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Karriereplanung

KarriereplanungWenn einer immer dienstbeflissen
und wichtig durch die Gänge eilt,
auf Achse immer, dass sein Wissen
gerecht er im Betrieb verteilt

Und sich nicht Ruhe gönnt und Rasten
den lieben langen Arbeitstag,
den er gewohnt gar durchzufasten,
weil „die Kantine (er) nicht mag“

Und den auch ohne viel zu fragen
er öfter in den Abend dehnt,
dem Chef die Mappe nachzutragen,
mit der er die Vasalln belehnt

Ja, selbst am heil’gen Wochenende,
wenn jeder seine Grillen grillt,
am Schreibtisch noch bewegt die Hände
als eines Musterschülers Bild

Des Weibs vergessend und der Kinder
bis hin zur Vaterlosigkeit,
wenn er mit Weste und mit Binder
sich schnieke der Maloche weiht

Dann dürfen wir mit Recht vermuten,
dass er nach einem Posten giert,
der aus der Riege der Rekruten
ihn in die Ränge expediert!

Zuwachs an Macht und Sinekure!
Und auch sein Ansehn, meint er, steigt.
Man schreitet würd’ger durch die Flure,
und statt zu hörn sein Ohr man neigt!

Doch erst mal heißt es fleißig strampeln;
die Konkurrenz, sie schläft ja nicht
und wartet vorn Karriereampeln
genau wie er auf grünes Licht.

Am Ende wird’s nicht daran liegen,
dass es an Ehrgeiz ihm gefehlt.
Doch wie soll in den Griff er kriegen
den Zufall, der auf andre zählt?

Ein großes Stückchen Pustekuchen
bleibt oft ihm nur als bittres Mahl –
und dann, als Nachtisch, zu verfluchen,
was jener ihm an Leben stahl.

Denkordnung

DenkordnungKurzum, man muss ‘nen Brief datieren,
sonst fällt er sinnlos aus der Zeit
und statt geschickt zu informieren
Symbol wird der Vergesslichkeit.

Und so mit allen andern Dingen,
die an den Hals wir uns gehängt –
man muss sie erst in Ordnung bringen,
das heißt in Kästchen eingezwängt.

Denn Ordnung ist das halbe Leben,
wie schon der Volksmund klug befand,
und kann sich so die Hände geben
mit unserm großen Weisen Kant.

Der ist dabei sehr weit gegangen
sogar in seiner Alltagswelt –
was immer auch er angefangen,
man hat die Uhr danach gestellt!

Kann sein Genie indes nicht trüben,
weil Wunderbares er entdeckt –
dass, wenn wir uns im Denken üben,
ihm feste Grenzen stets gesteckt.

Mag auch der Geist in Räumen schweifen,
in denen er Schimären sieht:
Er darf sie nicht als wahr begreifen,
auch wenn der Pfaff ihm dazu riet.

Der Dichter nur mag sich verlieren
im Kosmos seiner Fantasie –
denn frei ist stets sein Spekulieren,
kein Dogma zwingt es in die Knie.

Relativ bewegt

Relativ bewegtEin Krümel, der sein Bein bewegt,
das tappend auf die Erde schlägt,
wenn er zu gehn geruht;
womöglich gar in Menschgestalt,
die ihren ganzen Grips geballt,
dass er den Fuß beschuht.

Es könnte auch ein Käfer sein,
zufrieden nicht mit einem Bein,
der sechse von sich streckt
und emsig auf dem Boden läuft,
wo Humus sich und Hölzchen häuft,
dass Nahrung er entdeckt.

‘ne Nummer größer wär genehm
aus dem Bestiarium von Brehm,
und was auf Pfoten geht?
Da könnt ich den euch präsentiern,
der würdig zeigt auf allen viern
des Löwen Majestät.

