Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Lebendig immerhin

KosmosIhr fragt mich, wer am besten dichtet?
Der Abend, der da draußen schweigt!
Sein Sinn auf Höh’res nur gerichtet,
den Mond, der fällt und steigt!

Wie kann man dem das Wasser reichen,
der mit dem Kosmos selbst im Bund?
Ein Musenmeister ohnegleichen
schrieb sich die Finger wund!

Man muss auf wen’ger sich beschränken,
hat dieses Sandkorn nur zur Hand,
des, ha! als „Welt“ wir stets gedenken,
wo’s besser „Nichts“ genannt!

Warum sich dann mit Reimen placken,
warum in tausend Farben rührn,
Gestalten aus dem Marmor hacken,
con brio Töne schürn?

Warum? Weil solche klugen Fragen
das Hirn sich nur zu stellen weiß.
Dem Finger gilt nur eines: wagen –
auf seines Bauchs Geheiß!

Er wird zwar niemals Sphärenklänge
erzeugen wie die Sternenschar,
für immer dieser Erdenenge
verfalln mit Haut und Haar.

Doch dieser Drang schon ist zu preisen,
dass man Gefühl zur Kunst erhebt.
Unsterblich mag der Himmel kreisen –
hat er denn je gelebt?

Inzwischen weiter aufgestiegen,
nahm merklich ab des Mondes Rund.
Da sieh sie, deine Zeit verfliegen –
spricht so der Abendmund.

Die Alltagssorgen

thF7MXCYG6Die Alltagssorgen abgehakt;
freu mich des Abends jetzt:
des Kummers, der mich stumm benagt
und solche Stille schätzt.

Schau wieder durchs Gardinentor,
das mich von draußen trennt,
zum Himmel, abgrundtief, empor,
dem ewigen Fragment.

Dabei dient mir als Sphärenklang
der Straße Nachtgebet
und, schlürfend alle Nase lang,
das Glas, das vor mir steht.

Als Sternlein flackert mir derweil
ein Kerzenstummel her –
sein gelblich glühnder Flammenpfeil,
sein Wachs, von Tränen schwer.

Die Heizung lullt mich brummend ein,
der Kühlschrank summt dazu –
man will für den Gesangverein
als Dritten mich partout.

So wappne ich mich kurzerhand
zum Sturm auf jene Statt,
wo droben fern im Musenland
Apoll das Sagen hat.

Da heißt es wieder Stich und Hieb
mit blutigem Florett,
dass ich am Ende von dem Schrieb
den Dichterlorbeer hätt.

Den … ach, so schnöden Musenlohn,
der nichts im Leben gilt:
Seit Tagen schweigt das Telefon.
Die Liebste schweigt wie wild.

Wie, dass in solcher Kümmernis
ich trotzdem heiter wär?
Im dritten Vers, nun ja, gewiss –
doch das ist lange her.

Mich schaudert vor der Leere jäh,
und Angst mein Herz befällt,
dass ruhmlos ich zu Grabe geh
statt als Pantoffelheld.

Kann denn dies Lächeln Lüge sein,
der Blick, der Bände spricht?
Dies süße Necken – bloßer Schein,
Verheißung, ach – Verzicht?

Wie widert mich dies Reimen an,
das mich vom Leben trennt!
Da dös ich hier im Knittel-Bann,
derweil die Hütte brennt!

Ermann dich, Kerl, und tue was!
Hock nicht so steif herum!
Geh schlafen: Heul dein Kissen nass!
Dein Hirn sinnier dir krumm!

Nimm, wenn es denn nicht anders geht,
den Pinsel mit ins Bett,
dass nächtens auf dem Lein entsteht
ein Traum von ’nem Sonett!

(Nur hier am Tisch, wo tausendfach
Gedichte ich gebar,
bleibt das Gefühl wohl fad und flach –
will heißen: wen’ger wahr.)

Dann, nach der schicksalhaften Nacht,
auf Leid gefasst, Verlust,
setzt du ihr zur Entscheidungsschlacht
die Knarre auf die Brust.

