Und sicher klang mir in den Ohren
der Straße graue Moritat,
indes ich, im Parnass verloren,
die Versefüße mir vertrat.

Vielleicht ist es auch vorgekommen,
dass mich ein Anruf aufgeschreckt,
der, ich erinnre mich verschwommen,
aus Träumen mich nur halb erweckt.

Im Buch hab weiter ich gelesen,
ein Brauch, auf den ich täglich poch –
jetzt „Don Quijote“, Ritterwesen,
und nächstens – nun, das dauert noch!

Am Morgen ins Büro geschlichen,
am Abend wieder heimgeschlurft –
und Zeit aus einem Sein gestrichen,
das ihrer gar nicht mehr bedurft.

Doch halt! Was ist mit den Gedanken?
Mit dem Gedicht, das sie bezeugt?
Durchbrechen sie nicht alle Schranken,
tief übers Flügelpferd gebeugt?

O Les’rin, hilf mir aus der Klemme,
gib diesem Alltag ein Gesicht,
und sag, dass aus der Liederschwemme
grad dies dir aus der Seele spricht!