Doch auch der Dicke mit dem Schlauch,
der stets ihm baumelt vor dem Bauch,
der Graue sei genannt,
der mächtig durch die Steppe stampft
und friedlich Gras und Kräuter mampft,
der nette Elefant.

Und was da so im Wasser schwimmt
und nie den hohen Saum erklimmt
mit Flossen, die zu schwach,
eilt auch dahin im Element,
das längst als Larve es schon kennt
in Tümpel, Meer und Bach.

Vom Seepferd, das stets hinken muss,
bis zum agilen Oktopus
ist alles auf der Walz.
Doch ging man auch ans End‘ der Welt,
von dieser man nicht runterfällt
und bricht sich nicht den Hals.

Der Mensch nur, der zu träumen liebt,
glaubt, dass er sich noch weiterschiebt
mit Krücken unterm Arm.
Und schnuppert übern Erdenrand,
wo er schon manchen Happen fand
im großen Sternenschwarm.

In den er gierig sich verbeißt,
ob Mars er oder Pluto heißt,
weil’s seinen Dünkel nährt.
Und keiner holt ihn noch so schnell
vom hohen Ross mit dickem Fell,
das äpfelt aus dem Stert.

 

Sich finden

Sich findenIm Kosmos nur ein Häufchen Erde,
das um ‘nen dicken Brocken schwirrt,
auf Füßen nicht und nicht zu Pferde,
doch wie der Blitz und unbeirrt.

Und in dem Chaos nicht zu orten,
das der Verstand noch nicht kartiert,
weil weit er vor den letzten Pforten
wie Sisyphus den Mut verliert.

Dass nun zu Pluto schon geflogen
‘ne Linse mit besondrem Schwung,
heißt: um die Ecke bloß gebogen,
heißt: kosmisch nur ein Katzensprung.

In diesen ungeheuren Weiten,
die selbst das Licht mit Müh durchmisst,
in diesen ungeheuren Zeiten,
wo keine Gegenwart mehr ist…

Woher den Optimismus nehmen,
man hätt wer weiß was schon erreicht –
vielleicht wird man sich einmal schämen,
dass man dem Floh im Tümpel gleicht.

Triumphe in die Welt trompeten
aufgrund der langen Himmelfahrt?
War doch nur ‘n Auf-der-Stelle-Treten,
geräuschvoll nach Flamenco-Art.

Doch wie bei solchen Dimensionen
ich selbst mich richtig adressier?
Ganz leicht: Wo immer wir auch wohnen,
wir finden uns ja immer hier.

 

Graue Theorie

Graue TheorieHier einer dieser Zeitgenossen,
die Großes nur im Munde führn
und luftig stets auf hohen Rossen
den Weltgeist bei der Arbeit spürn.

Zu welchem Zweck und welchem Ziele
im Universum er verweilt
und mit des Hirnes Muskelspiele
an seinem steten Fortschritt feilt.

Und dass den winz’gen Karnivoren,
kaum sichtbar da vom Firmament,
zur Bleibe er sich auserkoren,
dass er in ihm sich selbst erkennt.

So bläst mit Hegels kräft’gen Lungen,
aus denen dieser Geist entfährt,
doch aufgehoben in den Zungen
von Marx und Engels er, verkehrt.

Soll er die Lebenszeit verdösen,
da’s Spießer selbst zu Taten drängt?
Er will, er, die Probleme lösen
und zeigen, wo der Hammer hängt.

Doch wird er je die Welt erretten,
wird seinen Sprüchen er gerecht?
Mag noch so er die Stimme fetten,
sie hehlt die Heuchelei nur schlecht.

Nicht mal in seinem eignen Hause
als Fürst des Friedens er regiert –
von allen fordernd ohne Pause,
dass man als Herrscher ihn hofiert.

Und weh’, wenn wer sich fehlverhalten
oder sich gar ihm widersetzt –
dann lässt er keine Gnade walten
und seinen Geifer auf ihn hetzt.

