Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Aussitzen

imagesKZ0NGTWFDa sitz ich, sitze, sitze,
seit Jahren sitz ich so,
statt einer Feuerspritze
’n Kissen unterm Po.

Nichts zu beschäln, beschicken,
ganz ohne Saft und Spin –
wie Omis Deckchen sticken,
den Faden her und hin.

Die Sprache auszuloten,
geh gründeln ich im Hirn,
derweil mir auf die Pfoten
glotzt trüb das Mondgestirn.

Ein Fläschchen vor der Nase
beflügelt meinen Geist,
das in der Anfangsphase
roségefüllt zumeist.

Gedanken mählich steigen
aus trunkner Brust empor,
solang bis ihren Reigen
zu Strophen ich vergor.

Ich prüfe und verwerfe,
probier und mische neu,
bis nach Geschmack und Schärfe
genießbar das Gebräu.

Dann zieh ich’s auf die Zunge,
es gänzlich zu goutiern
und mit geschwellter Lunge
ins Nichts zu deklamiern.

Das ist, um’s zuzugeben,
mein einz’ger Gütetest,
da sich zu dem Bestreben
kein Schwein sonst finden lässt.

Vielleicht, wenn ich verblichen,
ein flotter Rezensent,
die Locke aufgestrichen,
für dieses Schmalz entbrennt?

Egal, ich werd nicht lassen
von meiner Musenfahrt –
doch muss für heut ich passen:
Der Hintern wird schon hart.

Verblüht

Blumen, verblühtDa lassen sie die Köpfchen hängen,
so reizend und so resigniert,
wie Engel, die nach Brummgesängen
Gottvater vor den Stuhl zitiert!

Und sind so lieblich anzuschauen,
dieweil die Wangen ihnen glühn,
die zarten allesamt, die blauen,
die rosigen in schönstem Grün.

Kann irgendwie ich Trost euch spenden?
Beflügeln euren Lebensmut?
Zuerst schenk ich mit eignen Händen
euch frisches Wasser ein – und gut!

Nein, mehr und mehr auf diesen Zügen
verblasst das frohe Farbenspiel,
und tiefer scheint sie sich zu pflügen,
die Furche, die das Blatt befiel.

Es wird nun nicht mehr lange dauern,
dann bist du deines Leidens frei –
die du an Rudis Resthofmauern
gerupft zum Sträußchen, Akelei!

Wie gern gäb deinem Blumenende
in Versen ich Unsterblichkeit –
wenn ich nur irgendjemand fände,
der sie zur Blütenlese reiht!

(Verleger aller Altersstufen:
Nur Mut, mich schleunigst anzurufen!)

Im Zwielicht

imagesO54S93TRIm Zwielicht dieser späten Stunde
am Himmel düstre Wolken ziehn,
die Grau in Grau im weiten Runde
wie panisch in den Abend fliehn.

Und immer wieder rauschen Schauer
vom aufgeweichten Firmament,
gewaltig, doch von kurzer Dauer,
und prasselnd, so wie Stroh verbrennt.

Ich hocke trocken in der Küche
und lass die Wolken Wolken sein,
ersinne mir gereimte Sprüche
und denke der Verflossnen mein.

Ein Sturm hat sie davongetragen,
den wohl ein Schicksalsgott gesandt.
Mein Herz hatt’ ich um sie geschlagen,
doch sie entschlüpfte und entschwand.

Die Wolken jagen ziellos weiter.
In Lücken schimmert Sternenlicht.
Ach, hätt ich eine Himmelsleiter!
Es gibt doch Engel. Oder nicht?

Auf und davon

imagesN575LIJLAls wäre jemand rausgegangen,
so leer mein Herz, so leer:
ein Keller, eisenschlossverhangen,
Spinnweben kreuz und quer.

Als wär die Fackel fortgetragen,
die es mit Licht genährt,
füllt es nun Kälte, Unbehagen,
wie Teig, der sauer gärt.

Du bist aus seiner Tür getreten,
ich weiß nicht, wann und wie,
mit Pauken nicht und mit Trompeten,
nein, lautlos – Rififi.

Ganz heimlich hast du mich verlassen,
kein Wörtchen war’s dir wert,
so macht man sonst nur auf den Gassen
vorm bösen Köter kehrt.

Soll Groll nun oder Hass ich hegen?
Ich grüble und ich grüble nur,
zu welchen neuen Liebeswegen
dein Herz aus meinem fuhr.