Bis, koste es auch, was es woll,
der Richtspruch dir gefällt:
ob ohne Ruhm du liebestoll,
ob mit: Pantoffelheld!

Lieber schlafen

imagesZMM3LSCCDie Mauern starren nass und kalt
und schwitzen Neon aus.
Auf Dächern der Antennenwald:
ein Gipfelkreuz fürs Haus.

Im Nebel schwimmt die Himmels-Au,
von Sternen unbesät.
Kein Mond weilt wo in ihrem Blau,
kein Vogel noch so spät.

Aus Luken dämmert trüb und dumpf
ein bläulich blinder Schein:
Die Dünste aus dem Quotensumpf
der Bildschirm-Metzelein.

Dem Auge winkt nur dann und wann
ein Licht noch lebhaft zu,
treibt irgendwer sein Blechgespann
wo zur Garagenruh.

Der Pegel da, vom Flaschenhals
sinkt er zu Boden hin!
Ich dichte schneller – schneller, falls
ich vorher unten bin.

Das heißt am besten mach ich Schluss
und komme ihm zuvor.
Kein Mensch muss dichten und ich muss?
Ich hau mich jetzt aufs Ohr.

Kontinuum

images0N7MIDHTGeht’s, Leute, euch genau wie mir,
dass euch die Stunden rasen?
Jetzt hock ich wieder, seht nur, hier
und dresche meine Phrasen!

Und ist erst sieben Tage her,
da saß ich grad wie heute
so hoffnungsvoll gedankenleer
auf fette Bardenbeute.

(Ich flieg ja, unter uns gesagt,
nur wochenends gen Süden,
um nicht die Musen, vielgeplagt,
durch Masse zu ermüden.)

Das Kerzenflämmchen schwingt wie je
um seinen schwarzen Faden,
dass ich das Wachs zerfließen seh,
in Tränen sich zu baden.

Die Therme summt ihr Wiegenlied
und ohne sich zu schonen –
so summt sie ohne Unterschied,
seit ich hier haus: Äonen.

Und wenn ich mal nach draußen schau:
Als wäre nichts geschehen,
steht drüben noch der alte Bau,
auf dem sich Flaggen blähen.

Dazu die ramponierte Front
gekachelter Fassaden,
von Neonröhren matt besonnt
in Dunst- und Dieselschwaden.

Und auch an ihrem Fuß entlang
der graue Asphaltstreifen,
der brummelt noch den alten Sang
vom Motor und vom Reifen.

Das Fläschchen selbst, das überquillt
von rosenfarbner Rebe,
es hat mir schon den Durst gestillt
als blühender Ephebe.

Ach, heut ist gestern, gestern heut
und morgen ist gewesen –
der Lebensmagen wiederkäut
die Blätter, die gelesen.

So hiev ich denn zum letzten Mal
auf Lippenhöhe den Pokal
und geh und zähle Schafe.

Ein kurzer Blick noch auf die Welt,
die sich so schön die Treue hält,
indes ich sanft entschlafe.

Der Abendhimmel

HexenschussDer Abendhimmel kalt und grau.
Die Fahnen liegen schlaff am Mast.
Vom Nebel feucht die Straße: Tau,
der fröstelnd an die Felgen fasst.

Die Wagen treibt es in den Stall,
stadtauswärts rauschen sie vorbei.
Ein Blaulicht jagt zum Überfall
in der Sirene schrillem Schrei.

Schon blinzelt aus der Dunkelheit
mir Bildschirmblau gespenstisch her,
das seltsam schwankt von Zeit zu Zeit,
als ob es nicht bei Sinnen wär.

Ihr wisst ja, wie es weitergeht:
Ich hock im stillen Kämmerlein,
Papier zur Hand und Schreibgerät,
und lass den Winter Winter sein.

In seligem Gedankenflug
lass ich die Wolken hinter mir,
dass ohne Rast ich und Verzug
enteil zu Hellas Bergeszier

Damit in des Olymps Azur,
auf der Pieriden hoher Trift,
in ewig grüner Lichtnatur
sie Feuer fange, meine Schrift.