Nichts Neues. Über solche Sachen
Konfuzius schon weise sinnt:
Die Welt wird der nur besser machen,
der bei sich selbst damit beginnt.

Schön analog

Schön analogDa tickt mir doch was um die Ohren
ganz laut in diese Stille rein,
wo in Gedanken ich verloren
doch wähnte, völlig weg zu sein!

Doch gucke ich dann auf die Schnelle
in meiner Klause mich mal um,
entdeck ich nirgendwo die Quelle
für dieses Klopf-Kontinuum.

Von irgendeiner Uhr wird’s stammen,
doch Uhren gibt es hier genug:
Am Herde mit den glas’gen Flammen;
der Mikrowelle vor dem Bug.

Am Radio, dass man’s auch als Wecker
mit Aufwachmelodien benutz –
ach, fast an jedem Doppelstecker
haut mir die Zeit hier auf den Putz.

Das soll indes nicht Angst bedeuten,
dass er versiegt, der Zeitenfluss,
und mir sein stummes Glockenläuten
aus jedem Winkel klingen muss.

Nein, heute sind Apparaturen
der Küche halt so konstruiert,
dass über solche Einbau-Uhren
sich ihre Laufzeit reguliert.

Drum leuchten überall entgegen
mir rote Ziffern digital,
die sich minütlich nur bewegen
und nur zur nächsten ganzen Zahl.

Doch still, wie die besagten Mäuse,
weil eine Stimme ihnen fehlt:
der Zeiger drinnen im Gehäuse,
der hechelnd die Sekunden zählt.

So dass den Täter wir nun hätten –
die Wanduhr war’s, die ich gehört!
Doch will ich ihren Ruf gleich retten:
Ihr Schweigen hätt mich mehr gestört!

 

Krieg der Künste

Krieg der KünsteWie ist der Künstler zu beneiden,
der schafft, was unser Aug‘ entzückt:
Mag jemand seine Bilder leiden,
er seine Wände damit schmückt!

Dann hängen sie in guter Stube,
wo alle Welt sie ständig sieht,
und nicht wie’n Häschen in der Grube,
das ängstlich just dieselbe flieht.

Und viele Jahre kann es dauern,
dass sie bewahren ihren Platz,
verwachsen halb schon mit den Mauern
als erblicher Familienschatz.

Wer seine süßen Kindertage
in solcher Galerie verlebt,
der kommt wohl kaum mal in die Lage,
dass Kitsch er, ach, zu Kunst erhebt!

Dem wurde, eh er’s noch begriffen,
des Malers Meisterschaft bewusst –
nicht mit des Hirns gelehrten Kniffen,
doch in der Tiefe seiner Brust.

Dagegen so ‘ne Schreiberseele:
Papier, bekritzelt, ihr Produkt.
Nichts, dass man’s mit ‘nem Nagel pfähle,
damit wer’s an der Wand beguckt!

Im Glücksfall wird es jemand lesen
und lächelnd gar Respekt ihm zolln –
wo nicht indes im Buch verwesen,
auf unbeschriebnem Blatt verscholln.

Soll ein Poem man farbig stylen,
als ob es ein Gemälde wär?
Ich fürchte fast, die schönen Zeilen
marschierten ziemlich trist daher!

Bodenhaftung

BodenhaftungAls gestern ich ein bisschen trimmte
mein Fahrwerk, wie ich’s manchmal tu,
kam plötzlich es mir vor, als stimmte
da irgendwas nicht mit dem Schuh.

Denn wie ich zügig weiterstrebte,
vertrauend auf den Trimmeffekt,
empfand ich deutlich, dass da klebte
mir unterm Fuße was direkt.

Na und, so dacht’ ich, wenn’s so wäre:
Beim nächsten Regen weggeschwemmt –
und spürte wachsend doch die Schwere,
die langsam meinen Gang gehemmt.