Du hast die Schwelle überschritten,
ach, mit so leichtem Sinn –
jetzt weiß ich endlich, unbestritten:
Du warst nie wirklich drin.

Schiffbruch

images150HKPCDWas in Romanen happy endet,
geht in Gedichten tragisch aus –
sich jauchzend dort das Herz verpfändet,
hier weilt es trüb im Schneckenhaus.

Seht, meine plumpe Schreiberklaue
kliert Strophen übers bleiche Blatt,
dass Epitaphe sie erbaue
an weicher Liebespfühle Statt.

Um’s, Les’rin, offen dir zu sagen:
Hab just mein Cannae hinter mir.
Kurs haltend auf die Lotophagen,
nahm mich Charybdis ins Visier.

Auf Klippen bin ich aufgelaufen,
die einfach mir entgangen sind –
ich könnte mir die Haare raufen,
so sicher war ich und so blind!

Genau, du hast es schon erraten:
Es war ein Weib da mit im Spiel,
das spottend meiner Heldentaten
mir schmählich in den Rücken fiel.

Mit allen Künsten, allen Kniffen,
die Venus selbst sie abgeschaut,
zog sie sirenisch mich zu Riffen,
an die ich nie mich hätt getraut.

Mein Herz versank in diesen Fluten.
Sie ließ es ungerührt geschehn.
Ein Vamp: Wenn Kerle sich verbluten,
bleibt er so cool wie’s Pleistozän.

Soll der Klabautermann sie holen!
Bin frei, zurück in meiner Welt.
Nur eine Träne noch, verstohlen,
o Wunder, unterm Lid sich hält!

 

Trennung

imagesG5D7F3I5Sind es die Jahre, die uns trennen?
Ach, meine Hoffnung, lichterloh,
ich muss sie Schutt und Asche nennen,
jetzt, da du gingst – ganz einfach so.

Ein Kerl hat dich im Sturm genommen,
ein flotter Finger, ha, vom Zoll!
Die Felle sind mir weggeschwommen,
an denen er sich wärmen soll!

So geht es wohl im schönen Leben
(die Weisheit schenkt mir der Rosé):
Wenn ganz wir uns der Dame geben,
gibt sie schon halbwegs ihr Ade.

So bin ich immer blöd geblieben,
obwohl ich doch schon alt genug,
zu blöd, mich sterblich zu verlieben –
und auch zu hassen nach dem Spuk.

Glück allezeit auf deinen Wegen!
Ich nehm es dir, i wo, nicht krumm.
Klar, dass an einem dir gelegen,
der knackiger noch ringsherum!

Auch hab ich schon, ganz ungelogen,
ein Argument zum Trost bereit:
Du warst mir immerhin gewogen
ein gutes Jahr – ’ne lange Zeit!

Stets werde gern ich dein gedenken,
weil du gelächelt einst für mich.
Magst du dein Herz dem Zöllner schenken:
Er kriegt nicht alles unterm Strich.

 

Ankunft

images0DW53NN2Da seh ich wieder die Fassaden
ganz unverändert, unbewegt
die Stirn im Abenddämmer baden,
der hier und da schon Lichter trägt.

Da sehe ich die Fahnenstangen
wie Hörner auf den First gepflanzt,
von Tuch mal eng, mal weit umfangen,
wie immer bleich und ausgefranst.

Den Himmel kann ich wieder sehen,
der trübe auf den Dächern liegt –
nicht Wolken, die sich bauschig blähen,
nur Gaze, die im Raum verfliegt.

Da hab ich auch den schmalen Streifen
der Straße wieder im Visier,
auf dem ich nur stadtauswärts Reifen
und Silhouetten registrier.

Und wie sich wieder vor der Nase
gewürfelt dieses Tischtuch spannt,
der Karos rote Metastase,
in Linnen und in Wachs gebannt!

Und gibt der Kerze schöner Schimmer
das trauliche Gefühl nicht ein,
in diesem Winkel Welt schon immer
geborgen und begehrt zu sein?

Die Zeit, sie ist hier stillgestanden
vom Abschied bis zur Wiederkehr.
Und doch kam etwas ihr abhanden –
wenn ich nur wüsste, was es wär!

Die Frau der Träume wird schon schlafen.
Ob stets sie meiner treu gedacht?
Zu Hause denn. Im Heimathafen.
So grüble ich die ganze Nacht.