Und wie wohl eines Drachen Schlund
bisweiln ein Flammenstoß entfährt,
so soll auch meinem Dichtermund
das Wort entstürzen, das verzehrt!

Allein, wie sehr ich mich auch plag:
Die Muse wehrt mir ihren Kuss.
’s ist heute nicht mein Göttertag –
verdammter Hexenschuss!

Weinwechsel

thIch wechsle Wein nicht wie mein Hemd –
nur manchmal, wie’s der Zufall will.
Ja, früher: Alles durchgekämmt,
damit man seine Sauflust still.

Doch heute bin ich markentreu.
Man kommt nicht mehr aus seinen Gleisen –
doch dieser Rioja ist mir neu,
den werd ich nicht vom Acker weisen.

Ein bisschen bitter im Geschmack,
ein bisschen herb in seiner Säure –
darauf ich mir ein Ei‘chen back,
wo ich doch gern mit Trocknem feure.

Je mehr ich von dem Tropfen nasch,
hm, desto mehr will er mir munden,
dass mir so selig süß und rasch
die Sinne schwinden wie die Stunden.

Den nehm ich auf in die Kartei,
die kleine, meiner Lieblingssorten,
damit mein Herz noch kühner sei
vor Helikons gediegnen Pforten.

Doch soll er mir zu diesem Zweck
ein andermal noch besser taugen,
wenn ich genüsslicher ihn schmeck,
statt ihn so hastig einzusaugen.

Schon spür ich, wie im Übermaß
die Becher ich mir reingezogen
und, während ich so sann und saß,
der Musengaul mir weggeflogen.

Wohlan denn, Pinsel und Papier,
lasst zeitig uns zu Bette gehen!
Kaum schaff ich noch die Strophe hier –
wie alles anfängt, sich zu drehen!

Gut Nacht, gut Nacht, du Liebe, du,
du Leserin – verzeih die Eile!
Mir falln ja schon die Klüsen zu,
jetzt rasch nur noch die letz …

Ernste Stunde

imagesDO0IZ8XWSeht, meine ernste Stunde,
die ich den Musen weih.
Der Mond geht seine Runde,
schaut just vorbei.

Im gläsernen Gehäuse
wiegt sich das Kerzenlicht.
Gespannt des Geistes Reuse –
auf ein Gedicht.

Der Wein, er wird mir helfen,
dass ich ein Eckchen find,
wo Feen mir und Elfen
ganz nahe sind.

Wie laut der Zeiger schreitet –
als hätt er Eisenschuh!
Die Heizung ihn begleitet
und seufzt dazu.

Von draußen schwillt in Schüben
der Straßenlärm empor;
gedämpfte Lichter drüben –
Gardinen vor.

Im Grau der Himmelsweiten
kein einz‘ges Fünkchen blinkt;
nur Watte, die sich breitet,
in Nacht versinkt.

Von Weihrauch schwer die Schale
stößt blaue Wölkchen aus,
die, luftige Fraktale,
zerflattern kraus.

Ambiente. Drum geschrieben
die Fingerkuppe nass,
dass unter Pinselhieben
wank der Parnass!

Doch ach!, vorbeigeglitten
der Gast am Firmament;
vom Feuer wundgeritten,
das Wachs verbrennt.

Auf einmal klingt nur selten
ein Laut mir noch ans Ohr,
als trennten mich jetzt Welten
vom Nu zuvor.

Dabei steht mir der Rote,
der Liederlöser Wein,
nur halb noch zu Gebote –
lullt doppelt ein.

Drum muss ich mir versagen
den Gipfelsturm für heut,
mein Lager aufzuschlagen
am Fuß erneut.

Doch einmal wird’s gelingen,
das glaub ich felsenfest,
nach oben mich zu singen
ins Adlernest.

Es kommen ja noch viele
Momente solcher Art,
die ich zu diesem Ziele
mir aufgespart.

Es geht noch viele Male
am Himmel mir der Mond,
indessen im Pokale
die Rebe wohnt.

Und lange wird noch kreisen
der Zeiger über mir,
die Stunden mir zu weisen –
die ich verlier.