Ich hab das Rätsel mitgetragen
nach Haus geduldig wie ein Depp,
indes nicht ohne mich zu fragen,
was ich da Schönes mit mir schlepp.

Dann aber „auf ihn mit Gejohle“:
Den Schuh aus und ihn umgewandt –
ein Riss lief durch die ganze Sohle,
die keinen rechten Halt mehr fand!

Die hatte also sich beim Gehen
gelöst von ihrem Oberteil
und schlug und schlappte untern Zehen
so ähnlich bremsend wie ein Keil.

Warn sie denn schon so alt, die Botten,
verbraucht des Leders Lebenslust?
Ich glaube nicht, dass sie verrotten
nur deshalb hätten schon gemusst.

Noch heute ich von denen träume,
die Schuster früher mal gemacht
und die den guten Gottfried Seume
bis ganz nach Syrakus gebracht.

Ein Jahr war er im selben Leder
tagaus, tagein zu Fuß auf Trab
und, wie er schrieb mit stolzer Feder,
lief doch sich nicht die Hacken ab.

Beine vertreten

Beine vertretenVom Wetter wär was zu berichten,
weil’s einfach aus dem Rahmen fällt:
Kein Hoch ist weit und breit zu sichten,
kein Himmel, der die Sonne hält.

Und das in diesen Julitagen,
von denen Bessres man gewöhnt,
ja, sogar unter Helios’ Wagen
vor Hitze manches Mal gestöhnt.

Im Wechsel Sonne, Wolken, Regen,
im Wechsel Feuchtigkeit und Wind.
Es scheint, es geht dem Herbst entgegen
und dass der Sommer schon verrinnt.

Der Strich blieb heut bei achtzehn stehen,
mehr Petrus nicht erlauben wollt.
Und mehr ist auch nicht abzusehen –
Gott weiß, warum der Alte grollt.

Der Wind blies fix uns um die Ohren,
als wir ‘nen kleinen Trip gewagt
und dann auch glücklich ungeschoren
zehn Meter durch den Wald gejagt.

O nein, nicht dass ein jäher Schauer,
ein Wolkenbruch zur Rast uns zwang!
Es war nur eine Kioskmauer,
die hemmte unsern Wanderdrang.

Die warb da mit gebratnen Tauben
fürn Eintritt ins Schlaraffenland –
ein Würstchen musste daran glauben,
das auch sich auf der Karte fand.

Da saßen wir im Buchenschatten
mit andern dichtgedrängt und warm.
Zwei, drei, die Hunde bei sich hatten,
zwei, drei mit Kindern auf dem Arm.

Kultige Kost

Kultige KostDie Rampe, die zum Parkplatz führte,
sah pausenlos die Kunden nahn –
ein Wagen nach dem andern schnürte
empor auf dieser schmalen Bahn.

Das wär wohl kein Problem gewesen
bei Autos üblicher Statur,
doch warn sie alle auserlesen,
die man da in die Höhe fuhr.

Ein Schauzug edelster Modelle,
der seinen Laufsteg dort betrat,
und jedes, bis zur Kurbelwelle,
ein echtes Dickschiff von Format.

Auf grader Bahn wär’s noch gegangen,
doch in der Kurve wär’s passiert –
drum hat ein Spiegel da gehangen,
der die Boliden reflektiert.

Nun wollt ihr aber sicher wissen,
wohin es die denn alle trieb.
Nun denn, zu jenen Leckerbissen,
die wohl kein Doktor je verschrieb.

Zu Feinkost nämlich bester Sorte,
die auf der Zunge schon zergeht
und wie ein Bild „Nature morte“
noch farbenfrisch im Tresen steht.

Und wer auf Luxus halt versessen
in seiner ganzen Lebensart,
braucht eben auch Delikatessen,
die er sich nicht vom Munde spart.

So ‘n Staat, den können wir nicht machen
mit unserm schlichten Untersatz –
doch eine Handvoll leckrer Sachen
findet auch da noch immer Platz.