Heimwärts

AbschiedJetzt heißt es wieder Abschied nehmen
von dieser trauten, fremden Welt –
die Zeit, sie lässt sich ja nicht zähmen:
Der Zeiger steigt, der Zeiger fällt.

Sind hier nicht Träume wahr geworden?
So: dass ich unter Palmen ging?
So: dass die Blässe aus dem Norden
sich Farbe aus der Sonne fing?

Und dass mit tausend Sternenhaufen
die Hänge ringsherum bestückt,
die klaglos sich ins Nichts verlaufen,
wenn Grün allein den Ginster schmückt?

Ich hab es wieder sehr genossen.
Es hat mich wieder sehr gefreut.
Doch dies Kapitel: Abgeschlossen.
Bedauert, aber nicht bereut.

Zum Alltag muss ich ja erwachen,
dass ich die Träume mir verdien –
ein rundes Sümmchen Kohle machen,
um neuerlich ins Licht zu ziehn.

Will also meine Trauer enden,
bevor denn, ach, das Herz mir bricht –
hier an des Blattes Klagewänden
nur heulen für dies Kurzgedicht!

Kleiner Unterschied

Meer plus DampferAuch hier hör ich den Kühlschrank summen,
Geräusche von der Straße her,
Gelächter flammen und verstummen,
die Spüle gurgeln hohl und leer.

Auch hier hör aus dem Hause scharren
ich dann und wann des Nachbarn Schritt,
von irgendwo die Dielen knarren,
ein Husten und ein Räuspern mit.

Auch hier seh ich von mildem Scheine
die Küche wunderlich erhellt,
dass unversehens und alleine
die Lust zu dichten mich befällt.

Auch hier seh ich den Tisch bereitet
mit Griffel, Flasche und Papier,
bevor die Fantasie sich weitet
zum Ritt auf ihrem Flügeltier.

Und fühl auch hier den süßen Frieden
der häuslichen Geborgenheit,
ein himmlisch Zion schon hienieden,
enthoben quasi Raum und Zeit.

Und lass auch hier mit gutem Schwunge
die Mine kreisen übers Blatt,
zu zeigen, was die Seelenzunge
an Schönem auf dem Herzen hat.

Doch würdet ihr mich deshalb fragen,
was überhaupt denn anders wär:
Die Welln, die hinterm Hause schlagen,
die Weite, die es schaut, das Meer!

Rückblick

imagesEEB3GS46Ein Gläschen noch vorm Schlafengehen
besinnlich diesem Tag gewährt –
der wieder schön war, unbesehen,
und würdig solcher Urlaubszeit.

O wie in tausend Serpentinen
nach Cómpeta der Weg sich wand,
dem Blüten statt Laternen schienen,
als Tag-Geleucht vom Lenz gesandt!

Und wie wir in Canillas schritten,
dem weißen Nest auf Bergeshöh,
das Gässchen säuberlich durchschnitten
wie Schneisen in gefrornem Schnee.

Dann Salobreña, wo sich eben
begrünte Flur am Meer erstreckt,
aus der sich jäh die Felsen heben,
Giganten, aus dem Schlaf geschreckt.

Im Schlummer sahen friedlich liegen
indes wir Almuñecars Strand,
wo flüchtend einst an Land gestiegen,
der da in Stein gehauen stand.

So könnt ich manches noch berichten
von diesem und von jenem Fleck,
um euch die Hucke voll zu dichten
frisch von der Lotterleber weg.

Könnt von El Borge euch erzählen,
zu Ostern festlich aufgeblüht,
dass die paar hundert Dörflerseelen
in eine Kneipe sich bemüht.

Benamocarra auch erwähnen,
das sonst von sich nicht reden macht,
wär nicht des Landmanns Schweiß und Tränen
hier durch ein Denkmal still gedacht.

La Mezquitilla nicht vergessen,
wo wir vergeblich Platz gesucht,
ein Häppchen mittäglich zu essen:
Von jedem Tischtuch schrie’s: Gebucht!

„Oasis“, wo am trauten Tresen
wir manch gestieltes Glas geleert
und wo zwei holde Albions-Wesen
uns mit Theaterluft genährt.

Und oh!, ich wag es kaum zu schreiben,
der Magen dreht sich mir fast um,
in Almayate unser Treiben
zwei Fußbreit vorm Delirium!

Wie schön! Und schön auch hier zu hocken,
dass alles mir Revue passiert.
So geht und macht euch auf die Socken,
prüft selbst, ob ich euch angeschmiert!