Nur Mut

Hab’simagesP3UHYE5O, Leute, nicht zum Star geschafft,
ein kleines Licht bin ich geblieben.
Seht meine schöne Schaffenskraft –
in tote Blätter eingeschrieben!

Die kümmern hier und da verstreut,
wie sie vom Baum der Lyrik fielen,
und niemand schert es einen Deut,
dass Staub und Zeit mit ihnen spielen.

Das Publikum, es rauscht vorbei,
tritt meine Musenkunst mit Füßen,
will Mondschein-Strophenplackerei
mit Morgenluft mir nicht versüßen.

Doch glaubt nicht, ich verzage schon!
Beharrlich werd ich weiterdichten:
Ob’s Ehre bringt, ob Gotteslohn,
wie kann das über Reime richten?

Begeisterung soll mir den Kiel
zu neuen Ufern führen: Zeilen,
auf die kein Barde noch verfiel,
um meinem Sang vorauszueilen.

Ihr, die ihr meinen Vers verschmäht,
ihr werdet ihn nicht sterben sehen:
Wie immer werd ich abends spät
Apoll um seinen Beistand flehen

Auf dass mit Bacchus im Verein
er meiner Feder Flügel gebe
und sie, glückselig und allein,
zu ihm sich, zum Olymp erhebe.

 

 

Fabelhaft

PhaedrusMan hätte sich begegnen müssen,
du Held und meine Wenigkeit,
der Ferne trotzend, Bergen, Flüssen,
besonders aber ihr – der Zeit.

Das wär ein schöner Schwatz geworden,
man seh sich dieses Paar mal an:
Ich, Skalde aus barbar’schem Norden,
Poeta du und Weltstadtmann!

Doch hätten wir uns wohl verstanden,
da uns die Lieb zur Kunst gemein –
dir, dem sie schon den Lorbeer wanden,
mir, Wanderer im Musenhain.

Im Gleichtakt hätten sie geschlagen,
die Herzen, die vermählt im Geist –
deins, zum Parnass schon fortgetragen,
und meins, das in die Richtung reist.

„Die Fabeln, die du ausgesponnen
mit großem Witz und Sprachgewalt …“ –
so hätt ich schmeichlerisch begonnen,
die Tür zu öffnen einen Spalt.

Du hättest dich herabgelassen
wohl auch zu einem kleinen Lob –
dass aus den heut’gen Strophenmassen
mein Vers sich leidlich höher hob.

Und wenn wir nach gewohnter Weile
genügend Höflichkeit getauscht,
dann hätten ohne Hast und Eile
den ganzen Tag wir noch verplauscht.

Und … ach, was spinne ich hier wieder?
Geneigte Leserin, verzeih!
Der gute Gaul mit dem Gefieder
er schoss mit mir am Ziel vorbei.

Statt zum Parnassus mich zu bringen
– als Ansporn gab ich dieses nur -,
das Vieh mit seinen Vollblutschwingen
zum Markt der Eitelkeit mich fuhr.

Natürlich hängt mir diese Traube
zu hoch, o Phädrus, Fabulist,
obwohl ich ganz und gar nicht glaube,
dass dieserhalb du sauer bist.

Du ruhst in deinem Dichterglanze
mit eines Löwen Majestät,
der nicht mal merkt, wenn ihm die Wanze
gefräßig an die Pelle geht.

Die Kerze

Daimages98FAKHUI auf dem Docht, da irrt das Licht,
als ob es fliehen wollt,
und zieht und zerrt sein Leichtgewicht
aus Lila und aus Gold.

Doch dieser Faden lässt nicht fort,
mit Ketten er es hält,
dass so verschmolzen mit dem Ort
sein Feuer steht und fällt.

So brennt mit gleicher grimmer Glut
in mir das Dichterherz,
dass aus der trüben Alltagsflut
es steige himmelwärts.

Und kommt doch auch nicht davon los,
so zäh hält sie es fest,
dass nimmer sie im Musenschoß
es richtig ruhen lässt.

Oft fühl ich dem Parnass mich nah
und schöpfe wieder Mut.
Doch nur ein Weilchen später, da
fasst wieder mich die Flut.